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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-09 · 37 (9.9.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. 37 Wien, S. September l8SS. IX. Jahrgang Centralorgsn für die gefammten Interessen des Iudrnthnms. -W K. k. Postspsreaffenaml Dle«ringverkrtzr Nr. 610.976. XrdsrNon u. Administration: Wir» 1. Nothrnthurmstrstzr 8S. Eigrnlhümrr: Aeichsralhs-Abgeordneter vr. Flach. Erscheint jeden Freitag. & Man adonnirt bei allen Pnstanstaltrn des ln- und Auslandes. Bezugspreis: Haldjädriz 4 fl. Einzelexemplar,: 25 i--. Anzeig7n: Die 4mal gespaltete Petrtzeile 12 Ir. Inhalt: Leitartikel: Indische M.tistcnliebe. — Die Apologetik des Jrldenthmns. — Cholera. — Deutschnationale Gesckichtsfälscüungen. — „Jüdischer CijriftonliaiY' uitb „jüdische Herzlosigkeir". — Mev.nür über den fraix;cfifd)en Antiseinitic-nms. — Correspondenzen: Wien, Ischl, Stanistan, Berlin, Leipzig, Düsseldorf, Aus Baden, Cöln a. Rb., Paris, London, Petersburg, Damaskus. — Vermischtes: Wien, Baden bei Wien, Schassa, Weißkirchen in Mähren, Bnde.veü, >ivmorn, Temesvar, Lillein, Amsterdam, Bern, Paris, Marseille. — Feuilleton: Darlehen. — Wochenkalend er. — Jnseraie. Jüdische Nächstenliebe. Der Begriff des persönlichen Mnthes ist je nach den Anschauungen der Zeit und den Sitten eines Volkes ein verschiedener. Auf dem europäischen Contilrente kommt es hänffg vor, daß mit Verachtung auf denjenigen berabgesehen wird, der den Muth besitzt, nach dem Verluste seines Vermögens durch Taglöhnerarbeit sich und die Seinen vor dem Hnngertode zu retten, der Amerikaner würde Denjenigen veralten, der vor solcher Arbeit zurückschreckte. Wir nennen es persönlichen Muth, wenn ein Ofsicier sich dem Spruche des Ehrengerichtes durch ciiun Revolverschuß entsteht; wenn aber ein chinesischer Mandarin an sich den Act des Harakiri vollzieht, nennen wir das feige, hündische Demuth. Wer ist tapfer und wer ist feige? Wenn ein christlicher Missionär im dunklen Welttheil den Martertod stirbt — ist das nicht eine tausendfach murhigere That, als wenn ein teutonischer Klopffechter wegen einer übermnthigen „Anrempelung" mit Seinesgleichen aus die Mensur tritt? Wenn ein Volk Jahrtausende hindurch namenlose Qualen erduldet, geschmäht, verfolgt, gequält und der Vernichtung preisgegeben wurde, und wenn dieses Volk dennoch unerschütterlich zu seinem Glauben gehalten hat, ist das nicht ein Heldenthum sondergleichen? Ist es nicht ein Heldenthuni, wenn der arme russische Jude, dessen Blick über die Pfähle seines Dorfes nicht hinausreicht, mit Weib und Kind die heimische Stolle verläßt und sich den trügerischen Wellen des unermeßlichen Oceans anvertraut, statt mit einem einzigen Worte sich Befreiung von allen Leiden zu erkaufen? Immer und immer wieder erheben die Antisemiten gegen die Juden jden Vorwurf der Feigheit, obgleich Vergangenheit und Gegenwart sie Lügen strafen. Von dem Augenblicke an, da Moses den Egyvter schlug und die Fesseln des Pharao brach, bis in die jüngste Zeit herauf, da die jüdischen Soldaten nach dem Zeugniß des deutschen Generalstabes sich im deutsch-französischsn Kriegewie die Löwen schlugen, ist die Geschichte des Judenthums überreich an muthigen Thaten, an Zügen persönlicher Kühnheit. Josua's Sturm auf Jericho, die Kriege gegen Moab und Amalek, die Kämpfe der Makkabäer, sie reichen an die glanzvollsten kriegerischen Thaten anderer Völker hinan. Und um von den Geisteskämpfen unseres Jahrhunderts zu sprechen: war es nicht Heldenmuth, als Adolf Fisch Hof unter den drohenden Mündungen der Kanonen seine Rede vom Brunnen des Landhauses herab hielt und als Johann Jacob Jacobi im Angesicht des Herrschers sein berühmtes Wort sprach: „Es ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen"? Was ist persönlicherMuth? Aus Rußland werden Tausende armer Juden ausgetrieben und an ihre Fersen heftet sich die furchtbare Seuche, welche der Zorn des Himmels über das Czarenreich gesendet. Mit verheerender Gewalt bricht sie in dem großen deutschen Hafen aus, von welchem die Auswanderer die Reise über die große Wasserwüste antreten wollen. Ganz Europa erstttcrt in Furcht und Schrecken: es ist, als ob die Völker dieses Welütbeiles milbüßen sollten für den ungeheuren Frevel, den moskowitische Grausamkeit und Niedertracht an der Menschheit verüdt. Tie Judenaustreibung und die Cholera — sie hängen zusammen wie der Auszug der Kinder Israels mit den egyptischen Plagen. Und wieder sind es die Juden, die armen gehetzten Juden, die ein leuchtendes Beispiel von Seelengröße und heldenmüthiger Gesinnung geben. Als die schreckliche Seuche sich unseren Grenzen näherte, da erließ die Regierung eine öffentliche Aufforderung an die Aerzte, sich freiwillig zum Dienste in den Choleraspüälern zu melden. Ter Ruf der Regierung ist nicht ungestört verhallt. Es fanden sich zahlreiche Männer, welche entschlossen waren, ihr Leben für jenes ihrer Mitmenschen einzusetzen. Und siehe da: Neunzig Prozent dieser opferfreudigen Aerzte sind Inden, sind Angehörige jenes Volkes, als dessen charakteristische Eigenschaft man die Feigheit bezeichnet. Vor uns liegt das Verzeichuiß jener Wiener Aerzte, welche sich zum Choleradiensie im ganzen Reiche gemeldet haben. Wir neunen die Namen dieser Tapsereu. wie man in der -Kriegsgeschichte die Namen der unerschrockensten Kämpfer verzeichnet. Es sind die Herren: Dr. Max Sternberg, Tr. Moriz Allina, Tr. Max Ellmann, Dr. Moriz Lederer, Tr. David Anhauch, Dr. Gustav David, Dr. Emil Schwarz, Tr. Gustav Eisinger, Dr. Hans Kaan, Tr. Adolf Wittner, Dr. Bernhard Wagner. Doctor Alfred Wa lisch, Dr. Adolf Ko man, Tr- Karl Fischer, Dr. Siegfried Mandl, Dr. Samuel Chassel, Dr. Julius Kulka, Dr. Richard Bloch, Dr.Sigmund Raus, Tr. Ignaz Spitzer, Tr. Bernhard Brenner, Tr. Ignaz Mader, Dr. Sigmund Wiener, Dr. Isidor Reininger, Tr. Karl Richter, Dr. Alfred Stern, Tr. Moriz Wächter, Tr. Sa muel Goldstern, Dr. Conrad Friedmann, Tr. Samuel Harth, Dr. Albert Pascher, Dr. Moriz Goldwasser. Was ist, so fragen wir wieder, persönlicher Muth? Es ist etwas Anderes, Brust an Brust und Auge in Auge einem sichtbaren, körperlichen Feinde entgegenzutreten, Hieb aus Hieb und Schuß aus Schuß zu erwidern — und ein Anderes, gegen eine tückische Seuche zu kämpfen, die den Schrecken der ganzen Welt bildet, die mit jedem Athemzug, mit jedem Lüfthauch ihre todbringenden Keime in den Leib des Menschen entsendet. Wenn sie die Menschen überfällt, verläßt in sinnloser Angst die Mutter ihr Kind, der Gatte sein Weib, der Sohn den Vater, der Bruder den Bruder, um dem sicheren Tode zu entrinnen. Dem Kranken und Sterbenden bleibt nichts als der Trost des Arztes, dessen Menschenliebe das Grauen vor dem Tode besiegt. Solche Menschenliebe aber haben die Juden jederzeit geübt, geübt an ihren Peinigern und Henkern! Wie der General-Gouverneur von Nischni-Nowgorod einen jüdischen Arzt, der sich im Choleradienste den Tod gebolt, als „Muster christlicher Nächstenliebe" hinstellen mußte, so bieten die jüdischen Aerzte Wiens und der ganzen Welt in dieser Zeit des allgemegren Entsetzens %

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