Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 38 Wien, 16. September 18S2. H Iichrgmep Crntralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. -#- Eigrnthümer: Keichsralhs-Avge-rdneler Dr. Ktoch. -- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Die „drei Schnitte" in Graz. — Stachelzaundraht. — Die Wünsche des Herrn Bergani. — Die Entdeckung Amerikas und die Juden. — Die Juden und die Cholera in Rußland. — Erinnerung au Majer Kohn-Bistritz. — Die jüdische Literatur seit Abschluß des Canons. — Die Bibelexcgese. — Geschichte der Sechshauser Cultusgemeinde. — Correspondenzen: Wien. Prag, Kremsier, Budweis, Lemberg. Czernowitz, Rom. London. Bern. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Baden bei Wien, Nimburg, Brünn, Czernowitz, Prag, Sniatyn, Marseille, Dsthofen, Labischin, Straßburg, Tapio Szelle, Jerusalem. — Feuilleton: Darlehen. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Ein gesendet. — Inserate. — JnhaltderBeilage: Teutobold's zeitgemäße Betrachtungen. — Hyänen in Menschengestalt. — Lügen-Fabrikation. — Grundbesitz der Juden in Galizien. — Die Preußen und der Raubmord. — Fr. Curtius über das alte Testament. — lieber arischen Besitz. — Smun enigne. * * K. ft. Pofisparcalfenaml Dlearingverleeyr Nr. 810.878. Aedartion u. Administration: Wir» 1. Aothrnthurmstrsk« 3S. X —* Man adonnirt bei ollen jj Posta»stalle» I de» In- und Auslandes. I Bezugspreis: Halbjährig 4 st. [ Einzelexemplare 25 kr. I j Anzeigen: Die 4mal gespaltete I Petitzeile 12 kr. ss X Die „drei Schnitte" in Graz. Eine Darstellung des Volkslebens des alten Judenthums in den biblischen Zeiten ist mit gewissen Schwierigkeiten verbunden.. Zwar sind Schriftdenkmäler seltenster Art erhalten und das Erzählte hat wenigstens äußerlich den Vorzug der Deutlichkeit und Klarheit. Allein bei der Auswahl dessen, was die Vorzeit zurückgelassen oder was in die Vorzeit hineingedichtet wurde, war das religiöse Moment in dem Maße bestimmend, daß manche lebensvolle, realistisch kräftige Schilderung aus religionsftemder Wirklichkeit dabei in Verlust gerathen sein mag. Dafür besitzen wir in den „Fünf Büchern" das Ideal einer politischen, socialen und religiösen Organisation, das von jeher Ehrfurcht erweckte, das einzig dastehend jedes Vergleiches spottet. In dem Boden dieses idealen Aufbaues aber wurzeln die Gebräuche, deren sich das orthodoxe Judenthum noch heute befleißigt und die als unverletzlich betrachtet werden. Zu den wesentlichsten Gebräuchen dieser Art zählt das „Schächten", wie in deutscher Verbildung eines hebräischen Zeitwortes, das rituelle Schlachten genannt wird. Es braucht nicht mehr viel und das Jüdisch-Deutsche wird den Antisemiten geläufiger sein als den meisten Juden. Die Atmosphäre eines Schlachthauses hat nichts Verlockendes und wir würden uns nicht mit dem Capitel „Schächten" beschäftigen, wenn nicht in Folge der Schweizer Volksabstimmung und' der im Königreiche Sachsen erlassenen Verordnung nun auch in der Hauptstadt der Steiermark der Antisemitismus seinen ersten Versuch machen würde, um eine Agitation gegen das Schächten in's Werk zu setzen. Das „Schächten in Graz" betitelt sich ein Artikel im „Grazer Tagblatt" und wären die Zeiten anders, so würde dieser schmutzige Erguß voll Blödsinn, Heuchelei, Lüge, Frivolität und Unwissenheit gewiß nicht der Beachtung werth erscheinen. Allein der Artikel hat trotz dessen einen Milderungsgrund: in der hochcivilisirten Schweiz — man kann die Lächerlichkeit nicht weiter treiben — findet eine Volksabstimmung wegen des Schächtens statt und die Eidgenossen erklären sich gegen das Schächten, in Sachsen ist vom 1. October an die Betäubung des Thieres angeordnet, bevor der Schächter an sein Werk geht; wie sollte man da von den Schreibern des Grazer Blättchens noch etwas Vernünftiges erwarten? Es sollen nun nicht nur Diejenigen vertheidigt werden, welche festhalten an den Traditionen der Väter, vielmehr ist das Vorgehen in Sachsen und in der Schweiz eine arge und ungerechte Verunglimpfung des JudenthUms, und die Ehre des Jndenthums soll hier vertheidigt werden. Wer die Entstehung des Judenthums in's Auge faßt, der wird auch die sittlichen Zwecke und den humanen Charakter dieses Bekenntnisses zugeben wüsten. Umgeben von Völkern, die einem grausamen und wollüstigen Cultus huldigen, strebt das Judenthum darnach, seine Bekenner von allen Lastern freizumachen, bildet es den Gegensatz gegen den Aberglauben und die sittlichen Verirrungen des Heidenthums. Mit dieser Grundtendenz steht das Schächten im innigsten Zusammenhänge. Das Schächten ist zunächst eine Vorkehrung gegen das willkürliche und grausame Hinmoiden der Thiere. Auch das Thier ist eine Creatur Gottes und sein Leben soll nicht frevelhafter Willkür preisgegeben sein. Die Bibel ist es, welche das Quälen der Thiere verbietet und Talmud und Schulchan Aruch haben darüber genaue Vorschriften. Die Bibel gebietet die Sabbathruhe auch für die Thiere. Und da der Genuß des Fleisches den Menschen nicht verboten werden kann, so soll wenigstens die Tödtung des Thieres unter Beobachtung bestimmter religiöser Vorschriften erfolgen, um Verrohung und Grausamkeit fern zu halten. Das ist der Zweck des Schächtens; außerdem sind im Talmud und im Schulchan Aruch noch Vorschriften darüber enchalten, wie das Thier nach dem Abschlachten untersucht werden muß, damit man es von Krankheiten ftei wisse. Zu dem Humanitären Zweck gesellt sich somit auch ein sanitärer Zweck. Erft die modernste Gesetzgebung besinnt sich auf diese Dinge und wie mangelhaft und ergänzungsbedürftig sind nicht die Verordnungen und Einrichtungen, die dem Judenthum um einige Jahrtausende nachhinken. Und plötzlich soll das Schächten eine unerhörte Grausamkeit sein und will man das Judenchum erst zur Humanität erziehen. Blickt doch mit einiger Scham auf eure eigene Geschichte zurück, aus die Gräuelthaten eurer Kriege, auf die Exceste eures Aberglaubens, auf die Mißbräuche eurer Volksmedicin namentlich in den Alpenländern, auf eure Gewohnheiten, auf die blutigen, grausamen Gesetze eurer Vergangenheit. Denkt an die Hetze bei euern Jagden, welche die Qual des Thieres muthwillig steigern, denkt an die Thierkämpse, die in vielen Ländern veranstaltet werden, denkt doch an die edlen Leidenschaften, welche das spanische Volk von den obersten bis zu den untersten Schichten bei seinen Stiei^efechten entwickelt, denkt an das Alles und schämt euch des Versuchs, das Judenthum Humanität lehren zu wollen. Ein hochangesehener Anatom in Wien besitzt einen Schädel, der als kunstvolles Präparat seines Gleichen sucht. Der Schädel besteht aus vielen kleinen Stücken und ist der Schädel eines steirischen Bauernburschen, den sie bei einer Sonntagsrauferei mit den benagelten Stieseln den Kops zertreten haben. Das ist eben ein Sonntagsvergnügen in der Steiermark. Glaubt