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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-02 · 36 (2.9.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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rarmwg« HIWI—f'IHIIfr I'ISIIHW "'I Iß, H illl II' Hl1 I >■ I IHM li ■ I Orsterrrichifchr Wochenschrift. Seite 651 Nr. 36 sauer kommt nicht mir selbst mein Nichtsthun an. Seit 8 Tagen habe ich keinen Billardqueue in der Hand gehabt. Vergebens forderte mich Jean, der Marqueur, auf, (für mich heißt er Johannes der Geldeinnehmer, obwohl er von mir seit sechs Wochen keines in seine Hintertasche eingestrichen,) vergebens deutet seine einladende Handbewegung nach dem grünen Tuch und winkt mir, Carambole oder Kegel zu spielen. Erlangweilt sich, der Aermste, aber ich kann ihm nicht helfen. Ich bleibe ruhig in meiner Ecke am Fenster, verziehe keine Miene, als ob ich ein Bischof wäre und höre Liechtensteins Rede zu und starre hinaus, und hänge meinen deutsch-nationalen Gedanken nach, und der Schweiß perlt auf den Schmissen meines Angesichtes. Und er spielt nicht übel mein Freund Johannes der Geldereinnehmer — jedoch mir ist viel zu heiß. Auch die blonde Mila, die reizende Cassierin des Sitzes, lächelt mir ganz vergeblich verführerisch zu, mich an die Marmorplatte ihres. Buffets zu lehnen und mit ihr zu plaudern. Sie verschwendet ihre zärtliche Blicke umsonst an ihren einzigen Gast. Ich bin nicht gelaunt, heute in Geist zu arbeiten, bleibe lieber in meiner Fensternische gelümmelt — und starre gedankenvoll hinaus, gebe meinen weltbewegenden Ideen Audienz, gähne und schwitze, trinke den sechszehnten Schwarzen aus einer großen aber dafür drei Centimeter dicken Schale — ha! da fällt, mir ein, daß ich ja diese meine Gedanken mir und Dir. lieber Pumpo, zum Ergötzen niederschreiben könnte! Bei Donar, ein fürtrefflicher Einfall! Papier des Briefes her, mein Johannes! Und so schreibe ich denn! Ich fange gleich mit dem Wichtigsten an, mit der Hitze. Den Juden ist gewiß lange nicht so heiß, wie uns. Die sind das vom Orient her gewohnt, aber wir Urteutonen, deren Ahnen in den kühlen germanischen Wäldern den Wisent fällten und das Elen jagten, uns ist heiß, heiß, heiß. Mir kommt bisweilen vor, als ob ich unordentlicher Hörer der Hochschule zu Singapore oder Honolulu wäre. Und ber Gedanke, daß etliche Semiten ihre Gliedmaßen in den kühlen Wellen der alpinen Gebirgsseen oder gar am Strande des weitaufrauschenden Meeres baden könnten, wirkt auf mich extra wie ein probates, schweißtreibendes Mittel. Warum adoptirt mich nicht ein reicher jüdischer Geldfürst? Ich frage nochmals, warum thut er das nicht? Was kann ihn abhalten zu mir zu sagen: „Teutoboldleben, mein Gold, komme an meine dicke Brieftasche!" Und ich — ja ich weiß schon was ich thäte. Ich würde meine deutsch-nationalen Grundsätze niemals verleugnen, ich würde so handeln wie jeder von uns strammen, allweg urgermanischen Antisemiten in dieser Lage thun würde. Um kein Jota anders! Doch was spintisire ich hierüber nach Der Fall wird kaum eintreten, dieser Seelen-Conflict bleibt mir leider vom Geschicke erspart unö damit die herrlichste Gelegenheit, mein großdenkendes Wesen in seiner Gänze zu enthüllen. Ich würde selbstverständlich das Geld nehmen und Antisemit bleiben, den meine Gesinnung ist mir nicht um Milliarden feil. „Co8i fan tutte“ heißt eine Oper von Mozart. — Du, Pumpo, höre, was ich vermuthe! Ich halte die meteorologische Anstalt für verjudet. Die haben von den Semiten sich bestechen lassen, uns so heiß zu machen und nicht einmal für die nächste Zeit wollen die Herren kältere Temperatur prophezeien. Die Semiten haben das ansgeheckt, nicht anders denkbar. Und nicht einmal weiß ich, wie viel Grad es heute hat. Der Kaffeesieder hat sein Thermometer zum Anstückeln gegeben. Ob Celsius nicht auch ein Jude war und früher Kohn geheißen hat? Der Name ist mir verdächtig, er klingt mir zu schön, Auch bei Reaumur scheint mir so ein veränderter „Reitzes" durch. Sollte man da nicht nachforschen?? Ich thue es mal, aber jetzt nicht, später, bis es kühler wird. Dann schreibe ich auch ein Feuilleton in's „Deutsche Volksblatt" darüber. Mit dem Honorar dieser schriftstellerischen Leistung befriedige ich einen Theil meiner Gläubiger. Ja bei Teut, das thue ich, bei Fricka und Loge sei es geschworen! Bergani ist kein Honorarknicker. Er bleibt seinen Mitarbeitern höchst anständige Bezahlungen schuldig, Oder soll ich meine abzufassende Studie den „Unverfälschten" lieber einsenden? Ich könnte sie nur rasch skizziren, Jro wird schon einen feinen Ueberguß darüber machen, ein paar Rosinen hineinthun, was er alles ausgezeichnet versteht. Schönerers Leibblatt ist freilich mehr Briefkasten denn Journal. Wenn zwei Correspondenzkarten mehr einlaufen muß der Leitartikel zurückbleiben. Lieber doch zum Zaubergewaltigen in die zum Himmel stinkende linke Bahngasse. Jedoch Schönerer haßt ihn! O Dilemma! Wenn zum „Deutschen Bolksblatt" einmal die Sanitäts-Commission hinkommt und Nachschau hält! Derartige Miasmen und solchen Unrat findet sie nirgend wo anders mehr. In einer Spalte sind hundertmal mehr Lügen zusammengepfercht als in einem feuchten Kellerloch Aftermiether wohnen dürfen. Und die fabelhafte Unreinlichkeit der Sprache ist wirklich gesundheitswidrig. Schönerer, der Große, hat leider Recht. Ich bin ein deutschnationaler Jüngling, ich will Bergani nicht unterstützen, der wie Judas den Herrn und Meister schnöde verrathen hat. Wäre das aber auch eine Unterstützung, wenn ich ihm ein Feuilletönchen schriebe? Ich kann es ja so halten, daß es das Blatt discredi tirt. Gewiß, das kann ich. Diese Art der Schreibweise ist mir geläufig. Den Titel habe ich schon: „Celsius und Reaumur, eine jüdische Schwindelfirma!" . . . . O wie heiß ist mir! Ich fürchte, die Temperatur schadet noch meiner Gesundheit, ich glaube, ich fantasire schon. Mir wird so schwindlig. Johannes der Geldeinnehmer wird um die verjudete Rettungsgesellschaft telephoniren müssen. Ich höre schon im Geiste ihren Schofarbläser auf dem Bocke musiciren. . . . Zum Glück war es nur vorübergehend. Die schöne Mila, die fürtreffliche Cassierin des Sitzes hat mir einen ganz famosen Cognac vorgeschoben — ich bin wieder so beisammen wie jemals (nicht mehr? Anmerkung der Redaction) und kann fortfahren. Am liebsten führe ich freilich in das Communalbad hinunter. Da das Waffer aber nicht judenrein ist, unterlasse ich diese Reise in 80 Tagen. Hatte ja so ein Semite die Kühnheit, darin zu ertrinken und hielt sich dann noch darüber auf, daß ihn Niemand hermlszog. Konnte er denn nicht warten bis der Herr Schwimm-Meister seine Cigarette ausgeraucht hatte? So anspruchsvoll zu sein. Auch in die Ausstellung will ich nicht. Die koschere Gänslerin Metternich und der JudePallavieineles verderben mir den Spaß. Gregorig geht ja auch nicht hin. Ter jüdische Tandelmarkt, wie er treffend sagt, ekelt ihn an. „Eppes abgelegte Symphonien von Rabbi Beethoven gefällig? Nix zn dirigiren?!" Nein, das ist nichts für uns rassenreine Arier. Wenn ich was Schönes, was Großes, was Herzerhebendes sehen will, dann stelle ich mich zur Wäsche-Auslage des k. k. Schätzmeisters, Gemeinderathes und Landtagsabgeordneten Gregorig in der Maria hilferstraße, der bekanntlich die Leute bis auf das Hemd auszieht. Auch zwei neue Gemälde gibt es da seit dieser Woche. Herrliche Kunstwerke. Eines, das zur Stiftkirche zu, stellt — erröthe nicht o Pumpo! — einen jungen Menschen in Nachthemd und Unterhose dar, während sein der Stadtseite zugekehrter, keuscherer Zwillingsbruder wenigstens ein BeinÜeid angelegt hat. Es sind dies die Söhne des Herrn Gregorig, wenn ste auch dem Vater nicht ähnlich sehen — sind im Gegentheil ganz liebe Bursche — und über jedem steht groß und deutlich, für Jedermann lesbar geschrieben: „Eigene Erzeugung. Josef Gregorig. Schau Dir das an. Du mußt Dirdas an schauen! U. D. G. Teutobold. „Es ist alles nicht wahr". Petersburg, 23. August. „Der „R e g i e r u n g s b o t e" tritt in categorischer Weise den Meldungen der Blätter "über angebliche Grausamkeiten, denen die Juden inRußland ausgesetzt seien, entgegen. Namentlich erklärt das Blatt die Meldung der „Daly News" für völlig unrichtig, daß Juden aus Moskau und Petersburg gefesselt und zu Fuß nach Orten, die ihnen zum Aufenthalte angewiesen wurden, abgeführt und sogar nach Sibirien transportirt worden seien. InRußland, erklärte der „Regierungsbote", werden nur Zwangssträflinge gefeffelt, und auch diese nicht zu Fuß transportirt. Das genannte Blatt schließt mit der Erklärung, daß in Rußland gegen die Juden keine Grausamkeiten und Gewaltthaten verübt werden und daß alle bezüglichen Zeitungsmeldnngen auf einer Erfindung beruhen." Es ist also nicht wahr, daß man die Juden aus Petersburg und Moskau gefeffelt und zu Fuß wegtransportirt und unwahr ist es ebenfalls, daß in Rußland gegen die Juden Grausamkeiten und Gewaltthaten verübt werden — so versichert der russische „Regierungsbote", und schwerlich ist wohl jemals eine beleidigendere Unverschämtheit von Amtswegen gedruckt worden. Denn diese Note setzt von dem gebildeten europäischen Publicum eine solche blöde Urtheilslosigkeit voraus, wie von irgend einer verthierten Muschikhorde. Daß die Ausgewiesenen nicht in Fesseln und zu Fuß weggeführt werden — es sei! Zwar kommt die hier dementirte Mittheilung von einem englischen Blatte, das über die Ohren in Sympathien für Rußland steckt und darum über russische Vorgänge keine Nachrichten verbreiten wird, welche es nicht aus schlechterdings zuverlässiger Quelle schöpft; doch wenn den Petersburger Regierungskreisen damit ein Gefallen geschieht, so mag ihnen immerhin geglaubt werden, daß man die Juden nicht mit Ketten beladen in die Verbannung

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