Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 720 Orstrrrrrhisrhr Wochensrhrifi. Nr. 40 Ritter Stampiglius hat in der Schlußsitzung des Landtages die jüdischen Aerzte und die jüdischen Frauen beschimpfen wollen. Was die Juden stets als ihr höchstes und heiligstes Gut betrachtet, gehegt und gepflegt haben: die aufopfernde Nächstenliebe und die Würde bes Weibes, das sollte in den Koth gezerrt, verdächtigt und verhöhnt werden. Wir werden uns nicht so weit erniedrigen, die jüdischen Aerzte und die jüdischen Frauen gegen einen Ernst Schneider in Schutz zu nehmen. Die eigenen Freunde und Gesinnungsgenossen haben ihm die trefflichsten Titulaturen verliehen, Vetter nannte ihn einen „Schuften", Buschenhagen einen „Schurken", Kell einen „elenden Feigling" und aus den Protokollen des Gerichtssaales konnte er diese Titulaturen wiederholt herauslesen, ohne daß der Biedermann sich je für beleidigt erachtete. Im offenen Parlamente ist ihm der Ruf zugeschleudert worden, daß er ins Zuchthaus gehöre. Aber nicht einmal ein Zuchthaussträfling würde mit so ausgesuchter, raffinirter Niedertracht gerade die heiligsten Punkte des jüdischen Geistes- und Gefühlslebens herausgreifen und mit seinem Geifer besudeln — denn auch im verkommensten Zuchthäusler lebt uoch ein Schauer der Ehrfurcht vor dem gnadenreichen Walten des Arztes und vor dem läuternden Einfluffe edler Weiblichkeit. Solche Dinge zu lästern, lernt man nicht im Zuchthaus — dazu muß man jeine andere Schule besucht haben. Das Urtheil über die jüdischen Aerzte und über die jüdischen Frauen können wir ruhig der Geschichte überlaffen, die es mit eherner Zunge verkündet, welch' unermeßliche Verdienste sich die Juden als Träger der medicinischen Wissenschaft errungen haben und was die jüdische Frau für die sittliche Erhebung nicht blos des jüdischen Volkes, sondern der gesammten christlichen Welt bedeutet. Wenn Ernst Schneider das jüdische Weib schmäht, so begeht er zugleich eine Lästerung gegen den Gott der Christen, Die Gemeinheit, die da besprochen wurde, ist zu ungeheuerlich, zu wahnwitzig, als daß wir eine Abwehr versuchen sollten. Man kann nur mitleidig lächeln über die verirrte Menge, welche zu solchen Schurkereien noch Beifall klatscht, und man kann es nnr neuerdings bedauern, daß der Herr Landmarschall selbst solcher Entmenschlichung gegenüber noch immer nicht den Ton wahrhafter Entrüstung gefunden hat. Wenn wir Juden auch zu stolz sind, um auf solchen Unglimpf zu antworten, der Herr Landmarschall von Niederösterreich, der C a v a l i e r Graf Kinsky hätte diesmal das richtige Wort finden müssen, wie.es der Abgeordnete Sueß gefunden hat. Und noch ein anderes Moment ist uns bei dem letzten Landtagstumulte aufgefallen. Zwischen der Donauregulirung und der Judenfrage vermag kein vernünftiger Mensch einen Zusammenhang zu entdecken. Die Antisemiten aber fragen nach der Vernunft so wenig, wie nach dem Recht, sie haben die Donauregulirungs-Commission zu einem Organ der „jüdischen Jnternattonalen" gestempelt. Bei der Donauregulirung kommen große Handelsinteressen in Frage, und der einzige Jude, welcher heute im Landtage sitzt, der Abgeordnete Na sch au er ist von der Handelskammer gewählt. Trotz seines zweifachen Berufes als Jude und als Vertreter der Handelswelt hat es jedoch Herr Naschauer nicht der Mühe werth gefunden, gegen die anttsemitischen Verdächtigungen aufzutteten und Herrn Gregorig gebührend heimzuleuchten. Hier offenbart sich wieder jener blutleere, lendenlahme Opportunismus, den gewisse Kreise gegen die antisemitische Hetze seit Jahren beobachten und welchem in entscheidenden Augenblicken seine gerühmte Heilkraft versagt. Nicht die Juden allein, auch die Wiener Handelswelt ist heute berechtigt zu fragen, wo Herr Naschauer weilte, als Herr Gregorig seine Giftpfeile gegen das „jüdische Capital" und gegen das große Werk der Donauregulirung abschnellte? Herr Naschauer mag der Ansicht sein, daß sein Schweigen in diesem Falle höchst philosophisch war, wir sind anderer Ansicht und wir glauben, daß die Mehrzahl. ,unserer Glaubensgenoffen sich dieser unserer Ansicht anschließen werden. Und es bedurfte diesmal keiner Rednergabe, um Meister Stampiglius die verdiente Antwort im n.-ö. Landtage zu appliziren, denn er hat keine andere Antwort verdient, als die, welche der Minister Constans im französischen Parlamente seinem ^Schneider", Herrn Laur, ertheilt hat und diese hätte er erhalten sollen und muffen. An drr Grenze. In dem großen Schmuggel- und Corruptionsprocesse der Bukowina wurden die einunddreißig Schuldfragen vorgelesen und wenn sonst die Gleichberechtigung der Juden nur schwer durchzudringen vermag, hier saßen die Juden gleichbeschuldigt neben den niedern und hohen Beamten des Staates. Der Staatsanwalt hielt seine Rede und er sprach von der Reinigung der moralischen Atmosphäre der Bukowina. Die Corruption ist besiegt und es gibt jetzt auch ehrliche Kaufleute in der Bukowina, welche den Schmuggel verachten. Es ist gewiß, daß mit dem Fortschritte der Civilisation auch die sittlichen Anschauungen sich läutern. Viele mochten während des Processes mit stolzem Selbstgefühle auf die Bukowina niederschauen und vor sich hinsprechen: „Wir sind doch bessere Menschen." Zu derselben Stunde aber hielt der Abgeordnete Schneider seine berüchtigte Rede im niederösterreichischen Landtage. Ein Abgeordneter kann wegen der Worte, die er in einer parlamentarischen Körperschaft spricht und würden diese Worte auch zehn strafwürdige Verbrechen in sich schließen, niemals zur Rechenschaft gezogen werden. Das Verbrechen bleibt aber trotz dessen ein Verbrechen und die moralische Schuldbelaftung wird durch keine Immunität aufgehoben. Die parlamentarische Körperschaft aber, die es bei der Abwehr des Verbrechens an der nothwendigen Energie fehlen läßt, zeigt sich wenig empfindlich gegenüber ihrer Würde und ihren Verpflichtungen. Die jüdischen Aerzte wollen die Christen umbringen und schleppen sie aus diesem Grunde in die Choleraspitäler. Das ist die Allianz des Antisemitismus mit der Cholera und wenn die Cholera unsere Stadt heimsuchen würde, so soll sie nach der Berechnung Schneiders von Judenemeuten begleitet sein. Man erniedrigt Wien, um es zur Stätte des wüstesten Aberglaubens zu machen. Und doch fand der Landtag nicht jene Entschlossenheit, die einem gesunden moralischen Empfinden entsprochen hätte. Haben wir wirklich noch das Recht nach solchen Vorfällen über die Bukowina ein strenges Urtheil zu sprechen? Wie steht es denn mit unserer Moral und unserer Civilisation, wenn ungescheut Recht und Wahrheit in einer parlamentarischen Versammlung zum Ziele eines Attentats gemacht werden dürfen, wie Schneider es vollbracht hat? Was soll man von der Aufklärung unserer Bevölkerung halten, wenn das Märchen von der Brunnenvergiftung ausgetischt werden darf? So haben denn auch wir unsere schweren moralischen Gebrechen und mit Stolz kann die Bukowina sagen: Wir haben keinen Schneider. In dem Processe spielt auch der Wunderrabbi Friedmann von Sadagora eine Rolle. Mit Rücksicht auf die Geschenke, die ihm zugebracht werden, wird ihm eine hohe Steuer auferlegt. Durch Zahlung einer Geldsumme wird er von der Steuer befreit. Ueber Glauben und Aberglauben wollen wir nicht viel reden. Die Einen glauben an Pfarrer Kneipp und seine Wundercuren und wie bei den alten Juden wird in Wörishofen dem Wasser eine unbedingte Heilkraft zugeschrieben; Die Juden des Ostens glauben an ihre Wundenabbi's. In Indien werden die Wallfahrten besteuert und nach diesem Beispiele würden wir es begreifen, wenn Diejenigen, die zum Rabbi von Sadagora pilgem, eine Steuer zahlen müßten. Nachdem jedoch bei uns die Wallfahrten steuerfrei sind und auch die Geschenke und milden Gaben, die man an heiligen Stätten niederlegt, sehen wir nicht ein, warum gerade der Rabbiner von Sadagora für die Verehrung, deren er sich erfreut, eine Steuer zahlen soll. Man thut so entrüstet, daß ein Wuuderrabbi in Steuersachen sich nicht opferwilliger zeigt. Wie steht es denn mit den Steuerbekenntnissen der Antisemiten? Sind sie etwa instrengerGewissenhafttgkeit bestrebt, dem Staate zu geben, was des Staates ist? Hat niemals ein Bischof; niemals der Abt oder Prälat eines reichen Klosters eine Steuerbefreiung oder Steuermilderung herbeizusühren gesucht? Die einschlägige Stelle im ersten Theile des „Faust" ist bekannt genug; im zweiten Theile des „Faust" sagt der Kaiser, nachdem ex eine reiche Stiftung gemacht hat: „So könnt' ich wohl zunächst das ganze Reich