Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-16 · 38 (16.9.1892) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020938--01723-3025777
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Skitr 688 Vesterrrichischr »achrnschrtst Nr. 38 läßlich der Bereinigung der Wiener Cuttusgemeinden, Herrn Taußig durch Verleihung des goldenen Berdienstkreuzes mit der Krone aus. Das Buch gedenkt auch des verdienstvollen Wirkens des Rabbiners und Predigers Dr. Schmied!, besten Wort die Mitglieder stets zu Opferwilligkeit entflammte, und stellt dann die Geschichte der in diesem Jahre erfolgten Wieder- Bereinigung mit der Wiener Cultusgemeinde dar, an die die besten Hoffnungen geknüpft werden. Im Anhänge wird noch eine Geschichte sämmtlicher im Bezirke Sechshaus bestandenen jüdischen Wohlthätigkeits-Bereine geboten. — Es wäre zu wünschen, daß das Buch des Herrn Stern, welches sehr nett ausgestattet ist, und u. A. zwei gelungene bildliche Darstellungen des Tempelgebäudes enthält, zahlreiche Verbreitung finde. _ dfffmspntten. Wie«. Antisemitische Auszeichnung. Dem bisher rühmlichst bekannten Institut Liste (Mädchen-Lyceum, 4 Borhereitungsclaffen) welches, wie wir aus unbedingt zuverlässiger Quelle erfahren, unter seinen Schülerinnen auch solche israelitischen Glaubens zählt, wurde am verflossenen Sonntag die zweifelhaften Auszeichnung zu Theil, im „Deutschen Volksblatt" von Herrn Vergani anempfohlen zu werden. Wir wissen eine solche Anempfehlung nach ihrem vollen Werthe zu würdigen, und halten es für unsere publicistische Pflicht, allen jenen jüdffchen Eltern, welche besonderen Werth darauf legen, daß ihre Töchter im unverfälschten Sinne Vergani's^ erzogen und herangebildet werden, das erwähnte Institut Liste (Mädchen- Lyceum, 4 Borbereitungsclassen und Pensionat) auch unserersetts wärmstens zu empfehlen. Das neue Schuljahr wird am 1. October eröffnet. Prospekte und mündliche Auskunft sind stets zu erhalten im Schullocale, I., Maysedergasse 3 und im Pensionat, V, Nikolsdorferstraße 8, (Telephon 1364.) — Diese Daten geben wir natürlich ohne unsere Verantwortung, da selbe dem „Deutschen Volksblatt" entnommen sind. Wie«, ^luch ein Wahlversammlungs-Bericht.) Der Lügen-Momteur des Vergani leistete am letzten Sonntag unter dem Titel „Auch eine Wahlversammlung" ein derartiges Pröbchen seiner vorgeschrittenen Kunst im Entstellen, Verdrehen, Verleumden und Lügen pure et ettaxle, so daß es sich schon der Mühe lohnt, einige giftige Tropfen aus dieser journalistischen Eiterblase unter die bakteriologische Lupe zu nehmen, und auf chre Mikroben zu prüfen. — Die Wählerversammlung vom 10. September zu Gunsten Kronawetters war aber schon gar nicht nach dem Geschmack des Herrn Eigenberichterstatters, denn in dieser Hinsicht ist er verwöhnt und — eigen. Kein Skandal, kein Tumutt, kein wüstes Gejohle — kein Hinauswurf — wer wollte, gelangte zum Wort — jedermann durfte ausreden — was war das für eine Wählerversammlung! Auch daß die Karten geprüft wurden, erregte das höchste Mißfallen des „Bolksblattlers". Wozu? Die antisemitische Horde, der arische Mob war ja dadurch ferngehalten und wie lieblich, wie gesittet sich der benimmt, weiß die Welt zur Genüge. Ueberflüssige Vorsicht das. — Der „Volksblattler" debutirt schon in der ersten Zeile mtt der ersten Lüge, denn ftüher konnte er sie nicht bringen. Er schreibt: „Anschlagzettel verkündeten für gestern Abends 8 Uhr die Abhaltung einer Wählerversammlung des 1. Wiener Bezirkes im Tanzsaalc von Ronachers Vergnügungshause. Schlauerweise begann aber die Versammlung schon um 7 Uhr, so daß die rechtzeiüg Ankommenden in Wirklichkeit zu spät kamen, und keine Sitzplätze mehr bekamen." Wie kann man so handgreiflich dumm lügen! Die Einladungen lauteten alle für 7 Uhr und Sitzplätze gab es noch um 9 Uhr in die Hunderte. Vergani sollte doch geschicktere Lügner engagiren. Auch die constatirte Zahl der 643 Anwesenden schätzt der Treffliche auf höchstens 350 — darunter 30 Christen. Ein Schwätzer der Menschheit! Die 2628 Unterschriften für Kronawetter, die zu Jedermanns Einsicht aufliegen, begeifert er und will „auf Wunsch noch mehr — im Dutzend sind sie billiger — nachliefern." Das sei ihm gerne geglaubt, für Geld thut ja diese anttcorrupttonistische Bande von Wahrheitsfreunden so Manches. Hinter diesem Angebot wittert man gleich eine — Schneiderei! Die Reduernamen werden entweder mit „Christ" oder (!) glossirt. Dm Namen des Gremialrathes Cornel Spitzer findet der Herr Zeileusudler „wohlklingend". Wir unsererseits finden die Commentirung von Familiennamen an und für sich in hohem Grade geschmacklos, aber Cornel Spitzer mindest so dem Ohre wohlgefällig, wie Ernst Vergani — der eigentlich „Spaß-Bergani" heißen sollte, da er längst nicht mehr Ernst zu nehmen ist. Auf alle Lügen hier einzugehen, die in einer Spalte Vergani enthalten sind, müssen wir, Gott sei es gedankt, verzichten, aber einen köstlichen Satz zu citiren, sei uns zum Schluffe als Knalleffekt gegönnt: „Er (Dr. Kronawetter) sagte im Wesentlichen, er habe seine Ueberzeugung nie geändert und werde sie auch den Wählern zuliebe nie ändern, woraus man dieFolge ziehen kann, daß ein Gegensatz zwischen ihm und dem Volke bedeutet, daß dabei immer er allein der brave Ueberzeugungstreue ist." Das mag deutsch-national sein — zugegeben! — aber deutsch ist das nicht. K—y Wien. („Durch Feinh eit zur Reinheit!") Die „nattonale Erziehung des Volkes" ist ja erwiesenermaßen die Hauptaufgabe, welche sich die Partei Schönerer's zum Ziele setzt. Um dieses zu erreichen und der fortschreitenden „Verjudung" des deutschen Volkes zu steuern, führen die Soldblätter des Hergotts von Zwettl seit Jahren einen wüthenden Kampf gegen die Tagespresse, die sie in Bausch und Bogen beschuldigen, daß sie das Volk corrumpire, um die Reinheit seines Empfindens, um den Adel seiner Gesinnung betrüge. Welcher Mittel bedient sich nun die „unverfälscht nationale" Presse bei diesem Reinigungswerke. Die Antwort hierauf ertheilt eine Annonce, die sich im Annoncentheile der „Zwettler Zeitung" „am 3. Herbstmond" vorfindet und die hier zu Nutz und Frommen aller Freunde eines feingeschliffenen Witzes in möglichst getreuer typographischer Nachbildung wiedergegeben werden möge. Gesucht werden von einer großen Gutsherrschaft in der sächsischen Oberlausitz zwei brave, fleißige, ehrliche Schweinehirten. Als Hauptbedingung wird bei hohem Lohn und guter Kost nur gefordert, daß dieselben Juden sind und nicht stinken dürfen. Anerbieten werden bis 15. September 1892 entgegen genommen in der Verwaltung dieses Blattes. (Reisegeld wird vergütet.) Wir können natürlich nicht genau wissen, welcher Art die Hilfskräfte sind, welche man „in der Verwaltung dieses Blattes" am nöthigstcn braucht, glauben aber, nach der ganzen Beschaffenheit der Annonce zn urtheilen, daß man sich nicht gerade auf Schweinehirten capriciren wird. Zuchthäusler dürften wohl auch Aussicht haben, dortselbst Beschäftigung zu finden. Wien. Ein antisemitischer Gemeinderath als Raub-Mörder. Aus Mistelbach, 8. d. wird berichtet: Das hochgradige Aufsehen, welches die erfolgte Verhaftung des hiesigen Gemeinderathes und Fleischhauers Franz R e u m a n n wegen einer vor 23 Jahren an dem Getreidehändler Johann Kiesling verübten Mordthat hervorgerufen hat, ist noch bedeutend gesteigert worden, indem wegen der gleichen Affaire seither noch drei weitere Verhaftungen erfolgt sind. Seit dem Tage des Mordes bezeichnete die Volksstimme den Reumann als den Mörder, doch immer wieder wußte dieser den Verdacht von sich auf andere Personen abzulenken, deren Schuldlosigkeit aber die eingeleitete Untersuchung feststellte. Stille ruhte dann über dem Geheimnisse dieses Verbrechens; vollstes Sicherheitsgefühl bemächtigte sich des Reumann und das Gefühl dieser Sicherheit veranlaßt ihn, gelegentlich der vor zwei Jahren durchgeführten Gemeindewahlen als antisemitischer Candidat in die Oeffentlichkeit zu treten. Reumanns Ehrgeiz fand seine Befriedigung, er wurde im ersten Wahlkörper gewählt. Aber im Laufe der Wahlagitation war ziemlich unverhohlen die Beschuldigung des an Kiesling verübten Mordes gegen ihn ausgesprochen worden. Diese Beschuldigung hatte allerdings die Wähler nicht verhindert, ihm ein Mandat anzuvertrauen — aber sie hatte den gerade damals nach Mistelbach versetzten Gendarmerie-Bezirks-Wachtmeister Wrba veranlaßt, in den allen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.