Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 718 Oesterrrichifrhe Wochenschrift Nr. 40 Herz sich gewählt hat. Da lebt das Frauenideal mehr als in den Gestalten der Brunhilde und Krimhilde; sie waren aber keine Germanen. Ra h el; die Schönheit des Weibes wird zur Unsterblichkeiterhoben, das Räthsel des Daseins, der Wechsel von Schmerz und Freude, wird symbolisirt im Leben und Leid der Frau 'und einer Göttin gleich erscheint die Huldgestalt den späten Söhnen, wenn jeder Trost, jede Hoffnung sie verlassen will. Rahel erscheint vor dem Throne Gottes und die ewige Gerechtigkeit hört ihre Stimme, wenn jede andere Fürbitte wirkungslos verhallt. Und da sollen wir das Frauenideal erst anderswo suchen? Beim Auszuge aus Egypten erscheint Miriam, lateinisirt^Naria, als Schutzgeist des Volkes, und die Juden haben die erste Sage von einem Marienbrunnen. Und so geht es fort in langer Reihe; wir sehen heroische Frauen des höchsten Muthes in der Vertheidigung des Stammes und des Vaterlandes. Wir hören das Lied der Deborah, das Lob der tugendhaften Frau wird in unerreichter Weise-verkündet in den Sprüchen Salomos, das lieblichste Frauenidyll finden wir im Buche Ruth und das Liebeslied Salomo's darf mit Recht das Lied der Lieder genannt werden. „Es ist das Zarteste und Unnachahmlichste, was uns vom Ausdrucke amnuthiger, leidenschaftlicher Liebe zugekommen. Durch und durch wehet eine milde Luft des lieblichsten Bezirkes von Kanaan, ländlich trauliche Verhältnisse, Wein- Garten- und Gewürzbau etwas von städtischer Beschränkung, sodann aber ein königlicher Hof mit seinen Herrlichkeiten im Hintergründe. Das Hauptthema jedoch bleibt glühende Neigung jugendlicher Herzen, die sich suchen, finden, abstoßen, anziehen, unter mancherlei höchst--einfachen Umständen." (Goethe.) Aus dieser heiteren Traumwelt des Orients und der Jugend führen uns Bibel und Geschichte bald genug hinüber in düstere Jahrhunderte, in kampfesschwere, prüfungsreiche Zeiten. Und von Neuem bewährt sich der Frauenidealismus und in finsterem Ghetto lebt echte Frauenschönheit, leben ideale Frauengestalten. Schon in den Makkabäerzeiten erscheint die Frau im Kampfe gegen hellenische Verführung uud gegen hellenischen Zwang. Sie bezwingt den unsäglichen Schmerz des Mutterherzens, damit die Söhne dem einzigen Gotte die Treue bewahren. Die Frau erscheint bald als Rächerin (Judith), bald als Retterin ihres Volkes (Esther). Das waren die Vorbilder; aber sie sind übertroffen, in hohem Maße übertroffen durch die Frauentugend unter den Juden des Mittelalters. Die Frau erscheint da geschmückt mit der, höchsten Gaben in der edelsten menschlichen Mission. Die Frau bewahrt den Sinn für das Schöne und Gute unter barbarischem Drucke und mitten unter barbarischer Verwirrung. Der Frau haben wir es zu danken, daß der Leidensmuth und in düstern Tagen die Hoffnungsfreudigkeit, daß die Empfänglichkeit für das Geistige und Jbeale uns picht verloren ging. Wer als Knabe auf niederen Schemel zu den Füßen der Mutter gesessen, wer aus ihrem Munde die biblischen Geschichten hörte, der wird begreifen, daß dem Judcnthum für die Geschichte der Jahrtausende kein besserer Spruch mit auf den Weg gegeben werden konnte als: „Vergiß ^nicht die Lehre der Mutter." Ja wir wiffen es, wir begegnen auch anderen entgegengesetzten Erscheinungen. Der Prophet, wohlerfahren in den zahllosen Modebedürfnissen seiner Zeit, tadelt die Pmnksucht der Töchter Zions und er spricht auch von den Affyrern mit den ftiegenden Gewändern, zu denen sie sich hingezogen fühlten. Der Becher der Lebenslust schäumte hoch auf in den Hauptstädten der semitischen großen Reiche und die geistig wohlbegabten, zum Lebensgenuß berufenen Frauen Judas mochten des Propheten spotten, der imürer nur vom Zorne Gottes, vom Untergang und Zerstörung sprechen konnte Sollten etwa die Bilder, wie die zürnende Predigt des Propheten sie malt, gerade in unserer Zeit sich wiederholen? Sollte die Neigung zum Abfalle bei den jüd. Töchtern der Gegenwart ln greller Weise hervortreten, so daß sie statt Hüterin des Glaubens zu sein, ihren Vater und ihre Angehörigen verläßt, um das Glück in einem Namen oder Titel zu suchen? Trauert nicht um Diejenigen, die das Judenthum auf diese Weise verlassen, die den Anschluß an ein Glaubensbekenntniß damit beginnen, daß sie der Erfüllung der natürlichsten Pflichten sich entziehen. Der würdige Priester des Christenthums wird eine solche „Bekehrung" nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen wissen. Längst war die Weihe des Judenthums ans dem Hause gebannt, wo Solches sich vollziehen kann. Man sei milder im Urtheil; Frauenidealismus und Frauenideale werden dem Judenthum auch in unseren Tagen nicht entschwinden. Die Frau ist nun einmal ihrer Natur nach der verkörperte Positivismus. Zur Zeit als die ftanzösischen Revolutionsheere nach Deutschland kamen, da waren die Frauen am Rheine empfänglich genug für die fremden Sitten. Sie fühlten sich zu den Eroberern und Siegern hingezogen. Zwanzig Jahre später waren es die deutschen Frauen, welche das Beispiel des opfermuthigsten Patriotismus gaben. Es steht ja im Widerspruche mit unserer modernen Erziehung, den Menschen an Selbstbeherrschung und Selbstprüfung zu gewöhnen. Wozu diese unnützen Quälereien? Man folgt den Launen des Augenblicks, den Eingebungen der Stunde. Schließlich ist doch das subjective Empfinden der einzige Schätzmeister aller Güter, alles dessen, was das Leben uns bietet. Und wenn frivole und kokette Frauen'und Töchter dem Reize nicht widerstehen können, den Rang, Titel, gesellschaftliche Position, glänzende Uniform auszuüben vermögen, dann können wir uns nur selber anklagen und wir müssen die Sünde der verkehrten Erziehung dem Sündenbekenntnisse des Versöhnungstages anreihen. Bonnen, Gouvernanten, Professoren, Institute, Notenhefte, Bücher ohne Zahl; es ist keine Kleinigkeit, bis man die Schätze der modernen Cultur sich aneignet. Dem Vater kostet es viel Geld; dem Kinde Herz und Gemüth und alle echte Innerlichkeit. Allein, was will das bedeuten, wenn man nur die Romane in allen Sprachen lesen kann? Bei unseren Großmüttern war das anders; die verstanden nur den Ernst des Lebens, nur den Emst auch der Religion und daneben hatten sie die jüdisch-deutsche Litteratur. Wir wissen, es klingt sehr komisch, wenn wir diesem hebräisch unterspickten Schriftwesen einen wirklichen Werth beilegen wollen. Allein wir wagen die Behauptung, daß man aus diesen Büchern eine viel richtigere Vorstellung von dem Verhältnisse des Menschen zu Gott und der Welt zu empfangen vermochte, als beispielsweise aus den Romanen Emil Zola's. Diese Bücher standen auch den Quellen viel näher, als die meisten Producte unserer Jugendliteratur. Unsere Großmütter kannten das Judenthum und seine Geschichte; für die Frauen der Gegenwart ist das nicht interessant genug. Unsere Großmütter excellirten nicht auf dem Clavier; aber sie lehrten Kinder und Enkel das Nachtgebet beten und das ist eine Musik, die forttönt bis zur letzten Stunde. In die Erztrhung der Töchter müssen neue, selbstverständlich den modernen Verhältnissen angepaßte Elemente gebracht werden. Die Frau soll wissen, was das Judenthum ist und was es bedeutet. Sie soll unterscheiden lernen, bevor sie eine verhängnisvolle Wahl trifft. Allein nicht von der Erziehung allein erwarten wir eine Lösung des Problems. Größeres Vertrauen weckt in uns die geistige Kraft unserer Frauen; durch ihr eigenes Denken, durch ihr selbstständiges Studium werden sie zur Wahrheit Vordringen. Der Fortschritt der Zeit, die fortschreitende Entwicklung des menschlichen Geistes werden auch da einen wohlthätigen Einfluß äußern. Die Frau wird erkennen, daß die Bewahrung des innern Kerns höheren Werth besitzt, als glänzende Aeußcrlichkeiten. Die Preisgebung der Wurzeln des Jchs, wie sie durch den Glaubenswechsel bedingt ist, wird durch Vortheile und Genüsse nicht ausgewogen, mögen sie dem begehrlichen Auge der Eitelkeit auch noch so verlockend erscheinen. Die Frauen sind der verkörperte Positivismus und sie werden auch den Positivismus des Judenthums erfassen, der in der Rettung des höchsten Gutes, in der Rettung der sittlichen Idee gipfelt. Es leuchten die Flammen, erhabene Melodien ertönen, die Gebete steigen empor für alle Völker, für die gesammte Mensch-