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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-09-02 · 36 (2.9.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
36 (2.9.1892)
Date
1892-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mr. 36 Wien» 2. September 1892. IX. Jahrgang Centralorgan für die gefanrmten Interessen des Iudenthnms. -#- Eigrnthümer: Reichsraths-Abgesrvneler Dr. Kisch. Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Die steinernen Gäste von Linz! — Tentoboid in den Hnndstagen. — „Es ist alles nicht wahr". — Die Auswanderung der russischen Inden. — Unsere neuen College» in Böhmen. — Noch ein Kronzeuge. — Correspondenzen: Wien. Agram. Nikolslmrg, Posen, Frankfurt a. M., Cöln, Bautzen, Genua, Paris. — Vermischtes : Wien, Brünn, Lundenburg, Prag, 8. L. Böhmisch- Leipa, Pardubitz, Budapest, Felka-Zips, Damboritz, Tswiecim, Berlin, Breslau, Kronenburg, Glogau, Königsberg, Paris, London, Mogador. — — Feuilleton: Darlehen. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. - L. k. ^SoMarrsssenaml Clraringverkrtzr Nr. 810.976. N-dsuNion u. Administration: wir« I. Dothrnthurmstraßr 39. k - * Man adoimirt bei allrn VvMnfialtrn drs In- und Nuslandrs. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2b kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12!r. & Die steinernen Gäste von Linz! Nicht immer erwarteten die Bauern in Oberösterreich ihr Heil von der Reaction, nicht immer huldigten sie ehrfurchtsvoll den Herren und nicht immer folgten sie blindlings der geistlichen Führung. In der Zeit der Religionskriege wurde die Stadt Linz einmal von einer eigenthümlichen Armee belagert, die weder aus Miethlingen noch aus Rittern und ihren Troß sich zusammensetzte. Die Bauern standen vor der Stadt und es dauerte nicht lange, so hielten sie als Sieger ihren Einzug. Der oberösterreichische Bauernkrieg fand dasselbe Ende, wie jede ähnliche Bewegung in anderen Ländern. Man verfuhr grausam mit den Bauern, verläugnete ihnen gegenüber jedes Mitleid und man war namentlich darauf bedacht, den Protestantismus auszurotten. Dieser glücklichen Wendung der Dinge in der Zeit, wo die Länder ihre religiösen Bekenntnisse feststellten, hat man es zn danken, daß in Linz ein Katholikentag stattfinden konnte. Ueber diese Versammlung ist im Grunde genommen wenig oder nichts zu sagen. Die Reden, welche bei solchen Versammlungen gehalten werden, machen jede kritische Beleuchtung überflüssig. Da ist nichts Hieroglyphisches, Alles tritt mit übergroßer Deutlichkeit hervor. Auch logische Auseinandersetzungen sind gänzlich nutzlos, der Wahrheit sind die Eintrittskarten verweigert, man strebt ^nur darnach, durch wirkungsvolle Schlagworte die Massen an ' das reactionäre Banner zu binden. Die Partei und ihr Einfluß sollen wachsen, die Mittel der Macht will man finden, der Katholikentag steht in der Opposition und erklärt, daß Vieles, was politisch und social besteht, werth ist, daß es zu Grunde geht. Ein solcher Appell an die Unzufriedenheit, dazu ausgehend von Persönlichkeiten, die, was Rang, Name und Einkünfte betrifft, alle Ursache hätten, mit ihrem Lose zufrieden zu sein, spottet aller Beschwichtigungsversuche. Das wird man doch nicht verlangen, daß Bauer und Bürger in Oberösterreich noch erst darüber Nachdenken sollen, was ihnen nützen oder schaden könnte; da folgt man dem angewohnten Vorurtheile und fühlt sich der Mühe überhoben, die Ursachen des ökonomischen Gedeihens oder des öconomischen Verfalls erst tiefsinnend zu erforschen. Nur eine einzige Bemerkung können wir hinsichtlich des Katholikentages nicht unterdrücken. Wenn die Juden eine dem Katholikentag entsprechende Institution hätten, und wenn bei einem solchen Judentag, nach Möglichkeit aus denselben socialen Elementen zusammengesetzt, wie der Katholikentag, ein Liechtenstein erscheinen würde, es gibt viele Juden, die diesen Namen führen, und dieser Jude Liechtenstein hätte, als verkörperte Tarok- oder Whistkarte, dieselbe heftige Feindseligkeit gegen Alles bekundet, was nicht zu seinen Vorstellungen stimmt, wie Prinz Liechtenstein es in seiner durch seine Erziehung bestimmten Richtung gethan hat, und hätte dieser Jude Liechtenstein sich durch eine ähnliche agitatorische Thätigkeit berühmt gemacht wie Prinz Liechtenstein, und dann, wäre dieser Jude Liechtenstein auf dem Judentag, wie Prinz Liechtenstein von dem Katholikentag, ausgenommen worden, wie würde man dann über Juden urtheilen und über ihre Führer und Vertreter? Die Blätter, welche die Jahrhunderte zusammengeweht haben, diese Bücher, beschrieben, während eine fanatische Volksmenge die Thore des Ghetto stürmte, diese Literatur, entstanden unter dem furchtbarsten Drucke, unter grausamen blutigen Verfolgungen, sie wird bis zum letzten Winkel durchstöbert, ob nicht ein Ausdruck des Hasses aufgefunden werden könne, und eine furchtbare Anklage wird daraus geschmiedet, wenn der Jude nicht mit so abgezirkelter langweiliger Heuchelei die Phrase drehte wie Fenelon in seinem bekannten pädagogischen Roman. In Linz aber darf Prinz Liechtenstein begrüßt werden, wie ein von einem Kreuzzuge heimgekehrter Ritter und seine Rede darf begeisterte Aufnahme finden — das sind die geringsten Consequenzen. Wir nehmen an, es sei dem Prinzen Liechtenstein oder dem Vorsitzenden des Katholikentages oder seinen Mitgliedern möglich, sich in die Lage hinein zu denken, daß sie gar nicht Mitglieder des Katholikentages sind und daß sie vielmehr aufgeklärt wären tvie Rabelais oder ungläubig wie Voltaire oder indifferent wie ein gelehrter Japanese, wie würden sie dann über den Katholikentag urtheilen und über ihr eigenes Verhalten auf dem Katholikentag. Das Bewegen des Körpers beim Gebete oder beim Lesen des Talmuds mag fremdartig genug erscheinen, aber was wollen solche Gewohnheiten bedeuten, gegenüber den prinzipiellen Verirrungen des Katholikentages? Der Enipfang des Prinzen Liechtenstein hat jeden Zweifel beseitigt. Der Kamps gegen den Capitalismus, die Noth des kleinen Mannes, das sind nur die kleinen Anziehungsmittel, die Hauptwirkung erwartet man vom Antisenntismus und so denkt man das Volk einzufangeu, damit die Partei den Staat beherrschen könne. Das Volk allerdings sollte sich erinnern, wie damals, als die Welt noch nicht verjudet war, das Volk behandelt wurde. Sehnt man sich vielleicht nach Wiederherstellung der alten Jagdgesetze, wo der Tod eines Hirschen mit dem Tode eines Menschen gebüßt wurde, wo die Bauern die Verwüstung ihrer Felder dulden mußten. Allein da gibt es keine Erinnerung und kein Gedächtniß, der Liberalismus hat die Bauern befreit und daher wird der Liberalismus so bekämpft, als hätte er den Bauern das Schlimmste zugefügt. Es ist antisemitische Mode, den Niedergangdes Mittelstandes, die Zertrümmerung des Kleingewerbes dem, Judenthum zur Last zu legen. In Linz pries man darum das Mittelalter. Im Mittelalter war den Juden der Handel wesentlich nur in gebrauchten Gegenständen gestattet. Sie waren besonders vom Handel in Lebensmitteln, Tuchen u. s. w. ausgeschlossen. Waren die Verhältnisse damals im Handel gesunde, so würde das noch kein Beweis gegen die Juden sein — es wäre ja noch immer die Möglichkeit, daß andere Umstände, wie zum Beispiel der Uebergang zum Großbetrieb, die jetzigen Schäden gezeitigt haben. Waren aber die Verhältnisse damals auch schon tadelnswerth, so ist wenigstens sicher, daß auch ohne Juden sich ähnliche Mißstände entwickelt haben, wie jetzt. Hören wir deshalb einige Sittenschilderer aus dem Mittelalter.

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