Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 662 Vrstrrrrichische Wochenschrift. Nr. 36 man, .daß die Knechte und Burschen nach solchen Sonntagsraufereien die ihnen anvertrauten Thiere mit besonderer Schonung behandeln? Der orthodoxe Jude braucht keinen Verein gegen Thierquälerei; der „ Gerechte empfindet auch das Leid des Thieres"; das biblische Wort gilt noch heute im orthodoxen Judenthum. Wäre das Schächten grausam, so wäre es im Judenthum nie Gesetz und Gebrauch geworden. Es liegen Gutachten von dreiundfünfzig, größtentheils deutschen Gelehrten vor; man höre doch, was diese berufenen Autoritäten über das Schächten sagen. Professor Dr. Virchowin Berlin erklärt: „Soweit meine Kenntniß von dem durch den jüdischen Religionsgebrauch vorgeschriebenen Schächten des Schlachtviehes reicht, istdiese Art derTödtung aus dem Grunde vorgeschrieben, um unnütze Quälerei der Thiere zu vermeiden und durch vollständige Entfernung des Blutes das Fleisch für den menschlichen Gebrauch besser zu machen. Dieser Zweck kann auf die angeordnete Weise vollständig erreicht werden; ja wenn alle Bestimmungen des Rituals vollständig erfüllt werden, was bei der Natur der Handlung sicher zu erwarten ist, so wird er in ungleich sicherer Weise erreicht, als durch irgend eine andere Art von Tödtung. Meiner Meinung nach kann daher mit irgend einem Schein von Recht nicht behauptet werden, daß das Schächten im Gegensätze zu anderen Arten des Schlachtens eine Thierquälerei darstellt." In gleichem Sinne erklärt Geheimrath Professor Du Bois- Reymond in Berlin, daß die Zuckungen des verblutenden Thieres das Zeichen des geschwundenen Bewußtseins sind. Umständlich äußert sich darüber Herr Rockel, Wundarzt am Nationale Orthopädie-Hospital in London; er wohnte mit einem befreundeten Gelehrten, Her-rn Schuber, dem Schächten bei und schreibt über seine Eindrücke: „Her-r Schuber und ich blickten einander erstaunt an. Wir konnten nicht begreifen, worin die Grausamkeit bestand. Wir wußten, daß wenn die großen Arterien, welche das Gehirn und die Adern speisen, durchschnitten sind, fast unmittelbar so vollständige Blutleere eintritt, daß nicht weiter die Fähigkeit, den Eindruck eines Schmerzes zu empfangen, vorhanden sein kann und sicherlich ist „Eindruck von Schmerz" dasjenige, was man unter Grausamkeit versteht." Eine vom sächsischen Ministerium im Jahre 1882 einberufcne Fachcommifsion erklärte, daß das Durchschneiden der großen Blutgefäße des Halses kaum durch eine bessere Methode zu ersetzen sei. In dieser Beziehung könne man sie dem Schächten der Thiere nach israelitischem Ritus gleichstellen. Die Commission erklärt ferner ausdrücklich, daß sie in dem Schächten der Thiere einen thierquälerischen Vorgang nicht zu erblicken vermöge, daß vielmehr das Schächten vor den anderen, sonst üblichen Schlachtmethoden den Vorzug verdiene. So geht es fort in langer Reihe; die- Professoren der Universitäten, die Leiter der thierärztlichen Schulen erklären übereinstimmend mit dem Professor Ercolani in Bologna, „daß die bei den Israeliten gebräuchliche Art in Wirklichkeit gewiß weit mehr als jede andere von dem entfernt ist, was man Thierquälerei nennt." Erwähnt sei noch, daß Dr. Fürstenberg, Dcpartementsthierarzt und Lehrer der königlich schwedischen Academie zu Eldena schreibt: „Bei den von den Fleischern nach verschiedenen Methoden ausgeführten Tödtungen der Thiere werden höchst selten so vorzüglich beschaffene und schneidende Instrumente verwendet, wie von den Schächtern der Israeliten zum Abschlachten der Thiere verwendet werden müffen. Ein Schnitt mit dem gewöhnlichen Fleischermesser ausgeführt, muß den Thieren größere Schmerzen verursachen, als der mit dem vorzüglich, scharfen und polirten Instrumenten des Schächters." Der Verfasser des Gutachtens schildert die Vorgänge beim gewöhnlichen Schlachten und fügt hinzu: „Wie oft wird das Abhäuten der Thiere begonnen, ehe das Leben vollständig geschwunden ist! Das Brühen der Schweine wird von dem Fleischer oft bei noch nicht abgelebten Thieren crusgeführt. Fast stets werden die Schlachtthiere von den Fleischern roh behandelt. Ganz der Wahrnehmung aber entziehen sich die Tierquälereien, die die weiblichen Individuen, die Köchinnen an den von ihnen zu schlachtenden Thieren, wie Hühnern, Enten und Gänsen verüben. Mit ihrem stumpfen Instrumenten, in ihrer Unkenntniß und Gefühllosigkeit bereiten sie den Thieren unsägliche Qualen." Wie mag es aber erst in der Sudelküche des „Grazer Tagblatt" aussehen? Das Blatt veröffentlicht, wie es behailptet, über das „Schächten in Graz" eine „Darstellung aus fachmännischen Kreisen". Die tendenziöse Lügenhaftigkeit der „Darstellung" in den bedeutungslosen Blättchen macht hier jede Widerlegung unwerth; allein der ganze Vorgang ist bezeichnend für die Ehe, welche Vorurtheil und Gemeinheit an den. Ufern der Mur geschlossen haben. Erste Lüge: „Der Jude nimmt rituell nur die besten Fleischstücke in Anspruch;" Das Gegentheil ist die Wahrheit. In jenen Orten, wo die Spannader vorschriftsmäßig ausgelöst wird, nehmen die Juden alles Fleisch in Anspruch, ohne rituell eine Auswahl zu treffen. In den meisten Orten aber wird die Spannader nicht ausgelöst; in diesem Falle müssen sich die Juden mit dem minderwerthigcn vorderen Fleisch begnügen. Zweite Lüge: „Die Christen erhalten die Abfälle". Gerade das bessere Fleisch bleibt zum Verkaufe für die christlichen Kunden — und auch für jene Juden, welche, wie das „Grazer Tagblatt" selber erwähnt, sich nicht durch die rituellen Vorschriften gebunden fühlen. Dritte Lüge) „Der Schächter macht an dem Halse des wehrlos geknebelten Thieres, das bei voller Fühlung seine Schmerzen ausstöhnt, mit dem Schächtmesser drei Schnitte nach der Vorschrift und zwar den ersten in der Richtung vorne gegen sich, den zweiten in der Richtung von sich weg, den dritten wieder in der ersten Richttlng. Das strömende Blut wird aufgefangen und in die Blutkammer geleitet. Erst nach den drei Schnitten, wenn das Thier im höchsten Schmerze sich gewaltsam vom Boden erhebt, erhält cs den betäubenden erlösenden Schlag". Schändlich; nun wird jeder jüdische Schächter, auch der Schächter in Graz erklären, daß ein aus diese Art geschlachtetes Thier rituell nicht mehr brauchbar ist, daß sein Fleisch von den orthodoxen Juden nicht genossen werden darf. Die Vorstellung aus fachmännischen? Kreisen ist einfach eine Summe von böswilligen Lügen, ist das Phantasiegebilde eines boshaften Cretins. Dr. Fürstenberg sagt in seinem Gutachten: „Die Trennung der Blutgefäße darf nur durch einen Schnitt bewirkt werden". In dem Londoner Gutachten wird das Schächten folgendermaßen geschildert: „Die erste Procedur bestand im Werfen; dies geschah mit Geschickund ohne dem Thier den geringsten Schmerz oder gar anscheinend Furcht zu verursachen. Vorne mußte der Kopf ausgestreckt werden, um dem Halse Spannung zu geben. Dies geschah vermittelst einer um die untere Lippe gewundenen Kette und konnte meines Erachtens in keiner Hinsicht als grausam bezeichnet werden; es ist nicht in Vergleich zu bringen mit der beim Beschlagen der Pferde gebräuchlichen Trense. Nun kam das Messer, welches mit einem einzigen Schnitt Arterien, Adern, Luftröhre und Speiseröhre bis auf das Wirbelbein zerschnitt". Ueberall ist der einzige Schnitt strenge Vorschrift, und in Graz macht der Schächter angeblich drei Schnitte und dann noch ein betäubender Schlag, der nach dem Gutachten der ersten Autoritäten sich als durchaus überflüssig erweist. Vierte Lüge; „Auch ein großer Theil der Juden in unserer Stadt weigert sich das koschere Fleisch von dem zu Tpde gemarterten Thiere zu genießen". Es steht ganz in dem Belieben der Grazer Juden, ob sie eine rituelle oder nichtrituelle Küche führen wollen. Jedenfalls hat das Lossagen von den rellgiösen Traditionen, hat alle Vorurtheilslosigkeit und Aufklärung, haben Jndifferentismus und religiöser Nihilismus die Entstehung des Antisemitismus nicht verhindert. Aber cs ist unverschämt gelogen, daß die Grazer Juden koscheres Fleisch aus dem Grunde verschmähen, weil ihnen das Schächten zu grausam erscheint. Sie kaufen es nicht, weil es mehr kostet und weil cs blos in minder guten Dualitäten zu haben ist.