Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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SM 698 VeVerrrtrtztsHr MortzrnfrtzrtN. ■ - — Nr. 38 über meiner Wohnung, deren Inhaberin eine Jüdin ist — leider gibt es auch solche Trafiken — und verlange, blos um das Weib zu ärgern, die letzte Nummer Vergant, die ich ja auch im Kaffeehaus zum Ueberdruß haben kann. Was glaubst Du, gibt mir die freche Semitin zur Antwort? „Die letzte stummer ist leider noch nicht erschienen, Herr Teutobold, aber die heutige dkummer können sie haben." Mit graziöser Handbewegung reichte sie mir selbe dar. Ich war so sprachlos, daß ich den Wisch einsteckte und zu bezahlen vergaß. Schlagfertig ist sie, diese Raffe, das muß ihr der blasse Antisemitismus lassen. — Bergani hofft nun auch, daß die Pariser Antisemiten, die vom Herrscher aller Reußen aus Czartgefühl (Au!" die Red.) zurückgewiesenen 30.000 Francs in seinen unergründlichen Säckel fließen lassen werden. Er wird die braven Leute nicht unverdient kränken, er wird es schon nehmen, wie ich ihn kenne. Sie können fich vertrauensvoll und beruhigt an ihn in dieser Angelegenheit wenden. Er ninlmt auch Francs, das macht ihm gar nichts, auch wenn der Curs momentan nicht gar besonders günstig stehen sollte. Der Mühe des Umwechselns will er sich gern unterziehen. Er nimmt alle Geldsorten, alle, mit einer einzigen Ausnahme. Kronen hat er bis jetzt noch keine schnorrweise angenommen. Wie soll er sich jetzt zum Czar stellen, den er bis nun verhimmelte, und der die französischen Antisemiten jetzt Mores lehren will? Auch der deutsche Kaiser wiegelt ab. Die Geschichte mit dem Adjutanten kommt mir nicht ganz „trefe" vor. Ein Oberstlieutenant der preußischen Gardehusaren, der jüdischer Abstammung ist und kaiserlicher Adjutant wird?! Hm, hm! Sehr bedenklicher, böser Fall. Vielleicht ist es übrigens gar nicht einmal wahr. Man könnte ja von Rohling entweder die absolute Judenreinheit der Familie bemeineiden lassen, oder die Unrichtigkeit der Thatsache, daß von Mosner wirklich Adjutant worden. Oder Beides. Auf Wunsch auch brieflich. Honorar nach Uebereinkommen.-Uebrigens „Mosner?", „Mosner?" riecht das Ding nicht ein bischen nach Moses? Man müßte sich vor Allem die Nasencurve des Mannes genau ansehen. Vielleicht citiren sie mich als beeideten Sachverständigen im Nasenfache an die Spree. Wenn übrigens Rohling beschwört, daß Mosner überhaupt nicht existirt, entfiele ja jede weitere Untersuchung und die Sache wäre sofort niedergeschlagen. So ein Beschwörer ist ein kostbares Requisit des modernen Staatslebens, das aber leider viel zu wenig in Betrieb gesetzt wird. Ich möchte gern nach Prag gehen, um Rohling zu hören. Das ist noch der einzige Profeffor, der mich interessirt. Zu seinen beschnallten Füßen sitzend, die verschiedenen Beschwörungsformeln gierig in mich ausnehmend — welche Lust Student zu sein! Kein Collegium würde ich schwänzen; die Stylisirung von Briefen an Gerichtspräsidenten interessirt mich ungemein. Ich würde alle Formulare des Rohling'schen Briefftellers sorgsam excerpiren. Fleißig würde ich sein wie ein ungarischer, krummgenaster Mediciner, damit ich einmal, wenn der Chef meineidsunfähig geworden, das Geschäft übernehmen könnte. — Eitles Geträume, Teutobold. Was faselst Du von Prag, der Du zu faul bist, von deiner Fensterecke die Hand nach dem Tisch gegenüber auszustrecken, wo das „Unverfälschte deutsche Brieftastel" liegt. Dazu mußt Du Dir Johannes den Geldeinnehmer rufen, wenn auch die schöne Mila, die fürtreffliche Cassterin des Sitzes, darüber ihr Lächeln, über ihr Einschreibebuch gebeugt, verbeißt. Ich kann nicht anders. Faulheit ist meine erste Natur. Ich langweile mich zwar dabei zum Sterben, aber ich mopse mich aus Heroismus, ich opfere mich auf für mein Volk, ich faullenze für meine geliebte deutsche Nationalität. Du staunst, o allerwerthester Pumpo ob solcher Rede! Du begreifst nicht, was ich meine? So höre denn meine nationalöconomischen Grundsätze, die noch über die von Profeffor Schlesinger sind. Was geschähe, wenn ich arbeiten würde? Ich würde einfach die Concurrenz vermehren. Was entstünde durch vermehrte Concurrenz? Die Löhne würden sinken. Die noch tiefer sinkenden Löhne aber müßten nothwendigerweise zur weiteren Verarmung des ohnehin schon durch das jüdische Capital ausgebeuteten Volkes beitragen. Deshalb arbeite ich nicht. Aber auf andere Weise suche ich Positives und volkswirthschastlich Nützliches zu leisten, ohne Arbeit und ohne Anstrengung. Du staunst? Staune meinetwegen, aber höre. Ich entlehne Gelder von Semiten, die ich natürlich nicht zurückzahle. Dadurch hebe ich unseren Nationalwohlstand. Höbe ihn doch jeder Gutgesinnte auf diese Weise. Die Arbeit, nur die Arbeit richtet die Völker zu Grunde, die Arbeit ist uns Ariern ein Fremdes, Aufgepftopftes, Unerzogenes, Aufgedrungenes. Nieder mit der Arbeit, von der alles Unheil stammt. Eme Nation von Carambolespielern, ein tarockirendes Volk müssen wir werden und den Semiten sei es überlassen, uns die Karten gratis schön zu bemalen und die Billardbretter kostenfrei zu überziehen. Auch Choleraärzte zu werden sei ihnen nicht verwehrt und zur Lx-oüo-Vertheidignng sind sie unbedingt zuzulassen. Nun sage man noch, ich sei engherzig und in mittelalterlichen Anschauungen befangen. Auch ihr Geld an der Börse zu verspielen will ich gestatten. Gewinnste jedoch fließen deutsch-nationalen Stiftungen, „dem Chamerling- Fond oder dem Schönerer-Denkmal-Curatorium zu". Ich male mir das deutsch-nationale Ostarichi in den wundervollsten schwarzrothgoldenen Farben aus. — Aber dieweil ich fantasire und spintisire, wählen die Juden ihren Kronawetter und sind fleißig wie die Bienen bei der Unterdrückung der armen Arier und halten Congresse ab, wie uns am besten die Haut abzuzieheü sei (Herr Teutobold spielt vermuthlich auf die Dermatologen an. Anm. d. Red.)-Du lieber Wodan, wohin soll das führen? Lebe wohl mein allerwerthester Pumpo für heute. Johannes, der Geldeinnehmer, winkt mir an das grüne Brett, das ich dem grünen, mit Examinatoren besetzten Tisch entschieden vorziehe. Ich muß ihm jetzt die ganze offene Zeche von der vergangenen Woche in einer Kegelpartie abgewinnen. Verfluchtes Kaffeehaus l U. D. G. Teutobol d. Hyänen in Menschengestalt. Daß der Antisemitismus unter Umstanden ein lucratives Geschäft ist, das weiß man nicht erst seit gestern und heute. Die Führer der Bewegung haben im wohlverstandenen, eigenen Interesse die Juden zu Dieben und Betrügern gestempelt, um dem „christlichen Volk" zumfen zu können, daß diese schwarze Judenmoral nur mit homäopatischen Mitteln ausgetrieben werden könne, daß es Pflicht des Ariers sei, gleichfalls zu stehlen und zu betrügen. Unermeßlich ist die Liste der antisemitischen Spitzbuben, die unter dem Vorwände der Bekämpfung des Judenthums den Begriff von Mein und Dein verwechseln. Den Anfang machte der seinerzeitige Herausgeber der „Függefc 161186g" in Ungarn, Herr Verhovay, der in nationaler Begeisterung Hilfsgelder sürdieRepartirung des Czango-Magj^aren sammelte und dieselben unterschlug. An diesem großen Patrioten hat sich Herr Bergani ein leuchtendes Beispiel genommen. Er nahm Armengelder in Empfang und führte sie dem Armenrath — des „Deutschen Volksblatt" zu. Dann kamen in Deutschland Herr Paul Förster, der arme Auswanderer über's Meer lockte und sie in Argentinien bis auf's Hemd ausraubte, Herr Pickenbach, der mit dem „christlichen Volke" himmelschreienden Wucher trieb, und Rector Ahlwardt, der Wechselfälschungen und Ordensschacher betrieb und die Gehalte seiner Professoren defraudirte. Von den zahllosen antisemitischen Lokalgrößen in Oesterreich und Deutschland, welche gleich dem Genossenschaftsvorsteher Merscheid, mit anvertrauten Geldern durchgingen, den jüngst als Einbrecher verhafteten antisemitischen Wiener Armenrath oder dem antisemitischen Gemeinderath undRaubmörder inMistelbach, von den Agitatoren, die sich ihre Gesinnung in klingender Münze bezahlen ließen, wollen wir gar nicht erst reden. Heute haben wir ein neues saftiges Pröbchen antisemitischen Geschäftssinnes zu verzeichnen. Nach der Freisprechung des Schächters Buschhoff in -kanten wurden in Deutschland Sammlungen zur Unterstützung des unglücklichen Mannes veranstaltet, dessen Existenz vollständig ruinirt war. Diese Sammlungen erregten die „sittliche Entrüstung" der deutschen Antisemiten und sie demonstrirten dagegen mit einer Collecte, durch welche die Mittel zur Entdeckung des wirklichen Mörders des kleinen Johann Hegemann aufgebracht werden sollten. Wozu das zusammengebrachte Geld jetzt benützt werden soll, zeigt folgende Aufforderung in der von Dr. Erwin Bauer herausgegebenen antisemitischen „Neuen Deutschen Zeitung" in Leipzig: „An die Einsender von Geldbeträgen für die Entdeckung des Lantener Knaben- Mörders, soweit sie sich ihre Anonymität auch uns gegen-