Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 662 Orflerr-ichischr Wochenschrift. Nr. SS Wahrheit; so würde es mir Leid thun aber so wahr ich einst gerecht vor Gott bestehen will, ich würde Dir ein ebenso guter, treuer Freund bleiben als ich's bisher gewesen.... Willst Du Dirs überlegen, ist mir's auch recht — die Sache bedürfen der That reiflicher Erwägung.... ich bin ein vorzeitig gealterter Mann und besitze kein Vermögen, es ist fast Vermessenheit von mir ein schönes, liebenswürdiges Mädchen, das wohl bessere Freier finden wird, zur Gattin zu verlangen.... ich kann ja einige Tage warten — und wenn's Dir, liebe Mindl grad schwer fallen sollte den alten Vätern durch Absage zu verletzen — so brauchst Du ja g a r nicht zu antworten — keine Tschuwoh ist ja auch eine Tschuwoh! . . . .5) Wenn ich in drei Tagen, so lange werde ich jedenfalls noch hier bleiben, — keine Antwort habe.... so.... so ist es ja auch recht und — ich habe es schon gesagt — wir bleiben ganz genau so gute Freunde wie wir bisher gewesen, — zwei Menschen können ja" — Gadl's Stimme zitterte doch ein wenig „Freunde sein ohne grad untereinander verheirathet zu sein". Gadl erhob sich langsam, zögernd von seinem Stuhle. „Noch Eines bevor ich gehe, ich rathe Dir als Dein wahrer Freund und treuer Verwandter: prüf Dich genau.... es thäte mir weh, wenn Du Dich übereilen und späte» Deine Uebereilung bedauern würdest.... Thu's nicht bloß darum, um mir Deine Dankbarkeit zu beweisen, Du bist mir keine Dankbarkeit schuldig, ich Hab wenig genug, und Dir nnd Schöndl gegenüber nur meine Pflicht gethan, das war ich ja Deiner Mutter, meiner Schwester, schuldig.... deshalb bin ich noch lange kein braver Mensch; hätte ich anders gethan; — wäre ich gerade zu ein schlechter Kerl gewesen!" Gadl versuchte es, zu lächeln, aber es mißlang ihms; eine Thräne floß aber seine Wange. Mindl hatte die längere Rede ihres Oheims mit steigender Aufregung angehört, sie hatte es schon mehrmals versucht, ihn zu unterbrechen; aber ihre bebenden Lippen vermachten kein Wort zu bilden, und je länger er sprach, desto bewegter wurde sie, wen hätte auch solche edle Selbstlosigkeit, solche rührende Selbstunterschätznng nicht erschüttern müssen? — aber jetzt sammelte sie alle ihre Kräfte, um ihre widerstrebenden Sprachwerkzeuge zum Gehorsam zu zwingen und rief: „Vetter Gadl! Du bist der beste, der edelste, der treuefte Mensch, den es auf dieser Welt giebt — und — ich Hab Dich geliebt von meiner frühesten Jugend an, und werd' Dich bis zu meinen! Tode lieben.... o! länger noch.... ewig! — und als ich damals vor achtzehn Jahren gesagt Hab, ich kann nit Dein Weib werden, hat mir mein armes Herz weh gethan, daß ich geglaubt Hab, es wird in tausend Stücke brechen.... Vetter Gadl, ich Hab Dich unaussprechlich lieb, und wenn Du thörichter, kindischer Vetter mit aller Gewalt °/ ein altes nitschönes Mädel zum Weib haben willst, so ist mirs, du lieber herrlicher Mensch, so wahr mir Gott helfe, ganz, ganz recht!" nnd sie warf sich schluchzend, überglücklich an seinen Hals. — — — — — Die Ehe der beiden guten, ideal angelegten Menschen war kinderlos geblieben, aber trotzdem eine friedliche, glückliche. Sie hatten sich eine Schule, in welcher Mindl die Mädchen in Handarbeiten unterwies, errichtet, allein sie warf nur ein minimales Erträgniß ab. Es lag dies in den damaligen Verhältniffen. Kinder armer Leute besuchten die von Kaiser Josef errichtete Normalschule, die Reichen hielten für ihre Kinder Hofmeister und Gouvernante. Reb Gadl Rosenstadt, der sich des Rufes eines hervorragenden Talmudgelehrten und frommen Mannes erfreute, hätte recht auskömmlich leben können, wenn er die Geschenke, die ihm von reichen Leuten freiwillig angeboten wurden, angenommen, oder wenn er auch nur von seinem Wiffen insoferne Gebrauch gemacht hätte, daß er eine Stelle als Fundations-Rabbiner angenommen hätte, allein Gadl Rosenstadt hielt an den Grundsatz unserer Weisen: benütze die Gotteslehre nicht als Schaufel, mit ihr zu graben, zum Lebenserwerbe — und dieser Umstand trug wesentlich dazu bei, daß sich Reb Gadl Rosenstadt in der ganzen Gemeinde der höchsten Achtung und Verehrung erfreate. — Allein alle Ehre und Anerkennung hatte es nicht zu verhindern vermocht, daß Gadl und Mindl Rosenstadt sich von dem Tage ihrer Verehelichung bis zu dem Zeitpunkte unserer Erzählung stets kümmerlich ernährt hatten und sich harte Entbehrungen auferlegen mußten. In der letzten Zeit waren noch Umstände hinzugetreten, die ihre Tage verschlimmerten. Die Folgen des österreichischen Staatsbankerottes im Jahre 1811, 6) Keine Antwort ist ja auch eine Antwort. ,;) Ilm jeden Preis, durchaus. hatten die ganze Bevölkerung des großen Kaiserstaates hart be" troffen, am härtesten aber die Prager Juden, die durch eine drückende, beschränkende Gesetzgebung nur auf den Handel beschränkt waren. Auch hatte die Kenntniß des profanen Wissens, die in jüdischen Kreisen bei der älteren Generation zu den Seltenheiten zählte, sich verallgemeinert, und, es gab jetzt schon viele junge Leute die vom Lande nach Prag kamen, das Gymnasium oder die Lehrerpräperandie besuchten und um sich kümmerlich zu erhalten, für billiges Geld, für das Mittagmahl oder für freie Wohnung, Lectionen gaben und dem alten Manne große Concurrenz bereiteten. — Wie hart es Reb Gadl und seiner Frau gerade in den letzten Tagen ergangen sein mußte, vermochten Baruch und Schöndl Benatek am deutlichsten daraus zu erkennen, daß Mindl tags vorher bei ihnen, deren dürftige^Lage ihr vollkommen bekannt war, eine kleine Anleihe gemacht hatten. (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Die SchriftgelehrtenVon Rabbiner Moses Stark. Prag 1892 Selbstverlag. Die „I. deutsche Staats-Realschule" in Prag veröffentlicht diese hier angezeigte Schrift an der Spitze ihres 31. Jahresberichtes. Es ist meines Wissens überhaupt ddr erste Fall in Oesterreich-Ungarn und Deutschland, daß eine Mittelschule ihr Programm mit einer dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums entnommenen Abhandlung einleitet. In unserer Zeit, wo unsere Confesion bei jedem Anlaß so stiefmütterlich bedacht und behandelt wird, ist es gewiß doppelt erfreulich, bei der Leitung einer Staatsmittelschule, Vorurteilslosigkeit und liebenswürdiges Entgegenkommen anzutteffen und bethätigt zu sehen. Zuvörderst sei bemerkt, daß der Verfasser in der Wahl seines Themas sehr glücklich war. Bedauerlicher Weise wird das Judenthum als solches noch immer in schnödester Weise angegriffen, und nun erst der Talmud, der Prügeljunge der jüdischen Wissenschaft! Welch' unerhörten Verunglimpfungen aller Art ist er ausgesetzt! Rabbiner Stark führt uns nun an der Hand gründlicher Quellenforschung die Autoren und Helden des Talmud, wie auch die späteren „Schriftgelehrten" vor und zeichnet mit Geschick und Geschmack deren Handel und Wandel, Denken und Fühlen, Gesinnung und Weltanschauung. Daß das Leben, Dichten und Trachten der Schriftgelehrten überaus edel und erhaben war, weiß Jeder, der mit dem jüdischen Schriftthum auch nur einigermaßen verttaut ist. Und wie nur die hervorragendsten Pflanzen maßgebend sind für die Beurtheilung der Güte und Ueppigkeit des Bodens, so dürfen auch nur die hervorragendsten Männer eines Volkes gleichsam als Gradmesser für Cultur, Moral und Charakterbeschafenheit desselben dienen. Nun, die Schriftgelehrten, in denen einerseits das ganze Denken und Empfinden des Volkes sich verkörperte und die anderseits dem Volke Lehre und Beispiel gaben und den größten Einfluß auf dasselbe ausübten, repräsentiren eigentlich das jüdische Volk selbst, welches diese Männer hervorgebracht hat und dessen Blüthe und Schmuck, Stolz, Zier und Ruhm, Leiter und Führer sie waren und deren Einfluß noch heute verspürbar ist. Uud deshalb erweckt das Bild der Schriftgelehrten auch für weitere Kreise mehr als ein bloßes kulturhistorisches Interesse. Der Verfasser enttollt die Lebens- und Charakterportraits unserer Talmide Chachamim mit Sachkenntnis, in streng wissenschaftlicher und objectiver Weise. Seine gelegentlichen, zeitgemäßen, gleichsam actuellen Bemerkungen verrathen den kundigen Beobachter und geübten Schriftsteller. Dr. E. Hofmann. Wandkarte und Geographie von Palästina in hebräischen und deutschen Leitern von Markns Löwy, Preßbura im Selbstverlag des Verfassers. Preis fl. 2.85 (3. Auflage). Wenn auch die Zahl der Karten von Palästina eine erklekliche ist, so sind dieselben für den Schulunterricht wegen der Fülle des Materials nicht zweckentsprechend. Der Verfasser obenbenannter Karte hat dieselbe vor Ueberladung bewahrt und dadurch seinen pädagogischen Takt gezeigt. Daß sein Werk Anklang gefunden, beweist am Besten, daß derselbe zur dritten Auflage schreiten mußte, und daß es in vielen Schulen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands eingeführt wurde. Wir constatiren und begrüßen diese Thatsache mit Freude,' da die Karte sammt Geographie ein ausgezeichnetes Hilfsmittel für den Unterricht in der Bibel, namentlich in den Profeten ist. Die Karte ist sehr sorgfältig und schön ausgezeichnet und eine angemessene Farbenwahl erleichtert die Auffindung der kleinsten Ortschaften und Flüsse Palästinas. Während in den bisher erschienenen Karlen Palästinas die Namen vieler biblisch bekannter Ortschaften durch die deutsche Benennung