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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-23 · 39 (23.9.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
39 (23.9.1892)
Date
1892-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 702 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 39 » Welche Bedeutung hat aber doch das Kol Nidre? Die Antwort ist gegeben in der Erzählung von der Tochter Jephtas im Buche der Richter. Der Feldherr kehrt siegreich aus der Schlacht zurück; vor der Schlacht hatte er das Gelöbniß gethan, im Falle des Sieges das Erste, was ihm aus seinem Hause begegne, dem Herrn zu opfern. „So nun Zephta kam zu feinem Hause gen Mizpa, siehe da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen, und sie war srin einziges Kind, er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Und da er sie sah, zerriß er seine Kleider und sprach: Ach meine Tochter, wie beugst Du mich und wie betrübst Du mich, denn ich habe meinen Mund aufgethan gegen den Herrn und ich kann es nicht widerrufen." Diese Geschichte aus uralter Zeit lehrt, daß mitten unter der religiösen und politischen Anarchie das Wort bei den Juden unantastbar und unverletzlich war „Ich kann es nicht widerrufen." Gibts ein herrlicheres Zeugniß der Mannesehre als diese einfachen Worte, die man nicht ohne tiefe Ergriffenheit lesen kann? Kein Grieche hätte diese Worte zu sprechen vennocht. Genau derselben sittlichen Anschauung verdankt aber auch das „Kol Nidre" seine Entstehung. Es ist die Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Wortes, was im Momente der Selbstläutel-ung zu der Declaration veranlaßte, daß falsche, gewissenswidrige Gelöbnisse, Verwünschungen in der Erregung, sündhafte Eidschwüre, die der Mensch verblendet und bethört sich selber schwört, daß die Verirrungen der Zunge keine Giltigkeit haben ollen. Me und nimmer aber hatte das „Kol Nidre" Bezug aus die durch einen Eid bekräftigten Au s sag e n hinsichtlich vollbrachter Thatsachen oder auf die Verpflichtungen gegenüber einem Andern. Man denke nur an den Mißbrauch des Namens Gottes, wie er leichtfertig alltäglich von den Meisten geübt wird. Bei den Juden wurde das gar ernst und streng genommen. Das „Kol Nidre" ist also das Gegentheil dessen, was die Antisemiten hineinlegen wollen; das „Kol 9ttdre" ist ein lebendiges Zeugniß für die Heiligkeit des Wortes. Wir unterbrechen diese Betrachtungen, um unmittelbar über den Eid zu sprechen; denn darauf ist es ja bei der in Rede stehenden antisemitischen Agitation abgesehen, die Juden zu verdächtigen, baß sie den Eid zu umgehen wissen, indem sie ihn im Vorhinein für null und nichtig erklären. Die Heiligkeit des Eides ist in den obersten Gesetzen der Juden in den „Zehn Geboten" proclamirt. Die Scheu vor dem Eide geht so weit, daß die orthodoxen Juden die Ablegung eines Eides jtacfl Möglichkeit zu vermeiden suchen. Wenn sie dennoch einen *Eid ablegen mußten, so betrachteten sie das als ein schweres Unglück. Die alten Advocaten gebrauchten auch den Kniff, daß sie dem Juden, wenn er die Gegenpartei war, den Eid zuzuschieben suchten. Das was von Andern als ein Recht und Vortheil angesehen worden wäre, wurde von den Juden als ein Nachtheil angesehen. Oft gab er lieber den Proceß auf, gleichviel welche Opfer damit verbunden waren, nur um keinen Eid leisten zu müssen. Es ist jüdisches Neligionsgesetz, daß ein stiller Vorbehalt, eine reservatio mentalis bei einen: Eide keine Giltigkeit hat, daß künstliche Wortdeutungen nicht anwendbar, daß der Gd in dem Sinne abgelegt wird, wie der Richter ihn versteht. Welcher Dämon hat die Antisemiten, die einen Stöcker und den Meineid-Professor Rohling als Autoritäten verehren, vom Eide zu sprechen verleitet? Die amtliche Statistik ergibt, daß unter tausend Christen mehr Meineidige Vorkommen, als unter tausend Juden. Es darf ferner daran erinnert werden, daß vor zwei Jahren der Fürstbischof von Breslau, Doctor K o p p, in einem Hirtenbrief Klage führt über die erschreckende Zunahme der Meineidsfälle unter den ihm unterstehenden Angehörigen seiner Diöcese. Mit der Ausbreitung des Antisemitismus geht die Zunahme der Falscheide Hand in Hand. Dabei muß man nicht nur aus die Quantität, sondern auch auf die Qualität sehen, auch auf die amtliche Stellung, die amtlichen Pflichten, den socialen Rang Desjenigen, der einen falschen Eid geschworen, oder opferwillig sich zur Leistung eines falschen Eides anbietet. Tausend jüdische Spitzbuben aus den böhmischen Wäldern, die etwa falsch geschworen haben, wiegen einen Stöcker und einen Rohling nicht auf. Die großen Verdienste, welche sich' Stöcker um den Antisemitismus erworben hat, wurden zunächst durch falsche Eide eingeleitet. Der jüdische Lump wird erdrückt von der Mißachtung seiner Glaubensgenossen, Dr. Rohling aber, der Meineid-Canonicus, wird als Autorität citirt und Dr. Stöcker avancirt zum Führer der Partei und zum deutschen Nationalhelden. Vor dem Schwurgerichte in Meiningen wurde vor einigen Wochen der Pfarrer Ferdinand Rüge wegen Verleitung seiner Magd zum Meineid zu drei Jahren Zuchthaus verurtheilt. Wie würde die antisemitische Preßnreute bellen und kläffen, wenn ein Rabbiner wegen solchen Verbrechens eine Verurtheilung erfahren würde? Direct mit Bezug auf „Kol Nidre" schreibt Professor Eisenmenger, einer der grimmigsten Judenfeinde aller Zeiten, in seinem „Entdeckten Judenthum", das vor zwei Jahrhunderten in Frankfurt gedruckt wurde: „Berichtetermaßen können die Juden weder durch die am Versöhnungsfest gebräuchliche Entbindung von Eidschwüren dtlrch Kvl Nidre noch sonsten von einem vornehmen Rabbiner oder dreien schlichten Männern vom Eid, dem sie einem Christen oder der christlichen Obrigkeit thun, nach ihrer angezogenen Lehre losgesprochen werden." In gleichem Sinne erklärte Dr. Franz Delitzsch, Professor der evangelischen Theologie in Leipzig: „Was aber das Ungeschehenmachen geleisteter Eide Betrifft, welches der Jude im Kol Nidre am Vorabend des Versöhnungsfestes erfleht, so wird dieses Ungeschehenmachen durch den Zusatz äaasarna al natseliatana ausdrücklich auf solche Eide beschränkt, welche man aus freiem Willen vor sich selbst abgelegt hat, also auf eidlich übernommene und hintendrein als sündlich und unausführbar anerkannte Selbstvei-pftichtungen mit Ausschluß gerichtlicher Eide und mit Wissen des Nächsten eidlich übernommene Verpflichtungen gegen diesen. Dr. Hermann L. S t r a k, Professor der evangelischen Theologie an der Berliner Universität dringt tiefer in das Wesen der Sache ein, indem er Folgendes erklärt: „In der Formel Kol Nidre ist, wie eine Vergleichung von 4. M. 30. 3. (siehe auch V. 14) ergibt, nicht die Rede von Eiden, die einem Anderen geleistet werden, sondern nur von Gelübden, Verpflichtungen, die man sich selber auferlegt. Gelübde und Eide, welche einem Anderen geleistet sind, sind unlösbar, außer wenn die bestätigte Person anwesend und einverstanden ist. Das ist die einstimmige Ansicht der maßgebenden jüdischen Autoritäten. Dazu kommt noch, daß in den meisten neuen Ausgaben von Festgebeten in einer Anmerkung ausdrücklich erklärt wird, daß durch dieses liturgische Stück die Interessen Anderer nicht berührt werden. Aus der Formel Kol Nidre kann daher kein Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit eines von einem Juden geleisteten Eides hergenommen werden." In dem deutschen antisemitischen Pamphlete und nach diesem Beispiele auch im „Deutschen Volksblatt" sind die wichtigen Worte „ckaasainaalnafsedatana", das heißt: „wodurch wir uns gegen uns selber binden", in der Uebersetzung unterschlagen. Durch diese Unterschlagung wird,die ganze Publikation zu einer niederträchtigen Fälschung. Es ist doch ein armseliges Handwerk, als antisemitisches Organ oder als Führer des Antisemitismus um die Existenz ringen zu müssen. Unerläßliche Bedingung ist, daß man stets bereit ist zu falschen Anklagen, zu allen Fälschungen und zur Leistung falscher Eide. Zu diesem Zwecke ist das „Deutsche Volksblatt" hebräisch gedruckt erschienen; der hebräische Text und die gefälschte deutsche Uebersetzung daneben. Das Märchen, das sich an Kol Nidre knüpfen konnte, ist bereits seit zwei Jahrhunderten durch den Heidelberger Professor Eisenmenger' widerlegt, dessen Buch „Entdecktes Judenthum" sonst von Haß gegen das Judenthum überströmt. Allein es muß gelogen werden, und um die Lüge zu bekräftigen, muß auch zur Fälschung die Zuflucht genommen werden. Von den Gebeten des Versöhnungstages kann man nicht bchaupten, daß sie ein Geheimniß sind. Sie sind ins Deutsche übertragen zum Gebrartche der Juden und Jeder kann die \

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