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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-23 · 39 (23.9.1892) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
39 (23.9.1892)
Date
1892-09-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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ntawwtfl , IHM II IUI » Nr-. 39 Abends war er der erste in der Synagoge und stellte sich ganz unten, wo die durchreisenden Armen standen. Der Vorsteher hatte die Mär von dem Betrüger, der sich ihm gegenüber als Reb Daniel Prostnitz ausgeben wollte, schon verbreitet und Jeder, der in die Synagoge kam, sah höhnisch ans den „Betrüger." Endlich kam auch der Vorsteher mit seinem Gast. Es war Reb Herz Stampfen. Reb Daniel Proßnitz erkannte den Usurpator seines Namens aber schwankte keinen Augenblick, ihn nicht zu beschämen und lieber auf sich Schmach zu laden. Mit lauter Stimme sagte er zu den Nebenstehenden: „Ich habe nur einen Spaß gemacht, daß ich mich für Reb Daniel Proßnitz ausgeben wollte." „Das war ein schlechter Spaß, den Ihr Euch erlaubtet", sagte ein Armer neben ihm. „Ihr verdienet aus der Gasse hinausgejagt zu werden." Reb Daniel Proßnitz hielt heldenmüthig Stand allen den verächtlichen Blicken, die ihm während des ganzen Gottesdienstes von allen Seiten zugeworfen wurden, und auch den lauten Vorwürfen und Spottäußerungen, die er beim Verlassen der Synagoge nach dem Gottesdienste von den vor ihm Vorübergehenden hören mußte. Beim Frühgottesdienste war er wieder in der Synagoge und verbarg sich in einen Winkel, um von dem Usurpatorseines Namens nicht bemerkt zu werden. Beim Mussaph-Gottesdieuste fand die Predigt statt. Reb Daniel Proßnitz lauschte anfangs, aber bald lief er mit allen Zeichen der Entrüstung aus der Synagoge, daß alle Umstehenden über ihn lachten. Während der Usurpator seines Namens den ganzen Tag gefeiert wurde, verbrachte er den Sabbath einsam in dlr Schlafstätte und gleich beim Ausgange des Tages machte er sich auf den Weg zur Wiederheimkehr nach Preßburg. Es war eine erste und letzte Schnorre. Nach einigen Wochen hörte er, daß Reb Herz Stampfen von seiner Wanderschaft zurückgekehrt fei. Er suchte eine Begegnung mit ihm und sagte zu ihm in seiner naiven Weise: „Wenn Ihr schon meinen Namen führt, dürft Ihr nicht Euren Stuß darschenen wie ich's von Euch in Sasin gehört Hab'." Reb Herz Stampfen reiste aber doch noch öfters unter dem Namen Reb Daniel Proßnitz und predigte seinen eigenen „Stuß," bis er endlich einmal in einer Gemeinde, in der ein ehemaliger Preßburger Bachur wohnte, entlarvt, der Betrug publik und er von nun an allgemein der falsche Reb Daniel Proßnitz genannt wurde. Die Lilie von Saron. Auf dem Hauptplatze in einer der fabriksreichen Landstädte Nieder-Oesterreichs steht ein einstöckiges Häuschen, mit nur drei Fenstern Gassenfront. In einem einfach möblirten Zimmer desselben sitzt an einem Tischchen am Fenster ein junges Weib emsig bei einer Handarbeit. Es ist zwölf Uhr Nachts, und sie mußte den Kopf tief niederbeugen zur Arbeit, denn die Petroleumflamme gibt nicht Licht genug für die feine, kunstvolle Stickerei, die morgen fertig sein muß, soll es nicht an Brot im Hause fehlen. Alle fünf Minuten stiehlt sie ihrer Arbeit zwei Blicke, einen kurzen nach denrBette, in dem ihre beiden Knaben schliefen, und einen langen durch die Vorhangspalte auf den öden Marktplatz hinaus — ihr Gatte war noch nicht heimgekehrt, wie jede, jede Nacht seit vielen Wochen. Und er weiß doch, daß sie in Schmerzen seiner harre, für seine Kinder arbeite und — für ihn. Immer wieder seufzt sie, wirft einen besorgten Blick nach dem schwindenden Petroleum und setzt dann um so hastiger ihre Arbeit fort. Die junge Frau ist schön, das blauschwarze Haar umrahmt ein feines blasses Gesicht. Der schmerzliche Zug um Mund und Kinn verschönt eher als entstellt. Ihre Gestalt in dem dunklen Kleide hebt sich von dem weißen Grunde der Fenstergardinen prächtig ab, so sieht eine Dame, keine Arbeiterin aus, die zarten weißen Finger sind für eine solche eintönige Arbeit nicht geschaffen, das große dunkle Auge nicht bestimmt, sorgenvoll und düster zu blicken. Ein Uhr krächzt die schwarze Stockuhr. Der Mann ist noch immer nicht da. Die Nadel zittert schon in den müden Fingern. Der kleinere Knabe im Bette muß etwas Schlimmes geträumt haben, denn er schreit plötzlich schmerzlich auf. Die Mutter springt aufs Bett zu, küsst ihn und unter dem Kuffe Sette 715 schläft er wieder ein. Sie aber — nach abermaligem vergeblichen Blick auf die Straße — preßt das Taschentuch auf den Mund und sinkt schluchzend auf den Stuhl beim Tischchen. So hatte sich die junge Frau ihr Leben nicht gedacht, so grausam bitter! Sie war das einzige Kind eines jüdischen Fabriksbesitzers des Städtchens. Ihr Vater starb, als sie kaum den Kinderschuhen entwachsen war. Die Mutter führte das Etablissement weiter. So zurückgezogen die Witwe auch lebte, stand fie doch im geschäftlichen Verkehr mit der Familie Löhner. Der Sohn derselben, der junge Hans, hatte in Wien studirt, um dann die Fabrik seines Vaters zu übernehmen. So oft er zu den Ferien nach Hause kam, entzückte er alles um ihn her dirrch sein burschikoses Wesen. Er war der Mittelpunkt der jeuneäse doree der kleinen Stadt, der Arrangeur jedes Vergnügens, der Ballkönig. Wohl war er schon vom Gifte des Antisemitismus angesteckt, aber das Städtchen war noch rein davon, und er traf im Elternhause öfters mit dem blassen Fräulein zusammen, das man wegen ihres weißen Teints und ihrer Zartheit die Lilie nannte, mit dem Zusatze die Lilie von Saron. weil sie eine Jüdin war, aber ohne sie damit beleidigen zu wollen. Und ttotz des Antisemitismus verliebte sich Hans in diese orientalische Btüthe, und sie neigte sich zu ihm, dem arischen Jüngling. Was kümmerte ihn, daß sein Vater ihn von einer Verbindung mit dem in anderen Anschauungen ausgewachsenen Mädchen abrieth, was kümmerte es das Mädchen, daß die Mutter sich sträubte, das einzige Kind dem Stamme zu entfremden. Eines Tages wurde Hans von Wien, vom Studiren und Genießen, nach Hause berufen. Er fand den Vater im Sterben. Einige Monate daraus führte er die inzwischen getaufte Lilie von Saron zum Traualtar. Er vereinigte beide Etablissements und — brachte beide nach drei Jahren zum Zusammensturz. Durch Proteetionen gelang es ihm, eine Beamtenstelle in der Stadt zu erlangen, und das Paar lebte trotz dürftigen Einkommens noch glücklich. Da wurde aber das Städtchen durch antisemitische Agitatoren verseucht und Hans Löhner stürzte sich in die Bewegung. Die Stunden wurden seltener, wo er mit der Frau und den zwei Kindern zusammensaß, es kam ein Abend, wo die Frau mit der Mahlzeit vergebens wartete, und als er endlich kam, entschuldigte er sich wohl, war aber unwirsch und schlechter Laune, dann kam ein Abend, wo er später kam und sich nicht mehr entschuldigte, und dann — noch später — entschuldigte er sich auch nicht mehr, wenn es, wie heute, spät nach Mitternacht wurde. Er vertrank in den antisemitischen Versammlungen seinen Gehalt. Die unglückliche Frau hatte für das Alles keine Borwürfe, nur bitteres Schweigen, das nach innen weint. Seine Gesundheit war aber untergraben, das sagten ihr seine blaffen Wangen, seine heißen Hände, das trockene Hüsteln während des Schlafes — das wars, was ihr namenlose Qual bereitete. Seit einem Jahre wurden die antisemitischen Versammlungen bei einer schönen reichen Witwe abgehalten, die ein hübsches Haus am Hauptplatz hatte und allabendlich Gesellschaft gab, an der die jungen Leute des Ortes, die Ossiciere der Garnison, die Beamten und die von Zeit zu Zeit aus Wien kommenden Studenten theilnahmen. Auch Hans Löhner war ihr allabendlicher Gast und sie zog ihn immer mit dem Borwurf auf, daß er unmöglich ein echter Antisemit sein könne, da er doch eine Jüdin zur Frau habe, und Hans wetteiferte im Fluchen auf Weib und Kind. Er ist auch heute in dieser Gesellschaft. Es schlägt zwei Uhr. Die unglückliche Frau legt mit bangem Anfathmen die Hände in den Schooß und lauscht. Ihr ganzes Jugendleben war an ihr vorübergezogen, sie hatte über dem Denken das Weinen vergessen. Da, endlich, Tritte aus dem Pflaster, Aufschließen des Hausthores, Heraustraben über die Holztreppe... Unsanft wirft er die Thür auf uud zu, den Hut auf das Sopha, die Cigarre zum Ofen und spuckt mitten auf den reinlichen Teppich.. „Warum gehst Du denn nicht schlafen?" frug er mit lallender Zunge. „Ich muß die Arbeit ferttg machen, Du weißt ja. imr haben kein Geld und die Kinder-" „Verflucht —" murmelte er. Sein Haar klebte an der Stirne, seine fiebernde Hand vermochte den Knoten der Cravatte nicht zu lösen. Die Frau wollte ihm behilflich sein, sie war ja froh, daß er endlich ge- Vrstrrrrtchlfchr Wochenschrift.

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