Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Kestrrrrichisrhr Wochrnschrifl. Sette 667 träge zur Bertheidignug des Judenthums und der Juden enthalten. Das ist in sehr kurzen Umrissen der Kriegsschauplatz, das sind die Objecte, um welche ein erbitterter Kampf geführt wird, das sind die Hilfsmittel oder Hilfstrnppen für eine siegreiche Verteidigung. Wer die vorhandene apologetische, jüdische Literatur kennt, wird muthig und siegesgewiß zur Verteidigung schreiten. Wir kommen nun zum Ausgangspunkte dieses kurzen Essays zurück. Wer soll, fragen wir nochmals, in der vorderen Front stehen, wenn die antisemitischen Trommeln wirbeln nnd mit indianischem Geheul zum Kampfe ans Leben und Tod herausfordern? Genuß, zunächst die Rabbiner, deren Obhut das Jndenthum anvertrant ist nnd die vermöge ihre-:- Berufes verpflichtet sind, geistige nnd materielle Arbeit dem Schutze nud der Ehre desselben zu widmen. Es muß daher in einem Lehrplan für die Heranbildung von Rabbinern in unserer Zeit die Avologetik des Judenthums alseine wichtigeDiseiplin vorgetragen werden,und nm die-: zu können, muß ein Lehrbuch der Apologetik des Judenthums ansgearbeitet werden. Die großen jüdischen Gemeinden müssen die Summe, welche die Herstellung eines solchen W rkes erfordert, bereitivillig vergeben. Das sind sie sich, der Ehre des Judenthums und dem Schutze ihrer Glaubensgenossen schuldig. Es würde, abgesehen von der Heranbildung von Rabbinern, dem Jndenthum im Allgemeinen gute Dienste leisten. Vielleicht dürfte die Ausschreibung einer Preisfrage, in welcher die Methode der Bearbeitung ausführlich angegeben werden müßte, rasch zum Ziele führen. — Cholera. Berlin, 2». August. Die Furcht vor der Cholera, deren hebräischer Raine (Clioli ra - böse Krankheit» eigentlich nur begreiflich ist, wenn mau daran denkt, tvelche besonderen Leiden unsere Ahnen in der Zeit großer Epidemien zn erdulden hatten, hält augenblicklich die Gemüter fast in allen Theilen unseres Welttbeils in Aufregung. Als im vierzehnten Jahrhundert zuerst der „schwarze Tod" durch Europa zog, da hieß es allgemein, die Inden hatten die Brunnen vergiftet. Der Verdacht entstand daher, das; die Inden, wahrscheinlich in Folge ihrer mäßigen Lebensweise, nieniger von der Seuche hinweggerasft wurden. Hnnderttansende unschuldiger Menschen erlagen damals und auch später noch diesem Wahn. Heute wird selbst der wahnwitzigste Antisemit derartiges nicht behaupten dürfen. Und so kann man wohl sagen: „Gelobt sei, der die Zeiten ändert!" Heute rückt ein allgemeines Unglück die Menschen im Gegentheil näher zu einander; es fallen religiöse nnd nationale Schranken, und wiederholt schon hat eine solche Epidemie den Bacillus einer vorher grassirenden geistigen Epidemie getödtet. Gleichwohl soll es uns nicht wundern, wenn man ans Rußland demnächst berichten würde, daß auch dort das alte Wahngebilde in irgend einer veränderten Form wieder anfgetancht sei. Denn thatsächlich hat sich auch diesmal die von Aerzten und Statistikern bereits festgestellte Thatsache wiederholt, daß die Inden der Epidemie gegenüber eine größere Widerstandsfähigkeit an den Tag legen. Hervorragende medieinische Forscher haben diese Thatsache constatirt und an dieselbe weitgehende Betrachtungen geknüpft. Wir glauben, man brauche gar nicht so weit gehen, da die Ursachen ans der Hand liegen. Die mäßige Lebensweise, die ja auch gelegentlich schon den Juden zum Vorwurf gemacht wurde, ist sicher der Hauptgrund dieser merkwürdigen Erscheinung. Auch die sanitäre Bedeutung der Speise- und Reinhcitsgesetze darf hiebei keinesfalls unterschützt werden. Die Erhaltung der Gesundheit war ein dringendes Gebot der biblischen Gesetzgebung. „Damit ihr lebet und eure Tage sich verlängern", dieser Schlußsatz erklärt viele dem menschlichen Verstände sonst unbegreifliche Vorschriften. Liest man die Anweisungen der talmudischen Makrobiotik, so wird man erstaunen, wie weit schon damals die medieinische Empirie gediehen und wie wenig sich darin inzwischen verändert hat. Gerade mit Bezug auf allgemeine Epidemien gibt der Talmud eine große Zahl von Vorschriften, die mit der modernen Hygiene übereinstimmen. Der Tractat Baba Kama enthält eine solche Anweisung für das Verhalten während einer Seuche. Da heißt es vor Allem: „Gehe nicht an die Ecken des Weges, denn der Todesengel weilt daselbst", d. h. vermeide alle Extreme, weil sie gefährlich sind! Bis in das geringfügigste Detail sind die Vorschriften für Essen, Trinken. Gehen, Schlafen ausgearbeitet Hauptsächlich wird Mäßigkeit im Genuß dringend an's Herz gelegt. „So dein Mahl dir am besten schmeckt, beherrsche dich und höre aus", sagt ein talmudischer Lehrer, nnd zweitausend Jahre später sprach Hnfeland, ohne ihn zu kennen, denselben Satz wörtlich nach. Andere Satz: des Talmuds lauten: „Wer seinen Magen mit allerlei Speisen füllt, verfallt der Seuche". — „Mache dich früh auf nnd genieße: im Sommer wegen der Hitze, im Winter wegen der Kälte, denn so heißt es: sechzig Schnellläufer können den nicht cinholen, der am Morgen gefrühstückt hat". Besonders wird vor frischem Brod, jungem Bier und schwerem Gemüse dringend gewarnt. Ferner heißt es: „Hat Jemand gegessen nnd nicht dazu getrunken, so wird ihm sein Essen schädlich: es ist die erste Ursache zu Darmkrankheiten". — „Wer gegessen nnd daraus keine Bewegung gehabt, der muß krank werden, besonders nach dem Genuß schruer verdaulicher Speisen". — „Zerkaue mit den Zähnen nnd du wirst es in den Fersen fühlen, o. h. die nährende Kraft der Speisen wird dich stärken." Auch das Langfamessen wird dringend empfob'.en. ..Wer lange bei Tische verrveilt, dessen Lebensjahre verlängern sich." Ein besonderer Rachdruck wird auf Reinhaltung des Körvers und Wohnung und aus Bewegung gelegt. Baden u d Wa chen ist religiöses Gebot. „Sitze nicht zu viel, es erfragen sonst Unterleibsbeschwerden." Auch die regelmäßige Verdauung ist Gegenstand eitriger Fürsorge. Reine Lust, gleichmäßige Temveratur stehen als die ersten Bedingungen verzeichnet. Eindringlich wird vor allen Gemütnsanfregnngen, besonders i'.i Zeiten einer Epidemie, gewarnt. „Seufzer zerstören den Körper des Menschen." „Das Leben der Schwermüthigen, der Jähzornigen, der Traurigen ist gar kein Leben." Von den Speisen werden brsonders junges Geflügel nnd Eier, von Getränken alier Wein empfohlen. Als Moses Maimonides, der ja bekanntlich einer der hervorragendsten Aerzte des Mittelalters war, tausend Jahre später die diätetischen Regeln des Talmuds sammelte, da hatte er rvvhl ein Recht dazu ansznrusen: „Wer nach diesen Vorschriften lebt, muß gesund bleiben." Und wenn wir heute nach abermals Tausend Jahren in ernster Stunde die alten Folianten ansschlagen und jene hygienischen Vorschriften nochmals durchlesen, so ergreift uns ein eigenthümliches Gefühl, von Wehmnth und von Stolz gemischt, von Wehmuth darüber, daß ein solches Riesendenkmal menschlichen Geisteslebens so verkannt nud verlästert werden konnte, von Stolz daraus, daß die Bekeuuar des Judenthums zu allen Zeiten und in allen Ländern das Gesetz des Lebens so hoch gestellt, ja. daß ihnen dies Gesetz auch in den trübsten Tagen wichtiger als alle andern galt. Und dies Gesetz kannte keinen Unterschied des Glaubens oder des Standes: es war der Triumph der reinsten Menschenliebe. Durch die Straßen der großen Stadt Sephoris zog einst ein Rabbi, ausrnsend: „Wer braucht Leben? wer will Gesundheit kaufen?" Da eilten Viele herbei, um das Lebenskrant zn erwerben. Er aber zog ein Psalmbuch aus seinem Mantel hervor und las der erstaunt anshorchenden Menge die Sätze vor: „Wer ist der Mann, der am Leben Wohlgefallen findet, der den Tag liebt, nm Gutes zn schauen? Bewahre deine Zunge vor Bosheit und deine Lippen vor der Rede des Trugs. Entferne dich vom Bösen und thne nur Gutes; suche den Frieden und eile ihm nach!" Das ist talmudische Seelen-Diätetik, besonders wirksam in ernsten Tagen. „Allg. Ztg. des Judenthums.“ Deutschnationale Geschichtsfälschungen. Sind die österreichischen Deutschnationalen des Bismarck- Cultus bereits überdrüssig, oder dämmert auch ihnen wie den Berliner Genossen die Erkenntniß, daß Bismark im Grunde „bis auf die innerste Faser seines Wesens verjndet" und seine angebliche Größe das „augenfälligste Product jüdischer Reelame bildet" — genug an der Thatsache: An Stelle des Bismarck- Cnltus sehen wir bei diesen „Patrioten" einen bvzanlinischen Hohenzollern-Cultus sich breit machen und zur Verherrlichung dieses „echt germanischen Fürstenstammes" wird jede Geschichtslüge in Dienst genommen. Selbst Joachim II. präsentirt man uns als „einen gottesfürchtigen, seine Unterthanen beglückenden Hohenzoller," er wird uns gepriesen ob seiner „unsterblichen Verdienste um die Einführung bfcr Reformation."