Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020938--01722-3025776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 38 Vrflrrrrichischr WochrnschrM Seite 687 Redacteure. Die bisher erschienenen Hefte sind gut und erwecken die schönsten Hoffnungen für das fertige Werk, das in der heutigen Zeit für Juden und Nichtjuden gleich ersprießlich ist. Die Mbelexegese der jüdischen Religions-Philosophen des Mittelalters vor Maimüni. Bon Dr. Wilhelm Bacher, Prof, an der Landes-Rabbinnerschule zu Budapest. Straßburg 1892. VI. & 155 Octavfeiten. Es gibt auch in der Wissenschaft eine Art categorischen Imperatives, der mit einer unlviderstehlichen Zwingniß den Denker auf ein bestimmtes Wissenschaftsgebiet hindrängt, um seine ganze Kraft auf die gründliche Durchforschung desselben zu setzen. Und diese Erscheinung zeigt sich uns auch thatsächlich an dem genialen Verfasser des von uns hier angezeigten Buches, der bereits seit mehr als drei Lustern sein reiches Wissen, seinen scharfen kritischen Blick und seine vielseitige schriftstellerische Begabung unentwegt in den Dienst ein und desselben wissenschaftlichen Zieles gestellt hat — um nämlich die geschichtliche Fortentwicklung der hebräischen Sprachwissenschaft und ebenso der wissenschaftlichen Bibelexegese innerhalb der großen Denkerzeit der arabisch-jüdischen Culturepoche durch eine lange Reihe von hierauf bezüglichen Schriften zur übersichtlichen Darstellung zu bringen. Die ersten Baumeister nämlich, die an die Aufrichtung eines grammatischen Lehrgebäudes der hebräischen Sprache gingen, waren sämmtlich jüdische Araber. Durch Vergleichung ihrer beiden engverwandten und gleich formvollendeten Muttersprache wurde ihr sprachliches Feingefühl wunderbar geschärft. Ein merkwürdiger Wetteifer bemächtigte sich der Geister, so daß dieses vergleichende Sprachstudium zu immer wichtigeren Resultaten führte. Von Juda Jbn Kureisch, in seinem bekannten Sendschreiben*), bis zu dem größten Meister in diesem Gebiete, Jonah Jbn Ganach, zeigt uns die vergleichende Sprachforschung eine emporgerichtete Stufenleiter, an deren Sprossen die großen Den'er jener Zeit wie im raschen Fluge immer höher hinauf gelangten. Und mit diesen immer tieferen Einblicken in die Grundgesetze der biblischen Sprache wuchs auch das wissenschaftliche Streben, das Bibelwort nach dem innern, natürlichen Sinne des Textes zu ergründen und willkürliche Auslegungen von ihm ferne zn halten, so daß mit dem Erblühen der Sprachwissenschaft zugleich auch die Blüthezeit der Bibelexegese begann. — Allein bekanntlich hatte noch eine zweite große Wissenschaft, nämlich die der Religionsphilosophie, die Denker jener Periode mächtig erfaßt, die aber für die Richtigkeit ihrer philosophischen Doctrinen in den Aussprüchen der Bibel Belege und Stützpunkte aufzufinden strebten, so daß von Seite dieser Religionsphilosophen der Bibelexegese nunmehr auch die Aufgabe gestellt ward, den vollen Einklang zwischen den biblischen Urkunden und ihren speculativen Theorien herzustellen. Der Verfasser hat nun in der hier angezeigten Schrift diese religionsphilosophische Exegese an acht großen Denkern der vormaimunischen Zeit mit erschöpfender -Gründlichkeit zur Darstellung gebracht — selbst Jehuda Hallevy — zu dieser Achtzahl gehörig — obschon bei diesem an eine eigentliche philosophische Exegese nicht zu denken ist. ward hier nach seiner bibelexegetischen Seite eingehend dargestellt. — In dem Unterbau dieser Schrift, nämlich in den sehr zahlreichen Randbemerkungen, fand der Verfasser überdies Gelegenheit zu einer Fülle kritischer Bemerkungen, theils für das bessere Verständniß schwieriger Stellen und abweichend von früheren Auffassungen (als Beispiel von vielen s. S. 7, Anm. 4), theils zur Berichtigung von Lesearten (besonders zutreffend: S. 128, Anm. 1). Da ferner in diesen Anmerkungen auch meine „Studien zur jüdisch-arabischen Religion-Philosophie" mehrmals citirt werden, so sei mir in Ansehung dieses letzteren Buches die nachfolgende persönliche Bemerkung gestattet. Dasselbe erschien wohl erst 1869, die einzelnen Artikel jedoch waren bereits mehr als ein Jahrzehnt früher niedergeschrieben, und zwar mit sorgfältiger Benützung aller mir zugänglichen Quellen. Damals in *) Das mir vorliegende Exemplar dieses Sendschreibens hat vor dem Titelblatt ein interessantes Autograph, das von dem Herausgeber, Herrn Goldberg, herrührt und das er — in seinem an Abr. Jbn Esra errinnernden witzreichen Stil — an Michael Sachs in Berlin als Widmung richtete. einer Provinzstadt lebend, war ich zumeist nur aufi meine eigene Bibliothek hingewiesen. Die Kenntniß des Arabischen hatte ich mir bereits — mit unsäglicher Hingebung, autodidactisch — eigen gemacht, allein außer dem maimunischen „Führer" lag mir keine der arabisch-jüdischen Religionsphilosophien in der arabischen Ursprache vor. Erschien doch überhaupt das Original voit Saadia's Emunot erst 1880, und jenes vom Kusari gar erst 1887. Dankbar jedoch muß ich es anerkennen, daß ich hier in Wien an meinem hochverehrten Freunde, Herrn Jacob Oberme y er — der eine lange Reihe von Jahren im Oriente, zuerst in Bagdad, dann in der persischen Stadt Kaßwin, und zwar als Lehrer im Hause des Prinzen Mulk-Ara, eines Bruders des Schah, gelebt — einen ausgezeichneten Wegweiser gefunden, mit dessen Beistand ich mich in die reiche, große Literatur der Araber tief zu versenken vermochte. Und indem ich nun von dem genialen Verfasser der hier angezeigten Schrift Abschied nehme, lebe ich der Gewißheit, daß von demselben, in der Vollkraft seiner Mannesjahre stehend (er ist am 12. Januar 1850 geboren) und mit seinem reichen Wissen das gesammte jüdische Schriftthum umfassend, unsere Literatur noch großartige Leistungen zu erwarten hat. Rabbiner Dr. S ch m i e d l. Geschichte der Sechshauser Cultusgememdr? Es ist ein wirklich verdienstliches Werk, das der eremit. Obercantor und Reliaionslehrer Leopold Stern, Ortsschulrath für ben 14. Bezirk, mit seiner anläßlich der Bereinigung der Wiener Cultusgemeinden geschriebenen „Geschichte der isr. Cultusgemeinde im Bezirke Sechshaus" geschaffen hat. Solche Bücher — bisher wurde in Oesterreich noch nie die Geschichte einer Cultusgemeinde, außer der von Wien geschrieben — sind gewiß geeignet, das Interesse für das jüdische Cnltusleben zu erhöhen, dessen altehrwürdige Einrichtungen zu festigen und den Eifer der Mitglieder anzuspornen. Cantor S-tern dient, wie er in der Vorrede seines Buches bemerkt, seit nahezu.35 Jahren seiner Gemeinde und ist mit ihrer Geschichte wohl vertraut, die er selbst mitgelebt; er hat jedoch seine Aufgabe nicht leicht genommen und die in den Archiven Vorgefundenen Acten und Protocolle blos excerpirt und abgedruckt. Der Berfaffer hat vielmehr das reiche Materiale zu einer frischen, fließenden Darstellung verarbeitet, bei deren Lectüre man in manch' gehaltvollen Raisonnement, in passenden Citaten, die von der Belesenheit des Autors in der hebräischen Literatur zeugen, angenehme Ruhepunkte findet. Die Geschichte der Sechshauser Cultusgemeinde umfaßt den Zeitraum 1846 bis 1892. Der Verfasser schildert zunächst die bedrückten Verhältnisse der ewigen „tolerirten" Juden, die in der vormärzlichen Zeit an jenem bescheidenen Minjan in Fünfhaus theilnahmen, welches den Ursprung der Sechshauser Cultusgemeinde bildet. Er entwickelt hierauf, die B rdienste des damaligen Fünfhauser Cantors Professor Moriz Friedmanu würdigend, die Geschichte des aus der anfänglich freien religiösen Vereinigung im Jahre 1849 entstandenen „Fünfhauser Tempelvereines", dessen sich im Jahre 1852 die Wiener isr. Cultusgemeinde annahm, die den in der Sperrgaffe in Fünfhaus gemietheten Tempel und dessen Functionäre in ihre Verwaltung übernahm und Fünfhaus zu ihrer Filiale machte. Im Verlaufe der Jahre machte sich jedoch in der Gemeinschaft der im Bezirke Sechshaus wohnhaften Israeliten der Drang nach Selbstständigkeit geltend, sie wollten sich aus eigenen Mitteln ein schönes, der neuen Zeit entsprechendes Gotteshaus bauen, und so erfolgte denn im Jahre 1868 die Lostrennung der Fünfhauser Filiale von der Wiener Muttergemeinde und die Constituirung der „Cultusgemeinde im Bezirke Sechshaus", als deren erster Präses der (vor einigen Jahren in Paris verstorbene) Direktor der Baron Springer'schen Fabriken, Herr Herman Berger fungirte. Das Buch legt nun ausführlich die Baugeschichte des im Jahre 1872 eingeweihten Fünfhauser Tempels dar und erzählt von Gefahren, in welche die junge Gemeinde in Folge der finanziellen Krise des Jahres 1873 gerieth, die den Bestand der Gemeinde ernstlich bedrohten. Der Präses Gottlieb Taußig, der 1876, zur Zeit der größten Bedrängniß der Gemeinde, deren Leitung übernahm, war es, der mit seinen Bemühungen bei den Gläubigern der Gemeinde die Rettungsaction durchführte und durch seine musterhafte Verwaltung das Gemeindewesen in geregelte Rahnen brachte. Se. Majestät zeichnete erst kürzlich, an-