Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020936--01693-3025745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 660 Vesterr-richischr Wachrnschrist. Nr. 36 Breslau, 20. August. Der Candidat der Conservativen für die bevorstehende Reichstagsersatzwahl in Sagan-Sprottau Landesrüthsamtsverweser von Klitzing, erklärte in seiner Wahlrede in Primckenau: „Die infamen Juden allein vertheuern das Brot, sie müffen hinaus aus dem Lande, sie müssen als Verbrecher angesehen und behandelt werden." Es genügt, diese Worte eines Staatsbeamten niedriger zu hängen. Jedes Wort des Commentars würde sie nur abschwächen. Krouenburg, 9. August. Der antisemitische Rechtsanwalt Dr. Reuß ist wegen Wechselfälschung verhaftet worden. Gloga«, 19. August. Der am Dienstag verstorbene Commercienrath Leopold Kempner hat letztwillig ein Legat von 30.000 Mark für die Armen der Stadt bestimmt. Königsberg, 9. August. Die in Eydkuhnen, Memel, Tilsit, Insterburg, Prostken und Königsberg bestehenden Grenz- Comite's für die ausgewiesenen russischen Inden haben wegen der Choleragefahr vorläufig ihre Thätigkeit eingestellt. Paris, 23. August. In der Academie der Wissenschaften erklärte Pasteur, die von dem russischen Arzte Hafkme (Israelit) an sich und drei anderen Russen vorgenommenen Anticholera- Jmfpnugen hätten bisher befriedigende Resultate ergeben. London. Carl Rosebery will zum Andenken an seine verstorbene Gemahlin (Hanna von Rothschild) ein neues Rathhaus in der Stadt Queensferry erbauen. Mogador, Afrika, 28. Juni. Der Befehl des Sultans an den hiesigen Gouverneur, einen Platz für ein neues Mellah (Judenquartier) ausfindig zu machen, ist nach einer unerklärlich langen Frist eingetroffen. Derselbe wurde durch den britischen Gesandten dem englischen Consul und durch diesen dem Kaid übermittelt. Der Gouverneur hat sofort einen sehr geeigneten Plotzangewiesen und bleibt jetzt nur noch die Genehmigung des Sultans abzuwarten. — In d.r vorigen Woche hat Herr Wilhelm Marx, deutscher Jude, mit eigener Lebensgefahr versucht, mehrere Personen vom Tode durch Ertrinken zu retten. Herr Marx ritt am Ufer des Sees, als er auf demselben ein Boot kentern sah. Er sprang sofort vom Pferde, entledigte sich seiner Kleider und schwamm in Begleitung seines Hundes der Unglücksstätte zu. Seinen Bemühungen stellten sich jedoch durch einen heftigen Sturm u. eine hochgehende See große Schwierigkeiten entgegen und würde er unfehlbar ein Opfer seiner Menschenliebe geworden sein, wenn nicht zum Glück zwei Rettungsboote den mit den Wellen Kämpfenden zur Hilfe geeilt und die fünf gefährdeten Schiffer nebst Herrn Marx und seinem Hunde in Sicherheit gebracht hätten. Feuilleton. Darlehen. Prager Ghettvbild von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." der unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Ilcbcrsctzungsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) VI. Bevor wir in unserer Erzählung weiter schreiten, erscheint es nothwendig, den hochverehrten Leser das gegenseitige Verhältniß der beiden Familien Rosenstadt und Benatek darzulegen und müffen wir hierbei ziemlich weit zurückgehen. Die beiden Schwestern Mindl und Schöndl lvaren ihren Eltern von neun Kindern am Leben geblieben. Mindl war das älteste, Schöndl das jüngste gewesen, so daß zwischen ihnen eine Altersdifferenz von siebzehn Jahren bestand. Die Lage ihrer Eltern Wolf und Zirl Leitner, war, so lange Mindl zurück denken konnte, stets eine mißliche gewesen. Sie hatten nie Vermögen besessen und sich stets kümmerlich ernährt. Die Krankheiten ihrer Kinder hatten ihnen große Ausgaben verursacht, deren Pflege sie ans Haus gefeffelt und dadurch ihre Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt, und sie wären der auf ihnen wuchtenden Last erlegen, wenn Zirl Leitner nicht an ihrem Heranwachsenden Halbbruder Gadl — dieser war der zweiten Ehe ihres Vaters entstammt, — eine unerwartete Stütze gefunden hätte. Dieser, ein junger strebsamer Mensch, konnte es nie vergessen, daß ihm seine weit ältere Halbschwester, als er ein zweijähriger Knabe, ganz verwaist zurückgeblieben, die Eltern ersetzte und den aufgeweckten Knaben mit den schwersten Opfern, in allem, was ihm einst nützlich werden konnte, unterrichten ließ. Gadl Rosenstadt war mit achtzehn Jahren nicht nur ein Bachur>), sondern hatte sich auch profanes Wissen angeeignet, so daß er durch Unterrichtertheilen in den Gegenständen der deuffchen Schule eine anständige Summe erwarb, von der er nur den geringen Theil für sich, alles Andere zur Unterstützung seiner Schwester verwendete. Gadl Rosenstadt hätte bei einem reichen Wissen und seinem vortrefflichen Rufe leicht eine gute Stelle als Lehrer bei einer großen Landgemeinde oder einem reichen Landjuden finden können; aber er mochte sich nicht von seiner Schwester trennen. Er wohnte bei ihr und zahlte für Kost und Quartier einen im Verhältniß zur Gegenleistung unverhältnißmäßig großen Betrag, dessen Entfall für seine Schwester geradezu ein Unglück gewesen wäre; überdies unterrichtete er ihre Kinder, so daß seinem Schwager und seiner Schwester für Unterrichtszwecke nicht die geringsten Ausgaben erwuchsen, und es war nur ein eigenthümliches Zusammentreffen von Umständen, das Gadl veranlaßt, aus dem Hause seiner Schwester gerade zu einer Zeit zu scheiden, wo man dies am wenigsten hätte erwarten sollen. Seine Schwester war von einer Reihe schwerer Unglücksfälle betroffen worden; es waren ihr — wir haben dies schon erwähnt — sieben Kinder nach langem Siechthum gestorben, sie selbst war kurz nachdem sie ihrem jüngsten Kinde das Leben gegeben, plötzlich unheilbar erblindet und kurz darauf hatte man ihren Gatten aus der Synagoge, in welcher er ein kleines Amt bekleidete, sterbend heimgebracht, und die blinde hilflose Frau war mit zwei Mädchen, der siebzehnjährigen Mindl und der wenige Monate alten Schöndl, Vermögens- und erwerbslos zurückgeblieben. Schon das enge Nebeneinanderleben des siebenundzwanzigiährigen Gadl und der zur vollen Schönheit erblühenden Mindl hatte die übereifrigen Moralisten und Klatschbasen, denen die blinde Mutter nicht als genügende Hüterin erschien, mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Tadel gefunden, hierzu trat aber noch ein weiterer entscheidender Moment. Gadl Rosenstadt erkannte sowohl, daß das siebzehnzährige Mädchen ihm ihre stille, verborgene Steigung zuwende, als auch, daß sein Gefühl für dieses, das er ursprünglich für verwaudschaftliche Theilnahme gehalten, sich zu leidenschaftlicher Liebe verdeutlicht hatte. Gadl Rosenstadt war ein denkender, die Sachlage richtig erkennender Mensch. An eine Ehe mit seiner Nichte Mmdl war nicht im Entferntesten zu denken, diese war ebenso für die Pflege ihrer kränklichen, blinden Mutter, als jür jene ihres noch in der Wiege liegenden Schwesterchens unentbehrlich und als pflichttreuer Mensch, als zärtlicher Bruder und Oheim durfte er sie nicht ihrem engsten Familien- und Pflichtenkreise entziehen. Da ihm gerade eine gute Stelle als Lehrer in einer mährischen Gemeinde angeboten wurde, die so dotirt war, daß er seine Schester und deren Familie wie bisher versorgen konnte, nahm er diese an. Ein halbes Jahr später zeigte Mindl ihrem Oheim an, daß ihre Mutter gestorben. Gadl Rosenstadt kam nach Empfang dieser Nachricht nach Prag, aber, obwohl er die Absicht hatte, seiner Nichte seine Hand anzubieten, unterließ er dies doch vorläufig, weil er mit vollem Rechte annahm, das tiefgebeugte Mädchen zu verletzen, wenn er schon in der Trauerwoche um die geliebte Mutter mit einem solchen Anträge hervortreten würde und that dies erst einige Zeit später brieflich. — Mindl lehnte seine Werbung mit Gründen ab, die ihm das Mädchen noch liebens- und ehrenwerther erscheinen ließen. Sie schrieb, sie habe ihrer Mutter auf deren Todtenbette gelobt, ihrer einjährigen Schwester die früh verstorbenen Eltern zu ersetzen, sie nicht zu verlassen und auch, als Gadl Rosenstadt replicirte, daß es nicht im Entferntesten in seiner Absicht liege, sie von ihrem Schwesterchen, das ja seiner lieben Schwester Kind sei. zu trennen, daß vielmehr sie beide — er und Mindl — gemeinschaftlich an dem Kinde Elternstelle vertteten wollten, beharrte sie bei ihrer Ablehnung. Sie wollte offenbar keine neuen Pflichten übernehmen, die mit den schon übernommenen collidiren konnten. Gadl Rosenstadt erwiderte ihr, daß er sich in sein Schicksal ergebe, und bat sie, seine Unterstützung auch ferner nicht zurückzuweisen, wenn sie seiner Hilfe bedürfe, nie zu vergessen, daß er ihr nächster Verwandter und ihr bester Freund auf Erden und jederzeit bereit sei, über ihre Aufforderung nach Prag zu kommen. Talmndjüngkr.