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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-02 · 36 (2.9.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 652 Vrstrrrrichifchr Wochrnschrist. Nr. 36 treibt, sondern sie wahrscheinlich unter einer Ehreneskorte in bequemen Eisenbahnwagen befördern läßt. Aber auch keine Grausamkeit und Gewaltthat? Das ist doch eine der sechsten und feigsten Ableugnungen. Es ist also nicht grausam und gewaltthätig, wenn man Tausende und Tausende friedliche Familien von Haus und Hof, von der Stätte ihrer Heimath, von der Erde, worin die Gebeine ihrer Boreltern ruhen, hinausjagt in die Fremde, in Elend und Verderben. Es ist nicht grausam und nicht gewaltthätig, wenn man ehrliche, arbeitsame Menschen wie wilde Bestien hetzt, wenn man sie zu vaterlandslosen Bettlern und Vagabunden macht. Es ist nicht grausam und nicht gewaltthätig, wenn man zu mörderischer Winterszeit Männer, Frauen und Kinder, Greise und Kranke zum Wandern zwingt, entweder Hunderte von Meilen über die Grenze, oder in neue engumschränkte Ansiedelungen, wo sie mittel- und erwerblos jämmerlich verkommen, wenn nicht der barmherzige Hungertyphus sie von ihrem unsäglichen Leiden erlöst! O, die Welt hat sie gesehen, die laugen, langen Schaaren der Ausgestoßenen, diese unheimlichen Züge wandelnder Leichname, die wie aus den Gräbern des Mittelalters heraus in die europäischen Kulturgefilde geworfen wurden, und die vor Gott und Menschen schauerlich Kunde gaben von der Milde nnd Menschlichkeit der russischen Autokratie — die Welt hat dieses abgrundtiefe Elend mit leiblichen Augen gesehen, mit leiblichen Händen gefaßt, und jetzt fügr die russische Regierung zu der barbarischen Insulte, welche sie dem Geiste der Civilisatton angethan, die schmähliche Ableugnung jener Gräuel! Woraus man nur den Muth dieser Lüge schöpft? Wahrscheinlich aus der ttefen Sülle, welche der größte Theil der europäischen Presse jenen Schandthaten gegenüber sich auferlegt. Das wird in Petersburg offenbar mißdeutet; man hält es für Zaghafttgkeit oder gar für Zustimmung und meint, daraufhin weiter sündigen zu können. Doch nein, so ist dem nicht! Die öffentliche Meinung Europas schweigt, weil sie von der Besorgniß bedrückt ist, ihre freie Rede könnte das Loos der armen russischen Juden noch verschlimmern, es könnte dadurch in den russischen Machthabern der Trotz hervorberufen werden, der die Grausamkeit auf ihren höchsten Gipfel treibt. Aber kann denn noch schlimmeres geschehen, als bereits geschah und Tag für Tag geschieht, und ist es da nicht geboten, daß die europäische Presse ihre Stimme laut und nachdrücklich erhebe, bis sie vielleicht doch in jene hohen Sphären dringt, wo die irdische Vorsehung Rußlands thront? Ja, es scheint, daß die Zeit dazu gekommen sei, denn die gekennzeichnete Note des „Regierungsboten" muß doch über die eingeborene Lust an der Lüge hinaus auch einen bestimmten Zweck haben. Wohlan, welches mag dieser Zweck sein? Nahe liegt der Gedanke an das quälende russische Creditbedürfniß. Man identificirt in Rußland den Geldmarkt mit der jüdischen Finanz und meint, man werde jenen erobern, wenn man diese freundlicher stimmt. Allein so klug und einsichtig sind die Petersburger ganz zweifellos, um zu wissen, daß jene Fiuanzgrößen, die aus Entrüstung über die Verfolgung ihrer Glabensgenoffen die Hände von russischen Geschäften zurückzogen, gar nicht so naiv sind, um durch eine dick ausgetragene Lüge des „Regierungsboten" bethört werden zu können. Worte sind hier Schall und Rauch — Thaten müßte man sehen lassen. Schwerlich liegt somit in jener Note die Tendenz, aus der Unwahrheit baares Geld herausznschlagen. Sollte man da fehlgehen, wenn man annimmt, die Inspiratoren des „Regierungsboten" hatten die Absicht, die Unklarheit, welche in der unmittelbaren Umgebung des Thrones über die besprochenen Vorgänge herrscht, noch zu verdichten? Macht es nicht den Eindruck, als wäre ein Strahl der Aufklärung in jene Sphäre gefallen und als gäbe man sich nun Mühe, wieder ein künstliches Dunkel herzustellen? Denn ist der Czar auch allmächüg, so ist er doch nicht allwissend und die Bethätigung seiner Macht findet dort ihre Grenze, wo die Kenntniß der Dinge ihm verschlossen ist. Wie kann er helfen, wenn er nicht weiß, wo die Abhilfe nöthig ist, wie kann er ein Uebel beseittgen, wenn er nicht weiß, daß ein Uebel besteht? Ist es denn aber möglich, daß dem Czar der ganze Umfang und Inhalt der Judenverfolgungen bekannt sei? Ist es denkbar, daß sein hoher Sinn und seine vielfach bewährte edle Mannhaftigkeit nicht zurückschaudern sollten vor der barbarischen Verfolgung Unschuldiger, vor der Bedrückung Wehrloser? Und was noch auffälliger in die Erscheinung tritt: an seiner Seite waltet in ewig junger Anmuth und nie versiegender Herzensgüte die hohe Frau, die, wenn sie auch auf die Politik einen Einfluß nicht nehmen mag, doch ganz gewiß einen unwiderstehlichen Zauber auf das Gemüthsleben des Kaisers ausübt. Wohlan, wer kann sich der Vorstellung überlassen, daß die Frau und Mutter theilnahmslos und kalt bleiben möchte den Gräueln gegenüber, die an jedes Herz greifen, und daß sie nicht eine engelhafte Mission erfüllen würde zur Abstellung des grausamen Elends der unschuldig Geächteten, wenn — nun, wenn man auf den Höhen des Thrones jenes unsagbare Elend nur kennen würde? Nein, der Czar weiß von diesen Vorgängen sicherlich ebenso wenig, als ihm die Unthaten und Anschläge der panslavistischen Agitation auf dem Balkan bekannt waren. Wir sagen gar nicht: der Fürst, der von seinem Gottesgnadenthum durchdrungen ist; einfach der Gentleman muß die Banditenpolitik in tiefster Seele verabscheuen. Unter der Flagge eines Alleinherrschers wird oft weit mehr Kontrebande geschmuggelt, als der schlichte Laienverstand ermessen kann — und wie die bulgarische Politik nach außen, so ist die Judenpolitik im Innern solche Waare, mit welcher untreue und gewissenlose Unterthanen des Kaisers einen sträflichen Schleichhandel betreiben. Darum, meinen wir, sei es Pflicht der liberalen Presse, aber auch zeitgemäß, über die schmachvolle Judenverfolgung rückhaltslos zu sprechen, damit das Düster zerstreut werde. Haben russische Regierungskreise mit der Note des „Regierungsboten" die ruhende Discussion von neuem aufgeweckt, so sei diese nun auch mit allem Ernste und aller Entschiedenheit geführt. Soviel Echauffement, wie das. Wohl und Weh der afrikanischen Negersclaven, verdienen wohl auch die russischen Juden — und das Echauffement wäre für diese auch weniger wirkungslos. Denn innere und äußere Gründe wirken mächtig zusammen, um eine Umkehr in den Bereich der Wahrscheinlichkeit zu rücken. Innere zunächst — die wirtschaftliche Misere frißt sich immer tiefer in den ohnehin kranken Organismus Rußlands ein und ihrem Vordringen folgt die Zersetzung. gerade jener Elemente, auf denen die Macht der autokratischen Gewalten ruht. Braucht es nun irgend einem Einsichtigen in Rußland gesagt zu werden, wie intensiv man die revolutionären Kräfte fördert, wenn man von oben herab das Beispiel der Mißachtung von Recht und Besitz, von Leben und Vermögen darbietet? Kann der Nihilismus sich bessere Mitarbeiter wünschen, als die Judenhetzer es sind? Und die auswärtigen Beziehungen — Rußland hat es in letzterer Zeit trotz der ekelhaften Schweifwedelei der französischen Republik erfahren, welch schweren Fluch die Auflösung des Zusammenhanges mit Europa bedeutet. Ohnmächtig einen Krieg zu führen, wenn es nicht die ganze Existenz des Czarats auf Eine Karte setzen will, hat Rußland auch nicht die Kraft, die Güte des Friedens zu pflegen, seine Nährsäfte versiegen, weil seine Communicirung mit den wirthschaftlichen Quellen Europas aufgehoben ist. Selbst von Frankreich wird es im Stich gelassen, wenn es materielle Hilfe braucht. Dieses Verhältniß wird sich aber nicht bessern, so lange es^tm die innere Politik Rußlands nicht besser wird. Das Capital zieht sich furchtsam zurück, nicht weil es jüdisch wäre — der christliche Theil überwiegt ja darin — und durch die Judenverfolgungen brüskirt wird, sondern weil die Judenhetze ihm mit Recht als Symptom und Begleiterscheinung der tiefen organischen Krankheit Rußlands gilt. _ „Pester Lloyd.,, Die Auswanderung der russischen Juden. Die russische Gesetzsammlung vom 21. Juli/2. August bring; einen allerhöchsten Befehl und ein Reglement, betreffs die in England gegründete „Indische Colonisations-Gesellschaft", die für die Organisation der Auswanderung von Inden aus Rußland von größter Bedeutung sind und deren Wortlaut wir — nach einer von der Nordd. Allg. Ztg. veröffentlichten Uebersetzung — nachstehend folgen lassen: Allerhöchster Befehl, betreffend die der Actiengesellschaft, „Jüdische Colonisationsassociation" ertheilte Erlaubniß, ihre Thätl'gkcit in Rußland zu eröffnen, sowie das Reglement ihrer Wirksamkeit. Nach Verlesung einer Denkschrift des Ministers des Innern vom 22. März (aus dem Polizeidepartement), betreffend die Auswanderung russischer Juden nach Amerika, beschloß das Ministercomilo: 1. Der englischen Actiengesellschaft „Jüdische Colonisationsassociation" wird gestattet, in Rußland ihre Thätigkeit zur Uebersiedlung von Juden aus dem Reiche zu eröffnen. Es hat dies in Gemäßheit eines diesbezüglich aus gearbeiteten Reglements zu geschehen, dessen Entwurf nach Durchsicht seitens des Ministercomites der Allerhöchsten Bestätigung Sr. Majestät des Kaisers zu unterbreiten ist.

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