Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 656 Oestereichisrhe Wochrnfrhrist. Nr. 36 gar gU tsict. Alle Antisemiten zusammen wären nicht im Stande, hie Proviantirung einer Armee pünktlich durchzuführen, und dämm werden die Armee-Lieferanten trotz der Antisemiten noch lange aus jüdischen Geschäftskreisen genommen werden müssen, weil nur selten ein Nichtjude so viel Kopfarbeit bei physischen Entbehrungen machen kann, wie es das Pflichtbewußtsein zur Verpflegung des Heeres, das im Felde liegt, dem Lieferanten auferlegt, und kein Nichtjude wagt und setzt so viel auf's Spiel, wie der Jude, ohne diesen Muth kann man aber unbedingt kein Armee-Lieferant sein. Zum Lachen ist es schließlich, wenn ein antisemitisches Organ, über das Thema der Ehrlichkeit spricht. Ich glaube, es gibt gar keinen Antisemiten, auf den nicht die Polizei ein Auge hat, wenn sie auch eines gewaltsam zudrückt. P. Nikolsburg (Kaiserfest, Jnstallirung des neuen Rabbiners Dr. Feuchtwang). Der 17. und 18. August a. c. waren für die Jsraelitengemeinde Nikolsburg Jubel- und Festtage im vollsten Sinne des Wortes. Denn es wurde nicht nur, wie alljährlich, der Geburtstag Sr. Mafest ät des Kaisers in solenner Weise begangen, sondern der Gemeinde- und Cultusvorstand hatte in sinniger Weise auch die Einweihung des glänzend renovirten Altschul-Tempels, sowie die Jnstallirung des neugewählten Rabbiners, Sr. Ehr würden des Herrn Dr. David Feuchtwang, für diesen Zeitpunkt verlegt, in dankbarer Erkennung der von Sr. Majestät des Kaisers stets geübten religiösen Toleranz uns der von Ihm erst zur Wahrheit gemachten Gleichberechtigung aller Confessionen. Die Ankunft Sr. Ehrwürden des Herrn'Rabbiners erfolgte am 17. August um 5 Uhr und wurde derselbe von dem Gemeindevorstande mit dem Bürgermeister Herrn Adolf Frankfurter an der Spitze und dem Cultusvorstande unter Führung des Herrn Sigmund Blau auf dem Bahnhofe er wartet nnd in ebenso ehrerbietiger als herzlicher Weise begrüßt. Hierauf fuhren Se. Ehrwürden in Begleitung seiner Mutter und Angehörigen in mehreren offenen Wagen nach der Hauptgasse, wo sich mittlerweile eine große Menschenmenge angesammelt hatte, die den neuen Seelenhirten mit Jubel begrüßte. Jeder mußte sich hiebei des Tages erinnern, an dem der Vater des neuen Rabbiners, der seit 14 Jahren in Gott ruhende Dr. M. Feuchtwang als Rabbiner seinen Einzug in Nikolsburg hielt, und das Andenken an diesen seltenen Mann, der seiner Gemeinde allzu früh verstorben, allein hätte genügt, um seinem Sohne und Nachfolger im heiligen Priesteramte alle Herzen zu gewinnen. Nachdem der Herr Rabbiner in sein Absteigquartier beim Cultusmitgliede Herrn Bernhard Kohn geleitet worden war, ordnete sich der Festzug, um denselben zur Tempeleinweihung einzuholen. An der Spitze schritt der Bürgermeister Adolf Frankfurter, geleitet von zwei Gemeinderäthen'; sodann folgte der rothsammtene, reich mit Gold gestickte Baldachin, getragen von Gemeinderäthen und den Cultusvorständen; unter diesem schritt Se. Ehrwürden im blendendweißen Gewände einher; zu seiner Seite die beiden ältesten Mitglieder der Cultusgemeinde mit dem Seser; an den Baldachin schlossen sich die übrigen Vertreter der politischen und Cultusgemeinde sowie des Armen- Vereines, während zu beiden Seiten des Zuges Bürgerssöhne ein wandelndes Spalier bildeten. In dem nrit Blumenguirlanden und Reisigfestons prächtig geschmückten Altschul-Tempel, der an diesem Abende zum ersten Male in seinem neuen Glanze erstrahlte, hatte sich schon lange vorher eine dichtgedrängte Menschenmenge, durchwegs im Festkleide eingefunden; auf den reservirten Plätzen bemerkte man die gesammte Gemeindevertretung der Cristenst a d t N i k o l s b u r g mit dem Bürgermeister und Reichsrathsabgeordneten Herrn Dr. Leopold Götz an der Spitze, die Vertreter des st ä d t i s ch e n Feuerwehr- und Veteranenvereines, Vertreter des Beamtenkörpers der k. k. F e r d i n a n d s - N o r d b a h n, den gesammten Lehrkörper der israelitischenVoksschule, den Director des Gymnasiums u. s. w. Als Se. Chrwürden die Synagoge betrat, stimmte der trefflich geschulte Chor unter Leitung des Obercantors Herrn D. Segal das „Null towu“ an. Sodann bestieg Se. Ehrwürden die Kanzel, um die Ffftpred'gt zu halten, ausgehend von den Worten Rabbi Simeon's: drei Sterne seh' ich funkeln, drei Kronen seh' ich glänzen. In wahrhaft begeisternder Weise und mit dem ganzen Zauber seiner glänzenden Rednergabe erläuterte Se. Ehrwürden die dreifache Bedeutung dieses Festes, hiebei in ehr furchtsoollen Worten der Milde und Liebe unseres aller-- gnädigsten Kaisers gedenkend, der ein Hort und Schutz der religiösen Gefühle jedes Einzelnen geworden. Nach Beendigung der Festpredigt, welche auf Jedermann sichtlich tiefen Eindruck gemacht hatte, executirte der Chor den 21 Psalm, Vers 1—9, worauf Rabbiner Dr. Feuchtwang bei gwssneter Bundeslade das Kaisergebet sprach. Am Schlüsse desselben intonirte der Chor die Volköhymne, welche von sämmtlichen Anwesenden stehend mitgesungen wurde. Hi'emit war die Tempelseier beendet und begab sich Se. Ehrwürden, nachdem er noch die Glückwünsche des Bürgermeisters und Reichsrathsabgeordneten Dr. Leopold Götz, sowie der übrigen Honoratioren empfangen hatte, in den Sitzungssaal des Gemeindehauses, woselbst der Empfang und die Vorstellung der CoiPorationen erfolgte. Bei Einbruch der Dunkelheit strahlte aus allen Fenstern der Hauptgasse heller Lichtschimmer, die Bevölkerung gab ihrer Freude in einer improvisirten Illumination Ausdruck. Gleichzeitig fand ein von der Gemeinde veranstaltetes Festbanket im Hotel Schaffa statt, zu dessen Beginn die Sänger des Geselligkeitsvereines „Hilaritas" dem Herrn Rabbiner ein Ständchen brachten, wobei sie „Ich grüße dich" von Härtl und „Die Nacht" voll Schubert in mustergiltiger Weise executirtea. Während des Ständchens ergriff Se. Ehrwürden vom Casino-Fenster aus das Wort und brachte einen begeisterten Toast ans seine Majestät den Kaiser aus, woraufhin die vierhundertköpfige Menge in nicht endenwollende Hochrufe ausbrach und die von der Voitelsbmnner Feuerwehr-Capelle intonirte Volkshymne begeistert mitsang. Bei dem Bankette toastirte zuerst der Bürgermeister Frankfurter aus Se. Majestät, dann Dr. Hermann Knöpf mach er Namens der Cultusgemeinde auf Se. Ehrwürden den Herrn Rabbiner, worauf derselbe mit einem Toaste auf die Gemeinde Nikolsburg dankte. Hieraus brachte Dr. Eisler seinen Schülern, zu denen auch Herr Dr. Feuchtwang zählte, ein Hoch, in das die Anwesenden freudig einstimmten. Am 18. August veranstaltete die Gemeinde-Vertretung und der Geselligkeits-Verein „Hilaritas" einen Festabend, welcher mit einem von stuck. Johann Pollitzer verfaßten und von Herrn Gustav Kohn schwungvoll vorgetragenen Prolog eröffnet wurde; am Schlüsse des Prologes, der in die Worte „Gott erhalte" ausklang, intonirte die Capelle die Volkshymne, welche von dem äußerst zahlreichen, distinguirten Publikum stehend mitgesungen wurde. Gustav Kohn. Posen, 21. August. Unter der Uebeischrift „Die früheren Cholera-Epidemie und ihre Lehren" veröffentlicht die „Pos. Ztg." einen größeren Artikel, dem wir folgende Stelle entnehmen: , „Wahrhaft patriarchalisch erscheint das Verhalten nnd die Fürsorge des Oberpräsidenten Flottwell, der unablässig in seinen Bekanntmachungen die Einwohner zu einem vernünftigen,^ diätetischen Verhalten, zum Gehorsam gegen die ärztlichen Anordnungen (es fehlte nicht an Volkskrawallen, welche sich wie heute in Rußland, gegen die Aerzte richteten) ermahnte, vor Allem aber vor der Trunksucht warnte. Als Beweis, daß das Jnnehalten eines strengen Regiments das beste Schutzmittel sei, gibt er am 5. September bekannt, daß die Juden, obschon sie den fünften Theil der Bevölkerung ausmachten, nur 24 Personen durch die Cholera verloren hätten, während die Gesammtzahl der bis zum genannten Tage in der Stadt Gestorbenen 416 betrug, ßrr betont, daß die geringe Sterbeziffer unter den Juden nur dadurch erreicht worden sei, daß selbst die Aermsten die diätetischen Vorschriften genau beobachteten, daß die Armen ge-