Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 35 Vrstrrrrtchischr Wochenschrift. Sette 643 ihre Dignitäre und Armenräthe nothwendigerweise aus dem Diebsgesindel wählen müssen, weil ihnen sonst keine anvere Wahl übrig bleibt. Denn ein Charakter, ein ehrlicher, ernster Mensch ist eben kein Antisemit. Das „Deutsche Bolksblatt" gibt sich vergebliche Mühe, Dostalek ab,zuschütteln, allein er gehört zu ihrer Sippe und ist der antisemitischen Partei würdiger Repräsentant. E. B. Nikolsburg. (Kaiserfest. Rabbiner D r. Feuchtwang.) Anläßlich des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers wurde im hiesigen neu renovirten Tempel ein Festgottesdienst abgehalten, bei welchem unser neu engagirter Rabbiner, Herr Dr. David Feuchtwang, die Festrede hielt. Der Bericht hierüber geht uns kurz vor Schluß des Blattes zu, daher wir auf denselben erst in der nächsten Nummer des Ausführlichen zurückkommen können. Für heute möchten wir nur constatiren, daß zum weihevollen Verlauf des patriotischen Festes wesentlich die gediegene, von tiefem talmudischen Wissen und universeller Bildung Zeugniß gebende, mit einstimmigem Beifall aufgenommene Predigt Dr. Feuchtwangs beigetragen hat. Wir beglückwünschen Dr. Feuchtwang zu seinem durchschlagenden Erfolg, und die Gemeinde zu einem sie ehrenden Seelsorger wärmstens. Prerau, 18. August. (Eine Rede am rechten Platz.) Zur Feier des allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät unseres Kaisers erschienen der k. k. Bezirkshauptmann Herr N av ra til, der k. k. Obercommissär Herr H ondl und viele andere Honoratioren im israelitischen Tempel. Welchen ausgezeichneten Eindruck die glänzende, patriotische Rede des Herrn Rabbiner Dr. I. Tauber zurückgelassen hatte, ging aus der Ansprache des Herrn Bezirkshauptmann hervor, die er an den genannten Rabbiner hielt. In dieser betonte er, „daß er v on der h öchsten Lojalität und dem Patriotismus der Israeliten überzeugt sei, nachdem er im Gotteshause ein so treffendes und herrliches Bild des ruhmreichen Wirkens und Lebens Sr. Majestät des Kaisers, des huldreichen Vaters aller Oesterreicher entwerfen hörte. Er erwarte, um mit dem ehrwürdigen Redner zu sprechen, daß die Irrlichter des National-, Glaubens- und Rassenhasses schwinden werden, auch in andern Kreisen, und die Sonne der Religion, Aufklärung, Freiheit und des Friedens nach der Intention des Kaisers durch ihren milden Strahl Licht und Wärme verbreiten werde". Kolomea. („Ein jüdischer Str.ike.") Unter vorstehender Ueberschrift brachte die „Deutsche Zeitung" einen leitenden Artikel, in welcher der Ausstand der Talisweberarbeiter in Kolomea einer Besprechung unterzogen wird. Das genannte Journal erklärte bei dieser Gelegenheit: „Die Hungerlöhne des jüdischen Gebetmantelivebers in Galizien sind ebenso zu bekämpfen, wie die Hungerlöhne des Latifundienarbeiters in Böhmen, das Los dieser Armen rührt uns in gleicher Weise, mögen die Arbeitgeber orthodoxe Juden oder hochvermögende Fürsten sein." Gegen die Gleichstellung der Weberarbeiter in Kolomea mit den Latifundienarbeitern der großen Fürsten möchten wir doch Einspruch erheben. Zunächst ist hervorzuheben, daß der geringe Wochenlohn von drei Gulden nur bei jugendlichen Hilfsarbeitern vorkommt und auch hier blos eine traurige Folge des Gesetzes über die Sonntagsruhe ist. Diese jüdischen Weber, welche Freitag Nachmittag Feierabend machen müssen, Samstag nicht arbeiten, werden gezwungen, auch die Sonntagsruhe einzuhalten, sie verlieren zwei Arbeitstage, sie arbeiten um einen Tag weniger als christliche Arbeiter. Hier liegt die eigentliche Ursache des geringen Lohnes und aller Unzukömmlichkeiten, über welche geklagt wird. Wie aber die „fürstlichen Löhne" der Latifundienarbeiter aussehen, zeigt nachstehendes Inserat der „Nar. L." vom 4. August: Ein Vater von fünf unversorgten Kindern, Witwer, Arbeiter auf einem fürstlichen Landgute, der bei einem Taglohne von 32 Kreuzern seine Kinder nicht ernäbren kann und das Weinen und Wehklagen der Hungernden, um Brot Flehenden nicht länger ertragen kann — bittet Menschenfreunde, sich seiner armen Kinder zu erbarmen und eines von ihnen an Kindesstatt aufzunehmen. Gefällige Anträge an die Adresse der „Nar. L." unter der Chiffre: „Hungernde Kinder". Greller kann wohl die wirthschaftliche Lage der Landproletarier auf den feudalen Landsitzen nicht beleuchtet werden, als durch vorstehendes Inserat. Ein Vater will auf sein Vaterrecht verzichten, nur um eines seiner Kinder vor dem langsamen Hungertode zu retten. Einer von jenen, die gerade jetzt (am Katholikentag) von christliche Moral, Liebe und Gerechtigkeit triefen und gegen die Ausbeutung durch das mobile Capital wettern, bezahlt ihm seine Arbeitskraft mit 32 Kreuzern täglich und damit soll der Mrnn sich selbst und eine fünfköpfige Familie ernähren. Man frage in Kolomea an, ob je ein Arbeiter sein Kind weggeben möchte? Die „Arbeiter Ztg." selbst constatirt in Nr. 34 das nützliche und ersprießliche „Verhalten des Rabbinates in Kolomea". „da den Arbeitern unter religiösem Banne verboten wurde, die Arbeit wieder aufzunehmen, falls die Fabrikanten nicht genau der Schwurformel bei der Thora die aufgestellten Forderungen bewilligen." Aus Kolomea ging uns über den Stand der Angelegenheit nachstehender Bericht zu: Löbliche Redaction! Bezüglich des Berichets „Der jüdische Weberstreik in Kolomea", den ihr geschätztes Blatt der „Arbeiterztg." entnommen hat, kann ich Ihnen die Versicherung anssprechen, daß der betreffende Bericht tendenziös aufgebauscht ist. Ich will constatiren, daß es hier keine 400 Talis - weder gibt, sondern kaum 100. Ein Theil dieser 100 Weber ist längst schon wieder bei ihren Webstühlen, denn die Differenz zwischen Fabrikant und Arbeiter ist keine sehr wichtige. Die Arbeiter verlangten nur eine lOpercentige Erhöhung des Lohnes. Das kann 10 bis 20 Kreuzer per Talis ausmachen. Daraus ist zu ersehen, daß die Arbeiter nicht per Woche oder Monat, sondern per Stück arbeiten und bezahlt werden. Wenn ein Arbeiter mehr als acht Stunden im Tage thätig ist, so geschieht dies in seinem eigenen Jntereffe. Dieser Borwurf gebührt dem Arbeitgeber durchaus nicht. Der in der „Arbeiterzeitung" angegebene Wochenlohn von 1 bis 3 Gulden kann nur auf Lehrlinge und Gehilfen, welche in der obenerwähnten Zahl 100 inbegriffen sind. Bezug haben. Daß es unter diesen Arbeitern Lehrlinge und Gehilfen gibt, Hai. der Schreiber des Berichtes in der „Arbeiterzeitung" wohlbedacht unerwähnt gelassen. Was die jüdischen Arbeiter im Allgemeinen und die Talisweber insbesondere zu Grunde richtet, ist die Sonntagsruhe. Letztere soll mit Betracht auf die vielen Krakehler und Ruhestörer, welche sich den Sonntag zu ihrem Werktag wählen, eher Sonntagsunruhe als Sonntagsruhe genannt werden. Der jüdische Arbeiter wird gesetzlich gezwungen, nachdem er Freitag Nachmittag die Werkstätte, um Sabbath zu feiern und zu ruhen, verläßt, noch 24 Stunden im Müßiggang, welches mit Laster identisch ist, zu verharren, und um 17 oder 18 Percent seines wöch.'ntlichen Einkommens gekürzt zu werden. Der in der „Arbeiterzeitung" angegebene Genoffe Zetterbaum ist kein Arbeiter, sondern einer, der vor circa fünf Jahren das hiesige Gymnasium absolvirt und dann Wien, die Schweiz rc. besucht hat. Bor zwei Jahren ist er hieher zurückgekehrt und hat sich zum Weltverbesserer durch Mund und Feder hinaufgespielt. Im vorigen Jahre hat man im hiesigen antisemitischen Wochenblättchen eine Serie von Artikeln mit seiner Namensunterfertigung gelesen, die strotzten von lügenhaften Anklagen und Beleidigungen gegen die galizische Judenschaft. Diesmal hat er sein Plätzchen in der „Arbeiterzeitung" aufgesucht, um die jüdischen Talisfabrikanten als Ausbeuter ihrer Arbeiter anklagen zu können. Trieft. (R u s s i s ch e A u s w a n d e r e r.) Nachrichten aus Salonichi und Smyrna melden die Ankunft zahlreicher jüdischer Flüchtlinge aus Rußland, denen die Pforte Wohnsitze in Salonichi, Jaffa, Smyrna und fünf anderen Orten angewiesen hat. Die Zahl derselben beträgt bereits an 2000, und es werden noch weitere Zuzügler erwartet. Einige Hundert derselben weilten in den letzten Tagen in Konstantinopel, allein die Pforte hat die Stadtpräfcetur und die Auswanderungs-Commission verständigt. daß die Flüchtlinge der Gefahr für die öffentlichen Gesundheitszustände halber binnen acht Tagen Konstantinopel verlassen müssen. In Salonichi landeten am 7. d. M. 400 russische Emigranten, welchen jedoch seitens der dortigen Judengemeinde, die seinerzeit schon die Einwanderung der Juden aus Corfu mit scheelem Auge gesehen hatte, kein freundlicher Empfang bereitet wurde, da ohnehin schon zahlreiche Hände daselbst in Folge der geschäftlichen Unthäthigkeit feiern. In Smyrna brachen bei der Ankunft eines Emigrantenschiffes sogar ernste Unruhen aus, da das Volk befürchtete, die „Russen" brächten die Cholera mit, so daß die Hafenbehörden das Schiff nicht landen ließen und dasselbe nach Jaffa fahren mußte. Budapest. (Bischof Dominik Sz»ß), welcher am 13. Angust in Kronstadt eingetroffen ist, um die dortige neue reformirte Kirche einzuweihen, hat — wie man uns berichtet — noch am selben Tage eine Deputation der dortigen israelitischen Gemeinde empfangen.