Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 -rstrrreichischr Wochenschrift Seite 719 heit, für unsere Feinde, für die Feinde unserer Religion. Mit den Worten der Liebe antworten wir auf die Beschimpfungen des Hasses. Das Judenthum lebt nicht nur durch seine Geschichte, sondern auch durch die großen Aufgaben, die ihm in der Gegenwart zufallen. Das Judenthum steht im Dienste der Menschheit. Heute fühlen wir uns versöhnt mit manchem schweren, sonst unleidlichen Geschick; — denn heute.ist der Versöhnungstag. Der Freund des Fürsten. Leider noch keine Criminal-Novelle. I. Es zählt wahrlich nicht zu den Annehmlichkeiten des irdischen Daseins, sich mit dem Abhube aller Niedertracht der bodenlosen Gemeinheit in Person und der moral iEinn im hoffnungslosesten Stadium befassen zu müssen, die jedem Gutgesinnten, ob Jud oder Christ die flammende Röthe der sittlichen Empörung in die Wangen jagen muß. Statt zur Feder, griffen wir lieber zum kräftigen Besen, um von der Bildfläche des öffentlichen Lebens all die Schmach hinwegzufegen, mit welcher es in schändlichster Weise, tagaus, tagein — siehe die Sitzungs- Berichte des Landtages — systematisch besudelt wird. Wir wollen versuchen, soweit dies mit unserem persönlichen, moralischen Reinlichkeitsgefühle vereinbar erscheint, die Tiefe der Pfütze, aus der Giftblasen, wie die erwähnten, aufsteigen mit dem Senkblei unserer Entrüstung zu ergründen, aber wir fürchten, es langt nicht. Dieser Pfuhl der Gemeinheit wird alltäglich mit stets erneuter Wollust aufgewühlt und verspritzt seinen Unflath in weitem Bogen ringsumher — allen Reinen ein Schrecken, die sich in seine Nähe wagen. Leider ist die Entrüstung, deren ein normaler, gesitteter Mittel-Europäer von heute fähig ist, viel zu schwach, um im vorliegenden Falle damit sein Auskommen zu finden. Den unaussprechlichen Abscheu vor derart schamlosem Treiben in Worte fassen zu wollen — vergeblich Mühen. Die massivsten Kernausdrücke unserer Sprache sind zu kraftlos, zu gesittet, zu abgetönt — es gäbe für Andere als wir nur eine Antwort — die Faust in's Ang esich t!! — aber die zu geben, müssen wir uns in Folge der Rücksichten, die wir unserer Erziehung schuldig sind, natürlich verjagen. — Wir sind' lange nicht geschult genug, schamlose Attacken von solch abgrundtiefer Verworfenheit zu pariren — wir fühlen uns machtlos gegenüber dem Ansturm dieser maßlosen, ungeheuerlichen Entmenschtheit, dieser Rohheit und Gefühllosigkeit, dieser fabelhaften, unglaublichen Bornirtheit, welche mit der unerhörtesten Frechheit gepaart auftritt. Der jüdische Arzt, der sich, seine Person, seine Zeit, sein Wissen, im Falle des Ausbruches der Cholera den Mitbürgern selbstlos und aufopfernd zur Verfügung stellt, ist ein Heros, und hat auf unsere Bewunderung gerechten Anspruch. Ihm gebührt ein Ruhmeskranz und mit scheuer Verehrung sollten Alle zu ihm aufblicken. Ihn aber für seine Seelengröße mit Koth zu bewerfen, die Reinheit seiner Gesinnungen auf das Niveau der eigenen Niedertracht herabzuzerren — das ist nur eines Mannes würdig — des Freundes Sr. Durchlaucht des Herrn Fürsten Alois Lichtenstein, des priviligirten Gerichtslügners, Zeugniß- und Stimmzettelfälschers Stampiglius! Dr. Geßmann läßt sich von einem jüdischen Arzte behandeln. Der Fanatiker Türk lobte und segnete seinen jüdischen Arzt in öffentlicher Sitzung des Parlamentes. Der russische Befehlshaber mußte dem Mischen Choleraarzte, der begeistert in die Lücke sprang, welche die feigen, fahnenflüchtigen der Orthodoxie angehörigen Doctoren gelaffen hatten und der seinen Opfermuth mit dem hoffnungsvollsten Leben bezahlte, das ehrende Zeugniß ausstellen: „Er habe gehandelt, wie ein Christ". Wir verstehen wohl die gute Meinung, in der dies gesprochen wurde, zu würdigen, corrigiren den Ausspruch aber in unserem Sinne und sagen: Dieser Arzt hat gehandelt, wie ein Jude. Er hat nicht mehr und nicht minder gethan, als was jeder — wir wiederholen es — jeder jüdische Arzt an seiner Stelle gethan haben würde. Aufopferung, Selbstlosigkeit und Tüchtigkeit, das sind die aller Welt bekannten Eigenschaften des Juden-Doctors. Fragt nach in den Hütten der Armen! Sie werden Euch schon erzählen die alte Geschichte vom jüdischen Arzte. Die Namen werden wechseln, aber die Geschichte bleibt die gleiche! Wer nun edle Menschen in der Ausübung ihres erhabenen Berufes durch unerhörte, durch nichts erwiesene Beschimpfungen zu beflecken versucht — wer sie des „Mordes zu zeihen sich erfrecht, ohne die Spur eines Beweises, der ist entweder ein elender Schurke oder ein grotesker Narr. Vielleicht gar eine monströse Mischung von Beiden. Die Worte der Abwehr, welche wir im Landtage vom Präsidentenstuhle herab gehört haben, waren sehr sachte, gelinde väterliche Ermahnungen und standen keineswegs auf der Höhe oder vielmehr auf der Niedrigkeit der Situation. Wenn der Herr Landmarschall mcht selbst wird in den Verdacht kommen wollen, die Ansichten des Trifoliums Lueger - Gregorig - Schneider zu billigen, wird er straffer die Zügel anziehen müssen. Was die drei in den letzten Tagen geleistet, übersteigt weitaus die Grenzen des Zulässigen, des Erlaubten. Es gehört einerseits in das Tollhaus und andererseits in das Criminal — keineswegs aber in den Landtag von Niederösterreich. Die Verhandlungen dieser Körperschaft müssen wieder gesittete, parlamentarische werden und dafür Sorge zu tragen, ist das Amt und die Pflicht des Präsidenten. Zugegeben, daß die Aufgabe eine schwere ist. Aber der Vorsitzende muß ihr in allen Fällen — ob so oder anders — gerecht zu werden verstehen; er muß die Würde der von ihm geleiteten Verhandlungen unter jeden Umständen zu wahren wissen. Fühlt er sich hiezu zu schwach oder will er gar nicht — was wir zur Ehre des Herrn Landmarschalls — nie annehmen werden — so ist es seine Pflicht, das Ehrenamt stärkerer, festerer Hand zu überlassen. Das Wort „Ehrenamt" sagt alles: es ist eine Ehre, aber auch ein A m t. Und ein Amt muß besorgt, die damit verknüpften Pflichten müssen erfüllt werden. Die öffentliche Meinung in Oesterreich ist in gerechte Empörung gerathen über solcherlei Vorgänge im Landtage. Das Ausland wird mit seiner discreditirenden vernichtenden Krckik über Schneider und Compagnie nicht lange hinter dem Berge halten und wir, die durch zu Recht bestehende Staatsgrundgesetze geschützte Judenschaft, rufen den leitenden Persönlichkeiten entschieden zu: Bis hierher und nicht weiter! Wie niederträchtig muß doch eine Behauptung sein, wenn ein Bergani sich schämt, sie zu bringen! Das „Deutsche Bolksblatt", diese feile, verworfene Dirne unter den Journalen errötete und — unterschlug in verschämter Unverschämtheit. Was Schneider über jüdische Prostituirte log, ist zu plump-dumm, und zu gemein-albern, als daß es ernstliche Entgegnung erforderte. Wir anerkennen gerne die persönlichen Erfahrungen des Herrn Stampiglius aus diesem unsauberen Gebiete — alle Verachtung vor seinen diesbezüglichen Kenntnissen. Aber er gerade sollte von der Prostitution mit mehr Ehrerbietung reden. Prostituirt er sich denn nicht selbst, so oft er den Mund aufthut oder die Feder zur Hand nimmt? Prostituirt und schändet er denn nicht in schmachvollster Weise die ihm von der Wählerschaft anvertrauten Mandate? Gäbe es moralische Gesundheitsbücheln, dem Herrn Prostituirten Schneider müßte die Ausübung seines Gewerbes definitiv entzogen werden. Wir bedauern lebhaft, daß wir noch keine derartigen Präventiv-Maßregeln besitzen, da wir im vorliegenden Falle, die Gefahr der Ansteckung für eine ganz eminente halten. Bon anderer Seite wird uns geschrieben: Aus den Scandalscenen im niederösterreichischen Landtage zeigt sich leider immer mehr, daß die Kraft des Widerstandes gegen die professionellen Wühler und Scandalmacher in demselben Maße schwindet, in welchem die Verwegenheit und Schamlosigkeit der antisemitischen Schwefelbande zunimmt. An der Spitze des Landtages steht ein Eavalier im besten Sinne des Wortes, ein Mann auf dessen Namen und auf dessen Character kein Flecken haftet und der seiner ganzen Veranlagung nach dazu berufen scheint, im Sturme der Leidenschaften ausgleichend und beruhigend zu wirken. Eine solche Persönlichkeit aber ist nicht geeignet, gegen die brutale Gemeinheit anzukämpfen, welche heute in der niederösterrcichischen Landstube das Wort führt. Jene wohlwollende Gemüthlichkeit, welche die characteristische Eigenschaft des Landmarschalls' Graf Kinsky ist, erscheint hier eher als eine Gefahr, denn als ein Vorzug. Diese Gemüthlichkeit wird leicht als Hilflosigkeit und Schwäche gebeutet, wenn nicht gar noch als etwas Schlimmeres