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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-26 · 35 (26.8.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 646 Oesterreichrfchr Wochenschrift. Nr. 38 im Werche von 1500 Mart entwendet — ist aber nur ein kleiner Theil wieder herbeigeschafft worden. DreSdeu, 9. August. In dem benachbarten Obergorbitz ist der Vorsitzende des antisemitischen Bolksvereines, Gärtnereibesitzer Klaus, ein rühriger^, Genosse" des Reichstagsabgeordneten Zimmermann, vom politischen Kampfplatze zuriickgetreten. Klaus, der stets mit dem Brusttöne der Ueberzeugung gegen „jüdischen Lug und Trug" losdonnerte, hat sich nämlich als Wechselfälscher enchuppt. Er hat sich dem Gerichte selber gestellt. Vielleicht versucht es nunmehr der Abgeordnete Zimmermann, seinen ehemaligen Kampfgenoffen als Juden zu entlarven. Meiningen. Die Ruhestätte des am 9. Juli v. I. hier verstorbenen Theaterintendanten Ludwig Chronegk auf dem jüdischen Friedhofe ist dieser Tage durch ein vom Herzoge nnd seiner Gemahlin gestiftetes Denkmal ausgezeichnet worden. Ein in München aus italienischem Marmor hergestellten Sarkophag trägt die Widmung: „Diesen Denkstein setzten ihrem Freunde Georg II. und Helene v. Heldburg." Paris. 20. August. Prinz Victor Napoleon veröffentlicht im Pariser „Figaro" einen Brief, in welchem er die antisemitischen Tendenzen, welche mehrere Redner beim letzten imperialistischen Bankett hielten, desavouirt und erinnert daran, daß sein Großonkel Napoleon I. es war, welcher im Jahre 1807 die Emanzipation der Juden durchführte, Solonichi, 28. Juli. Hier hat sich ein Comite zur Unterbringung und Versorgung einwandernder russischer Juden gebildet. An der Spitze derselben steht der Unterpräfect der Provinz, der edle Kiamil Mustapha Effendi. Ferner gehören demselben an: Oberst Dr. Jaques Bey, Stadtrath Ibrahim Effendi, Stadtrath Mullach Effendi, Hugo-Allatini, Levi Zavul Zadeh, Kazas und Feradzi Effendi. Das Comite will zunächst für 800 Familien in Monastir, Koffova und in Salonichi selbst Unterkunft verschaffen. _ Feuilleton. Darlehen. Prager Ghettobild von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Zeder »«befugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Ilebcrsttziingsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) V. Baruch Benatek wurde bei Reb Zodok Daubner rasch aögefertigt. Der Meschores nahm ihm wie gewöhnlich die Lampe ab, stellte sie in eine Zimmerecke und sprach: „Erew Schabes bring ich sie Euch uu jaze Laschem ') wieder zurück!" Der Meschores war ein guter Mensch, der Niemandem, und daher auch Baruch Benatek, der ihm nie etwas in den Weg gelegt, beleidigen wollte; — aber ein wundes Gemüth fiihlt sich leicht verletzt. Das wohlwollende freundliche Lächeln mit deni der Meschores seine stereotype Redensart begleitete, erschien Benatek heute als ein ironisches und als er traurig die Treppe in Daubners Hause herunterging, sprach er seufzend: ,Libon sÄ»el olomim-2) .... Reb Zodok is unbeschrien ein Oschir,* * 7 8) er bracht die fünf Gulden, die ich ihm schon zehn Jahre schuldig bin, nit; — aber lieber als ich leb', möcht' ich sie chm schon einmal bezahlen, aber Du lieber großer Gott, ich trau mich gar nit s o viel von Dir zu erbitten — gib mir wenigstens Brod für Weib und Kind, die zwei Zwanziger was ich Mb Draschch, und die zwei Gulden, die ich Steuer schuldig bin, damtt man mir nur nit mein Häusl verkauft, mich mit Weib und Kind auf die Gaß' wirft! .... Das ist doch nit gar zu viel verlangt?" Als Benatek heimkehrte, fand er Niemanden; Schöndl war noch nicht zurück und die Kinder, denen allein bange geworden sein mochte, waren zur Nachbarin im dritten Stockwerke, einer alten Jungfer, die eine große Kinderfreundin war, hinuntergegangen. Sonst, wenn er am Sabbathausgang von Daubner heimkam, sang er immer die Smiros lemozzo schabbos; 4) — er setzte sich auch diesmal zu Tische, schlug sich das Gebetbuch auf — aber diesmal vermochte er es vor innerer Unruhe nicht, — er erhob sich und durchschritt das Zimmer mtt einer Hast, als gatte es noch heute ein fernes Ziel zu erreichen. Es wurde chm ganz allein in dem nur von einer dünnen Talgkerze beleuchteten Zimmer bange und je länger seine Frau ausblieb, desto ungeduldiger wurde er — aber er versuchte sich zu beruhigen; hätte Nechome Fischl die von seiner Frau vorgeschlagene Candidatin nicht acceptirt, so wäre jene ja schon längst zurückgekehrt, das Fischl'sche Haus lag ja kaum fünfzig Schritte von seinem. Gut Ding will Weile haben, dachte er und einen oder zwei Zwanziger verdienen, erschien ihm unter seinen gegenwärtigen Verhältnissen als ein sehr gutes Ding.er wartete nun wieder eine Zeit lang, als es aber vom jüdischen Rathhausthurme viertel aus acht schlug, wurde seine Geduld übermächtig, er wollte endlich schon seiner Frau entgegeneilen, da hörte er Tritte auf der Treppe und bald darauf überschritt Schöndl die Zimmerschwelle. „Nu?" frug Benatek erregt. „Nix!" erwiderte die arme Frau. Es herrschte kurze Zeit tiefe Stille im Zimmer, endlich frug Benatek, nur um etwas zu sprechen: „Wenn nix war, warum bist Du so lange ausgeblieben? ich war schon besorgt". „Du kannst Dir denken, daß ich mich nit unnütz aufgehalten Hab. Ich Hab Dich nit gern allein zu Hause gelassen, wenn man mit ttaurige Gedanken allein is, so is das eine ganz schlechte Chawruszo-') ...... Ich bin zuerst zu Nechome Fischl gegangen, um sie zu fragen, ob sie Sporl Altschuls Köchig nehmen will ... hat sie es erst mit ihrer Schwester, die grad bei ihr zu Besuch war, ausgeredet, diese hat ihr Geschäft Neben Sporl Altschul's Laden und kennt ihre Köchin. Nach langem Hin- und Herreden sagt Nechome Fischl sie möcht sie aufnehmen, ich soll sie ihr gleich vorführen, — wer war glücklicher als ich? Laus ich gleich zu Sporl Altschul's Köchin und srag sie, ob sie zu Nechomo Fischl als Köchin gehen will? Sagt sie ja, — aber sie kann jetzt nicht fortgehen, die Frau is nit zu Hause, ich soll warten, bis sie nach Hause kommt. Ich setz mich in der Küche nieder und wart .... wie Sporl Altschul nach Hause kommt, sagt die Köchin: „Madameleben,'') Sie haben mir gestern aufgesagt, ich geh' jetzt mit Schöndl Benatek mich verdingen. Schießt Sporl Altschul eine Rije^) auf mich, als wenn sie mich todtschlagen wollt und sagt zu der Köchin: „Komm' Sie herein!" Die Köchin geht mit ihr in's Cheder^) und bleibt lange darin; — endlich kommen beide heraus; die Köchin sagt, ich bleib wieder — die Frau will mich nit weglassen, sie hat mir ein Viertel einen Gulden Schars zugegeben und Sporl Altschul sagt zu mir: „Das is gar nit schön von Ihr, daß Sie meine Köchin verführen will, und wie ich mich excusire und sag: „Sie haben ja selbst gesagt, daß Sie Ihre Köchin weggeben wollen, gibt sie mir gar keine Tschuwo/") lauft in's Zimmer und bembert") die Thüre hinter sich zu, daß die Scheiben in der Küche geklirrt haben. — Denk' ich mir, ich kann ja die noble, feine Frau Nechomo Fischl nit wie einen Narren warten lassen, lauf ich wieder zu ihr, um ihr zu sagen, daß die Köchin bei Sporl Altschul bleibt, wird wieder Nechomo Fischl broges und sagt, wenn die Köchin nit Weggehen will, zu was habt Ihr mich meschuge gemacht? Schöndl seufzte tief auf. „Ich Hab zu Gott gehofft, ich werd'zu der vollen Woch' ein Paar Groschen verdienen, Hab' ich nix verdient und noch Schiffles'') gehabt! Ich geh' in's Vorhaus, die Schabbeskleider ausklopfen, fügte sie hinzu. Sie.wollte um einen Vorwand haben, das Zimmer zu verlassen, damit ihr Gatte nicht ihre Thränensehe. „Und ich werde Smiros singen" meinte Benatek sich au den Tisch setzend. Die Gesänge am Sabbathausgange sind eine eigen- und volksthümliche Poesie. Sie enthalten in den verschiedensten Arten und Umschreibungen die Bitte: Gott möge die anbrechende Woche eine glückliche werden lassen, alles Böse von dem gläubigen Beter fern halten. Stellenweise tönt aus ihnen der Aufschrei eines schwer gequälten Herzens zu seinen Schöpfer. Schöndl hörte am Flure wie Baruch mit lauter Stimme begann, wie diese bald unsicher schwankend wurde, wie er endlich bei den Worten die frei übersetzt Gib meiner Seele steten Frieden . . . Ist denn nur Elend mir beschieden? Soll denn unaufhörlich immer Nachts ertönen mein Gewimmer?! lauten, in heftiges Schluchzen ausbrach; so hatte sie ihn nur einmal weinen hören, als vor zehn Jahren seine geliebte ') Gewöhnliche. 2) Herr der Wellen. s) Reicher Mann. 4) Gesänge für den Cabbathausgang. 9) Gesellschaft. c) Liebe Madame. 7) Einen Blick. 8) Zimmer. 9) Lose. ,0) Antwort. ") Schlägt. ,2) Erniedrigung.

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