Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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rdriB^afaaBBfs*:.- *a Nr. 37 Orstrrrrtchlschr WochrnschrM- Seite 671 des Generals, der sich in Kurzem als Staatsoberhaupt sah, aus patriotischen Rücksichten verlangt, sie mögen es verhindern, daß die Börse den Wahlsieg des Generals mit einer Baisse beantworte, da sie damit den deutschen Baissiers das Spiel erleichtere, die schon seit Langem unter dem Vorwände: „Boulanger bedeute den Krieg" den Markt drückten. Baron Rothschild, der übrigens — gleich dem Minister-Präsidenten Floqnet — der Meinung war, Boulanger werde nicht gewählt werden, gab die gewünschte Zusage, und thatsächlich machten weder das Haus Rothschild, noch dessen Freunde am 28. Jänner Verkäufe, so daß die Börse an diesem Tage nur eine unbedeutende Baisseschwankung zu verzeichnen hatte. Der Regierung selbst war diese Indifferenz der Börse nur angenehm. da eine finanzielle Deroute ihre Verlegenheiten nur vermehrt hätte. Interessant ist die Erzählung Mermeix' betreffend die Rolle, we.che der unlängst verstorbene Baron Billing (dem Andenken dieses „sehr lieben Freundes" hat der Autor seine Brochüre gewidmet) als Unterhändler zwischen dem Baron Rothschild und der boulangistischen Partei während der 1889er Wahlen gespielt haben soll. Dieser ehemalige Diplomat, ein Elsässer, war als Schulkamerad eines der Barone Rothschild mit dem Hause Rothschild stets sehr liirt, und als er sich dem Boulangismus angeschlossen hatte, machte er dem Baron Alphonse Rothschild den Vorschlag, dieser möge seinen Einfluß dahin geltend machen, daß die I raeliten von Algier für eine Liste boulangistischer Candidaten stimmen mögen, an deren Spitze der Baron Billing als Candidat fungirte. Dagegen versprach Baron Billing, daß die antisemitische Agitation der Bvulangisten in Algerien, welche ans einen direeten Widerruf des 1870er Emancipationsdecrets abzielte, eingestellt würde. Baron Rothschild lehnte es vollständig ab, hierauf einzugehen und bot dem Baron Billing als seinem Freunde und ohne politische Rücksicht an, dessen Candidatur zu unterstützen. Die boulangistischen Candidaten in Algerien wurden übrigens alle geschlagen, und Baron Billing selbst zog seine Candidatur zurück. Die erste Verbindung zwischen den clerical-monarchistischen Elementen und den antisemitischen Bvulangisten brachte. der Marquis Mores zu Stande, ein abenteuerlicher Aristokrat, der aus persönlichem Haß gegen den Minister des Innern Constans (der ihm in Tonking Unannehmlichkeiten bereitet hatte) während der 1889er Wahlen boulangistischer Wahlagitator geworden war. Als im Jänner 1890 der Bonlangist Francis La ur in Folge der Annulirung seiner Wahl durch die Kammer in Neuilly ein zweites Mal anstrat, erregte es Aussehen, als zu der Wählerversammlung vom 18. Jänner ba Marquis Mores alle seine aristokratischen Freunde von den Pariser .Zrauäs eerclezmitbrachte, und durch diese, zumeist inngen Leute sich selbst, sowie die antisemitischen Ausfälle Drnmont's und Lanr's applaudiren ließ. Die Allianz zwischen den Boulangisten und den Antisemiten war sozusagen officiell geworden, und der Marquis Mores, der dieselbe zu Stande gebracht, hatte bereits einen antisemitischen Feldzug in großem Style für die bevorstehenden Municipalwahlen von Paris ausgearbeitet, als das Erscheinen von Drnmont's Buch: „veruiörk Bataille“ Alles verdarb. In diesem Buche hatte Drumont nämlich nicht nur die geringschätzigsten Dinge über den damals besiegt und verbannt aus der Insel Jersey weilenden General geschrieben, sondern auch über den verstorbenen Vgter des Generals die schmählichsten Geschichten erzählt. Vergebens hatte der Marquis Mores von Drumont zu erlangen gesucht, mit dem Erscheinen des Buches bis nach den Municipalwahlen zu warten. Auf der großen Parteikonferenz, die unmittelbar nach dem Erscheinen dieses Buches auf Jersey unter dem Vorsitze des Generals stattfand, kam es zn einer heftigen Scene. Da die Frage der Wahlallianz mit den Antisemiten zur Sprache kam, erklärte der General, es sei gar nicht nothwendig, daß M. Naquet meritorische Gründe vorbringe, denn er werde niemals die Hände Jener acceptiren, die seinen tobten Vater schmähten. Er werde auch Jene, die sich von diesen Verleumdern nicht lossagen, nicht mehr als seine Freunde betrachten. Als nun Laur etwas zur Verteidigung Drumonts Vorbringen wollte, kam es zu einer heftigen Scene. Der General wies ihm die Thür, und erst bei dem folgenden Mittagmahle legten sich Freunde in's Mittel. Laur brachte, Thränen in den Augen, einen Toast auf den General aus, dieser reichte ihm die Hand, und Alles ward vergessen. Allein der Beschluß des boulangistischen Comite's, bei den Pariser Municipalwahleu die antisemitischen Candidaten zu bekämpfen, wurde sehr ernst ausgeführt, und aus jener Zeit datiren sehr heftige Philippiken M. Deroulede's gegen den Antisemitismus. Es ist übrigens bekannt, daß bei jenen Wahlen die Pariser Boulangisten definitiv geschlagen wurden, zu nicht geringer Schadenfreude der antisemitischen Candidaten, die. gleich M. Drumont selbst, eine bis zur Lächerlichkeit geringe Stimmenanzahl zu erzielen vermochten. Der Marquis Mores hatte vergebens von seinen aristokratischen Freunden große Geldsummen zusammengebracht, die er an die antisemitischen Candidaten gegen einen (von Mermeix wortgetreu veröffentlichten) Revers zur Deckung ihrer Wahlkosten austheilte. In diesem Revers kommt das Wort „Antisemitismus" nicht vor. Der Candidat verpflichtete sich nur, für Schaffung von Darlehens- Syndicaten, für die Errichtung eines Staatsgerichtshofes zur Eruirnng und Bestrafung der „Staatsdiebe" (eine Drumont'sche Idee), sowie für Einberufung einer constituirenden Nationalversammlung zu wirken. Mit den Pariser Municipalwahlen hatte der Boulangismus au und für sich, sowie hinsichtlich der Allianz mit den Antisemiten seine Bedeutung verloren. Den Letzteren erwuchsen indessen von rechts und links Bundesgenossen in der „Autorite" Paul de Cassagnac's und im „Jntransigeant" Henri Rochefort's. Cassagnac wurde durch die clericalen Leser der Drumont'sche» Bücher, die ihn fortwährend mit Zuschriften bestürmten, bewogen, im Drumom'fchen Sinne zu schreiben und seitdem dieser seine „Libre Parole" erscheinen läßt, ist die Furcht, Leser au das Drumont'sche Blatt zu verlieren, ein neuer Sporn für den alten bouapartistischeu Preßhußaren, in seinen Spalten zu wüthen. Wichtiger für die Präparation der öffentlichen Meinung, besonders der breiten Schichten ist die antisemitische Färbung, die Henri Rochefort dem ungleich weiter verbreiteten „Jntransigeant" gegeben hat, seitdem er sich selbst den Glauben beigebracht hat, ohne die Artikel des Juden Reinach und das Geld Rothschild's wären Boulanger und er nicht verurtheilt worden. Man darf nicht vergessen, meint Mermeix zur Beleuchtung der Wichtigkeit des „Jntransigeant". daß in Frankreich über dreihundert populäre Comite's ihre Impulse vom „Jntransigeant" empfangen, mit dessen Redaction sie regelmäßig correspondiren. Das Verdienst, sich von jeder Intimität, von näherer Verbindung mit dem Antisemitismus ferngehalten zu haben, vindicirt Mermeix (der sich als Socialisten declarirt) der socialistischen Partei, die trotz der socialistisch sein wollenden, in Wahrheit aber willkürliche Raubacte fordernden Schlagworte Drnmont's und Mores' jede Gemeinschaft mit den Antisemiten perhorresciren. Wenn man sieht, wie Mermeix in den in Vorbereitung befindlichen und in den bereits vollzogenen Acten der republikanischen Gesetzgebung sich von seinem „socialistischen" Standpunkte als sehr befriedigt erklärt, wie er der Ueberzeugung Ausdruck verleiht, daß Frankreich auf dem Wege friedlicher, gesetzgeberischer Arbeit die Forderungen der socialistischen Partei in weitestem Umfange zu befriedigen vermag, so kann man die Selbstbezeichnung des Autors als „Socialisten" nur als idealistische Formel gelten lassen. Mermeix, der allerdings Ursache hat, seine einstige Verbindung mit dem Boulangismus zu entschuldigen, führt schließlich aus, wie segensreich die boulangistische Bewegung in ihren Folgen hinsichtlich der friedlichen Fortschritte der socialistischen Ideen in Frankreich gewesen ist, indem sie die Männer der verschiedensten Parteien zusammenführte und dadurch für die socialistischen Ideen Propaganda machte, da unter der „Drohung" des Boulangismus alle Parteien socialistische Ideen in ihr Programm aufnahmen. Die Republikaner im Parlament haben unter dem Drucke der boulangistischen Bewegung sich mit größerem Fleiße als früher mit dem Studium von Arbeitsgesetzen beschäftigt. Der Autor hält schließlich dafür, daß der Socialismus und die gedeihliche Entwicklung und Erfüllung von dessen Ideen, die gegenwärtig auf dem besten Wege sei, keinen größeren Feind haben könne, als die antisemitische Bewegung, da diese nichts mehr als eine Reaktion auf allen Gebieten bringen könnte. Der Antisemitismus sei eine Krankheit des Socialismus und der Autor hofft, daß diese krankhafte Krise von kurzer Dauer sein werde. _ B. P—ki, HorresMnäenLen. E. B. Wien. (Wieder ein durchgegangener antisemitischer Genossenschafts-Borsteher.) Die Einführung des modernen Zunftzwanges der Genossenschaften bildete ein Hauptverlangen in dem Programme der antisemitischen