Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Orsterrrichifchr Wochenschrift Seite 655 Noch ein Kronzeuge. Es sind das doch sonderbare Käuze, diese wackern Herren Antisemiten. Da reproduciren sie alle wie auf Commando in ihren Hetzblättern das 19 Capitel der Schrift „Jüdisches Ceremoniell" vou Paul Ehristian Kirchner, um zu beweisen, daß die Juden in gewissen Fällen Christenblut als Heilmittel gebrauchen, wissen aber nicht oder wollen es nicht wissen, daß Männer wie Bodenschatz und Wagenseil, die zu den enragirtesten Judenfeinden gehörten, diese Beschuldigungen als freche Lügen bezeichnet haben. Im Jahre 1748 erschien nämlich in Erlang Johann Christoph Georg Bodenschatz's „Kirchliche Verfassung der heutigen Juden". In diesem judenfeindlichen Buche heißt es Cap. III, S. 57 wörtlich: „Daß man ihnen aber Schuld gibt, als hätten sie hiebei gedörrtes Christenblut nöthig, dasselbe von dem obersten Landrabbiner halten, welcher es denn mit der größten Behutsamkeit und unter Verpfändung Habes und Gutes ihnen gäbe und solches kreißenden Frauen eingäben, ist Beschuldigung des bekehrten Salomon Zewi, welche Herr Wagenseil niemals zugeben wollen; wie zu lesen in seinen Benachrichtigungen gegen einige die Judenschaft angehende richtige Sachen". So oft ein vernünftiger, rechtlich denkender Christ es ivagt, den Antisemitismus als eine gefährliche das echte Christenthum schändende, die Grundfesten des Staates, der menschlichen Gesellschaft erschütternde Krankheit zu bezeichnen, wird er von den antisemitischen Häuptlingen als Judenabkömmling gebrandmarkt, selbst wenn er durch Taufscheine Nachweisen kann, daß seine Ahnen alle echte Arier waren, kommt aber ein Täufling — ä la Brimanus — so wird er von der Hetzmeute heilig gesprochen und jede seiner frechen, unverschämten Lügen wie ein Orakel betrachtet. Pi sek, 26. August 1892. Dr. Fr. ^omsMnämLen. Wien.(D i e Ka i s erf eier i n d e n j ü d. S yn a g o gen). Aus allen Theilen der Monarchie gelangen an uns Berichte über die veranstalteten gottesdienstlichen Festlichkeiten aus Anlaß des allerhöchsten Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers. Von den meisten haben bereits die Tagesblätter Kenntniß genommen und haben wir nur noch-nachzutragen: Äer Synagogenfeier in Wieliczka wohnte nebst der gesammten jüdischen Bevölkerung auch ein großer Theil der Beamten und Bürger christlicher Confession bei. — In Podgorze hielt Rabbiner S. Fränkel die Festrede. — In Salzbad Luhatschowitz veranstalteten die isr. Curgäste einen Festgottesdienst, Rabbiner Dr. Ad. Hahn aus Ung. Hradisch hielt die Feftpredigt. Besonders glanzvoll gestaltete sich die Festfeier in Straßnitz, RabbinerFriedmann predigte über Psalm 21, 7. „Du setztest uns ihn zum Segen ein für immerdar". In D amb o ritz hielt Herr Rabbiner S. Hahn die Festpredigt über den Text: „Fürchte Gott mein Sohn und den König". — In der Synagoge zu B o h or od cza ny predigte der greise Rabbiner Feiwel Schreier und Herr BenjaminZeisler hielt eine patriotische Ansprache. In Buczacz hielt Rabbinats-Candidat L. Glancer die Festrede. — In Wis ch au wohnte dem jüdischen Festgottesdienst neben andern Beamten der k. k. Bezirkshauptmann B ü n g e n e r,Bürgermeister Ratschitzky mit dem Gemeinderathe und Graf Blankenstein bei. — In Boskowitz haben dem Gottesdienste die Vertreter der Cultusgemeinde, der politischen Gemeinde, der Lehrkörper und Commissär Renisch von der k. k. Bezirkshauptmannschaft bei. — In Butschowitz hat Religionslehrer Landau den Gottesdienst abgehalten. E.B. Wien. (Der interwievte antisemitische Prinz Liechtenstein.) Prinz „Loisl" Liechtenstein hat dem französischen Schriftsteller H urit, der gekommen war, ihm zu interwieviren, gegenüber die Aeußerung gethan, daß „die Hauptursache des Socialismus in Oesterreich die Juden seien, in deren Händen das ganze Creditwesen liegt und die damit einen schändlichen Mißbrauch treiben." Der rothe Prinz hat sich außerdem noch über vieles Andere ausgelassen und sich hiebei gräßlich blamirt, er scheint allem Anscheine nach bei dem Jnterwiev nicht wie gewöhnlich soufflirt worden zu sein. Doch damit wollen wir uns nicht beschäftigen, da demselben schon von anderer Seite ordentlich heimgeleuchtet worden. Wir wollen dem h o chgeborenen und bis in die Volkshefe t i e fgesunkeueu Prinzen nur entgegentreten, insoweit er die Frechheit besitzt, gegen den Juden thatsächlich unwahre Beschuldigungen in die Welt zu setzen. Die Behauptung, daß die Hauptursache des Socialismus in Oesterreich die Juden seien, ist zu bUide und bedarf gar keiner Widerlegung, denn die socialistische Strömung existirt auch dort, wo gar keine Juden sind, denn sie entspricht Motiven, die mit den Juden und dem Judenthum nichts gemein hat. Was die Behauptung des Prinzen L i e ch t e n st e i n betrifft, daß in den Händen der Juden das g a n z e Creditwesen in Oesterreich liegt und daß sie damit schändlichen Mißbrauch treiben, so ist dies eine infame Beschuldigung, welche durch die tatsächlichen Verhältnisse ihre Widerlegung findet. Es ist unrichtig, daß das ganze Creditwesen in Händen der Juden liegt, hat Prinz Liechtenstein noch nichts von Schöll er, dessen Vermögen auf 40 Millionen geschätzt wird, von Dutschka u. s. w. gehört? Insoweit jedoch Juden mobiles Capital besitzen, welches sie in Folge der systematischen Judenhetzen Abstand nehmen, zu industriellen Zwecken zu investireu, führen sie dasselbe dem offenen Markte zu, auf welchem es, da der Zinsfuß aus ein Tiefniveau gesunken ist, dem Handel und Gewerbe zu unendlichem Vortheil gereicht und den Staatscredit wegen des Steigens der Rentencurse wie nie zuvor gehoben hat. Die verblödeten Cavaliere, die das väterliche Erbtheil schon verputzt haben, participiren freilich nicht an diesem niedrigen Zinsfüße und müssen in die Hände von Wucherern gerathen, welche sich jedoch, wie mehrere in letzter Zeit stattgesundene Gerichsverhandlungen ergaben, aus arischen Kreisen recrutiren. Agram. Die Antisemiten sind wahre Hyänen, auch die Todten haben keine Ruhe vor ihnen; sie schänden die Gräber. So hat das „Deutsche Volksblatt" vor einigen Wochen in mehreren aufeinanderfolgenden Nummern den Proceß der Armeelieferanten vom Jahre 1859 besprochen und dabei das Andenken meines verstorbenen Onkels Emanuel Prister verunglimpft. Die bezüglichen Nummern wurden mir erst dieser Tage von einer „freundlichen Hand" zugeschickt, die Artikel müssen von einem hiesigen Antisemiten herrühren und sollten mich in erster Linie treffen. Ich aber will nur um der Ehre des Judenthums willen einige Bemerkungen zu jenen judenseindlichen Artikeln machen. Vor Allem, wenn das Consortium wirklich betrogen hätte: wie wären alle seine Mitglieder sreigesprochen worden? Speciell Emanuel Prister wurde mittels Erkenntnisses des k. k. Landesgerichtes Wien, Zahl 18111/22 dd. 12. December 1860 freigesprochen. Das antisemitische Blatt rechnet nach, wie viel das Consortium an dem Aerar gewonnen habe und „vergißt" die Verluste, die es hatte. So sind ihm einmal 100 schwere Ochsen, wovon das Stück 230 fl. gekostet auf dem Wege krumm geworden und mußten am Wege um 70 fl. per Stück verkauft werden. Dann ist ihm einmal unweit von Solferino ein ganzer Transport Ochsen scheu geworden und in Verlust gerathen. Ferner hatte es, als der Friede von Billa Franca proclamirt wurde, circa 1000 Stück Ochsen, die er durch seine Einkäufer, um den Contract pünktlich einhalten zu können, in Krain, Steiermark, Kärnten, Ungarn, Croatien bis Mitrowitz zusammenkausen ließ, vorräthig und welche dann um jeden Preis in Wien und fünfzig anderen Plätzen verkauft werden mußten, wobei Verluste von vielen Hunderttausenden zu verzeichnen waren. Die Berechnung, die das antisemitische Blatt von dem Werth der Häute macht, ist falsch; denn diese hatten durch die Hitze, durch die Messerstiche und durch die enormen Frachtspesen bis zur nächsten Gsenbahn-Station fast gar keinen Werth. Bei Peschiera ließ der Bürgermeister 112 Fuhren frischer, stinkender Häute in's Wasser werfen. Und wenn der verstorbene Emanuel Prister als Ochseneinkäufer-Direktor wirklich 53.000 fl. verdient hätte, wie das „Deutsche Bolksbl." ihm nachgerechnet, so wäre es für all die Sorgen, Aengsten und Entbehrungen,