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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-02 · 36 (2.9.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 650 Vestrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 36 Sebastian Brant sagt in dem Gedicht „von Falsch und Beschiß": „Man hat kleyn masten und gewicht Die elen sind kurz zu gerycht Der kaufflad muß gantz vinster syn Daß man nit seh des tuches schyn n. s. w." Also beim Tuch, von deflen Handel die Juden ausgeschloffen waren. Ueber Lebensmittelverfälschung, nach unserem Gefühl eine Erfindung der Neuzeit, sagt er in demselben Gedicht: „Für golt man kupfer hetz zu rüst Musdreck man unde Pfeffer myst Man kan das beltzwerk alles Verben, Und dut es uff das schlechtest gerben Das es behellt gar wenig hör Wan man's kum treit eyn veirtel jor, Die fulen Hering man vermyscht Das man verkaufft sie gar für frysch-" Auch hier konnten Juden nicht zu den Betrügern, sondern nur zu den Betrogenen gehören. Ausdrücklich werden Christen als die Betrüger in folgender Klage Hugo vou Trimbergs bezeichnet: „Got Herre! lasse Dir geklagt sin. Das wurtz, getreide oder Win, Tuch, des vordem nie wart gespunnen Des varwe nie guam an Sunnen, Wirt nu verkauft von bösen kristen." Auch über den Wucher aller Stände, des Adels, der Mönche, der Kaufleute wird von Sebastian Brant, Murner, Peter Suchenwirt und Anderen geklagt. Sicher ist hier manche Uebertreibnng mit unterlaufen, aber es zeigt doch sicher, daß der damalige „judenreine" Kaufmannsstand es arg genug trieb, um den Tadel der Sittenschilderer hervorzurufen. So viel aus früheren Zeiten. Wie sieht es in den Ländern aus, in denen wenig Juden wohnen? Ist in Spanien, Portugal, Griechenland, Italien der Kaufinannstand so viel ehrlicher als im verjudeten Deutschland? Die Frage aufwerfen, heißt sie verneinen. Wer jemals in Italien war, wird wissen, wie sehr er dort seine Augen aufhalten muß, um nicht über das Ohr gehauen zu werden und wie sehr man dort namentlich von den geforderten Preisen l erunterhandeln muß. In dieser Beziehung haben unserer Ansicht nach die Großgeschäfte bei uns bessernd gewirkt. Durch sie ist das Auffchlagen und Herunterhandeln mehr und mehr in Abnahme gekommen. Die Vergleichung unserer Zustände mit den Verhältnissen anderer Staaten und des „judenreinen" Mittelalters muß also zur Ueberzeugung führen, daß es bei uns ungefähr ebenso wie jetzt aussehen würde, wenn es keine Juden gäbe. Haben aber die Juden, wenn sie auch nicht den Haupttheil der Schuld tragen, einen bedeutenden Antheil an den Verhältnissen? Sicher ist, daß sehr viele von ihnen auch die Nachtheile der jetzigen Zustände verspüren. Auch innerhalb der Judenschaft wird der Mittelstand aufgerieben, in vielen jüdischen Gemeinden geht die Zahl der steuerfähigen Mitglieder verhältnismäßig zurück. Es ist klar, daß gerade die Juden, unter denen eine große Zahl kleiner Kaufleute sich befinden, durch die Waarenhäuser für Beamte, Consumvereine rc. geschädigt werden. Es ist jedoch ein ungeheurer Fortschritt zu verzeichnen. Jetzt klagt man schon über den Katholikentag. Was aber ist der Prinz Liechtenstein neben einem spanischen Großinquisitor, was sind die furchtbarsten Reden gegenüber den Prozessionen der zum Tode Geweihten? Diejenigen, die sich bekehrt hatten, wurden erdrosselt; diejenigen aber, welche hartnäckig blieben, wurden verbrannt. Die Söhne der vornehmsten Adeligen aber ließen sich als Hausbeamte bei der Inquisition einschreiben und sie betrachteten eS als eine Ehre, die Opfer der Inquisition zur Hinrichtungsstätte führen zu dürfen. Und jetzt muß sich Prinz Liechtenstein mit der Ausnützung seines rhetonschen Talents und seiner prinzlichen Autorität begnügen —traurigeZeiten. Allein es scheint uns doch nicht richtig, wenn man die Sache ganz gleichgilttg hinnimmt. Es kommt nicht allein darauf an, was der Katholikentag erklärt, was auf demselben gesprochen wurde, sondern auch darauf, wie es in den breiten Schichten verstanden wird. Das Volk muß glauben, der Katholikentag werde durch die Autorität der Kirche gettagen und die kirchlichen Interessen werden durch diese Versammlung auf's Richtigste interpretirt. Nun wird die Allianz zwischen dem Katholikentag und deni Antisemitismus durch das Erscheinen des Prinzen Liechtenstein declarirt und nun muß die Meinung entstehen, daß wenn man ein Ganzer sein wolle und kein Halber, so müsse man auch antisemitisch sein. Allerdings widerspricht eine solche Voraussetzung den Principien der katholischen Kirche; allein auf dem Katholikentage in Linz ist nichts geschehen, um dem Jrrthum zuvor zu kommen. In Linz hielten sie den Katholikentag, in Gmunden, Ischl und anderen Orten des Salzkammergutes, im Steierischen, Oberösterreichischen, Sahburg'schen, überall genossen die zahlreichen Juden, die dort chren Sommeraufenthalt genommen, die Freuden des Sommers, ohne daß die Dinge in Linz ihnen im Mindesten den Sinn getrübt hätten. Man läßt es sich gefallen, daß der Capitalismus hier seinen Goldregen ausströme. Das salbungsvolle Wesen des Katholikentages und die Sommerfrischler, welche, ohne das Brüllen des Löwen zu fürchten, heiter dahinleben, das gibt einen hübschen Contrast; aber dennoch wird man sich sagen müssen, daß die Emancipation im Gesetze und die praktische Gleichberechtigung zwei ganz verschiedene Dinge sind. Würde ein Judentaa sich ähnlicher Freiheit erfreuen, wie der Katholikentag, würde man ihn in ähnlich milder Weise beurtheilen? Die Hauptfrage bleibt immer, wie wird sich das Alles in der Zukunft gestalten und welche Wirkung vermag die vereinigte Reaction auf die Dauer auszuüben? Die Antwort isi nicht leicht; die bisherigen Erfahrungen der Weltgeschichte bieten keinen sichern Anhaltspunkt. Es gibt da oft merkwürdige Gegensätze, wie wir das ja auch in unseren Tagen sehen, wo die berechtigtsten Fortschrütshoffnungen zu Schanden geworden sind. Die Ideen der Menschheit, welche am Horizonte der Geschichte leuchten, sind Sterne, die ihr Licht nur aus dem Innern des Menschen empfangen. Diese Ideen können wie Sonnenfackeln oft machtvoll in die Welt hineinstrahlen und oft plötzlich einen großen Theil ihrer Kraft verlieren. Eine solche Periode der Verdunkelung wird jetzt von uns durchmessen und daher haben die Uebel von Linz unbedingt eine gewisse Bedeuttmg. Man glaubt in den reactionären Kreisen, daß der Staat selber am Scheidewege steht, daß Wendungen möglich seien, wo das ganze conservative Lager sich wieder auf den Kriegsfuß stellen könne und für diesen Fall zählt man auf den neuen Bundesgenossen, den Antisemitismus. Man berechnet auch, daß für die großen Massen die Freiheitsideen ihre Kraft der- ' loren haben und so glaubt man, von Linz aus den Staat erobern zu können. Dem gegenüber steht als einziger Ersatz die mehr und mehr sich ausbreitende Macht der Wissenschaft und es ist doch das Wahrscheinlichere, daß die Wissenschaft ihre Kritik an gewissen Vorgängen und Erscheinungen ausüben wird. Der Katholikentag weiß nicht, welche Geister er in's Dasein ruft; die Welt kann plötzlich aus ihrer Lethargie erwachen und eine radicale Umgestaltung kann plötzlich alles Unlogische aus den Erscheinungen entfernen. Es geschieht Vieles in unserer Zeit, was als ftevelhafte Herausforderung an das Schicksal erscheinen muß. Man lädt den Antisemitismus zu Gast, die Begehrlichkeit nach dem Besitze und dem Eigenthum Anderer, den Aberglauben, das Vorurtheil, man stachelt die Leidenschaften und heißt ihr Erwachen willkommen; wenn diese steinernen Gäste erscheinen, dann werden Wenige den Muth haben, ihnen die Hand zu reichen, dann wird man wissen, daß Alles seine Bezahlung findet und daß das frevelhafte Vorgehen der Gegenwart keine Ausnahme machen kann. Teutobold in den Hundstsgen. Vierter Schreibebrief des deutsch-nationalen Studenten. Wien, Ende August 1892. O liebwerthester Cumpane Pumpo! So säße ich denn wieder glücklich in meinem Stammeafe in meiner alten Ecke am Fenster und schaue hinaus, wie die Menschen draußen vorüberhasten, jeder seinem Geschäfte nach Da treibt mein Hirn denn seine verwundersamsten Blasen. Zumeist 'ind es Juden, die es gar besonders eilig haben und die keine Minute versäumen wollen, uns arme Arier zu unterdrücken. Ich iehe aber zuweilen auch rassenreine Germanen — mein Scharfblick ist in dieser Hinsicht ganz untrüglich — emsig und eifrig an ihren Beruf eilen. Die Aermsten! Gewiß frohnen sie im Dienste vou semitischen Bedrückern und müssen im Schweiße ihres Antlitzes arbeiten. Arbeiten! entsetzlich! Arbeiten müssen ist ja an und für sich schon ein Unglück, noch dazu aber bei di.eser Hitze erscheint es mir als der Uebel größtes. Wie schwer und

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