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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-09 · 37 (9.9.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 670 Orstrrreichischr Wochenschrist. Nr. 37 Die Juden in Frankfurt an der Oder bezeugten eine ganz besondere Liebe gegen die Salzburger. Sie reichten ihnen nicht nur eine Collecte dar, sondern sie baten auch recht inständig, der Herr Hofrath Thering möchte sie doch soviel würdigen, daß sie einige Pilgrim in ihre Wohnung aufnehmen dürften, um ihnen nach Bermögen Gutes zu thun. Dergleichen Exempel des Mitleideus fand sich auch in RcgenSbnrg bei einem dortigen Schutzjuden, namens Salomon. Als dieser horte, daß die Dürnberger in Regensburg ankommen würden, meldete er sich von freien Stücken, und bat sich aus, von den ankommenden Salzburgern gern 20 Personen aus seine Kosten zu verpflegen. Aber der Rath wollte ihm nicht mehr als ihrer zwölfe vcrstatten. Diese verpflegte er aufs herrlichste und beschenkte sie reichlich. Und was soll man von unseren berlinischen Juden sagen? Männer und Weiber haben diesen verjagten Leuten nicht allein bei ihrem Einzuge in die Stadt vieles zugeworfen. Sondern sie sammelten auch sogleich des andern Tages nach der Ankunft des ersten Trupps aus freien Stücken eine Collecte in ihrer Synagoge. Die beiden Vorsteher der Juden lieferten dieselbe noch selbigen Tages bei dem Herrn Geheimen Rath von Herold ab, und stellten folgende eigenhändige Erklärung darüber aus: _ „Nachdem aus Verlangen der hiesigen Judengemeinde die Aelteften am heutigen äato in der Synagoge eine Collecte für die salzburgischen Emigranten ausgebracht, gleichwie wir in der Thora oder altem Testament von Gott gar vielfältig, dergleichen Fremden zu adsistiren, ermahnt sind, und dann obige Collecte drei und dreißig Thalcr acht Groschen sich belaufen; als haben wir solche Gelder an des Herrn Geheimen Rath von Herold's Hochwohlgeboren zu weiterer Beförderung in Gottes Namen abgeliefcrt. Berlin, den 1. May 1732. Mayer Samuel und Bcnediktus Mayer." Die Juden Frauen schickten auch zweihundert Ellen Leinewand für sie ein, und baten, das; man solches dergestalt unter sie verthcilen möchte, damit die Aelteften und Acrmsten unter ihnen nicht dabei vergessen würden." Aus Bd. ii. S. 211. „Ein Jude in Coburg, der nicht weit von der Stadt wohnte, schickte am 21. Juni 1732, als man vor die Salzburger eine Collecte sammelte, zwei Gulden aufs Rathhaus mit dieser Aufschrift. „Standhaften, armen vertriebenen Leuten ein klein Präsent." Desgleichen thaten auch die Würzburgischen und Bamberg ischen Juden, welche durch Coburgische Bürger etliche Gulden und Thaler überreichen ließen. Fast nirgends hat sich ein Jude gesunden, der diese Betrübten noch weiter betrübt hatte." Bd. H. S. 437. „Tie Juden bezeugten sich so liebreich gegen sie, daß die Emigranten sich nicht genug darüber verwundern konnten. Diejenigen, die in der Landgrafschast Hessen-Cassel wohnten, sammelten unter sich eine Collecte, die sich über 4000 Thaler belief. Als sie durch obengenanntes Land reisten, kamen die Vornehmsten nnt-w ihnen den Emigranten entgegen und überreichten ihnen das gesammelte Geld. Sie bedienten sich dabei dieser Worte: „Die Umstände, in denen wir euch sehen, verursachen, daß wir au den Ausging unserer Väter aus Egypten gedenken. Wir sind voller Verwunderung wegen der Ursachen, die euch angetrieben haben, euer Vaterland zu verlassen. Wir bitten euch, dieses Geld anzunehmen, als ein Kennzeichen, daß wir Theil an eurem Zustande nehmen." Hiedurch wurden etliche unter den Berchtolsgadern so bewegt, daß sie voller Verwunderung ansriescn: „Ist es möglich, daß diese Leute, tvelche man als Feinde anzusehen lehret, die Bruder selbst beschämen, welche wie wir an Jesum Christum glauben wollten, uns doch auf das Heftigste verfolgen und gar verjagen." Möchten die protestantischen Antisemiten, besonders die evangelischen Geistlichen, die dem Antisemitismus Schergcndienste leisten, dies beherzigen. Vielleicht sind unter ihnen solche, deren Ahnen sich unter den ausgewanverten Salzburgern befanden. «Aus den Berliner „Miltheitnngen des Bereines zur Abwehr des Antisemitismus.") Mermeix über den französischen Antisemitismus. Paris, 27. August. Mermeix, der bekannte Pariser Journalist, welcher in die active Politik mit einem so nachhaltigen Eclat eingezogen ist, wie es vor zwei Jahren mit seinen durchwegs unbekannten, allein wahre Thatsachen enthaltenden Enthüllungen, „Coullssengeschichten" über den Boutangismus. der Fall gewesen, hat in der Deputirtenkammer, deren Mitglied er seit 1339 ist, nicht viel von sich reden gemacht. Die Hauptschuld daran trägt wohl seine Krankheit ) die ihn zwang, für elneu Winter das milde Klima Algeriens aufznsnchen. Vor Kurzem wieder zurückgekehrt, hatte ihn die Erscheinung der über handnehmenden antisemitischen Agitation, besonders seit dem Erscheinen des Drumont'schen Journals rLibre Parole-4 dermaßen srappirt, daß er als „Notiz zu einem zeitgenössischen Factum" eine Broschüre unter dem Titel: „Die Antisemiten in Frankreich" veröffentlicht hat. Insofern der französische Antisemitismus eine Art Zufluchtsstätte für beschäftigungslose Ex-Boulangisten geworden, ist Niemand geeigneter als Mermeix. die Fäden, an denen Boutangismus und Antisemitismus zusan:menhängcu, mit präciser Anschaulichkeit darzulegen. Allein auch Entstehen und Entwicklung des vorbonlangistischen Antisemitismus, soweit es Frankreich betrisst, weiß Mermeix mit haarscharfer Richtigkeit zu kennzeichnen. Vergebens — so schildert Mermeix — hatte der Seandalbnch Schreiber Jahre hindurch gegen die französischen Juden drei Hanplgravamina geltend gemacht, ein religiöses, ein nationales und ein öevnomisch-soeialistisches, ohne seine „Ideen" irgendwie populär zu machen. In Wahrheit haben der gegenlvärligcu anscheinenden Vitalität dieser Bewegung zwei Ereignisse vorgearbeitet. Der 1332 er Krach der Bontoux'schen „Union Generale" und die sieben Jahre später eingetreiene Catastrophe des Bonlangismus haben das seltsame Ergebnis; gehabt, in einem gemeiusameu Hasse viele zum Gefolge des Generals gehörende Revolutionäre, einige Familien des alten Hochadels und einen rvichtigen Theil der cvnservativen Bourgeoisie und der Geistlichkeit zu vereinigen. Die Legende, daß die „jüdische lianrc bannue1 von der republikanischen Regierung den gewaltsamen Ruin der „Union Generale" erschachert hätte, ward von Bvntvux selbst, als begneme Erklärung und beste Entschuldigung für seine Fehler, in Curs gesetzt. In Wahrheit aber war der 1332 er Krach außer den eigenen Fehlern der von der Bontoux'schen Verwaltung geleiteten Agiotage und Ucberspeeulativn, durch politische Motive beeinflußt. Wenige Tage nach dem Sturze des Ministeriums Gambeita forderte ein gambeltistischer und „antieleriealer" Teputirter, M. Salis, das Cabinet Freyeinet in einer Jnlerpellativu znm Einschreiten gegen die „katholische" Bank Bvnlvnx' ans. Der neue Justizminister, M. Humbert, wollte sich und dem Cabinet keine überflüssigen Verlegenheiten von Seite der Gambettisten und damals so einflußreichen „Anticlericalen" znziehen und ließ Bontoux mit Feder verhaften. Ein ganzer Complex von privaten und politischen Interessen hatte sich damals gegen die „Union Generale" vereinigt, und dennoch wurde die von Bontoux ausgesprengte Legende, als habe man ihn und seine Bank jüdischen Ränken „geopfert", von den Opfern des „Krachs", in katholischen und aristokratischen Kreisen geglaubt. Doch erst die Niederlage des Bonlangismus ermöglichte cs der bisher nur in Clubs und Pfarrerünben betriebenen Agitation, sich in tveiteren Kreisen zu manisestiren. General Bonlanger selbst war weder Antisemit, noch konnte er die antisemitischen Allüren einiger seiner Anhänger gntheißeu in dem Augenblicke, da Eugene Mayer, der Herausgeber der „Lanterne", eine seiner Hauptstützen in der Presse, und der Senateur Nagnet, sein einflußreichster politischer Beralher, Juden waren. Als Eugene Mayer sich von Bonlanger trennte und M. Joses Ncinach, ein Jude, der Erste war, der gegen den General die Anstrengung des Staatsprocesses in der „Repnbligue Franeaise" mit solcher Beharrlichkeit verlangte, das; der Generalprocurator seine spätere Anklageschrift ganz ans Reinach's Artikeln zusammenstellen konnte, erlangten die antisemitischen Elemente der Partei Boulanger's größere Freiheiten in ihren Bewegungen. Nichtsdestoweniger hat der General Bonlanger einer Deputation israelitischer Wähler gegenüber, die kurz vor der Pariser Wahl vom 27. Jänner 1389 bei ihm erschien, die antisemitische Agitation in unzweideutiger Weise gebrandmarkt. Die antisemitische Haltung mehrerer Boulaugisten hatte dennoch zur Folge gehabt, daß die Pariser Juden fast sämmtlich für Jacgues, den Gegencandidaten des Generals, stimmten, und das 111. Arrondissement von Paris, in welchem die jüdischen Wähler am zahlreichsten sind, war das einzige, in welchem Jacgues die Majorität erlangte. Mermeix erzählt sogar, Dillon sei einige Tage vor dieser Wahl zum Chef des Hauses- Rothschild, sowie zu den Spitzen der ersten Banken gegangen, und habe von diesen im Namen

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