Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 710 NeSrrrrichtlchr WochrnMrrM. Nr. 39 ruf: „Juden tauge» nicht zu Beamten" und wurde Einer doch in Folge glänzender Zeugnisse von der einsichtsvollen Direktion ausgenommen, so hatte der leitende Oberbeamte, Inspektor der Oeconomie nie unterlassen, ihm praktisch zu demonstriren, daß er keine Juden dulde. In Anhoffnung eines günstigen Geschickes bei jüdischen Großgrundbesitzern und unter Zugrundelegung von vorzüglichen Attesten, seinerBerwendbarkeit, seiner auch sonstigen akademischen Bildung, überreicht Mancher nun schon qualificirte junge Beamte seine Offerte, erhält aber wiederholt den freilich nur mündlichen Bescheid: „Der Herr Baron stelle keine jüdischen Beamten an." Behufs Jllustrirung der prekären Lage der Oekonomiebeamten jüdischer Confession möge ein Vorkommniß jüngsten Datums hier uotirt sein. Ein selbstverständlich reicher Mann polnisch jüdischer Provenienz, noch dazu orthodox-fromm, wird Besitzer einer Herrschaft, und übernimmt beim Kaufe den leitenden ökonomischen Beamten. In Bälde documentirt er seine Unzufriedenheit mit dessen Gebahrung dadurch, daß er seine Vertreter ersucht, ihm einen besser geeigneten Beamten zu empfehlen. Der betreffende Vertreter zeigt dem nunmehrigen Großgrundbesitzer an, daß er eine, als tüchtig in seinem Fache bekannten Verwalter jüdischer Confession kenne, und da dieser zufällig diesen neu erworbenen Besitz, landwirthschaftlich früher untersucht habe, so wäre dieser Mann für den Gutsherrn eine sehr gute Akquisition. Nun geht an den jungen Mann die Weisung, er möge sich vorstelleü. Der betreffende Verwalter antwortet sofort, er könne wegen der Ernte-Arbeiten an einem-Tage der Arbeit nicht abreisen, da aber in der folgenden Woche 2 Feiertage seien, so möge ihm telegraphisch bekannt gegeben werden, mit welchem Zuge er in der nächsten Bahnstation einzutreffen hätte, jedenfalls übersende er sein eorriouluw vitae, Zeugnisse ic. Nach mehrtägigem Zuwarten bekam er den Bescheid: „Der Besitzer hätte keine Verwendung für seinen Antrag " Abgesehen von dem Umstande, daß hier kein Antrag Vorgelegen war, sondern eine Aufforderung, wurde ein mindest minderwerthiger Beamte, aber Christ, angestellt, der früher bei dem jüdischen Verwalter in untergeordneter Stellung bedienstet war. Wie und in welcher Weise soll hier der Commentar lauten, wenn erwogen wird, daß em Jude aus Galizien, den sogenannten besseren Ständen angehörend, in solcher Weise gegen Juden vorgeht. Ueber erbetene Aufklärung wurde dem Vertreter bedeutet, daß der neu Angestellte persönlich mehr zugesagt habe. Dieser Fall steht nicht vereinzelt. Noch ein anderer jüdischer Großindustrieller und Besitzer von Gütern hatte ebenfalls abgelehnt einen jüdischen Beamten anzustellen trotz Charakter nnd Befähigung des ihm vorgeschlagenen Beamten. Es bedarf keiner langen Auseinandersetzung, daß der Horizont für stellenbedürftige Oeconomie-Beamten immer begrenzter wird, und daß sie bei einigermaßen schon vorgeschrittenem Alter einer trostlosen Zukunft entgegensetzen, und besonders wenn sie eine Scheu haben vor dem Berufe eines Getreide¬ oder Viehmäklers, das Ende eines subsistenzlosen Oeconomie- Beamten. Im Allgemeinen besteht wohl keine Hoffnung, daß durch die öffentliche Constatirung dieses trostarmen Geschickes jüdischer Beamten, die Lage sich beffern könnte, aber in wenigen Tagen tritt ein Zeitabschnitt im Denken und Fühlen des Juden ein, wo er in seinen innerstem Wesen leichter zugängig wird für die noch vielfache traurige Lage seiner jüdischen Mitbürger. So möge denn auch der jüdische Grundbesitzer gedenken derer, die kqine Almosen, sondern nur Gerechtigkeit und Billigkeit beanspruchen, die nicht mehr bittend erwarten, als bei Competenz um Anstellungen, bei gleicher Befähigung, bei gleicher Persönlichkett die Entscheidung über Aufnahme seines Gesuches zu seinen Ungunsten nicht ausfallen möge, weil er ein Jude ist und toeil>et twm Geschicke nicht so begünstigt ist, daß er durch eigenes Vermögen oder durch Nepotismus selbstständig sich machen kann, und daß der Einwurf nicht geltend gemacht werde, daß nicht lauter „Juden" angestellt tverden können. Der jüdische Beamte ist und bleibt ohnehin im offenkundigen Nachtheil, einerseits ist er von der Concurrenz beim christlichen Großgrundbesitzer ausgeschloffen, anderseits ist die Zahl der Stellen bei jüdischen Großgrundbesitzern begrenzt: und deshalb dieser Ruf, diese bittliche Mahnung um gerechte Abhilfe. Wie». (Der neueste Kronzeuge.) Die Leipziger „Grenzboten", die, von dem Juden Kuranda begründet, einst im Dienste der freisinnigen Ideen standen, haben sich in der letzten Zeit mit Haut und Haaren dem Antisemitismus verkauft. Die von Juden gegründete Zeitschrift wird von den Antisemiten für ihre elenden Zivecke ungescheut ausgebeutet. Um Sensation zu erregen, debutirte sie neuestens mit einem jüdischen Mitarbeiter, Namens Leopold Caro, der dem Judenhaß das Wort redet. Eine bekannte Eigenthümlichkeit der Antisemiten ist es, daß sie ihre Ausnahmsjuden haben, welche sie sogar in die Reihe ihrer Kämpfer aufnehmen. Diese „Juden" müssen aber auch darnach sein, wenn ihnen solche „Ehre" widerfahren soll. Sie hassen jeden anständigen Juden, ohne Unterschied des Standes, Berufes und Charakters, ja selbst ohne Unterschied der Confession. Der jüd. Professor, oder der gktaufte jüd. General ist ihnen gleichmäßig verhaßt und verdächtigt; sie glauben keinem, vertrauen keinem. Ein „Judenstämmling" ist für sie unglaubwürdig, zeugnißunfähig. Wenn aber einmal ein Jude eine interessante Vergangenheit hat wie Aron Brimann, wenn er durch gerichtliches Urtheil wenigstens wegen Fälschung und Betrug gebrandmarkt erscheint, dann steigert sich die Achtung der Antisemiten vor dieser Persönlichkeit, sie erkennen in ihr eine kongeniale Natur, würdig ihrer Bundesgenossenschaft. Einem solchen Ausnahmsjuden schenkt man die vollste Glaubwürdigkeit, seine Aussagen melden als unantastbare Zeugnisse jederzeit angerufen. Der „Ruhm" des Herrn Aron Brimann ließ Herrn Leop. Caro nicht schlafen und er hat cs erreicht, daß seine Verleumdungen und Schmähungen des Judenthums von der gesammten antisemit. Hetzpresse Deutschlands und Oesterreichs, natürlich auch von dem Biedermann Berga ni, reproducirt wurden. Hen- Leopold Caro ist dieser „Ehre" in der Thal würdig. Die Spatzen pfeifen es in Lemberg auf den Dächern, wie dieser saubere Herr, als er eine anständige, verheiratete Frau mit seinen tollen Liebesanträgen bis in eine Theaterloge verfolgte — über ihren Wunsch von den Bediensteten an die Luft gesetzt, und nachträglich von dem Gatten noch auf der Straße braun und blau geschlagen wurde. Die Prügelscene fand noch ihren Epilog bei Gericht; für den Spott brauchte der bestrafte Don Juan nicht zu sorgen. Statt die Affaire ritterlich auszutragen, machte er die Anzeige bei der Polizei und — zu gleicher Zeit forderte er den Beleidiger auf — Pistolen. Caro wurde von seinen eigenen Sekundanten schließlich für satisfactionsunfähig erklärt. Doch hatte die Scandalaffaire für den „Ritter von der traurigen Gestalt", dem indessen sein Glauben an seine Unwiderstehlichkeit abhanden gekommen sein mag, noch viel fatalere Folgen. Caro hatte sich eine nach dem Credit reiche und schöne Braut in Warschau erkoren; als letzterer die Heldenthaten ihres Verlobten zu Ohren kamen, schickte sie ihm den Absagebrief. — Diese schlimmen Erfahrungen, die in der öffentlichen Landespresse nicht verschwiegen wurden, weckten in ihm den Entschluß, - an seinen Glaubensgenossen sein Müthchen zu kühlen. Der Grenzboten-Aufsatz ist mit zwei Worten gekennzeichnet: Gemeiner Racheact. Hen- Leopold Caro ist aus dem Kreise jener Lemberger Agudas Akum hervorgegangen, welche die Leser der „Oesterr. Wochenschrift" seit Jahren kennen. Der Verein und sein Organ hat das bösartige Renegatenthum gezüchtigt, gehegt und gepflegt, Leopold Caro ist die reifste Frucht. Wien. .Die „Unverfälschten Deutschen Worte" vom 16. September zeigen wieder einmal auf's Neue das unerquickliche Schauspiel der letzten Zuckungen einer absterbenden, durch künstlichste Mittel noch ein Paar Minuten länger am Leben erhaltenen Partei. Die tödtliche Langweile, welche dieses geistloseste und albernste aller bedruckten Papiere ausströmt, umnebelt die Sinne des unglücklichen Lesers und der Hauch der Verwesung ist nicht zu verkennen. Es ist so eine Art „armer Leut-Geruch", wie ihn die Sanitäts-Commission in den verrufendsten Baracken schaudernd entdeckt. Arme im Geist schreiben das Blatt und