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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-09 · 37 (9.9.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Settc 678 Orstrrrrichtschr Aochrnfchrift. Nr. 37 Das klang dem Benatek denn doch überraschend! Sie besaßen ja ganz gesunde Ohren und glaubten, ihren Schwager richtig verstanden zu haben: „Ihr braucht uns nichts herauszngeben!" Es trat eine ziemlich lange Pause ein, und Benatek schob die Note, die noch immer vor ihm lag, entrüstet ein klein wenig von sich weg. So lange der begnügliche Mann geglaubt hatte, die zehn Gulden als ein Geschenk betrachten zu dürfen, das ihn über alle momentanen Verlegenheiten hob, hatte er sich vollkommen glücklich gefühlt, sein Schwager war eben der einzige Brensch, von dem er ein Geschenk annehmen mochte, allein als er sich in ge radezu unerklärlicher Weise in dieser festen Voraussetzung getäuscht sah, begann sich im Grunde seiner Seele ein Gefühl von Bitterkeit zu regen, das man nur irrthümlich als Neid bezeichnen würde. In Anbetracht der vielen Wohlthaten, die sein Schwager seiner Frau und ihm selbst schon erwiesen, wünschte er ihm doch alles erdenkliche Gute; es wollte ihm nur bedenken, dieser habe mit dem Dallus'-) auch sein gutes Herz verloren — es war dies nur ein Gefühl der Unzufriedenheit mit Gott, dessen sich zuweilen auch ein edler Mensch nicht zu erwehren vermag, darüber, daß der allmächtige Weltenlenker, dem es ja nicht die allergeringste Mühe gekostet hätte, nicht auch ihm die Huld gewährte, die er einem Anderen erwies und deren er selbst in so hohem Grade bedürftig ist. Daß sich diesem Gefühle auch ein leichter Groll gegen seinen Schwager, dessen Wesen ihm mit einem Schlage verändert erschien, beigesellte, wird man begreiflich finden. Seine getäuschte Hoffnung übte nicht nur eine geistige Depression auf den armen Mann aus, er fühlte plötzlich auch ein körperliches Unbehagen. Es wurde ihm trotz der mäßigen Temperatur, die im Zimmer herrschte, plötzlich heiß, er blies die mageren Backen auf und lockerte den alten zerfetzten Kogntrvck, der bei ihm die Stelle des Schlafrockes vertrat. „Ihr scheint aber auch gar nicht neugierig, zu erfahren, in welcher Weise wir den Terno gewonnen haben", ergriff >Ncb Gadl wieder das Wort. Benatek, der in seiner dermaligen Stimmung für das Glück seines Schwagers etwas apathisch g-'worden war, murmelte einige unverständliche Worte, allein Schöndl, deren lief eingeprägte Verehrung gegen ihren Oheim durch nichts erschüttert werden konnte, rief: „Ewadde, möchten wir's gerne wissen!" „Dasaber mußt D u, liebe Mindl, erzählen, Du kennst alle Einzelnheiten dieser Begebenheit w.it besser als ich. Mindl kam dieser Aufforderung sofort nach, sie befenchlete. wie man zn thun pflegt, wenn man sich anschickt, eine längere Rede vom Stapel laufen zu lassen, mit der Zungenspitze die Lippen, dann begann sie: „Wie Ihr wißt, ist cs uns schon seit langer Zeit herzlich schlecht ergangen; aber in den letzten Wochen s o schlecht, wie noch nie in unserem ganzen Leben!" „Accurat wie uns!" rief Schöndl. „Vor vier Wochen haben uns, gerade kurz vor Schabbcs, der Fleischer, der Bäcker, der Krämer und der Holzhändler nicht mehr borgen wollen und, was noch viel ärger war, sie haben auch auf Bezahlung unserer kleinen Schulden gedrängt. Ich hab's, so gerne ich's auch gethan hätte, meinem Manne nickt länger verschweigen können, ihm mein Leid gestanden, daß ich nicht nur kein Geld, sondern auch gar nichts Entbehrliches besitze, das ich ins Leihamt tragen könnte. — Mein lieber Mann ließ durch einen Dritten, so daß man den Besitzer nicht zn erfahren brauchte, seine Sforim") verpfänden; so daß wir wenigstens unsere Schulden zahlen konnten. Nun aber sind meinem Gadl Sforim das Unentbehrlichste und bieten ihm anch die einzige Lebensfreude und ich dachte unaufhörlich darüber nach, wie ich mir das Geld, die Sforim auszulösen, verschaffen könnte; — ich habe manche Nacht kummervoll durchwacht!" „Das thut mir weh!" murmelte Reb Gadl, Schöndl aber rief: „Du bist doch die beste Frau auf der Welt!" „Jede Frau, die einen braven Mann hat, möchte für ihm das größte Opfer bringen, ich weiß, auch Du würdest Alles aufbieten, Deinen Baruch glücklich zu machen!" „Ob ich möchte!" rief Schöndl. ") der Armuth. Bücher, im engeren Sinne hebräische Werke, religiös-wissenchastlichen Inhaltes. ,Jch verdoppelte meinen Fleiß, meine Anstrengungen", fuhr Mindl fort „und legte mir die größten Entbehrungen auf; — ich nähte halbe Nächte lang für fremde Leute, und frühstückte seit Wochen nur an Sabbathen, so daß ich an Werktagen vor unserem bescheidenen Mittagsmahle nichts in den Mund nahm." „Da s hatte ich nicht gewußt!" warf Reb Gadl dazwischen. „ Seit acht Tagen habe ich auch keine Näharbeit mehr und der furchtbare Frost macht eine stärkere Heizung nothwendig, verursacht größere Auslagen und so kam cs, daß ich vorgestern, Donnerstag abend, wo ich gewöhnlich im Winter schon für den Schabbes einkanfe, nur wenige Kreuzer besaß, die höchstens für zwei Brode und Kiduschwein hinreichten." „Mir ging's noch ärger", meinte Schöndl, „ich hatte Donnerstag gar nix, erst Freitag spät Nachmittag hat mir Baruch einen Zwanziger ge." Schöndl erröthete heftig und brach ab, und Mindl sprach: „Und den Zwanziger, den Du gar so nothwendig brauchtest, hast Du mir geborgt!.war dein Mann nicht böse ans Dich? wahrhaftig, recht hätte er gehabt!" „Dir und dem Vetter Reb Gadl thun wir Alles, was wir nur können", ertviderte Schöndl „und mein Mann hat gar nit gezankt; obwohl cs ihm weh' gethan hat, daß ich und die Kinder am Schabbes nix wie ein Stück Brod essen sollen, hat er doch gesagt, daß ich ganz recht gethan Hab — aber erzähl weiter, Mindlleben!" „Donnerstag Nacht bin ich so betrübt schlafen gegangen, wie vielleicht noch nie in meinem ganzen Leben. Ich habe bitterlich geweint und mir ein Tuch in den Mund gestopft, damit mein Mann mein Schluchzen nicht hören soll. Zuletzt bin ich doch vor Müdigkeit und Herzleid eingeschlafen und da träumte mir — unsere Mutter träte in unser Zimmer. Du, meine arme Schöndl, hast sie nicht gekannt. Du lagst noch in der Wiege, als sie ans diesem Scbeif schied. Sie war eine blasse Frau mit großen, schönen schwarzen Angen .... sie trug in meinem Traum ihre Schabbeskleider und ich ging ihr entgegen rmd küßte ihr, wie ich dies bei ihren Lebzeiten immer gethan, die Hand. „Wie' geht es Dir mein liebes Kind?" frng meine Mutter mit ihrer schönen süßen Stimme. Ich wollte, um sie nicht zu betrüben, antivortcn, gut! Aber ich vermochte ihr gegenüber keine Lüge anszusprecken und ich stammelte: „ich habe einen braven, frommen, gelehrten Mann, ans dem ich stolz sein kann, und der mich mehr liebt und ehrt, als ich's verdiene", aber ich mußte in lautes Schluchzen ausbrcchen. Die Mutter küßte mir die Thranen von den Wangen und sprach: „Mein Vater, dein Großvater pflegte oft zu sagen: Jlovibe scblnchim lemokoin, das heißt: Gott hat viele Boten! Mein armes liebes Kind; Du hast kein Geld auf Schabbes und möchtest auch gerne die sforim Deines Mannes anslösen. Setze morgen knapp vor Schabbes in die Lotterie und Gott wird Dir helfen!".dann, wie das bei Tranmfiguren vorznkommen pflegt, verschwand sie plötzlich und das Zimmer, das bisher von einer dünnen Talgkerze ungenügend beleuchtet war, wurde jählings vom hellsten Lichtglanze erfüllt und ich erwachte! — Eine Zeitlang glaubte ich das Geträumte in der Thal erlebt zu haben und ich wurde von Hoffnnngsseligkeit erfüllt; — aber Plötzlich fiel es mir wieder ein, daß ich ja gar kein Geld besäße, in der Lotterie zn setzen. — Ich ging gestern den ganzen Tag betrübt, verstört herum. Uni meinen Gatten nicht gar zn unangenehm zu überraschen, ßigte ich ihm, daß wir am Sabbath nichts Gekochtes zu essen haben würden, und mein edler Mann erwiderte mit seinem ruhigen, sanften Lächeln: Der weiseste der Menschen, König Salomon sagt:") Ich zieh' es vor, ein Stückchen Brod, Wo Fried' und Eintracht wohnt, Als reiches Mahl und Gastgebot^ Wo Haß und Zwietracht trohnt! Wir hatten in unserer Ehe schon oft Armuth ertragen, aber einen so traurigen Sabbath, als uns heute bevorstand, hatten wir doch nie erlebt!" „Wir anch!" flüsterte Schöndl. «Schluß folgt.) ") Prov. Cap. 17. Nr. 1.

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