Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 39 (23.9.1892)
- Date
- 1892-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38i Orslrrrri(chischr Wochrnfchrifk Seite 703 Uebersetzung in deutscher Schrift lesen. Der Versöhnungstag ist ein Tag der Sammlung und der Selbstläuterung, erfüllt von der höchsten religiösen Weihe und die Harmonie offenbarend zwischen Religion und Sittlichkeit. Auch das weiß man in antisemitischen Kreisen und dennoch wurde auf den antisemitischen Hexensabbathen der Beschluß gefaßt, das Kol Nidre-Attentat zu vollbringen. Das Komische des Attentats, dashebräisch-deutsche Volksblatt, Vergani, der Pauschalien-Schnorrer als jüdisch-deutscher Germane, kann die Entrüstung unserer christlichen Mitbürger nicht entwaffnen, die sich eines solchen Vorgehens schämen müssen. Denn dieses Attentat ist schändend für die Religion, die uns Allen gehört, schändend für die Empfindungen, welche die Menschheit verbinden und es ist ein frecher Faustschlag ins Gesicht Aller, die noch rechtschaffen und ehrlich zu fühlen vermögen. _ Beutel- und Ehrabschneider. Wir waren immer der Ansicht, daß nationaler Chauvinismus gerade vom antisemitischen Standpunkte aus den Juden am wenigsten vorgeworfen werden könne. Hält man uns doch immee den internationalen Character des Judenthums vor, sagt man uns doch hundert- und tausendfach, daß wir „national geschlechtslos sind" und nur ein einziges Idol kennen: Das goldene Kalb. Herr Vergani aber erweist nunmehr den Juden die Ehre, sie auf die Höhe der politischen Anschauungen der europäischen Wirthsvölker zu erheben und ihnen gleichfalls die Fähigkeit zu einseitiger nationaler Begeisterung zuzusprechen. In der letzten Sonntagsnummer des „Deutschen Volksblatt" verurtheilt Herr Vergani die Demonstrationen, welche in Ungarn zu Ehren Kossuth's veranstaltet wurden und erklärt daß die intellectuellen Urheber derselben die jüdischen-magyarischen Chauvinisten seien. Es gibt eine magyarische Nationalidee, und Kossuth war ihr eiftigster Vorkämpfer. Die Mit- und Nachwelt werden es staunend vernehmen, daß auf dem 48er ungarischen Reichstage nicht Magyaren, sondern Juden saßen, daß die ungarische Revolution von 1849 nicht von Magyaren sondern von Juden gemacht war, daß in den Reihen der ungarischen Honveds nicht Magyaren, sondern nurJnden fochten und daß vielleicht gar Kossuth BetsyLny, Görgey, MeszLros, Bem, Derubinski und wie die Helden des ungarischen Freihettskampfes alle hießen, nicht Magyaren und Polen, sondern verkappte Semiten waren. Man muß ferner mit aller Bestimmtheit annehmen, daß auch die Führer der heutigen Unabhängigskeitspartei> die Herren Jranyi, Helfy, U g r o n rc. diesem verhaßten Volksstamme angehören, obgleich es eben darum nicht recht einznsehen ist, warum sie sich nicht lieber zur Regierungspartei geschlagen haben und so von der allgemeinen Corruption profitiren, mit welcher nach wiederholten Behauptungen des „Deutschen Volksblatt" die Ministerien Tisza und Szapary ganz Ungarn durchtränkt haben. Kurz gesagt: Um den Patriotismus der ungarischen Juden zu verdächtigen, entblödet sich Herr Vergani nicht, die jüngste Kossuth-Feier auf ihr Kerbholz zu schreiben und von jüdisch-magyarischen Chauvinisten zu sprechen. Er läßt Ludwig Kossuth im Lichte antisemitischer Geschichtsforschung — welche es bekanntlich mit der Wahrheit am genauesten nimmt — vor den Augen seiner Leser erscheinen, er zeichnet ihn als ein Scheusal in Menschengestalt, das auf die Zertrümmerung Oesterreichs und auf den Untergang der habsburgischen Dynastie hinarbeitete und er läßt dem gegenüber den Patriotismus der nichtmagyarischen Völkerschaften, der Croaten, Rumänen und Slovaken, im hellsten Lichte erstrahlen. Und dann glüht der Musterpatriot Vergani im männlichen Zorne, in erhabener Entrüstung darob, daß dieser selbe Koffuth heute in Ungarn wieder gefeiert und damit ein freches Attentat auf Oesterreich und das österreichische Kaiserhaus unternommen wird, Herr Ernst Vergani, der Pauschalienritter und neueste Officiosus, hat plötzlich sein österreichisches Herz entdeckt, der ehemalige Urgermane aus Sollenz, der nacheinander die polnischen Confederatka und dem deutschen Flaus getragen, kleidet sich nunmehr schwarz-gelb. Es ist unsere Sache nicht, an dieser Stelle für oder gegen Ludwig Kossuth einzutreten. Wir könnten sagen, daß der Kampf dieses Mannes gegen Oesterreich ein Kampfe um die Freiheit und um die historisch sowie gesetzlich begründeten Rechte seines Vaterlandes, ein Kampf gegen den Absolutismus und die Knechtschaft war, welchen die Kroaten und Rumänen jederzeit Schergendienste geleistet haben. Wir könnten sagen, daß die Kosiuthfeier in Ungarn ein bloßer Act der Pietät ist, der jeder realpolittschen Bedeutung entbehrt. Aber das weiß ja Herr Vergani so gut wie wir, und weil er es weiß, will er, der Schleppträger des Jesuitismus, der Handlanger der Reaction die Kossuth- Feier als eine anti-österreichische Kundgebung verdächtigen. Ein Lügner aber muß ein langes Gedächtniß haben und jenes des Herrn Vergani ist sehr kurz. Er „macht" heute in jener aufdringlichen, byzantinischen Loyalität, welche der Prinz Liechtenstein und die Wiener Wirthshaustribunen Lueger, Geßmann und Schneider in so widerwärtiger Weise im Munde führen. Aber der jetzige „Patriotismus" des Herrn Vergani ist ebenso Geschäftssache, wie es seinerzeit seine deutschnationale Gesinnung war. Solange dieser Biedermann noch hoffen durfte, daß Herr Schönerer sich des „Deutschen Bolksblatt" annehmen und seinem Gründer die Mittel zur Führung desselben gewähren werde, da lag er in hündischer Demnth zu Füßen dieses großen Pruffomannen und begeiferte in feiner Zeitung alles, was österreichisch hieß. Es verging kein Tag, an welchem das „Deutsche Bolksblatt" nicht zehnmal Hochverrath beging. Es bejubelte jede Aeußerung Schönerers, die gegen Staat und Dynastie gerichtet war, es winselte und wedelte um die Wette mit ihm den großen Bismarck an, und als Kaiser Wilhelm n. seine erste Reise nach Wien unternahm, da begrüßt es dieses Ereigniß mit einem Artikel, welcher die Uebe.schrist: „Unser Kaiser" trug. Erst als Herr Schönerer den Ehrenmann Bergani einen urgermaliisch kräftigen Fußtritt versetzte und ihm den wohlgemeinten Rath ertheilte, sich an den erstbesten Spiegelhaken aufzuhängen, verwandelte sich Vergani in den österreichischen Musterpatriotcn, der Romania irredenta in Ungarn liebäugelt, den großkroatischen Bestrebungen die Stange hält, d.n Panslavismus verherrlicht und jenen schwarten Internationalen ats Sprachrohr dient, welcher vom Jesuitengeneral in Rom ihre Befehle erhält. Es mag nicht geleugnet werden, daß es auch in Ungarn staatsfeindliche Elemente gibt, welche den 90. Geburtstag Kossuth's zu unlauteren Zwecken ausgenützt haben. Wann und wo immer dies geschehen sein mag, waren es Leute, welche auf der gleichen sittlichen Höhe stehen, wie der Ehrenmann Vergani, Leute, die aus jedem Anlaffe für sich selbst Capital zu schlagen wissen und mit schamloser Niedertracht die Ehre ihres Vaterlandes preisgeben. Ob diese catilinarischen Existenzen unter den Juden zu suchen sind, das weiß man in Ungarn bester als in der Redaction des „Deutschen Bolksblatt". Auf der letzten Seite dient dieses edle „christlich-germanische Organ" den jüdischen Banken und Finanz-Instituten, auf der ersten Seite werden die verleumdet, von welchen Pauschalin nicht zu erhalten ist. Also: Beutel- und Ehrabschneider. Cardinal Howard. England ist ohne katholischen Cardinal. Nach dem gelehrten Newman und dem humanen Manning ist soeben die letzte unter den britischen Eminenzen dahingeschieden. Howard war schon seit zehn Jahren ein Schatten seiner selbst. Einst feierte man in ihm den Adonis unter den Cardinälen, aber seit vier Jahren war er ein geisteskranker Mann, und als solcher siechte er, nachdem man ihn von Rom, wo sich die ersten Anfälle einer Gehirn- Affection im Jahre 1888 zeigten, nach England transporttrt hatte, in seiner Heimat dahin. Römische Correspondenzen und ultramontane Blätter lasten diesen Cardinal in Hainton in der Diöcese von Notttngham am 3. Februar 1829 als Kind hochadeliger Eltern geboren werden. Diesen Angaben stellen wir die folgende Darstellung der Lebensgeschichte des Cardinals Howard gegenüber, welche 1881 in der Prager „Bohemia" erschienen ist: In der Stockhausstraße zu Prag wohnte viele Jahre eine Wittwe Austerlitz; ihr Mann war bald nach der Geburt ihres einzigen Sohnes Jacob in der dortigen Irrenanstalt gestorben. Die Wittwe, welche einen Greislerladen hatte, ließ es sich angelegen sein, ihren Sohn, der schon früh großes Talent für Musik und Sprachen zeigte, auf's Beste zu erziehen. Auf dem Prager Conservatorium lernte er mehrere Instrumente, namentlich bildete er sich zu einem tüchttgen Clavierspieler und Flügelhornisten aus. Nach dem Abgänge vom Conservatorium trat Jacob Austerlitz in die Capelle des fünften Jäger-Bataillons, wurde bald Oberjäger, verließ aber nach drei Jahrm den Dienst, da ihm