Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 38 Oeyerrirhisrhr Ich verbrachte den ganzen heutigen Tag in unangenehmster Stimmung. Als ich Mittags meinem Gatten nichts Gekochtes, gar nichts als ein Stückchen trocken Brot zu geben hatte, ward ich wttthend über mich, schalt mich ein gewissenloses, pflichtvergessenes Eheweib! — Ich hätte vor meinem Gatten auf die Knie niedersinken, seine Hände küssen, ihn um Verzeihung bitten, an meine Brust schlagen, mir die Haare ausraufen mögen! .... Sonst bin ich froh und glücklich in der Nähe meines Mannes, heute fühlte ich mich in seiner Nähe bedrückt; ich wagte es nicht, ihn anznblicken und war säst froh, als er zu Mincha in Schul ging." „Gute, arme Schwester!" seufzte Schöndl mitleidig. „Kauni war mein Gatte fortgegangen, als ein junger Mensch in's Zimmer trat und mich frug, ob er die Lehrersgattin Frau Wilhelmine Rosenstadt spreche; -nachdem ich das bejaht, erklärte er mir, er habe mir eine angenehme Nachricht mitzutheilen. Sein Vater, der Lotto-Collecteur in der Karpfengasse, lasse mir sagen, die drei Nummern, die ich gestern bei ihm in die Lotterie gesetzt, seien bei der vor Kurzem stattgehabten Prager Ziehung gehoben worden und ich könne den Gewinn sofort bei ihm beheben. Der junge Mann fügte hinzu, ich hätte auf seinen Vater einen sehr günstigen Eindruck gemacht und ihm ein solches Interesse eingeflößt, daß er sich bei einer Judenfrau, die nach mir in seinen Laden gekommen, nach meinem Namen erkundigt, so daß er — der Sohn nämlich — mich aufzusuchen und mir die Glücksbotschaft zu bringen vermochte. Ich war vor freudiger Ueberraschung sprachlos und vermochte kaum dem glückbringenden Boten zu danken, und nachdem sich dieser entfernt hatte, lobte ich Gott unter heißen Thränen und segnete das Andenken meiner geliebten Mutter, deren theures Bild der allgütige, unerforschliche Gott zum Boten gewählt. Ich konnte es vor verzehrender Ungeduld nicht erwarten, meinem Manne die Glücksbotschaft mitzutheilen und lief ihm ent. gegen. Ich traf ihn auf halbem Wege. Er ging mit zwei anderen Lomdinc), mit denen er sich eben in einem heftigen Pilpul9) befand. In meinem Eifer wollte ich ihn in seinem lebhaften Gespräche unterbrechen, mein kluger Mann errieth, daß ich ihm etwas, vielleicht sogar was ich ihm mittheilen wollte. . . „Das war, wie die Verhältnisse lagen, unschwer zu errathen," warf Reb Gadl lächelnd dazwischen. „Mit Recht erschien es ihm, daß dies wohl auch Fremde errathen müßten und er sprach ruhig: ,Du hast mir wohl etwas zü berichten, ich steh' Dir gleich zu Diensten, gestatte nur, daß ich meinen lieben Freund Reb Leb Arnstein — einer der beiden Männer, mit denen er ging — bitte, zu Hause den Lleram-) zu der Stelle, über die wir eben sprechen, nachzusehen, er wird vielleicht dann geneigter sein, meiner Ansicht zuzustimmen, die er jetzt allerdings mit großem Charifus*) bekämpft, — und verabschiedete sich von seinem Begleitern und sprach: ,Willst Du nicht mit Deinen Mittheilungen warten, bis wir zu Hause angelangt und sicher sind, nicht behorcht zu werden?") Dann aber schritt er, wohl um meine Ungeduld nicht länger auf eine zu harte Probe zu stellen, viel rascher, als er sonst zu thun pflegte unserer Wohnung zu. Dort angekommen fiel ich ihm um den Hals und theilte ihm das große Glück mit, das uns durch Gottes Gnade zu Theil geworden." „Was sagte der Vetter als er's erfuhr?" frug Schöndl. „Die ersten Worte waren die Lroebe'") die der Jude aussprechen muß, wenn er erfährt, daß ihm ein Glück widerfahren. Als ich ihn frug, ob wir nicht gleich nach Hawdolo das Geld beim Collecteur erheben wollten, antwortete er: ,Jetzt ist noch Sabbath, da darf man nicht von geschäftlichen Dingen sprechen. „Vetter Gadl!" rief Schöndl in überströmenden Enthusiasmus,,^» bist gar kein Mensch, Du bist wie ein Llalaeb") „Mein Mann ging zu Maariw, allein als er heimkehrte trieb er, nachdem er Hawdolo gemacht hatte, selbst zur Eile an, damit wir den großen Betrag erheben und dann sofort Euch die Freudenbotschaft ankündigen." „Ja, ja!" rief Schöndl, „Ihr habt mir wirklich einen großen Nachas'') gemacht, so soll ich gesund und glücklich sein, mich freut's, als wenn wirs selbst gewonnen hätten!" 5) Talmudgelehrte. G) Dispute, Debatte, gelehrten Streite. 7) Ein Werk zur Erklärung des Talmuds und seiner Commentatoren. 8) Scharfsinn. 9) Der böhmische Jude jener Zeit war gr zwangen die Höhe seines Vermögens zu verheimlichen. Das Gesetz forderte außer allen andern Abgaben als separate Judensteuer ein so hohen das Erträgniß seines Vermögens übersteigenden Procentsatz des letzteren, daß jeder Jude bei richtiger Vermögensangabe mit mathematischer Gewißheit, in ewiger Zeit verarmen müßte. ,0) Benediktion. u) Engel. l2) Großes Vergnügen. Oorhrnsrhrifi Seite 693 „Was sprichst Du da?" wandte sich Reb Gadl an Schöndl, „als wenn Jhrs selbst gewonnen hättet?! Was ist das für thörichte Rede? habt Ihr denn nicht ebenso wie wir gewonnen? — Wir haben ja den Terno gemeinschaftlich gewonnen!" „Wa .... was red st Du?" schrie Benatek und fuhr kerzengrade von seinem Stuhl empor. „Bist Du meschuge? ober bin ich meschuge? oder lieg' ich in meinem Bett und Hab den Ohotern'') und der Schulrufer wird mich auf einmal aus dem Schlaf wecken? Ja wirklich, es kann gar nit anders sein .... Ich Hab etwas e verrückten Cholem! .... Mich träumt, Vetter Reb Gadl und Mindl kommen nach Hawdolo zu uns und erzählten uns, sie haben viertausend Gulden in der Lotterie gewonnen, die guten feinen braven Menschen, die früher das beste Herz gehabt haben, sind auf einmal solche Knicker geworden, daß sie der armen Schwester, die ihnen zu ihrem Glück verholfen, und die nit e Kreuzer in der Taich und nit e Stücke! Brod für die kleinen Kinder im Haus hat, nit einmal zehn Gulden borgen wollen, freilich" (rechtfertigte der milde wahrheitsliebende Benatek die vorr^Schwager und Schwägerin vermeintlich in seinem Traum verübte Handlung) „zwischen borgen und schenken war kein großer Unterschied, wie ich zehn Gulden zahlen sollt, weiß ich, so soll ich glücklich leben, nit .... es ist nix anderes als ein Cholem!" Einen Augenblick befürchtete Reb Gadl, die unerwartete Nachricht hätte bei seinem Schwager eine Sinnesstörung hervorgerufen; — aber bei etwas eingehenderem Bedenken fand er die Aufregung Beuatek's, die ihm nicht unerwartet war, die er vorausgesetzt, und ihn deshalb in seinen Mittheilungen darauf vorzubereiten versucht hatte, vollkommen begreiflich und er sprach, ihn an der Schulter rüttelnd als wolle er ihn aus seiner Betäubung erwecken. „Du träumst nicht — Du bist wach .... Du hast von dem Terno, den wir gemeinschaftlich gewonnen, die Hälfte, das sind zweitausend Gulden Wiener Währung, zu bekommen; ... ich Hab Dirs nur nicht gleich sagen wollen, auch freudige Ueberraschung kann schädlich wirken! . . . . Aber ich Habs Dirs angedeutet, ich Hab Dir gesagt, Du brauchst nichts auf die Zehnernote herauszugeben, als Du frugst, also, schenkst Du sie uns? verneinte ich dies und erklärte auch daß wir Dir die Zehn Gulden nicht borgen .... Wenn Dein armer Kopf nicht früher von Sorgen so eingenommen gewesen wär, hättest Du ja cnnh erkennen müssen, daß Euch der halbe Gewinn von Rechtswegen gebührt! und da hast Du" — Reb Gadl zog ein großes blaues Papier aus der Tasche, in welchem sich Pakete zu je fünfzig Stück Zehner-Noten befanden „eins, zwei, drei, vier .... in einem Paket wird eine Note fehlen; — die da, die ich Dir schon vorhin gegeben habe!" „Vetterleben, Tu goldener, zuckeriger!" schrie Benatek und schnappte nach Reb Gadls Hand, welche ihm dieser, mißbilligend. die Stirne runzelnd, entziehen wollte, und führte sie an seine Lippen, „Du willst uns den ganzeu gewaltig großen Haufen Geld geben?" Benatek lachte und weinte und zitterte von Wonneseligkeit, während Schöndl vor heißer Rührung die Thränen über die Wangen liefen, sie die Hände faltete und wie die leisen Bewegungen ihrer Lippen andeuteten, -Gott für seine Huld dankte. „Aber" fuhr Benatek nach kurzer Pause fort „wie kommen wir denn dazu .... wir dürfen ja ntt etwas nehmen was uns nit gebührt .... Das macht ich nit gern! Weißt Du was goldener Schwagerleben! Schenk' mir die zehn Gulden — von keinem andern Menschen möcht ich etwas geschenkt nehmen; aber Du bist ja kein Mensch Du bist blank ein Malech — damit können wir alle unsere Chowos zahlen und poter aus is! . . . . Dann wird Gott uns schon weiter helfen!" „Nit schlecht!" erwiderte Reb Gadl, „wenn zwei Chawerim'*) zusammen zwei Zwanziger in die Lotterie setzen und zusammen vier ausend Gulden gewinnen, soll sich die Eine das Ganze behalten und die Andere soll das leere Nachsehen haben? Das Hab' ich so lang ich leb noch nit gehört! „Aber goldener Vetter!" replizirte der ehrliche Benatek „wir haben ja nix miteinander gesetzt, wir wissen ja nit einmal welche Nummern Ihr gesetzt habt, und — wenn nix herausgekommen wär, hattet Ihr uns nit den Zwanziger zuruckgegeben? efscher nit?" Benatek blickte triumphirend siegesgewiß seinem Schwager ins Gesicht. In dem was der redliche Baruch Benatek sprach, lag gesunde Logik und die beiden Frauen waren sehr gespannt darauf in welcher Weise Reb Gadl die Bedenken seines, trotz Traum. ") Genossen, Gesellschafter.