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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-09 · 37 (9.9.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 672 Orsterreichisrhe Wochrnschrifi Nr. 37 Socialreformer und noch immer streben die letzteren dahin, das Genossenschaftswesen nach mittelalterlicher Weise zu gestalten. Natürlich bilden die leitenden Stellen, die mit Geldgebahrung verbunden sind, Bersorgungsplätze für antisemitische Streber. Die ehrlichen Leute an den Spitzen de-' Genoffenschaften werden verdächtigt und verdrängt, und die Spitzbuben und Halunken drängen sich an deren Stelle. Da man fortwährend in Wirthsbeiseln zu Hetzen und zu schüren hat, kann man natürlich dem Gewerbe nicht obliegen, Wohlleben thut man dennoch und läßt sich keinen Genuß abgehen. Nun geht's über die Genoffenschaftscafse und es wird lustig darauf los defraudirt. Das ist die reguläre Type der Genoffenschaften, die sich dem Antisemitismus ergeben und an deren Spitze Antisemiten stehen. Ein neuerlicher eclatanter Fall in dieser Richtung liegt vor. Zu Anfang März dieses Jahres wurde der Vorsteher der Genossenschaft der Webwaareuzurichter und Wäscher Mathias Merschdors, nachdem er aus dem Genoffenschastsvermögen die Summe von 787 Gulden entwendet hatte, aus Wien flüchtig und wurde seither steckbrieflich verfolgt. Man vermuthete, daß Meiffchdors nach Ungarn geflüchtet sei und sich von dort wahrscheinlich nach Serbien gewendet habe. Tie Polizcidirection forschte auch thatfächlich aus, daß der flüchtige Genossenschafts- Vorsteher sich nach Belgrad gewendet habe und avisirle die serbischen Behörden. Wie nun eine aus Belgrad an die hiesige Polizeidirection eingelangte Depesche meldet, rvurde Mathias Merschdorf letzten Donnerstag in Belgrad verhaftet und befindet sich bereits aus dem Wege nach Wien. Merschdorf war ungefähr ein Jahr lang Genossenschafts-Vorsteher, nachdem er mehrere Jahre hindurch Vorsteher-Stellvertreter gewesen. Er spielte in der Genoffenschaft der Wäscher eine gewisse Rolle, da er als Führer der antisemitischen Resormpartei, wie er und seine Anhänger sich mit Vorliebe nannten, die Trennung der beiden in der Genoffenschaft vertretenen Branchen, der der Webwaarenzurichter und jene der Wäscher, durchführen wollte und sich stets als „wahren Freund der Genossenschafts-Angehörigen und des Gewerbe st an des" aufspielte. Durch seine Umtriebe gelang es ihm bald, sich einen großen Anhang zu schaffen und den Vorsteher Kalten eck er zu stürzen und sich selbst zum Vorsteher wählen zu lassen. Nun zeigte sich bald Mersch dorf's „Gewerbefreundlichkeit" im wahren Lichte. Der „Freund Schneiders und Vergani's", wie Merschdorf sich mit großer Vorliebe nannte, begann eine Wirthschaft, die selbst seinen intimsten Freunden bald bedenklich zu werden ansing. Er erhöhte die Aufding- und Freisprechgebühren und eines Tages ging plötzlich der Schlüsselder Casse, in der sich das Genossenschafts- Vermögen befand, verloren, woraus sich Merschdors ein Paar Schlüssel nachbestellte. Aus diese Weise eutging er der lästigen Mitsperre des zweiten Vorstandsmitgliedes und war Herr der Caffe. Inzwischen lebte Merschdors sehr flott, fuhr im Fiaker und spielte den Lebemann — wie es sich bald herausstellte, auf Kosten des Genossenschaftsvermögens. Der verhaftete Defraudant wird dem Landesgerichte in Wien eingeliefert werden. Wien. Das antisemitische Hetzorgan „Deutsches Volksblatt", welches seinem „beschränkten" Leserkreis denn doch nicht fortwährend mit gemeinem Judenhepp-hepp zu tractiren für angezeigt findet, versucht es von Zett zu Zeit uationalöconomische Themata zu behandeln. Neuerlich eiferte es gegen den „T e r m i n h a n d e l". Man möchte nun glauben, daß das „Deutsche Bolksblatt" dieses hochwichtige Thema 'zum Gegenstände der Erörterung macht, daß es neue Argumente ins Treffen führt u. s. w. Nichts von alledem. Das Blatt citirt einfach in entstellter tendenziöser Weise den diesjährigen Bericht der Handelskammer von Basel. Allein auch in dem verstümmelten Citate kommt der Bericht der Baseler Handelskammer zu dem Conclusum, daß nicht dem „Terminhandel" an und für sich, sondern nur den Auswüchsen und Entartungen desselben entgegenzutreten sei. Der „Terminhandel" gehört gegenwärtig zu den unvermeidlichen Imponderabilien des gesteigerten Berkehrslebens ebenso wie Eisenbahnen, Telegraph und Telephon. Ohne Terminhandel in Brodproducten gäbe es in einem Lande bei schlechter Ernte eine unerträgliche Theuerung, während anderwärts ein Tiefstand in den Cerealien eintreten müßte, welcher dem Landwirthe schwere Schädigung und Ertrogverkürzuug brächte. Der Terminhandel, resp. die Arbitrage bringen es zu Wege, daß in den zur Ernährung der breiten Volksschichten unentbehrlichen Lebensmitteln ein Preisausgleich stattfindet. Traurig wäre es für die unbemittelten Claffen, wenn sie die von den Agrariern dictirten Preise bezahlen müßten, dann wäre bei neun Zehntel der Bevölkerung Schmalhans Küchenmeister. Das Proletariat und der Mittelstand sind dem „D. V." jedoch Hekuba, weil diese sich von Liechtenstein, Schneider und Lueger nicht an der Nase herumführen lassen und nicht ins antisemitische Horn blasen, dagegen bilden die Landwirthe, die Bauern, Gimpel, welche auf den Leim der antisemitischen Wünschelruthe gehen und daselbst fest picken bleiben. Dem Staate fällt aber die Aufgabe zu, die Geiammtintereffen und nicht die particularen Sonderwünsche eines einzelnen Standes zu vertreten und wahrzunehmen. Die Arbeiter, die kleinen Beamten, der mittlere Bürgerstand haben ein hohes Interesse, daß die Preise der zum täglichen Bedürfitiß erforderlichen Lebensmittel nicht künstlich in die Höhe geschraubt rverden, daher kein Vernünftiger gegen den regulären Terminhandel etwas einzuwenden haben wird. Ja, wenn die nach d e m Au ss p r u ch e des Prinzen L i ch t e n st e i n durch M i l l i o n e n - E r b s ch a f t e n und B e r m ö g e n s- Anhäufung verblödeten Cavaliere sich, wie es vor Kurzem geschehen, in Terminspeculationen stürzen, darf man für den hieraus erwachsenden schweren Nachtheil die Institution des regulären Terminhandels und die wenigen Juden, die sich mit demselben befassen — auf welch letztere es ja eigentlich abgesehen ist — nicht verantwortlich machen. Wien. („Osman B ey.") In Athen weilt derzeit ein gewisser Millinger, der sich „Osman Bey" nennt und zu den berüchtigsten antisemitischen Lügenfabrikantea gehört. Bon ihm rühren schamlose Hetzschriften: „Der Mord in Damascus", „Der Kamps gegen Judas Geldmacht" rc. her. Eine neue Hetzschrift Millingers ist „Ritualmord in Corfu" betitelt. Da er die Absicht hat, demnächst nach Deutschland zu gehen, um dort an den einträglichen Wanderrednergeschäfte sich zu betheiligen, so sieht sich ein Athener Correspondent der „Jüdischen Preffe" veranlaßt, aus der Vergangenheit dieser antisemitischen Capacität einige Züge bekanntzumachen. „Osman Bey" ist, dem Gewährsmanne des genannten Berliner Blattes zufolge, ein Schwindler niedrigster Sorte. Der Schauplatz seiner Thätigkeit war bis zum Jahre 1870 Italien, und zwar Venedig, von wo er durch Decret des Präfecten Torelli in jenem Jahre wegen Schwindeleien aller Art ausgewiesen wurde. Nachdem er die Schweiz, Deutschland und Oesterreich unsicher gemacht, kehrte er im Jahre 1880 nach Venedig zurück, erhielt aber abermals Ausweisungsordre. Aller Mittel entblößt durch die Welt vagabundirend, entdeckte er nunmehr sein autisemetisches Herz und veröffentlichte in rascher Folge jene Lügenelaborate, von deren Ertrag er sein Abenteurerleben fortsetzte. Am 11. März 1891 verfügte der italienische Minister des Innern abermals seine Ausweisung aus Italien; er wurde in Mailand verhaftet, nach Novara escortirt, dort wieder entlassen, aber am 13. November in Florenz neuerdings verhaftet und gefesselt nach, Mailand transportirt. Vor dem Untersuchungsrichtei* gab er dort die schriftliche Erklärung ab, daß er Milliognen heiße und jüdischer Abkunft sei; zugleich widerrief er all die Infamien, welche er gegen Juden und Judenthum geschrieben hatte. Am 21. November wurde er gefesselt nach Udine transportirt und, nachdem er wegen Betrügereien eine siebzehntägige Haft abgebüßt, über die Grenze geschafft. Er schnorrte sich bis nach Syra durch, wo er einige Monate blieb, bis ihm auch dort der Boden zu heiß wurde, und ist, wie erwähnt, gegenwärtig in Athen, wo er die antisemitische Literatur und seinen Geldbeutel durch eine neue Hetzschrift bereicherte. L. L. Wien. (Cinzelnverschleiß-Licenz für das antisemitische Hetzorgan „Deutsches Volksblatt".) Nebst dem „Neuen Wiener Tagblatt" und der „Oesterreichischen Volkszeitung" ist auch dem „Deutschen Volksblatt" der bisher versagt gewesene Cinzelnverschleiß gestattet worden. Das „Deutsche Volksblatt", welches sich zur Aufgabe gemacht hat, in rüdestem Tone systematisch gegen die Juden, denen durch die von Seiner Majestät sanctionirte Verfassung gleiche Rechte und gleicher gesetzlicher Schutz gewährleistet ist, zu hetzen und zu schüren, Haß und Zwiettacht in die Bevölkerung zu tragen und zu Feindseligkeiten und Gewaltthaten gegen unsere Glaubensgenossen.zu provociren, wird nun die weiteste Verbreitung finden und den weitesten Bevölkerungsschichten zugänglich sein. Die Wirkung dessen dürfte möglicherweise bald zu Tage treten. Das Judenthum hat jedoch schon schwerere und gefährlichere Situationen überdauert und es darf wohl der zuversichtlichen Erwartung Raum gegeben werden, daß es auch diese neueste „Affaire" ohne tiefeinschneidenden Nachtheil

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