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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-09 · 37 (9.9.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 666 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 37 leuchtende Beispiele treuer Pflichterfüllung und heldenmüthiger Tapferkeit. Die arische Welt hetzt und verfolgt sie gleich Parias, sie aber setzen ihr Leben ein für das ihrer Verfolger. Das ist dieselbe Nächstenliebe und derselbe Opfermuth, die einst den Bergprediger aus Nazareth beseelten, in deffen Namen heute alle Greuel gegen die Juden verübt werden. Die Judenaustreibung aus Rußland hat die Cholera über Europa gebracht und die Juden sind es, die den fürchterlichen Gast mit den Waffen der Wiffenschast und mit Aufopferung ihrer selbst verscheuchen. Sie vergelten Böses mit Gutem, sie pflanzen den Samen der Nächstenliebe, während die Saat des Haffes, die ihre Gegner ausgestreut, mit Tod und Verderben in die Halme schießt. —_ Die Apologetik des Iudenthums. Von Dr. Ad. Jellinek. I. Im Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts wurde von dem jüdischen Culturverein in Berlin auf Anregung seines Mitgliedes Dr. Leopold Zunz die Preisfrage gestellt: „Was war, was ist, was soll ein Rabbiner sein?" Die Frage ist bis heute nicht gelöst worden, muß aber im Interesse des Judenthums ihre Lösung finden. Die Beantwortung ist wohl schwierig, aber befriedigend zu ertheilen, wenn man ohne Voreingenommenheit, ohne Üebelwvllen gegen die Stellung und die Würde der Lehrer des Judenthums, ganz objectiv sie unternimmt. Wir wollen heute bloß dem dritten Theile der erwähnten Preisfrage unsere Aufmerksamkeit widmen, so verlockend es auch ist, den zweiten Theil zu behandeln, die ganz eigenthümliche Figur eines Rabbiners in unserer Zeit zu schildern. Aber auch aus dem dritten Theile unserer Frage wollen wir bloß in diesem Momente einen einzigen Punkt herausheben. Er betrifft die Bertheidignng oder die Apologetik des Juden thums! Es bedarf wahrlich keiner ausführlichen Motivirung, warum die Apologetik des Iudenthums von der dringendsten Wichtigkeit sei. Wir sind von allen Seiten umlagert von Feinden, die uns, um ein Bild des Psalmiste» zu gebrauchen, wie stechende Bienenschwärme bedrängen. Was wir glauben, was wir lehren, was wir sind, was wir treiben, was wir erstreben, was wir verlangen, unser Leben, unser Charakter, unser Fühlen, Denken und Hoffen, die Bibel, die Mischna, der Talmud, der Midrasch, unser rabbinisches Schriftthum, unsere fördernde Theilnahme an der wissenschaftlichen Literatur und der Tagespresse — alles, alles wird von unseren erbitterten Feinden angegriffen, entstellt, verdächtigt, verleumdet, als eine Gefahr für das Wohlergehen und die Sittlichkeit der Völker dargestellt. Die Ignoranten, die nicht im Stande sind, einen unpunktirten hebräischen Text richtig zu lesen, mehr Abschreiber als Schriftsteller sind, haben die Frechheit, die Welt über die Gefährlichkeit und Verworfenheit talmudischer und rabbinischer Werke zu belehren, Fälscher, Defraudanten und Meineidige predigen uns Moral und denunciren uns als Bekenner eines Glaubens, denen Nichtjuden gegenüber jede Schandthat erlaubt ist. Aber nicht blos in den Cloaken der Gesellschaft Hausen unsere Feinde, sondern auch in den höheren Schichten, in prunkenden Salons, in academischen Hörsälen, auf Ministerfauteuils, unter Gebildeten und Aufgeklärten herrschen schädliche Vorurtbeile gegen uns und werden verletzende Urtheile, oft aus Unwissenheit, über uns gefällt. Müssen wir doch noch immer einen Federkrieg führen, um uachzuweisen, daß das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" den Juden Jahrtausende vor Christus im dritten Buche Moses Cap. 20, Vers 19 eingeschärft wurde und daß dieses Gebot nicht bloß auf Juden, sondern auf alle Menschen ohne Unterschied der Raffe und der Religion sich bezieht. Ja, das Gebot der Nächstenliebe besitzen wir im Originale hebräisch, aus drei Worten bestehend, die sich unserem Gedächtniffe und unserem Herzen tief eingeprägt haben, während die Völker es mir aus der Uebersetzung kennen und wie schlecht ist diese Uebersetzung, wenn es sich um Juden handelt. Ist der Jude ein Mensch, ein Nebenmensch, ein Nächster, ein Reah? Fraget die Antisemiten, ftaget Rußland, fraget Rumänien! Ich habe daher, als es sich handelte, einen Lehrplan für die Heranbildung von Rabbinern in Oesterreich zu fixiren und denselben der Regierung namens des Wiener Let da Midrasch mitzutheilen, die Apologetik des Iudenthums und noch eine andere, bisher nicht beachtete Disciplin als obligate Gegenstände bestimmt. Nach dieser vorausgeschickten Einleitung lvill ich es versuchen, die Apologetik des Iudenthums als Disciplin für die Heranbildung von Rabbinern näher zu characterisiren und zwar bezüglich des Inhaltes und mit Rücksicht auf die Literaturgeschichte. Die practischen Consequenzen werde»« sich von selbst ergeben. II. Um zu erfahren, was die Apologetik des Iudenthums von ihren Forschern, Bearbeitern und Lehrern verlangt, müssen wir das Terrain kennen lernen, auf »velchem gekämpft wird, und die Objecte, welche vertheidigt werden müssen. Den ersten Platz in diesem religiös-wissenschaftlichen Streite nimmt die Bibel ein. Es sind dreierlei Angriffe, die gegen sie gerichtet werden: dogmatische, moralische und antisemitische. Die dogmatischen treffen jene biblischen Stellen, welche christ«)logisch oder messianisch gedeutet werden, anders von der Kirche und anders von der Synagoge. Die moralischen bezeichnen die Grundschriften des Iudenthums als ausschließlich national, particularistisch, beschränkt jüdisch, im Gegensätze zum Christenthuin, das weltumfassend ist und alle Völker vor Angen hat. Jsrael's Gott, sagt inan, sei ein nationaler, die Ethik des Iudenthums, z. B. die Nächstenliebe, eine ausgeprägt jüdische. Die antisemitischen, modernsten Datums, denunciren das Alte Testament als eine verwerfliche Religionsquelle. So verbreiten sie zum Beispiel, daß Abraham wie ein Schacherjude in seiner Fürbitte für die Bewohner von Sodom handelt und abhandelt. Josef, der durch seine Vorsorge Aegypten vom Hungertode rettete, erklären sie für einenKornwucherer. Diese dritteKampfpartei verlangt, daß die echten Antisemiten vom Christenthum, das aus dein Judenthume hervorgegangen ist, sich lossagen sollen. Nach der Bibel ist es das talmudische und Midrasch i s che Schriftthum, welches das reichste Arsenal der Polemik den Feinden des Iudenthums bietet und zur Apologetik desselben anfsordert. Im Mittelaller wurde der Talmud in Frankreich und in Italien verbrannt, in unserer Zeit verlangt man, daß er übersetzt werde, damit jedermann,, der so viel hebräisch wie Rohling versteht, dieses schändliche Werk lesen könne. Die Literatur aus dem Zeitalter des Rabbinismus liefert den judenfeindlichen Kämpfern gleichfalls reichen Stoff für ihr kriegerisches Handwerk. In dieser Literaturgattung ist es besouders der große Gesetzescodex von Maimonides, gegen den ein Sturmlauf unternommen wird. Uirsere antisemitische Epoche bekämpft. die Juden und das Judenthum nach einem ganz neuen Kriegsplane und dehnt seine Angriffe auf alles aus, was Juden betrifft, deren Moral, Character, Lebensführung, Handlungsweise, Beziehungen zu anderen Nationen, Hab' und Gut, sociale und bürgerliche Rechtsstellung, Heimat und Vaterland. Um mit Erfolg in diesen Kampf einzutreten und die Aufgaben der Apologetik zu lösen, muß man die polemische Literatur unserer Gegner und die apologetische der Juden studiren. Die älteren polemischen, sowie die antichristlichen zum Schutze der Juden verfaßten Werke sind bereits bibliographisch verzeichnet; die apologetischen, größeren und kleineren Schriften sind sehr zahlreich vorhanden. Die älteste Schutzschrift für die Juden ist das Werk gegen Apion von Josephus, das heute roch benutzt werden kann. Seit dem Erscheinen desselben haben die Juden zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern wichtige Beiträge zur Apologetik geliefert. Im Talmud und in den Midraschim fehlt es nicht an apologetischen Stellen. Die Juden in Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien, Polen und Rußland haben die apologetische Literatur bereichert. Besonders ragt Spanien hervor, in welchem die Juden genöthigt »varen, durch die Herausforderungen getaufter Juden in öffentlichen Disputationen und in besonderen Werken zu antworten und sich zu vertheibigen. Seitdem in Berlin die Pest des Antisemitismus ausgebrochen ist, hat die polemische und apologetische Literatur bezüglich der Juden sich bedeutend vergrößert. Ein hervorragender Apologet in der Gegenwart ist Dr. Bloch, der viele Jahre seines Lebens der Apologetik des Judenthuins gewidmet hat und ich erlaube mir hinzuzufügen, daß meine seit mehr denn dreißig Jahren erschienenen Reden und ethnographischen Schriften sehr viele Bei-

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