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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-02 · 36 (2.9.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 Oestrrrrichische Wochenschrift Seite 661 Mindl antwortete, daß sie schon um ihrer Schwester willen nicht das Recht habe, seine großmüthig angebotene fernere Unterstützung zurückzuweisen, daß sie unbegrenztes Vertrauen sowohl zu seinem guten Willen als zu seiner Klugheit besitzen und in jeder, sie oder ihre Schwester betreffenden Angelegenheit an ihn wenden würde. Das Verhältnis daß sich nun zwischen Gadl Rosenstadt und seinen Nichten und diesen untereinander entwickelte war ein höchst eigenthümliches, ungewöhnliches. Gadl Rosenstadt sandte allmonatlich seine Ersparnisse zur Bestreitung der Auslagen für „das Kind", wie er sich ausdrückte, an Mindl, und diese, welche eine kleine Nähschule hielt, nahm von den Sendungen des Oheims nie etwas für sich selbst und für die Bedürfnisse ihrer Schwester auch nur dann, wenn ihr eigenes kleines Einkommen nicht zur Deckung derselben reichte. Mindl war ein sehr schönes Mädchen und ihre Zärtlichkeit jür ihre kleine Schwester ließ voraussetzen, daß sie auch eine vortreffliche Gattin und Mntter werden würde und trotzdem sie arm war, fanden sich doch Bewerber um ihre Hand, darunter junge Männer von Vermögen und ans guter Familen. Sie erklärte, bevor sie eine Ehe einginge, müsse ihre jüngere Schwester versorgt sein. Das klang wie übel angebrachter Scherz, man glaubte, es sei nicht ernst gemeint, sei nur ein Vorwand, eine unverletzende Form der Abweisung, aber Mindl hielt mit bewundernswürdiger Festigkeit an ihrem Entschlüsse fest! Jahre Ware vergangen, Schöndl war zu einer schönen Jungfrau emporgeblüht, und während Mindl für sich alle Bewerbungen zurückwies, verheiratete sie ihre Schwester, als diese das zwanzigste Lebensjahr erreichte, an den braven, frommen aber armen Hausirer Baruch Benatek. Dies war allerdings nur durch ihres Oheims, Gadl Rosenstadt's Unterstützung möglich gewesen. Nicht etwa daß Benatek, der bis über beide Ohren in seine schöne Braut verliebt war, irgend eine Mitgift gefordert hätte, aber eine jüdische Eheschließung verursachte große Geldauslagen, die nicht den jungen Eheleuten, die nur dem Staate zu Gute kommen. Nach der damaligen Gesetzgebung durfte in Böhmen nur der erstgeborene Sohn eines Juden (ein solcher war Baruch Benatek und das war ein Vorzug, um den ihn die nachgeborenen Söhne der reichsten Leute beneideten) und nur ein wohlhabender Jude heirathen. Jeder Bekenner des mosaischen Glaubens mußte, auch wenn er eheberecht war, zur (Erlangung der Heiratsbewilligung neunzehn Zeugnisse über die verschiedensten Dinge und den Ausweis vorlegen, daß er ein Vermögen von mindestens fünfhundert Gulden besitze und von diesem die dreijährige Judenstener (einen ungeheuer hohen Procentsatz des ausgewiesenen Vermögens) in Vorhinein bezahlt habe. Mindl hielt, wie schon erwähnt, eine kleine Nähschule, Schöndl hatte in einem kleinen Geschäfte als Ladnerin gedient und die Ersparnisse der beiden Mädchen reichten wohl hin, die nöthigen Kleider, Leib- und Bettwäsche für die Braut anzuschaffen, der Bräutigam, der lange Zeit seine Eltern erhalten mußte und nichts besaß, als die Erbanwartschaft auf das Theilhaus derselben, hatte mit der äußersten Anspannung aller seiner finanziellen Kräfte die Haus- und Kücheneinrichtung, beides ziemlich lückenhaft angeschafft, allein der große Betrag für die dreijährige Judensteuer war ihnen vollkommen unerschwinglich, und nur dadurch, daß Gadl Rosenftadt die erforderliche Summe einsandte, wurde es möglich, daß die beiden jungen Leute zusammen unter den Ehehimmel treten konnten. Mindl hatte ihren Onkel zur Hochzeit ihrer Schwester eingeladen, aber sie hatte nicht gehofft, daß er der Einladung Folge leisten würde und war um so freudiger überrascht, als er zwei Tage vor der Hochzeit in Prag anlangte. Zuerst wurde ste von seinem Anblicke überrascht — sie hatte ihn zwanzig Jahre lang nicht gesehen und in ihrer Erinnerung lebte sein Bild als das eines jungen schönen Mannes; allein die Zeit war, wie an allen Andern, auch an ihn nicht spurlos vorübergegangen. Sein Haar war schon ergraut; seine Stirne war durchfurcht, er ging auch nicht mehr so kerzengerade aufrecht wie früher, er erschien ihr, im Vergleiche zu dem Bilde in ihrer Erinnerung, als ein alter Mann; aber bald übte seine herzliche Persönlichkeit wieder denselben Zauber auf sie, wie in ferner Jugend aus. Sein ganzes Wesen erschien ihr noch veredelter, die ernste Ruhe, die schon dem jungen Manne gut gekleidet, erschien jetzt noch würdevoller imponirender, der Klang seiner nrelodiösen biegsamen Stimme war unverändert geblieben. Gadl Rosenstadts Ankunft war für Mindl, Schöndl und Baruch höchst erfreulich gewesen. Zunächst dadurch, daß er zweckmäßige Hochzeitsgeschenke, unter anderem auch eine messingene Sabbathlampe kaufte, und dadurch klaffende Lücken in der Hauseinrichtung ausfüllte und dann dadurch, daß er das Unterführen von Seite der Braut übernahm?) Eigentlich verstieß es gegen das Herkommen, daß ein Unverheiratheter dieses Ehrenamt übernahm, aber sie hatten Niemanden, dem sie dasselbe übertragen konnten und der Rabbiner Rabbi Samuel Landau, der die Trauung vornehmen sollte, erklärte, daß das, was Gadl Rosenstadt nach damaligen Begriffen als ledigen Mann an Würde abging, überreich durch seine talmndische Gelehrsamkeit ersetzt )vürde. Mindl hatte beabsichtigt, ihm zur Partnerin eine entfernte Verwandte, eine alte arme Frau zu geben; aber Gadl Rosenstadt erklärte, nur dann der Unterführer sein zu wollen, wenn Mindl die Unterführerin wäre — eine Forderung, welche dieser ein stilles, großes Vergnügen bereitete. An die Trauung schloß sich ein bescheidenes Hochzeitsmahl, an dem nur ein enger Kreis, die Eltern des Bräutigams, die Sch)vester und der Onkel der Braut tbeilncchmen. Als nach dem Hochzeitsmahle die jungen Eheleute in ihre Wohnung gingen, begleitete Reb Gadl seine Nichte in ihre Wohnung, eine kleine Kammer, die sie nun allein bewohnen sollte. Mindl zündete ein Licht an und die Beiden setzten sich an den Tisch. „Ich kann Gott nicht genug für das Cheszeddas er mir erwiesen, danken", begann Mindl, „ich habe mein meiner Mntter gegebenes Versprechen erfüllt, habe Schöndl zu einer tüchtigen Hausfrau erzogen, sie an einen braven frommen Menschen, den sie gern hat, und der sie gern hat, verheirathet und was mich am meisten freut, ohne Menschenhilfe verheirathet, denn daß Du, Vetters, uns geholfen, das hat mich nit bedrückt. . Du bist ja kein fremder, Tu warst unser Vater, unser Bruder unser Alles! . . . Gott soll Dir's lohnen!" „Wird's Dir nicht zu bange werden, ganz allein zn wohnen?" Mindl zuckte traurig die Achsel und die Thränen traten in ihre noch immer schönen Augen. „Ich kann's nit läugnen, ich bin an das Kind — ich nenne die junge schöne Frau, aus alter Gewohnheit, noch immer: das Kind — so gewohnt, es wird mir wirttich schwer fallen . . . aber ich will mir das Vergnügen Deiner Anwesenheit nicht durch trübe Gedanken verderben ... ich Hab' Dich noch gar nit gefragt", lenkte sie das Gespräch ab, „wann Du abznreisen gedenkst?" „Ich habe darüber noch keinen Entschluß gefaßt", erwiderte Gadl. „Ich habe meine Stelle verloren, die Gemeinde, in der ich wirkte, ist verarmt; — allerdings könnte ich vielleicht einen andern Posten finden — aber möglicherweise entschließe ich mich, hier in meiner Vaterstadt zu bleiben." „Gott im Himmel!" schrie Mindl freudig überrascht auf, „das wäre ja ein großes Glück . . ." dann aber wandte sie sich hastig ab, um die brennende Röthe, die in ihrem Gesichte aufstieg, zu verbergen. „Wovon hängt Dein Entschluß ab, Vetter?" „Bon Deinem, Mindl!" erwiderte Gadl, einen Blick inniger Liebe auf das Mädchen werfend, das ein leichter Schauer freudiger Erregung durchflog. „Wenn Du, Mindl, Dich entschließen könntest, mein Weib, das Weib eines armen siebenundvierzigjährigen Mannes zu werden, eines Mannes, der Dir nur ein sehr bescheidenes Los anzubieten vermag, dann . . ." „Vetter Gadl! was sprichst Du da aus!?" rief Mindl erschreckt, ihre großen schönen Augen weit aufreißend. „Meinen innigsten, heißesten Wunsch! . . . Ich Hab' ihn Dir ja schon einmal ausgesprochen; — damals hast Tu nicht gewollt, nicht gekonnt, ich wollte Dir durch mein Drangen nicht weh' thun ... Du hattest eine vermeintliche, oder in der Thal eine Pflicht zu erfüllen, jetzt h a st Du sie erfüllt, jetzt bist Tu frei!" — „Damals war ich jung und schön!" rief Mindl; sie hielt erschreckt inne, und von Neuem färbte dunkle Röthe ihre bleichen Wangen. „Mir erscheinst Du jetzt als die Allerschönste!" rief Gadl, hastig ihre Rechte mit seinen beiden Händen ergreifend; „ich habe Dich geliebt, feit ich Dich kenne — aber mein liebe, gute Mindl, ich will Dich auch heute nicht drängen . . . wenn Du sofort „nein" sagst — ich spreche nie eine Lüge aus, mehr als das, ich verheimlich nicht die -) Jedem der Brautleute steht uuter dem Trauhimmel ein Paar, ein Manu und eine Frau, in der Regel ein Ehepaar, zumeist die Eltern oder Schwester und Schwager oder Bruder und Schwägerin zur Seite. •‘!) Tie Gnade. ') Onkel.

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