Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020940--01758-3025814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wie«, 30. September 1892. Ur. 40 IX. Jahrgang Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. K. k. PofisparrsWensrnl Clesrtngverkrhr Nr. 810.976. Lrdswtion u. Administration: Wir» I. Avthrnthnrmstrastr 39. * Eigrnihümrr: Reichsraths-Abgrorduetrr Dr. Ktoch. -—- Erscheint jeden Freitag. Man avonnirt bei allen Postsnfialtrrr dr» In- und Auslandr». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigr«: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. Inhalt: Frauenidealisulus und Frauenideale. — Der Freund des Fürsten. -- An der Grenze. — Tentobold über die Antisemiten im Land' tage uni. ähnliche Dummheiten. — Eine Sonntags-Nummer. — Antisemitische Statistik. — Kossuth und der Rabbi. — Tempel- Einweihung in Graz. — Unsere neuen Eollegen in Böhmen. — Unsere neuen College» in Böhmen. (Berichtigung.) — Nachschrift der Redaction. — Eine Bemerkung zum uutkauk thokef. — Correspondenzen: Wien, Unterach, Berlin, Breslau, Rom, Calcutta, Canada. — Vermischtes: Wien, Brünn, Leipnik, Görz, Waidhofen a. d. Th., Holleschau, Kolomea, Lemberg, Beuthen, Nürnberg, Straßburg, Paris, London, Uork, Warschau, New-Aork. — Feuilleton: Die Wiedergefundene. — Die Lehrerin. — Literatur. — Wochenkalender. — Inserate. ©en geehrten Sönnern und Freunden, welche anlässlich des üahreswechsels freundlichst unserer gedacht haben, erwidern wir vom 2Kersen die frohen Srüsse und wünschen denselben HMD nöWl *1 Öl Die Redaction der . „©esterreichischen fWochenschrift“. DR- BLOCH, " Reidisraths-Abgeorlneter. Frauenidealismus u. Frauenideale. Der Versöhnungstag hat nur durch seine Erinnerungen an den Tempeldienst einen nationalen Hintergrund; aber selbst dieses Moment, selbst diese Bilder der Vergangenheit lassen den Character des Festes als einen rein menschlichen, als einen weltbürgerlichen erscheinen. Der „Hohe Priester in seiner Pracht", wie es im Pijut heißt, der Erste seines Volkes, der nächste seinem Gotte schreitet vor unserem geistigen Auge durch die offenen und gedeckten Hallen; wir sehen die Altäre und die lodernden Opferfeuer; er und nur er darf an diesem einzigen unvergleichlichen Tage das Allerheiligste betreten; der deutliche Name Gottes, den kein Anderer aussprechen darf, tönt von seinen Lippen und die Gemeinde kniet nieder, als wäre das Alles noch Wahrheit und nicht wiederbelebende Dichtung, als wären die Jahrtausende nicht entschwunden, als würden die dichten Schaaren des Volkes noch die heiligen mit Erz und Marmor geschmückten Räume füllen. Und es kamen nicht nur die Juden, sondern auch viele Heiden zogen nach Zion, um die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Der erhabene Cultus aber weist hin auf die weltgeschichtliche Mission des Judenthums. Man wird diese Mission erkennen, wenn man von der Bedeutung des Monotheismus irgendwie eine richtige Vorstellung hat. Indem die Juden ihrem Gotte die Treue bewahrten, haben sie der Menschheit den größten Dienst geleistet, haben sie der Welt Religion und Sittlichkeit gerettet. Und -wieder ist in der Gegenwart die Frage der Religion zu einer brennenden geworden, in höherem Grade als selbst in jenen Tagen, wo durch sie Mittel-, Macht- und Besitzfragen entschieden wurden, wo die Priester das Schicksal der Völker beherrschten und das bürgerliche Dasein sich nach ihren Vorschriften regeln mußte. Wieder ist die Frage der Religion zu einer brennenden geworden, denn eine Welt ohne Religion wäre auch eine Welt ohne Civilisation. Den Wassergeistern vergleichbar tauchen Gestalten empor aus dem fluchenden, wogenden Leben und den Berggeistern gleich erscheinen sie, wenn die Wissenschaft hämmernd und grabend unerforschte Geheimnisse aufschließt. Der Versöhnungstag aber mit der religiösen Weihe, die er ausstrahlt, mit dem religiösen Gedanken, den er kräftigt, hat aus diesem Grunde Werth für die gesummte menschliche Gesellschaft. Es leuchten die Flammen; die alten Melodien wecken die tiefsten und reinsten Empfindungen. Die Gemeinde ist vereinigt zum Dienste Gottes. Wenn Streit in ihrer Mitte tobte, heute ist er erloschen. Denn gegenseitiges Verzeihen und Versöhnen ist die Bedingung des Versöhnungstages. Selbst der Religionseifer, sofern er entzweit und trennt, muß schweigen an diesem Tag; denn der Gemeinde wurde verkündet, daß es zu beten erlaubt ist mit den Sündern. Und wenn Unfriede im Hause tobte, in der Familie, heute haben sie Frieden geschlossen. So hat der Versöhnungstag auch Bedeutung für das Familienleben. Wer wollte aber da nicht der Frauen gedenken, der Beschützerinnen des Glaubens und der Sitte, wer nicht unserer Frauen, die alles Leid mitgetragen und siegreich bestanden, wer nicht der „Jüdin", deren Bild in unwandelbarer Reinheit und Schönheit durch die Jahrtausende erglänzt. „Vergiß nicht die Lehre der Mutter"; hat dieses Wort nicht stets Widerhall gefunden in unseren Herzen, hat es nicht, wenn wir zweifelnd am Scheidewege standen, uns auf die rechte Straße gewiesen. Die Frauenverehrung und Idealist ung der Frau ist germanisch, die Juden aber sind Semitensind Orientale. Das wird mit jener Sicherheit und Bestimmcheit hingeschrieben, welche alle Behauptungen kennzeichnet, die dem Volke als Essenz der Weisheit dienen sollen, mögen sie auch noch so oberflächlich und leichtfertig sein. Daß man daneben auch dem jüdischen Familienleben einige lobende Worte zollen muß und daß ein solches nicht denkbar wäre, ohne den segensreichen Einfluß der Frau, darauf wird weiter nicht Rücksicht genommen; man stößt sich nicht an diesem Widerspruche und sie glauben es, die Töchter der Juden glauben es, das Frauenideal lebt nur bei den Germanen. Das sagt man gegenüber unserem Volke, das in jeder Periode der Geschichte seine Frauenideale hat. In Sarah wird die Schönheit verherrlicht und der Hagar, obwohl sie nicht zum Stamme gehört, erscheint in höchster Noth der steckende Engel.! Sie ist Gottes, eben sowie das Weib, das sie verstoßen hat. Welche andere Religion hätte denn eine Legende, welche den gleichen Geist von Duldsamkeit athmen würde? In der Urgeschichte der Väter ist die Frau gleichberechtigt und der Mann dient nur der Liebe und durch harten Dienst erwirbt er sich Diejenige, die sein