Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020937--01707-3025760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 37 Orskrrreichischr Wochrnfchrifi Seite 673 überstehen dürste. Aufgabe der zur Wahrung und zum Schutze der Interessen des Judenthums berufenen Factoren wird und muß es nun sein, ein wachsames Auge zu haben und die der Integrität des jüdischen Glaubens und jedes einzeln.'n Inden drohende Gefahr mit allen zu Gebote stehenden Mitteln abzuwenden, damit sich unsere Glaubensgenossen nicht einer Entmuthigung hingeben, von der zu befürchten steht, daß sie in einem für die Religion unserer Väter bedenklichen Fatalismus ausarten könnte. E. B. Wien. (Arisch antisemitische Hausbesorger Wiens). In Wien besteht von altersher die schölle, von dem guten, freilich einst besser gewesenen Wiener Herzen Zeugniß gebende Sitte, daß jede Miethspartei allwöchentlich eine milde Gabe für den Armenfond beisteuert. Es schließt sich hiebei niemand aus, der Reiche gibt viel, und auch der Aermste spart sich einige Kreuzer vom Munde ab. Diese Gaben werden von den Hausbesorgern in einer mit Controlverschluß des Armenrath es des betreffenden Bezirkes versehenen Büchse gesammelt, welch' Letzterer das Sammelergebniß in periodischen Zeiträumen zu übernehmen hat. Ter Hausbesorger erhält von dem Inhalte der Sammelbüchse für seine allerdings ilicht erhebliche Mühewaltung zehn Percent. Eine jüngst stattgefuudene Gerichtsverhandlung hat jedoch zu Tage gefordert, daß die Hausbesorger sich mit dem ansehnlichen Antheil von zehn Percent an den für den Armenfond bestimmten Sammel gaben nicht genügen lassen, sondern die Sammelbüchsen ihres Inhaltes berauben, was freilich nicht mit anstrengender Arbeit verbunden, wozu nur einige Gaunergeschicklichkeit und Findigkeit erforderlich ist. Weshalb wir dieses Falles erwähnen, geschieht deshalb, weil, wie bekannt, wenige Ausnahmen abgerechnet,' der erheblichste Theil der Wiener Hausbesorger zur antisemitischen Garde zählt. Die einen sind es offen und unverholen, beschimpfen und drangsaliren die jüdischen Parteien: die andern sind es versteckt und bewahren den tief eingewurzelten Judenhaß in ihrem Busen, und lassen dem Antisemitismus nur dann die Zügel schießen, wenn der Heurige aus ihnen spricht, oder wenn sie die Geistesgegenwart verläßt. Zu den Letzteren zählen insbesondere Hausbesorger von Gebäuden, deren Administratoren oder gar Besitzer Inden sind. Wenn erwogen wird, daß Wien ungefähr 20.000 Häuser zählt, von welchen ein Erträgniß des Armenbüchsengeldes von mindestens einer Viertel Million jährlich angenommen werden kann, während dagegen das factische Ergebniß nur 34.000 st. jährlich beträgt, so kann auf die Qualität der arisch-antisemitischen Hausbesorger Wiens ein sicherer Schluß gezogen werden. Es hat jedoch nicht verlautet, daß im Gemeinderathe seitens der antisemitischen Gemeinderäthe über die Armengelder-Gaunerei eine Aufklärung gefordert oder eine Interpellation gestellt worden wäre. Sind ja doch die biederen arischen Hausbesorger zumeist die treuesten Verbündeten und Propagateure der Antisemiten. Um gerecht zu sein, muß zugestanden werden, daß der Fehlbetrag n cht ganz in die Taschen der antisemitischen Hausbesorger geflossen sein mag, haben wir doch erst jüngst von einem antisemitischen Armenrathe, der mit der Controlle und Uebernahme dieser Armengelder betraut ist, berichtet, bei dem für Tausende Gulden gestohlenes Gut gefunden wurde. Schöne Seelen begegnen und t h e i l e n sich. Wien, 2. September. (Geachtete „Wiener".) Die Clericalen zausen sich noch immer aus Anlaß des Linzer Katholikentages, namentlich die Innsbrucker Schwarzen und die Brix euer Schwarzen liegen sich über den Brenner hinweg in den Haaren. Dabei ist auch öfter von den „Wienern" die Rede, wie kurzweg die Christlich-Socialen in Wien genannt werden. In Vertheidigung derselben nimmt ein Pfarrer Greil im oberen Jnnthale im Brixener Blatte das Wort und stellt in einer Reihe von Fragen an die Innsbrucker, die von den „Wienern" nichts wissen wollen, auch diese: „Weiß der sehr verehrte Redacteur der „Neuen Tiroler Stin men" etwas von den Fortschritten, welche Dr. Lueger, die Jesuiten- Patres Abel und Kolb gerade bei den Männer u für die gute Sache machen? K ö n n e n denn die Bischöfe sich mit dieser Gattung von Leuten ab geben? Müssen sie nicht froh sein, daß der subalterne Clerus sich dieser Männer annimmt? Erst heute höre ich von competenter Seite: Zuerst gehen die Wiener zur Versammlung des Lueger, dann zu den B o r t r ä g e n der Jesuiten, und d a n n gehen sie — beichten!!" „Diese Gattung von Leuten", mit denen sich die Bischöfe nicht abgeben können — ist gewiß nicht schmeichelhaft weder für Lueger, noch für die Jesuiten-Patres; aber auch nicht für den subalternen Clerus, dem das Compliment gemacht wird, daß er gut genug ist, sich mit „dieser Gattung" zu befassen. Noch schmeichelhafter für Lueger und Genossen ist es, wenn die „Neuen Tiroler Stimmen" in ihrer Erwiderung sagen: „Daß sich die Bischöfe mit diesen Männern nicht abgeben können, ist so ziemlich die e i n z i g e W a h r h e i t in diesem Fragebogen." Uebrigens enthält die Bemerkung, daß die in Frage stehende Art der „Wiener" von Lueger zu den Jesuiten übergeht, nur die schon oft ausgesprochene W a h rh e i t. daß Lueger mit seinem ganzen Bolksbeglückungsschwalle lediglich der Zutreiber der Clericalen ist. Ischl. Bis aus d e n H u n d gekommenerAntis e m i t is m ns., Im bekannten Ausflugsorte „Gstätten" fanden sich jeden Nachmittag drei Herren zu einer Tarokpartie ein. Jüngst wurde diese Spielgesettschaft von einem großen Reufundländerhund beim Spiele arg belästigt. Ein Herr aus der Gesellschaft verfügte sich nun zum nächsten Tische, an welchem zwei Damen saßen, die Besitzerinnen des die Tarokpartie beeinträchtigenden Hundes, mit der im urbansten und höflichsten Tone vorgetragenen" Bitte, das störende „Hunderl" an sich zu nehmen. Wie groß war aber das Erstaunen, als seitens der Damen die Antwort erfolgte „jüdische Frechheit." Wer war aber der Bittsteller? der Composileur Johann S l r a n ß. und die schnippischen Damen? zwei Schwestern Bruck vom Jschler Theater, das zu zwei Dritttheilen von Juden frcquentirt wird. Tie Jschler Theaterdireetion, die strenge ans Zucht und Ordnung hält, wird über diesen symptomatischen und typischen Fall hoffentlich zu Gericht sitzen. Stanislau. Der in Lemberg eycheinende „Przeglad" beginnt sich allmählig als ein antisemitisches Blatt zu entpuppen. Daß die antisemitische Tendenz diesem Blatte zu Grunde liegt, ist aus einer ieden Nummer ersichtlich. Das Beispiel der deutschen antisemitischen Blätter befolgend, hört dieses polnssche Blatt nie auf, von der Ausbeutung der Christen durch die Juden zu disputiren. Seine antisemitischen Muster nachahmend, beeilt sich „Przeglad", seinen Lesern zu melden, daß hier ein Jude wegen Schwindel, dort ein Jude wegen Diebstahl arretirt wurden, s.w. Es liegt vor mir die Nummer 184 vom 14. August l. I. in welcher ein Artikel: „Die Juden und das Project des Baron Hirsch" zum Abdrucke gelangt. In diesem Artikel will „Przeglad" durchaus beweisen, daß die russischen Juden der Colonisation Argentiniens gar nicht geneigt seien und daß . besagtes Project nicht wohl überlegt und fehlerhaft sei. daß die Juden den Baron Hirsch nur als einen großherzigenPhilantropen ehrten und er ihnen übrigens ganz gleichgiltig sei. Der „Przeglad" glaubt, daß russische Juden nach Argentinien nur deßbalb einzig und allein einwandern, damit sie dort besseren und sicheren Nifterhalt finden, aber nicht weil sie dazu geztvungen sind? Hat der „Przeglad" von den herzzerreißenden blutigen Judenverfolgungen in Rußland noch nie gehört? Und weiß er nicht, daß sie dort wie Thiere behandelt werden, daß sie sich weder physisch noch -geistig und moralisch entwickeln können? Weiß er denn nicht, daß ihnen sämmtliche Universitäten geschlossen bleiben und daß die Zahl der jüdischen Jünglinge, die die Gymnasien besuchen dürfen, nur auf eine sehr geringe beschränkt ist? Daß sie ihre Religion nicht frei bekennen dürfen, ' daß ihre Synagogen zerstört, die Thorarollen zersetzt und mit ‘ den Füßen zertreten werden? - Und nun zum zweiten Borwurfe! „Przeglad" sollte"»doch [ vor Augen haben, daß Baron Hirsch erst nach längerer reiflicher ' Ueberzeugung, nachdem er genau das Pro und Contra erwogen hatte, mit seinem Projecte hervortrat. Ebenso ist es bekannt, c daß er sich nicht auf seinen eigenen Verstand verließ, vielmehr das } Gutachten competenter Persönlichkeiten, welche Land und Leute 1 ■ genau kannten, einholte. Ganz lächerlich erscheint der dritte Vorwurf des „Przeglad", Baron Hirsch sei nicht populär bei den russischen Juden. Die Wahr- " heit ist vielmehr, daß es kein Prunkzimmer in einem jüdisch- J russischen Hanse gibt, wo das Portrait des großen Phibantropen t sich nicht befände. Seine Popularität bei den. unteren Schichten? ist ebenfalls unermeßlich. Möge mir „Przeglad" einen zehne jährigen jüdischen Knaben zeigen, der vom Baron Hirsch nicht i gehört hätte und der nicht in demselben den Erlöser aus Noth und Knechtschaft erblickte! Wir würdem „Przeglad", dessen Redacteur Anspruch e macht als wissenschaftlich gebildeter Mensch ernst genommen zu r werden, rathen, seinen Lesern nicht solche Wundermärchen über a eine weltgeschichtliche Action, wie es die Colonisation Argentiniens