Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 706 Dryrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 39 Das Urtheil der Menge war übereinstimmend: „Der Jude wird aufgehängt" und mancher schadenfrohe Blick, wandte sich bereits gegen den außerhalb des Städtchens stehenden Galgen. Die Argumente, die der Jnculpat zu seiner Vertheidigung vorgebracht, waren indeß so schwerwiegeno, daß sich die Justiz, die vielen mildernden Umstände in Betracht ziehend, für die zweite Form des Aufhängens, für das Hängen an den Pranger entschied. Damit war jedoch nur eine Frage entschieden, jetzt erst hatte der weise Rath eine andere, nicht minder wichtige vor: Der Berurtheilte war ein Jude, und in jenen Zeiten, wo die Milch der frommen Denkungsart in Stadt und Land der einzige Labetrunk war, bestand die löbliche Sitte, Inden, die man zu Tode verurtheilte, zwischen zwei Hunden an den Galgen zu hängen; soll dem Vermaledeiten, durch dessen Ungeschicklichkeit ein Christmensch ums Leben gekommen, am Galgen Nr. 2 der Hund ganz erspart bleiben, oder nicht? Nach kurzer Berathung war die Schwierigkeit gelöst. Die Bauern, wurden als Leibeigene nicht beffer als die Hunde behandelt, darum sollte zur Abwechslung ein Hund wie jener unglückliche Bauer behandelt und dem Juden über den Kopf gehängt werden. Das Urtheil kam bald zur Ausführung. Isaak Moses wurde, mtt Stricken an Händen und Füßen gefesselt, an den Pranger gebunden, und ein Hund, dem man die Schlagader entzwei geschnitten, über seinen Kopf gehängt, so daß ihm das Blut über's Gesicht rinnen mußte. Nun stand er da, der Unglücksmensch, zum Spott und Hohn der zahlreichen Gaffer. Er zitterte vor Kälte und wand und krümmte sich, denn das herabrinnende Hundeblut verklebte chm Augen und Mund; in manch' befferem Gemüthe, regte sich Mitleid, doch niemand wagte es, ihm beizustehen. Es ward Abend, die Kälte nahm zu, die Menge verlief sich, und die Zeit der Schaustellung war zu Ende. Da dämmerte in der Seele des Gepeinigten ein Hoffnungsstrahl; der Gerichtsdiener hatte ja den Auftrag, ihn des Nachts losznbinden, doch ach, der Herzlose war vergeßlich und überließ den Delinquenten seinem Schicksale. In der Frühe war der Aderlaffer an der Gerichtssäule erfroren, der Hund aber war weg; ein Menschenfreund, der in vorgerückter Nachtstunde den Unglücklichen retten wollte, war zu spät gekommen und mußte sich damit begnügen, das über der Leiche hängende Zeichen der Schmach zu beseitigen. Das schreckliche Ende des jüdischen Baders brachte die Leute zur Besinnung. Man erzählte, daß er mitunter geschickt gewesen und so manchen wirklich geheilt, und daß er ein gnter Mensch gewesen, der die Armen unentgeltlich behandelte. Die Stimmung von gestern schlug in's Gegentheil um, so daß so mancher, der noch Tags zuvor beim Pranger gejohlt und gehöhnt, das Urtheil des hohen Rathes zu strenge fand und den pflichtvergeffenen Gerichtsdiener verdammte. Die Sttmme der Menschlichkeit, die sich an jenem Tage nicht zu regen wagte, klingt noch heute in der Sage vom Hundegeheul und Menschengeächze beim Prangerhansel zu Drosendorf. Römisch-jüdische Nllian;v ertrage. Wann ist der erste Jude nach Rom gekommen? Auf diese Frage läßt sich zwar keine bestimmte Antwort mit genauer Angabe von Monat und Tag geben, aber das Jahr ist beinahe sicher bekannt, jedenfalls sicherer als das Datum der Ankunft des ersten Juden mWien oder Madrid. Und die ersten Juden sind nicht etwa, wie sonst so oft als heimathslose Vertriebene, sondern als Gesandte nach Rom gekommen, als Repräsentanten eines, wenn auch nicht so großen, doch ebenso unabhängigen Staates, wie der römische und sind von der Regierung der Republik in enffprechender Weise behandelt worden. Den Kennern der jüdischen Geschichte — und es soll unter den gebildeten Juden und Jüdinnen auch solche geben, welche von der Geschichte des jüdischen Staates beinahe soviel wissen, wie von der Roms und Griechenlands — diesen Geschichtskennern wird wohl von dieser jüdischen Gesandtschaft in Rom einiges bekannt sein; aber auch für sie dürfte eine ausführliche Darstellung dieser jüdisch - römischen diplomatischen Verhandlungen und ihren nächsten Folgen von Jntereffe sein. Der große Dichter Italiens hat zwar gesagt: „Es gibt kein größeres Leiden, als sich der frohen Zeiten zu erinnern im Elend" ... aber mitunter kann es auch in traurigen Zeiten zum Tröste gereichen, sich an Tage der Größe und des Ruhms zu erinnern, und so könnten sich auch jetzt die Juden mit der Erinnerung trösten, daß ihre Vorfahren schon einen blühenden Staat, eine geordnete Regierung und eine glänzende Literatur besaßen, als die tartarischen oder finnischen Ahnen der orthodoxen Judenverfolger sich ungefähr auf dem Civilisationsstande der Ureinwohner Australiens befanden. Um die Zeit da nach der hergebrachten Annahme Romulus und Remus die Stadt Rom erbauten, existirte schon seit drei Jahrhunderten ein jüdischer Staat, und das Judenvolk besaß Dichter und Propheten, wie Jesaias, ein halbes Jahrtausend, bevor der Name eines römischen Schriftstellers genannt wurde. Die Römer schlugen sich mit ihren nächsten Nachbarn, den Kleinstaaten Italiens herum, die Juden hatten harte, oft unglückliche Kämpfe mit den Großstaaten Asiens — Assyrien, Babylonien, Persien — zu bestehen; aber die beiden Völker haben wohl nichts von einander gewußt. In späterer Zeit hat man wohl die Juden auf dem römischen Theater verspottet *) aber die ältesten uns erhaltenen lateinischen Lustspiele von Plautus und Terenz wissen nichts von Juden, und erst ein Jahrhundert nach der ersten jüdischen Gesandtschaft in Rom tritt mit Cicero der erste römische Judenfeind auf. Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß in den ersten Jahrhunderten nach der Erbauung Roms Juden dahin gekommen seien. Die Juden waren kein handeltreibendes Volk, wie die Phönicier, welche das Mittelmeer nach allen Richtungen durchschifften, und auch sonst konnte die junge Stadt des Romulus keine Anziehungskraft für sie haben. Selbst wenn sie Interesse für Kunst gehabt hätten, würden sie dafür eher in Egypten, Griechenland und Kleinasien Befriedigung gefunden haben, als in der Bauernstadt am Tiber, in deren ersten fünf Jahrhunderten man dort fast noch nichts von den schönen Künsten lvußte. War es doch erst Marcellus, der zuerst nach der Einnahme von Syrakus (542 Jahre nach. Roms Erbauung) werthvolle Werke griechischer Kunst nach Rom brachte und ein Jahrhundert später brachte Crassus zuerst Marmorsäulen an seinem Hause an.2) Eine bedeutende M litärmacht war aber Rom schon damals und der Ruhm der römischen Waffen war endlich auch nach dem Lande der Juden gedrungen. Man wußte auch in Jerusalem, wie die Römer Karthago gedemüthigt, ja beinahe zu einem Vasallenstaat erniedrigt hatten, wie sie die macedonische Monarchie vernichtet und Griechenland unterworfen hatten. — Besonders war es aber die furchtbare Niederlage, welche Antiochus der Große bei Magnesia erlitt, (190 v. Chr.) die den Juden großen Respect vor den Römern einflößen mußte. Der Beherrscher des großen Seleucidenreichs, der nächste und mächtigste Nachbar des jüdischen Staates, mußte alle Bedingungen der Römer annehmen, ihnen ganz Kleinasien, die beste Hälfte i seines Reichs, die edelsten Länder, wie es im Buche der Maccabäer heißt, abtreten und eine Contribution von 12OOOTalenten (bei 24 Millionen Gulden) zahlen^). Ein Vierteljahrhundert nach diesem Friedensschlüsse erhoben sich die Juden gegen die unerträgliche Tyrannei und religiöse Versolgungssucht des Antiochus Ephiphaues, eines Sohnes des von den Römern besiegten Antiochus, welcher ungefähr wie jetzt die russische Regierung die Juden zur griechischsyrischen Religion und Nationalität bekehren wollte. Und was konnten die Führer der Juden, die tapferen Maccabäer besseres thun, als sich an die Römer wenden, die alten Feinde ihres Feindes, die sich eben Aegyptens gegen den Syrerkönig angenommen und ihn, ohne ein Heer in's Feld zu schicken, zum Rückzug gezwungen hatten. Als Antiochus dem Gajus Popilius Laenas, der ihm im Namen der Römer befahl, Aegypten zu räumen, antwortete, er wolle die Sache überlegen, da zeichnete der römische Gesandte um ihn einen Kreis mit seinem Stabe und sagte: „Du darfft aus dem Kreise nicht heraustreten, bevor Du mir nicht Antwort gegeben" und der überraschte König erklärte sich bereit, die Befehle des römischen Senates zu befolgen. Einige Jahre nach dieser Intervention der Römer zu Gunsten Aegyptens schickte der Hasmonäer Judas, der an der Spitze der für ihre Religion und Freiheit kämpfenden Juden *) Vergl. Graetz Geschichte der Juden, 2. Aufl. IV 312. _ 2) Plutarch, Leben des Marcellus, Plinius Naturgeschichte XVII 1. 3) Livius XXXVIII 38. Nach Plutarch, in der Biographie des Paulus Emilius 15000 Talente.