Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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arMgjgagfseg-i. j Nr. 37 Orsterrrichifchr Wochenschrift Seite 669 Das Schuldenmachen betrieb Joachim II. meisterhaft nach 1540 fort — bis zu seinem seligen Ende. Jedem Landtage kündigte er neue Schulden an, seine Versprechungen hielt er nicht, viele Kirchengüter wurden an Junker, die ihm borgten, verschenkt. Als er starb, belief sich die Summe der Schulden, welche die Landstände übernehmen mußten, auf 3,689.981 Thaler. Ein ausgezeichneter preußischer Finanzschriftsteller Krug berechnet, daß diese Summe nach dem Silberwerth von 1820 mindestens 22.139.000 Thaler betragen würde und im Verhältniß der damaligen Bevölkerung zu der des preußischen Staates von 1820 e!ner Schuldenlast von 500 Millionen Thalern gleichkomme — für das jetzige Preußen also mindestens 5 Milliarden Mark. Geld hatte Joachim II. unter die Leute zu bringen verstanden, aber der kleine Mann in Stadt und Land hatte herzlich wenig davon bekommen. Und doch soll Joachim ein wohlwollender Herr mit „weiter, freier Umsicht und verschiedenen anderen Regententugenden" gewesen sein. Nach Joachims Tode wurde Anna Sydow, die schöne Gießerin, nach Spandau in's Gefängniß geschickt, eine andere Geliebte des Curfiirsten aus dem Lande gejagt und sein Münzmeister Lippold — ein Jude — dem auch viele Junker verschuldet waren, nach arisch-germanischer Moral — hingerichtet. Bei der Regulirung der Hinterbliebenen Schulden auf dem Landtage von 1572 ging es noch weit schlimmer über die Bauern her, als 1540. Jetzt mußten die Städter und die Bauern alles allein bezahlen. Der Adel wurde jetzt zum Herrn des Bauern gemacht, der ihm Frohnden und ungemessene Dienste leisten mußte. Der Adel hat die unter Joachim II. thalsächlich getvonnenen Befugnisse über die Bauern — wie Droysen sagt — „nun als politisches Recht zugesprochen erhalten; er hat zugleich den Stand der Städte vollständig überholt; sie und die Bauern tragen die Schuldenlast des Landes, an der der Adel nur insofern Theil nimmt, als er seine Bauern und deren Vermögen als Pertinenzstücke seines Vermögens, seines Gutsterritorinms anzusehen berechtigt ist" . . . So sieht es in Wahrheit aus mit „christlich-germanischen Heroen" die uns die österreichischen Deutschnationalen zur Verehrung anbieten— an Stelle der altbiblischen Erzväter! oder die Lichtgestalten aus der Geschichte Jsrael's! Nun — uns kann's recht sein! „ Jüdischer Christenhatz" und „jüdische Herzlosigkeit" Von diesen Charaktermerkmalen der Inden predigen sie auf der Kanzel, reden sie in den Hetzversammlungen! Namentlich die alten, ftommgläubigen Inden sollen von diesem blutdürstigen Christenhaß beseelt gewesen sein. Da ist es am wirksamsten, die Geschichte zu befragen, wie sich Inden Nichtjnden gegenüberbenommen haben. Als im Jahre 1732 30.000 Protestanten aus dem Erzbisthum Salzburg vertrieben wurden, nahm sie Preußen gastfreundlich auf. Die Beschreibung der Reise findet sich in dem durchweg selbsterlebten Werke von dem Salzburger Emigranten Gerhard Gottlieb Günther Göcking: „Vollkommene Emigrationsgeschichte von denen aus dem Ertz-Bißthum Saltzburg vertriebenen . . Lutheranern" . . und erschien zwei Jahre darauf (1734) bei Christian Ulrich Wagner, Frankfurt und Leipzig. Buch n. V. Cap. lautet: Wie diese Pilgrim auf ihrer Repse von den Juden ausgenommen? Darin heißt es (Bd. I. S. 561—566): „Wem ist unbekannt, daß die Juden sonst abgesagte Feinde der Christen können genannt werden? ... Um dieses Jesu und seines Worts willen haben die Emigranten Vaterland, Häuser, Höfe, Aecker, Vieh, Vater, Mutter Kinder, Verwandte und Bekannte verlassen, und haben die beschwerlichsten und mühsamsten Reisen unternommen. Können sich nun die Salzburger wohl vernünftiger Weise von denen das geringste Gutes versprechen, die diejemgen verwerfen und verachten, um deffenwillen sie Fremdlinge und Pilgrim worden? Gleichwohl aber ist es doch wider alles Bermuthen geschehen. Die Juden haben diesen Glaubenshelden an vielen Orten Liebe erwiesen, fast an keinem einzigen ihnen aber das geringste Leid zugefügt. Es hat mir die Antwort insonderheit gefallen, die ein Jude an einem Orte Jemandem gegeben, da er gefragt worden: Warum er diese Leute so reichlich beschenkte, da es doch Christen wären? Es bestund dasselbe darin, daß er sagte: Es wären doch aber Menschen, und wären auch nach dem Bilde Gottes geschaffen. Gott aber habe befohlen, man solle sich gegen Fremdlinge gütig bezeugen. Und er stellte sich das Exempel seiner Vorfahren dabei vor, als sie aus Egypten gezogen. Denen würde es ohne Zweifel wohl gefallen haben, wenn ihnen andere auf ihrer Reise gütlich gethan, und sie erquicket hätten. Man wird demnach hier dasjenige, was sonst davon bekannt worden, dem geneigten Leser mittheilen. Den Anfang davon machte man billig bei kurz vorhergedachtem papistischen Dorfe Klein-Nördlingen. Hier konnten die Emigranten keinen Tropfen Wasser kriegen, ob sie es gleich für Geld zu erkaufen sich erboten. Die Papisten, wie gedacht, hatten alle Eimer von den Brunnen abgenommen. Das erfuhren die dortigen Juden. Weil nun dieselben ihre eigenen Brunnen haben, so führten sie die Emigranten selbst dahin und ließen ihnen schöpfen, so viel sie wollten. Ja, was noch mehr? Sie reichten ihnen Bier und Brod und leisteten ihnen alle hülfliche Handleistung. Und da sie wegzogen, gaben sie ihnen nach ihrem geringen Vermögen noch Geld mit auf den Weg. In Harburg, Guntzenhaus.m, Weimar und Hildesheim trifft man auch dergleichen Exempel von den Juden an, daß sie diesen Wanderern die Beschwerlichkeit ihrer Reise zu versüßen gesuchet. Die Juden in Harburg beschenkten sie nicht allein, sondern erboten sich auch, ihnen freie Herberge zu geben und sie in ihre Wohnungen aufzunehmen. Die Juden in Guntzenhausen sind selbst blutarme Leute. Aber demungeachtet brachten sie zwei Reichsthaler unter sich zusammen und trugen solches zu dem Commissario Göbel, mit der Bitte, diese Kleinigkeit unter die Salzburgischen Emigranten zu vertheilen. Weil nun damals eben keine zugegen waren, auch nicht sofort tvelche zu vermuthen stunden, so schickte es Herr Göbel zu dem Herrn Kriegsrath Herold nach Halle. In Hildesheim erzeigeten sich die Juden gleichfalls freigebig bei dem Durchzuge der Emigranten und beschenkten sie reichlich. Und auch in Weimar, allwo damals eben etliche Juden in der Stadt waren, legten sie ihr Mitleiden und Wohlthun auf eine ihnen sonst ganz ungewöhnliche Art zu Tage. So muß man auch die Freigiebigkeit und das Mitleiden der Halberstädtischen Juden gegen diese Flüchtlinge rühmen. Diese legten 36 Thaler freiwillig unter sich zusammen, und händigten solches dem Herrn Kriegsrath Uffino ein: Ja, ich habe die gewisse Nachricht, daß dieselben, wenn man alles zusammenrechnet, was sie ihnen hier und da in Halberstadt geschenkt, beinahe anderthalt hundert Reichsthaler ihnen zugewandt. Und was das meiste, so haben sie von freien Stücken und aus eigenem Trieb in dem Tempel ausrufen lassen: Der solle verflucht sein, der den geringsten Profit an diesen Leuten suchte. In Halle trug sich auch eine artige Begebenheit mit einem Salzburger und Juden zu. Es wurde an diesem Orte einem Emigranten ein ganz neues und blankes Achtgroschenstück von einer gewissen Person geschenkt. Dies kannte der Salzburger nicht, warf es aber in der Hand von einer Seite zur andern, besah es stets, verwunderte und freute sich darüber. Nicht weit von ihm stand ein Trupp Juden, und sahen solches lange Zeit mit an. Um aber zu sehen, was der Emigrant wohl machen, und wie er sich faffen würde, so lief einer hinzu, und riß ihm das fchöne Stück Geld aus der Hand. Der Salzburger stand stille, sah den Juden ein Weilchen von der Seite an nnd sagte endlich: „Das vergebe Dich Gott, daß Du mir den Groschen nimmst!" Und weiter sprach er kein Wort. Darauf aber gab ihm der Jude nicht allein wieder die acht Groschen zurück, sondern schenkte ihm noch ein mehreres dazu. In Nauen stand eine Jüdin auf der Gaffe, die einen Beutel mit Geld in der Hand hatte. Diese theilte aus ihrem Beutel allen und jedem mit, die vorbei g ngen. Nun fand sich auch ein kranker Mann unter den Salzburgern, welcher nach der Apotheke ging, um sich daselbst Arznei geben zu laffen. Der Apotheker gab ihm auch dieselbe ohne Entgelt. Die Jüdin, welche dieses kranken Mannes ansichtig wurde, ging hinüber an die Llpotheke. Da er nun wieder herauskam, bot sie ihm auch etwas Geld an. Allein er weigerte sich, solches anzunehmen; und alles Bittens ungeachtet nahm er es dennoch nicht. Weil er nun sehr schwach war, so nahm ihn der Commiffarius zu sich in seinen Wagen. Unterwegs fragt er ihn: Warum er in Nauen das Geld von der Jüdin nicht annehmen wollen? Er gab aber zur Antwort: Er habe sie für eine Frau angesehen, die vielleicht ärmer wäre, und das I Geld nöthiger hätte als er; und deswegen glaube er, er würde gesündigt haben, wenn er das Angebotene von ihr angenommen! hätte.