Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 3? Vrftrrrrirtzischr Worhenfchrist. Seite 677 Knabe, der daran gelehnt hatte, stürzte vom rollenden Zuge hinab. Mit einem Aufschrei versuchte die Mutter dem Kinde nachzuspringen, doch wurde sie daran von den übrigen Insassen des Coupes gehindert. Die Frau wollte sich jedoch nicht zurückhalten lassen und es entstand ein förmliches Ringen zwischen ihr und den Coupenachbarn, bis endlich der Zug stehen blieb und der Knabe zur freudigen Ueberraschung Aller, insbesondere aber der Mutter, unversehrt vom Bahnkörper herbeigeholt wurde. Außer einigen Hautabschürfungen hat das Kind keinerlei Verletzung davongetragen. Sillein. Am 30. d. M. fand im hiesigen Tempel die Trauung des Frl. Jlka Ring, Tochter des königlichen Kreis- Notars, mit dem Advocaten Herrn Dr. Roth statt. Bei der großen Achtung, deren sich der Brautvater in allen Kreisen des Comitats erfreut, waren bei der Hochzeit die ersten Capacitäten der hiesigen Gegend, unter ihnen viele Andersgläubige, zugegen. Bei der Trauung selbst, die vom Rabbiner Dr. Honig und Cantor Vorzimmer in würdigster Weise abgehalten wurde, bemerkten wir auch Herrn Baron Armin von Popper sammt Gemahlin, sowie den Cultusvorstand mit seinem verdienten Obmann, Herrn Jg. Rosenfeld. S. S. Amsterdam, 29. August. In Oldenzaal nimmt die Bevölkerung eine drohende Haltung gegen die daselbst lvohnenden Israeliten an; zu Tätlichkeiten ist es nur dadurch noch nicht gekommen, daß die Gendarmerie und Schütterei Alles aufbietet, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. Da die ultramontanen Blätter, welche in dem überwiegend katholischen Bezirk fast ganz allein gelesen werden, den Buschhoff-Proceß in der bekannten Weise dargestellt und den „Ritualmord" als eine keines weiteren Beweises mehr bedürftige religiöse Einrichtung des Judenthums geschildert haben, so darf man sich über diese Erscheinung nicht wundern. Namentlich ist es das berüchtigte Schimpfblatt „Talmudjoode4 (dessen Redacteur den Verhandlungen in Cleve beiwohnte), das an blutrünstigen Ausschlachtungen des „Ritualmord-Processes" das Ungeheuerlichste leistet. Bern, 30. August. Bei der Bundeskanzlei sind nunmehr 71.246 Unterschriften für das Jnitiativbegehren abgegeben worden, wyngchin die Bundesverfassung die Bestimmung ausgenommen werden soll, daß das Schlachten von Thieren ohne Betäubung vor der Blutentziehung ausnahmslos untersagt ist. (Die Bestimmung richtet sich bekanntlich gegen das Schächten der Juden, worüber nunmehr eine Volksabstimmung stattfinden muß.) Paris, 4. September. Heute fanden hier die Gemeinderathswahlen statt. Im Quartier Ga illon ist eine Stich- Wahl zwischen dem Conservativen und dem republikanischen Candidaten nothwendig. Von den 320 abgegebenen Stimmen erhielt der antisem itische Candidat nur zwei Stmnnen. Paris. Dr. Haffkin, der Erfinder des Anti-Cholcra- Jmpfstoffes entstammt einer angesehenen jüdischen Familie in Odessa und ist ein Lieblingsschüler Pasteur's. Marseille, 2. September. Etwa 30 russische Juden sind ans Odessa und Konstantinopcl hier eingetroffen. 80 andere werden demnächst erwartet. Das israelitische Wohlthätigkeits- Comite sorgt für deren Unterkunft und Verpflegung. Feuilleton. Darlehen. Prager Ghetlobild von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Der unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uedersetzungsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) VII. Nach dem eben Berichteten wird es der geehrte Leser begreiflich finden, daß Barnch und Schöndl Benatek heftig erschrocken, als sie Gadl und Mindl Rosenstadt zu so ungewöhnlicher Besuchszeit bei sich eintreten sahen. Schöndl schob rasch, nachdem sie mit einem feuchten Tuche über diese gefahren, zwei Holzstühle an den Tisch und Barnch war so verwirrt, daß er den freundlichen Gruß des Schwagers „Gut Woch" nicht mit dem üblichen „Gut Jahr" erwiderte, sondern in höchster Aufregung „Letowo?"') rief. „Letowo!" erwiderte Reb Gadl mit starker Betonung. Barnch und Schöndl wurden etwas beruhigter, aber dagegen wurden sie von einer brennenden Neugierde ersaßt, allein ihr Respect vor ihren Besuchern war ein so tiefwurzelnder, daß sie es nicht wagten, sie um den Zweck ihres Besuches zu fragen und es ihnen überließen, das Gespräch zu eröffnen. „Meine Frau, hat dir, liebe Schwägerin, gestern den letzten Zwanziger abgenommen; wir glauben, daß Ihr zur vollen Woche Geld brauchen würdet...." Baruch und Schöndl blickten zuerst erstaunt zu Reb Gadl mr, dann einander an. Ein Besuch ihres gelehrten allgemein verehrten Schwagers, bildete bei ihnen ein Ereigniß und nun sollte er, um einen Zwanziger zu bezahlet», vier steile Treppen emporsteigen'? Konnte nicht Mindl allein das Geldstück zurückbringen? Mußte dies in so feierlicher pompöser Weise geschehen? Und (das war allerdings nur eine Frage von untergeordneter Bedeutung) in welcher Weise konnten Reb Gadl und deffen Frau kurz nach Sabbathausgang in den Besitz der kleinen Summe gelangt sein, die sich knapp vor Sabbathanbruch ausgeborgt hatten? Allein ihr Erstaunen verstärkte sich zu totaler Erstarrung als Reb Gadl eine Zehn Gulden-Note aus der Tasche zog und vor den Benatek'schen Gatten niederlegte. Baruch blickte wie aus einem Traume erwachend unverstehend auf, schüttelte, als traue er seinen Augen nicht, den Kopf und sprach: „Vetterleben, glaubst Du wir können Dir auf zehn Gulden mir nix Dir nix neun Gulden vierzig Kreuzer-) aus den Tisch aufkrachen? . . . . aa oser!"3) „Ihr braucht uns nix herauszugeben!" Ein freudiger Schreck durchzitterte Benalek, ein glückliches Lächeln übersonnte seine welken Züge, er konnte vor Aufregung nicht sprechen, Reb Gadl aber fuhr fort. „Wir haben Euch auch eine angenehme Mittheilung zu machen. Gott hat berachamon ho rabbim4) gnädig auf uns herabgeblickt .... Wir haben bei der heutigen Ziehung der Prager Lotterie einen großen Terno, viertausend Gulden, gewonnen! „Viertausend Gulden!" schrie Baruch und Schöndl auf.... „Gelobt sei Gott" fuhr die letztere fort, Ihr sollt bis wes schonim5) „Euer Aschiru'1) unbeschrien in Glück und Freude genießen" und in ihrer herzlichen Theilnahme fiel sie der Schwester um den Hals und küßte sie. „Ich wünsche Euch alles erdenkliche Gute" sprach auch Baruch, dem Schivager kräftig die Hand schüttelnd. Es entstand eine kurze Pause, dann ergriff Benatek von N.uem das Wort. „Mir hütt' das nit passiren können, warum? weil ich nie nix in die Lotterie setzen thu.Mein Vater olof hasehoiom7) hat mir bezwoos) hinterlassen, ich soll nix in die Lotterie setzen. Ich denk's noch, als wenns heut geschehen wär. Meine Mutter hat geweint und hat gesagt: .Mohleben") genug. Du hinterläßt Deinem Sohn, der uns schon jahrelang ernährt, keinen Kreuzer, thust Du ihm noch verbieten in die Lotterie zu setzen. Wie kann er etwas gewinnen, wenn er nit in die Lotterie setzt? Darauf hat der Vater, was nit mehr alle seine Sinne beisammen gehabt haben muß, gesagt: ,Wenns Gott's Will' is, gewinnt er in der Lotterie, auch wenn er gar nit setzt.... Das waren die letzten Worte, die ich aus meines Vaters Mund gehört Hab ... ." Benatek wischte sich eine Thräne aus dem Auge. Schöndl wollte ihren Gatten von den traurigen Erinnerungen ablenken und sprach: „Baruchleben, was sagst Du zu die zwei Choschewen Menschen? Kommen sie noch bei Nacht die vier finsteren Stiegen herauf, uns die gute Bsuro'") zu bringen und uns zehn Gulden zu schenken." „Wir schenken Euch ja die zehn Gulden nit!" Schöndl blickte unangenehm überrascht auf. „Also borgt Ihr sie uns; — das is auch eine große Towe,"") meinte sie, sich zu einem Lächeln zwingend. „Borgen thun wir sie Euch auch nit!" erwiderte Reb Gadl. ’) „Zum Guten? eine geflügelte Frage, di: gestellt wird, wenn das nnerwartete Erscheinen eines Besuches zu ungewohnter Stunde eine unangenehme Ueberraschung befürchten läßt. -) Damals hatte der Gulden sechzig Kreuzer. 3) wahrhaftig nicht! 4) In seiner großen Barmherzigkeit. 5) Hundert Jahre. 6) Euere Reichthum. T) Fricde mit ihm, wird von Verstorbenen gesagt. H) Letztwillig. 9) Lieber Mann. 1U) Nachricht. n) Gefälligkeit.