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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-16 · 38 (16.9.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 686_Vesterrrichifchr Wochenfchrifi.Nr. 38 diesen hatte er auch die hingebende Liebe zur Wissenschaft geerbt; „denn die Lippen der Cohen sollen die Erkenntnis wahren" sagt Maleachi H. 7. Herr Kohn war in der jüdischen Wissenschaft ein seit — maäe — man; er hinterließ mehrere Arbeiten, die ihm einen Namen in der jüdischen Literatur sichern. Seine erste Arbeit erschien im Jahre 1858. Tabnit—ha—Bajit. Ein Lehrgedicht von R. Modechai b. R. Meir Kalmans, herausgegeben und übersetzt von Majer Kohn-Bistritz. Gewidmet seiner Lebensgefährtin Z«gina geb. Werner, Wien 1858. In dem Vorworte zu dieser metrischen Uebersetzung bietet der Autor eine Autobiographie. Als Kmd begüterter Eltern erhielt er eine gut jüdische Erziehung. Später lebte er mit Frau und Kindern in zufriedenem Wohlstände. Durch neidische und böse Leute wurde er zum Sturze gebracht; und da ein Unglück selten vereinzelt kommt, gesellten sich nun zur Armuth Erkrankungen seiner Familie, wodurch er drei Söhne verlor. Er suchte und fand Beruhigung in der Lectüre des genannten Werkes. Dies bewog ihn, unter die Schriftsteller zu gehen; er übersetzte das Buch, das ihm Trost geboten — vielleicht wird es ihm auch Hilfe bringen. Der selige Prediger Mannheimer und Dr. Jellinek gingen ihm an die Hand und förderten ihn, wessen er im Vorworte dankend erwähnt. Begutachtend sagte Dr. Jellinek bezüglich dieses Werkes: „Dasselbe stammt aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, und, obwohl von einer düstern Askese durchweht, bildet es dennoch eine freundliche Erscheinung u. s. w. So hat sich Herr Kohn durch die Herausgabe und die Uebersetzung desselben um die Literaturgeschichte verdient gemacht." Ein mehr allgemein nützliches Werk ist das kurze talmudische Lexicon He-Aruch-ha—kazer, herausgegeben und mit kritischen Bemerkungen versehen von M. K., Prag 1863. Im Jahre 1864 gab er das Mannheimer-Album heraus, eine Sammlung von Aussätzen und Gedichten in hebräischer und deutscher Sprache. Diesen größeren Arbeiten schließt sich eine große Zahl von größeren und kleineren Aussätzen, Gedichten und Epigrammen in hebräischer und deutscher Sprache an. Als hebräischer Epigrammist verdient er die größte Anerkennung. Diese verschiedenen Arbeiten schloß er mit einem größeren Werke ab.-In Ch. D. Lippe's Bibliographisches Lexicon ist es folgendermaßen angezeigt: „Kohn Majer-Bistritz, namhafter hebräischer Dichter und Privatgelehrter in Wien u. s. w., I. H. Schorr's talmudische Exegesen (dargestellt in seinen Jahrbüchern Hechaluz) auf ihren wissenschaftlichen Inhalt untersucht und kritssch beleuchtet von M. K., Preßburg 1888. Diese letzte Arbeit hat eine vielseitige Aufmerksamkeit auf sich gezogen." Der Verstorbene hat sich in der Gelehrten-Republik einen Namen errungen. Durch eine sorgfältige Erziehung seiner Kinder kam er mit sehr geachteten Familien in Verbindung und errang sich auch eine sehr geachtete bürgerliche Stellung in unserer Gemeinde. Friede seiner Asche! M. Friedmann. Me Wische Literatur feit Abschluß des Canons. Es kann Vorkommen, daß einer eine lange, gründliche und gut geschriebene Abhandlung über ein Literaturwerk oder einen Schriftsteller liest, und doch trotz redlichen Bemühens nur ein sehr verschwommenes Bild von der Kraft nnd der Leistung dieses Autors hat. Literaturgeschichte wird zumeist nur eine sehr unfruchtbare Disciplin sein, wenn sich der Geschichtsschreiber nicht dazu entschließt, auch die Autoren selbst reden zu lassen. Was ein noch so wortgewandter und darstellungskundiger Mann allein nicht erreicht, das gelingt ihm durch gut gewählte Proben aus den Schriften, deren Berständniß er erschließen will. _ Damit soll der Werth der Literaturgeschichte nicht herabgedrückt werden; indem wir ein Werk einreihen in die literarischen Denkmäler einer besttmmten Zeit, eines bestimmten Landes, erkennen wir seinen Werth besser durch den Vergleich, verstehen wir die Wurzeln seines Daseins, aber wenn der triviale Ber^ gleich gestattet ist, wie alles Reden über eine Speise, über den' Geschmack dieser Speise bei weitem nicht so gut unterrichtet als ein einziger Bissen, den wir genießen, so können alle Betrachtungen über einen Autor meist nicht fördern, ohne einige markante Sätze des Autors selbst. Der Ltteraturhistoriker, der sich darauf beschränkt, im Wesentlichen den Autor selbst reden zu lassen, übt fteilich eine große Bescheidenheit. Während sonst die Literaturgeschichte wie auf einem erhabenen Throne Gericht hält über die Werke der Vergangenheit und Lob und Tadel, unsterblichen Ruhm oder Geringwerthigkeit decretirt, ist sie jetzt in die Rolle eines bescheidenen Wegweisers zurückgetreten, der wie in einer Gemäldesammlung dahin und dorthin das Auge des Betrachters lenkt. Aber wenn es darauf ankommt, daß wir die Dinge sehen, wie sie waren, nicht wie sie dem und jenen noch so bedeutenden Manne schienen, wenn wir direct in den Geist der alten Zeiten geführt werden wollen, so werden wir besser thun, nach den Werken der Autoren oder nach einer guten Sammlung ausgewählter Stücke zu greifen als nach einer noch so glänzend geschriebenen Literaturgeschichte. Besonders für das Judenthum, für die jüdische Literatur war eine solche prosaische und poetische Anthologie eine dringende Forderung der Zeit, mehr als je ist das Judenthum gegenwärtig ein Gegenstand der öffentlichen Debatte; das ist für uns Juden meist uur ein sehr mäßiges Vergnügen, da die Debatte vielfach Wohlwollen, oder nur Neigung sich zu belehren und sich zu verständigen vermissen läßt; auch wir glauben: bene vixit, <iui beue latuit; aber unsere Wünsche ändern nichts an dem Thatbestand; neben literarischen Raufbolden, die nur den Scandal wollen, und die jede Rechtfertigung von Juden und Judevthum wie eine persönliche Schädigung empfinden, gibt es auch viele, die, durch den antisemitischen Lärm aufmerksam gemacht, sich ehrlich unterrichten wollen. Eine Sammlung von Lesestücken ist auf diesem Gebiete eine um so größere Nothwendigkeit, als die jüdische Literatur in mannigfachen und vielfach auch den Gebildeten ganz entlegenen Sprachen geschrieben sind. W^r hören vom Talmud, es liest, wer eine conservative politische Zeitung in die Hand nimmt, in jeder Nummer vom Talmud und er möchte doch gerne sich ein Bild machen von dem Geiste, der dieses Literaturwerk durchweht, vollends, was die späteren Rabbiner geleistet haben oder gar die Kablala, wenn auch das Judenthum die Verantwortlichkeit ablehnt für die Gesammtheit dieser Production, so ist es doch für jeden, der das Judenthum kennen lernen will, wichtig, etwas davon zu erfahren. Darum ist es ein verdienstliches und zeitgemäßes Unternehmen, wenn sich die Herren Prof. Wüusche und Dr. W i n t e r mit mehreren Gelehrten als Redacteure vereinigt haben, um eine Anthologie der jüdischen Literatur seit Abschluß des Canons mit biographischen und literargeschichtlichen Einleitungen herauszugeben. Der Verleger, Sigmund Mayer in Trier, hat, wie man dies von diesem Verleger gewohnt ist, Alles gethan, um was die Redacteure schön geplant haben, schön auszuführen. Einzelne Materien freilich gibt es, wo es fast unmöglich ist, durch Proben, welche den Werken der Schriftsteller entnommen sind, einen Begriff von der literarischen Leistung zu geben. Dies gilt von zwei Gegenständen, deren Bearbeitung Herr Prof. Bacher, der in wissenschaftlichen Kreisen wohlbekannte Lehrer der Pester Hochschule, geliefert hat; das sind die Massora und die hebräische S p r a ch e n w i s s e n s ch a f t; der Aufsatz Bacher's über die Massora beweist, daß der Autor sich seit Jahrzehnten als Lehrer bemüht hat, wissenschaftliche Disciplinen zusammenfassend und mit scharfer Hervorhebung des Wesentlichen zu behandeln. Dasselbe Talent bekundet Bacher in dem Capitel von der hebräischen Sprachwissenschaft. Ueber Einzelnheiten mit dem gelehrten Autor zu rechten ist bei der Besprechung dieses encyclopädischen Werkes wohl nicht der Ort. Die Karäer kommen im Allgemeinen bei Bacher nicht gut fort: Saadias scheint über Gebühr gelobt: daß der einundzwanzigjähriqe Saadias die hebräische Sprachwissenschaft ins Leben gerufen habe, wie Bacher meint, ist durchaus unwahrscheinlich. Die Regel, daß kein Meister geboren wird, verliert vielleicht nicht selten ihre Geltung bei Dichtern und Künstlern, hier zeigt sich manchmal schon in früher Jugend der Meister; aber auf ausschließlich gelehrtem Gebiete ist eine solche Annahme unberechtigt; außerdem ist die gleichzeitige wissenschaftliche Durchforschung der hebräischen Sprache seitens anderer Gelehrten ein Zeugniß, daß diese Wissenschaft damals nicht mehr so jung war, wie Bacher annimmt. Dr. Hamburger liefert für die Geschichte der Karäer gründliche und aufklärende Abhandlungen. Mit diesen Gelehrten altbewährten Rufes wetteifert einjunger Forscher Hr.Dr. Kaminka, der die Literatur der Gaonim darstellt und in gutgewählten Auszügen uns näher bringt, nicht ohne Erfolg. Es würde zu weit führen, auf die Auszüge aus dem Talmud noch näher einzugehen. Hier bürgen die Namen der

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