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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-16 · 38 (16.9.1892) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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™wwTT~r~~j"~-.."*T-u,i1nrriiti > rannrn Nr. 38 Desterrrichische Wochenschrift Sette 699 halbvergesseuen Acten Nachschau zu halten. Er fand, daß Kiesling bei seiner Ermordung einen Betrag von etwa 19,000 fl. bei sich getragen haben müsse, von dem sich bei Auffindung seiner Leiche nichts vorfand, daß Reumann nach der Ermordung Kiesling's in bessere Verhältnisse kam, während er bis dahin stets mit materiellen Sorgen zu kämpfen hatte. Trotz seiner v ollen moralischen Ueberzeugung von der Schuld des Reumann konnte er jedoch vollwichtiges Beweismateriale nicht erlangen. Erst vor zwei Monaten gelangte er in den Besitz wichtiger Jndicieu. Es verlautet übrigens, daß die Reihe der Verhaftungen damit noch nicht erschöpft ist. Reumann ist derzeit 66 Jahre alt, gilt als einer der reichsten Einwohner von Mistelbach, ist verheiratet, Vater eines 24 jährigen Sohnes und zweier verheirateter Töchter. Wien. Wie überaus kläglich es mit der antiliberalen Bewegung bestellt ist, wenn die Herren Arrangeure nicht unter sich bleiben können, das hat sich in eclatanter Weise wieder einmal gestern an der vom „christlich-socialen" Abgeordneten Troll nach Kirchschlag im Bezirke Neunkirchen einberufenen Wähler - Versammlung gezeigt. Herr v. Troll, dessen unbedeutende Persönlichkeit auch den Bauern nicht imponirt, batte sich zu seiner Unterstützung die Herren Lueger und Geßmann aus Wien verschrieben. Das Trifolium wollte, trotzdem eine öffentliche Wählerversammtnng ausgeschrieben war, den aus Neunkirchen erschienenen fortschrittlichen Wählern, denen sich über besondere Einladung Dr. Kronawetter angeschlossen hatten, den Eintritt in den Saal verwehren. Er wurde indessen erzwungen. Als aber sotvohl Troll, als Lueger, allerdings unter bewegten Zwischenfällen, ihr Sprüchlein hergesagt hatten, wurde es richtig verhindert, daß auch Kronawetter zum Worte komme. Die Angst vor seiner Rede war so groß, daß eigens antiliberalerseits eine große Prügelei inscenirt wurde, die der Versammlung frühzeitig ein Ende machte, nur damit Dr. Kronawetter Herrn Lueger und dessen Anhängsel Troll nicht die Wahrheit sagen könne. So ließ Herr Troll in seinem eigenen Wahlbezirke die von ihm einberufene Versammlung im Stich. Die Äntiliberalen sind in ihren Kampfesmitteln schließlich bei der Rauferei angelangt. Damit werden sie ihren rapiden Niedergang gewiß nicht aufhalten. Wien. DieJdealge ft altder Antisemiten. Bon ihrem Kremser Correspondenten erhält das „Freie Blatt" folgende Zuschrift: Im „Wiener Tagblatt" las ich vor einigen Tagen eine Gerichtsverhandlung, „Georg Schönerer's fünfzigstes Geburtsfest" betitelt, welche mir nach mehrfacher Richtung hin bemerkenswerth scheint. Das Substrat der gegen den Privatbeamten und Wiener Bezirksausschuß Heinrich Guttmann erhobenen Anklage bildete die Beschuldigung der unbefugten Colportage. HerrGuttmamt hatte nämlich anläßlich einer im Gasthause „zum weißen Kreuze" in Ober-Döbling abgehaltenen Feier des fünfzigsten Geburtstages Schönerer's an die anwesenden Gesinnungsgenossen eine ..Denkschrift an das deutsche Volk in Oesterreich" vertheilt und der anwesende Regierungsvertreter über dieselbe allsogleich die Confiscation ausgesprochen. Das Gericht erkannte Guttmann der bezeichneten Preßgesetzübertretung schuldig und verurtheilte ihn zu einer Geldstrafe von fünf Gulden. Der Gegenstand der Anklage ist sehr gleichgiltig. Derlei passirt im Parteilebett wohl öfter. Interessant sind jedoch zweiThatsachen, welche durch diese Verhandlung gerichtlich constatirt wurden. Einmal wurde festgeftellt, daß der Schloßherr von Rosenau in höchsteigener Person es war, der die zur Verherrlichung seines Wiegenfestes bestimmte Versammlung einberufen hatte. Schönerer ließ in den ihm unterthanen Waldviertler Blättchen wiederholt betheuern, er wolle keine festliche Begehung seines glorreichen Geburtstages und stehe jeder Feier ferne. Wir Kremser kennen Schönerer zu gut, als daß wir uns so etwas weißmachen ließen, Nun ist es aber auch gerichtlich festgestellt, daß der Veranstalter jener spontanen Kundgebungen Herr Schönerer selbst ist. Wo bleibt da die urdeutsche Wahrheitsliebe und Treue? Noch ein anderes Streiflicht warf jene Gerichtsverhandlung auf derlei spontane Kundgebungen des deutschen Ostmarkstammes für seinen freigewählten Führer auf Schloß Rosenau. Um seine Vergehen zu entschuldigen, erklärte nämlich Guttmann, es seien bei jener Versammlung höchstens fünfzig Personen, nicht mehr, eher weniger, anwesend gewesen, obwohl sehr viele Einladungen an Gesinnungsgenossen ergangen waren. Der Polizeiagent Wilhelm Deltscher gab dann an, der Eintritt sei ein unbeschränkter gewesen; trotzdem sei das Local lange leer geblieben, bis endlich höchstens dreißig Personen beisammen gewesen seien. Die Behauptung Guttmann's, daß außer Mitgliedern des „Politischen Bezirksvereines" nur geladene Gäste eingelaffen worden seien, sei unwahr; die Einladungskarten seien im Bersammlungslocale auf den Tisch gelegen, eine Controlle habe nicht stattgefunden, auch sei kein Namensaufruf erfolgt. Hierauf deponirteAbgeordneter Muth als Zeuge, er sei Obmann des „Politischen Bezirksvereines" und könne bestätigen, es seien „nur sehr bekannte" Personen und Vertrauensmänner in geringer Zahl anwesend gewesen. Die antisemitischen Blätter aber hatten geschrieben: daß die Versammlung von mehreren hundert Personen besucht gewesen. Wir Kremser wissen schon lange, welche saure Arbeit es für die Schönerianer ist, ein solches Meeting von dreißig Männlein zusammenzutrommeln, aber nun ist die Thatsache auch gerichtlich constatirt. In Krems machte der Casus viel lachen. Prag, 6. September. In höflicher Beantwortung der in der letzten Nummer dieses geschätzten Blattes von dem geehrten Herrn Rabbiner Dr. Ziegler an mich gerichteten Aufforderung bringe ich hiermit zur Kenntniß, daß in der betreffenden Angel'genheit bereits die löbliche Repräsentanz der Präger isr. Cultusgemeinde ein von mir mitredigirtes Memorial hohen Ortes überreicht hat. Dr. N. Ehrenfeld, Oberrabiner. Kremfier. Zum Statuten-Entwurf. Die Gemeinden Mährens rüsten sich gegenwärtig zur Abfassung neuer Statuten, durch welche die alten, in vielen Synodenfestgesetzten, sogenannten Schai Tekouotb, von denen einige in die noch heute geltende Polizei-Ordnung ausgenommen wurden, außer Kraft treten sollen. Ohne es zu ahnen, vollziehen sie hiermit ein cultur-historisches Moment, wodurch eine dauernde Ordmmg und Stabilität in den bis nun beständigem Wechsel unterworfenen Verhältnissen hergestellt, eine feste, unwandelbare Basis für ihre Entwicklung geschaffen wird. Es gilt aber auch, dieses ernste Streben und solche leitende Grundsätze in den Beschlüffen zu zeigen und zu bekunden, daß die zu diesem Zwecke stattgefundenen Sitzungen vom Geiste des Friedens und der Eintracht - beseelt waren. . Durch weise Selbstbeherrschung würden sie die Befähigung zur Autonomie am besten Nachweisen, welcher übrigens im Musterstatut genügend Rechnung getragen wird. Wesentliche Abweichungen von demselben dürfte die Bestätigung von Seite der hohen k. k. Statthaltere hinausschieben oder gar unmöglich machen. Vielleicht gelingt es dem Einflüsse man^..u Rabbiners, daß der Schlußpaffus in § 26, der zu mancher Härte und Ungerechtigkeit die Hand bietet, ganz fortbleibt oder eine andere Fassung erhält. Diese Maßregel erweckt im Vorhinein Mißtrauen und hemmt jedes segensreiche Wirken. Bei einheitlichem Vorgehen wäre gewiß das Ansehen des Rabbinerstandes in der neuen Constitutton mehr zum Ausdrucke gelangt. Jede vernünftig denkende Gemeinde aber wird ihren Rabbiner nicht zum willenlosen Werkzeuge herabgewürdigt wiffen wollen, und in ihrem eigenen Interesse ihn mit der nöthigen, von der Hierarchie weit entfernten Machtfülle, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ausstatten. Es wär überhaupt zu wünschen, daß an den neu verfaßten Statuten ein gegenseitiges, friedliches Einvernehmen zwischen Rabbiner und Gemeinde sich erkennen ließe. Denn diese gegenseitige Achtung bildet zugleich das Criterium für die Werthschätzung der Bildung Beider. Budweis. (Wie Antisemiten das Fliegen lernen.) Bekanntlich haben die Antisemiten in Budweis kein Glück. Vor nicht langer Zeit flog eine Anzahl von ihnen nicht nur im figürlichen Sinne aus einem deutschen Gasthause so hinaus, daß so manchem von ihnen noch heute die Rippen schmerzen werden, und nun wird von einem ähnlichen Vorfälle Mittheilung gemacht, der sich auf einem der umliegenden Dörfer abgespielt hat. Einige nicht nach Budweis gehörende Bürschlein hatten sich als Studenten verkleidet, um in einem Dorfe der Umgebung für den Schulvereinsfeind Schönerer, den Stempelfälscher S chnei der, den Bolksverdummer Liechtenstein, und wie diese antisemitischen Bolksbeglücker alle heißen, Stimmung zu machen. Als die falschen Studenten begannen, ans einen in weitesten Kreisen bekannten und beliebten Mann loszuziehen, da wahrten die Bauern ihre Hausehre und ihr Hausrecht, indem sie die unver-fälschten Jünglinge packten und trotz allen Zappeln» auf die Straße setzten. Einige Stallbesen dienten dazu, die ganze Action zu beschleunigen. Tief verletzt — wenn auch ohne Wunden — verzogen sich die „Geflogenen." — Diese Schönererlakaien dürsten sich vielleicht bei ihrem nächsten Ausfluge erinnern, daß auch in den übrigen deutschen Dörfern es Bauern gibt, welche gerne bereit sind, Unterricht in der Kunst des Fliegen» zu geben, sobald das Gastrecht auf so schmutzige Weise verletzt wird.

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