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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-16 · 38 (16.9.1892) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 38 VrSrrrrtchischr WochrnschrtfL. Seite 697 Tentobold's;eitgemätze Betrachtungen. Schreibebrief des deutsch-nationalen Studenten. V. Wien, Mitte September 1892. Mein allerwerthester Pumpo! 0, diese Juden! Jetzt wollen sie in Inner-Jerusalem gar ihren eigenen Reichsraths-Abgeordneten wählen und zwar — horribile dictu! — ben 111 Schönererseibeiuns, den Doctor Kronawetter, diesen verjudetsten aller Magistratsräthe, der mir trotz seines angenommenen, gekünstelten Wiener Jargons in Bezug auf arische Rassenreinheit außergewöhnlich verdächtig ist. Sollte es sich da nicht der Mühe verlohnen, gründliche Nachforschungen anzustellen, ob er nicht in seiner zarten Jugend „Schülklopper" in Groß-Tapolczäny oder „Schoichet" in Ratzersdorf bei Preschborg gewesen? Ich kenne sehr wenige Leute, deren politische Ansichten der Heillehre von Rosenau in jeder Beziehung so diametral entgegengesetzt wären,^ wie die seinigen. „Freiheit! Gleichheit! und Brüderlichkeit!" Was soll man damit anfangen. Wenn es noch die Freiheit wäre, alle Juden mausetodtzuschlagen, wenn wir noch den jüdischen Besitz gleich — nämlich „sogleich" — unter uns theilen könnten und dürften, dann wäre ich am Ende vielleicht so großmüthig, ans die Brüderlichkeit bei dieser Theilnng noblerweise Verzicht zu leisten. „Freiheit! Gleichheit! und Brüderlichkeit?!" Ist das ein Programm, ein wirkliches politisches Programm, mit dem man noch Erfolge erzielt und gewählt wird! Ich halte das nur für einen hübschen Wahlspruch eines Männergesangvereines, welcher sich auf dem Bahnhof von Komotau und Neulengbach ganz nett machen müßte, wenn er so aus ein paar durstigen Bierkehlen erschölle. Er würde gewiß den Ehrenjungfern die weißgekleideten Herzen höher schlagen lassen und sie höchst lieblich erröthen machen. Aber in Wählerversammlungen damit zu kommen, finde ich geradezu grotesk. Und dieser alte Kohl zieht noch. Unglaublich! Klingt da nicht „Juden 'raus!" oder „kauft nur bei Christen!" ganz anders, unverfälschter, energischer, kraftvoller. Siehst Du dabei nicht, o Pumpo, im Geiste den deutschen Knecht des Hauses, wie er einen Semiten, der zufällig ahnungslos in das arische Beisel gerathen, gewaltigen Schwunges, nebst Tritt des Fußes aus das Pflaster setzt, allwo er aus den Baron Mundy warten kann, der ihn wieder fein zusamnienflickt. „Feigheit, Geilheit und Liederlichkeit", das wäre ganz ein anderes Programm, was? mein allerwerthester Cumpan Pumpo? und schon eher nach unserem Sinne; aber Du darfst es Niemand verrathen. Die Welt ist für unsere Ideen noch nicht reif. Dieser Doctor Kronawetter hat uns schon viel Arges zugefügt. Wenn der anno dazumal mit fliegenden Fahnen zu unserem Lager („Bier?" Anmerk. d. Red.) übergegangen wäre, wir stünden heute ganz anders da. Laß' mich diesen Gedanken nicht ausdenken! Heiße Thränen der Wuth fließen in die Schale Braun mit Haut, die Jean der Markör — um Vergebung: Johannes der Geldeinnehmer — soeben vor mich hingestellt. Kronawetters Wort hat Macht über die Massen, sie geben auf ihn und sie halten zu ihm. Die Arbeiterpartei stünde vielleicht hinter uns, aber anders wie jetzt, wo sie mit den Knüppeln hinter uns steht — als diensteifrige Comparserie, als winkbereite Heerde frommer Statisten, die auf ein gegebenes Zeichen „Heil! Heil!" oder auch „Nieder, nieder!", „Hinaus!", „Oho!", „Bravo!" oder „Pfui!" ruft, die auf ein unmerklich Blinzeln in die höchste Begeisterung oder die erbittertste Wuth geräth — und jetzt! — entsetzlich, schandbar, schauervoll! wer trägt an all' dem die Schuld?? O, diese Juden! O, dieser Kronawetter!! Nun steht ihm nicht einmal ein Liechtenstein gegenüber, der ihn im Freibier ersäufen könnte. Ja, gegen das Freibier kämpfen selbst Götter vergebens. Wo ist der Mann, der gesonnen wäre, größere Capitalien in unverzinslichem Wähler- Gollasch und nicht amorttfirbaren Frankfurtern mit Krenn anzulegen und als Gegencandidat aufzutteten? Florian Hostnig oder Wilhelm Baron Berger? „Daß ich nicht lach'" Die betreiben ja das Candidiren als Gewerbe, aber leider ohne den mindesten Befähigungsnachweis. Eine Sttmme kriegt sicher jeder von ihnen. Ich glaube durchaus nicht, daß jeder sich selbst in die Urne legt, ich will lieber zu beider Ehre der Annahme Raum geben, daß immer einer den andern wählt. Es ist gar kein Zweifel, daß dieser verwünschte Mensch von Kronawetter durchdringt. Er har so begeisterte Anhänger, wie sie nur der freigewählte Führer der deutschen Ostmark, der Herausgeber des „Unverfälschten deutschen Brieftastels" in seinen besten Jahrgängen hatte. Gäbe es in Oesterreich kein Parlament, sie würden schleunigst eines zu erlangen trachten, nur um den Kronawetter hineinzuwählen. Ist er einmal d'rin, dann gnade uns Wodan. Ich weiß mich noch wohl zu entsinnen, wie es im vergrößerten Theseustempel oft zum Sterben langweilige Sitzungen gab. Die bäuerlichsten Abgeordneten sprachen vor den leersten Bänken. Trotz allen Viehsalzes war ihren Reden durchaus kein Geschmack abzugewinnen. Sie mochten reden, wie sie wollten, — alles nickte in der Runde. Wenn einer den Antrag gestellt hätte, die Abgeordneten-Diäten seien auf das Dreifache zu erhöhen — sie hätten vielleicht auch dazu genickt. In solchen öden Momenten greift der Präsident wie ttaumverloren zur Glocke und ermahnt mit bleischwerer Zunge den Herrn Redner, sich kürzer zu fassen und bei der Stange — in diesem Falle beim Salzstangel — zu bleiben. Hieß es aber dann: Der Dr. Kronawetter hat das Wort, so wirkte das immer wie electrifirend. Aus den entferntesten Couloirs strömten die Abgeordneten herbei, von den entlegensten Buffets kamen die schwärzesten und längsten Prinzen mit Ellenschritten herangestiefelt, um ihm zu lauschen. Und was er ihnen an seinem Buffet servirte, war kein süßer Damenlikör aus Phrasenshrup und Schmeichelei - Saccharin zusammengebraut — im Gegentheil aus den gröbsten Wahr hciten und den tvahrsten Grobheiten mischte er einen Kronawitten- Magenschnaps, den er zwar als sehr bitter, aber auch als außerordentlich gesund empfahl. Die Wahrheit ist ja stets bitter! Mir scheint gar, ich rede mich in den Ton seiner Anhänger hinein. Hat er mich, den urgermanischen deutsch-nationalen Jüngeling Teutobold am Ende auch „meschügge" gemacht! Das ginge mir ab. Ich muß bremsen uud schleunig Contradampf geben. Das kommt davon, menn man in die Wählerversammlungen dieser Semiten geht. Etwas bleibt immer hängen. Der Kronawetter-Bacillus ist ansteckend und ein gefährliches Biest. Wenn sich gar kein Gegencandidat findet, trete ich selbst am Ende noch in die Schranken. Das Alter hätte ich schon dazu, denn an den erforderlichen Lebens-Semestern mangelt es mir keineswegs. Ich muß mal mit Matzenauer reden, der ja in schrecklicher Verlegenheit sein soll. Vielleicht nimmt er mich als Aushilfe, als Candidaten für Alles. Ein deutsch-nationaler Antisemit wird ihm doch am Ende noch lieber sein, als jener entsetzliche Mensch, der sich tin de siede den Luxus eines Ideals vergönnt. Ueberhaupt ist der Herr von Matzenauer bös und sehr schlecht gelaunt; den Fürsten Ferdinand von Bulgarien haben sie gewählt vor ein paar Jahren und haben den Herrn von Matzenauer nicht gefragt; — der deuffche Kaiser har den Bismarck ohne vierzehntägige Kündigung weggeschickt und den Caprivi einstehen lassen, ohne die Zustimmung des Herrn von Matzenauer; wie der Steinbach den Dunajewski am „Steuerruder" abgelöst hat, wurde die Zustimmung des Herrn von Matzenauer gleichfalls nicht eingeholt — was schon eine sehr große Keckheit war und ihn sehr giftig gemacht hat — und jetzt wollen die Wähler gar einen Reichsraths-Candidaten, der sich nicht von Matzenauer's Gnaden nennt, selbständig aufstellen und gegen seine, ihnen doch wohlbekannte Willens- und Meinungsäuß.'rung durchbringen. Das ist zu viel. Da muß der beste Matzenauer wild werden. Sie können sich nicht einmal damit ausreden, daß die matzenauerischen Ansichten ihnen unbekannt sind, denn erstens einmal macht Unkenntniß des Gesetzes nicht straflos und zweitens müssen sie sich ja nur sein böses Gesicht anschauen. Da werden sie schon deutlich genug ersehen, daß ihm die ganze Kronawetterei absolut nicht paßt. — Ich will mich dem Herrn von Matzenauer vorstellm und versuchen, mit ihm über meine Candidattrr zu reden, obwohl jetzt mit ihm gar nicht zu reden sein soll. O, dieser Jude Kronawetter! O, dieser Feiwel Kronawetter! Die Juden setzen auch alles durch, was sie wollen. So haben sie es endlich durch freche Beharrlichkeit und echt semittsche Zudringlichkeit dahin gebracht, daß das ausschließlich von ihnen gelesene „Deutsche Bolksblatt" zu ihrer Bequemlichkeit auch in den k. k. Tabattrafiken einzeln verschlissen werden darf. Der Zaubergewaltige ist ganz dick geworden vor Vergnügen. In der linken Bahngaffe herrscht eitel Wonne und Entzücken, denn sie glauben, daß sich jeder, der eine Stinkatores zu vier Heller, an der die Kürze entschieden das Beste ist, käuflich erwirbt, sich dieselbe auch mit einem aus der neuesten Nummer des „Deutschen Bolksblattes" gedrehten Fidibusse anstecken werde. Vergebliches Hoffen. Dieser Tage passirte mir eine nette Geschichte, die hierauf ein wenig Bezug nimmt. Ich trete in die Trafik gegen-

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