Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 642_Vesterrrichtsche Wochrnschrist Nr. 35 Wir möchten dieses Cttat blos dahin corrigiren, daß nicht „der Clerus" applaudirt hat. Wir sprachen nach dieser Rede mit Geistlichen aus verschiedenen Diöcesen und haben keinen gefunden, welcher dieselbe gebilligt hätte. Daß der junge clericale Nachwuchs in diesem Fcchnvasser ist, bleibt leider eine Thatsache, wäche der Katholikentag in Linz neuerdings bestätigte. Wie«, 22. August. (Der Antisemitismus und der Clerns.) Der baierische Landtags-Abgeordnete und katholische Pfarrer Dr. Friedrich Frank beantwortete in einem Schristchen: „Die Kirche und die Juden" (Regensburg 1892, Verlagsanstalt) die Frage: Kann ein katholischer Priester, überhaupt ein gläubigerKatholik, Antisemit sein? mit einem entschiedenen Nein; erregte aber dadurch insbesondere unter der Wiener Geistlichkeit so großen Unwillen, daß das Schmähwort „F e l d c a p l a n der Judenschutztruppe" nicht zu dem Aergsten gehört, womit er dafür bedacht wurde. Er hatte ja den Muth, zu erklären, daß, wenn auch die Juden in Folge der Mißhandlungen und Verfolgungen, die sie in jedem Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung zu erdulden hatten, sich manchmal ihre Wuth an Hostien, Crucifixen und Christenkindern ausließen, „es immerhin nur wenige Christenknaben waren, die von den Juden abgeschlachtet wurden, im Berhältniß zu der großen Wenge Juden, die von den Christen gemordet wurden; sicher kommen auf einen gemordeten Christenknaben mehr als tausend Juden, die in den vielen Verfolgungen durch Christen abgeschlachtet oder verbrannt worden sind". (Seite 55.) Dr. Frank gesiebt Seite 72 offen und ehrlich: „Nur Ausnahmsgesetze gegen die Juden zu machen, bei denen sich ihre unbeschnittenen Concurrenten in's Fäustchen lachen, dazu kann ich mich ebenso wenig Herbeilaffen wie zum Schmieden von Ausnahmsgesetzen gegen katholische Ordensleute oder auch nur gegen die Socialdemokraten." Und Seite 76 wagt er gar in Hinblick auf den Baron Hirsch das Zusammenhalten der Juden, das ihnen die Antisemiten so gerne zum Borwurf machen, zu loben und de« Christen als Vorbild hinzustellen. Wie oft schon hat man auch Schauerberichte von Verfolgungen, Mißhandlungen, Abschlachtungen von Katholiken in Rußland gelesen! Wie oft sind Schmerzensschreie von Priestern und katholischen Familienvätern aus Sibirien zu uns nach Deutschland gedrungen, nnd wie erfreulich wäre es gewesen, und wie ehrenvoll für uns Katholiken, wenn auch bei uns wohlhabende Leute sich an die Spitze gestellt und Vereine in's Leben gerufen hätten, um die armen, verfolgten, verbannten, im größten Elend schmachtenden Glaubensbrüder zu trösten, ihre schwere Lage zu erleichtern! Zwar hat der Heilige Vater von Zeit zu Zeit seine Stimme für sie erhoben, aber die katholischen Fürsten haben geschwiegen, die Reichen waren still, nur einzelne Herausgeber katholischer Zeitschriften haben einige hundert Mark für unsere in Rußland mißhandelten Glaubensbrüder gesammelt, und damit war es aus und die Sache wieder von der Tagesordnung gesetzt. O, gewiß! Wir Christen sollten den Juden die Bruderliebe nicht zum Borwurf machen, sondern uns alle Mühe geben, gerade in der Bruderliebe die Juden noch zu übe rtreffen!" Kein Wunder daher, daß es, wenn dem Antisemiüsmus so arg zugesetzt wird, kampf- und streitlustigen Pfarrern keine Ruhe läßt, dem Dr. Frank auf seine Frage ihre Antwort zu geben. Diese scheinen jedoch von der ruhigen Art des Dr. Frank gewaltig abzustechen; denn sie verfallen stets dem Staatsanwalt; dadurch wird leider die Widerlegung, oder doch wenigstens eine Beleuchtung derselben unmöglich gemacht. So wurde erst jetzt wieder eiu solches Heftchen, in diesem Jahr die zweite Gegenschrift, confiscirt: „Philosemit oder Anttsemit? Eine Antwort auf die Frage des baierischen Pfarrers Frank: Kann ein Katholik Antisemit sein? Ertheilt von einem Pfarrer Wiens. Wien, 1892." Gleich bleiben diese Antworten in ihren Titeln immer darin, daß sie die Frage des Pfarrers Frank: Kann ein katholischer Priester, überhaupt ein gläubiger Katholik, Antisemit sein? gleichsam als würde sich in den Verfassern, Priestern der christlichen Nächstenliebe, das Gewiffen rühren, ganz eigenthümlich verkürzen; die eingreifende Hand des Staatsanwaltes aber scheint den Eifer der Lobredner des der christlichen Lehre widerstreitenden Antisemitismus nur noch zu verschärfen; denn während in der ersten Broschüre nur Vergehen gefunden wurden, findet der Staatsanwalt in der eben beschlagnahmten sogar Verbrechen. Wien. (Arische Wursterzeugung.) Ein Fall geschäftlicher Gewissenlosigkeit, noch krasser als derjenige, den vor zwei Monaten die Strasverhandluug gegen den Meidlinger Fleischselcher Johann Plansky aufd.'ckte, beschäftigte am 18. August den Strafrichter Dr. Gerstmann des Bezirksgerichtes Hernals. Die Zeugenanssagen brachten Momente zu Tage, welche geeignet sind, nicht nur das Interesse des Publicums, sondern auch die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen. Am 24. Juli brachte Frau Marie Müller ein Stück verwestes Fleisch an das magistratische Bezirksamt Hernals mit der Anzeige, sie habe selbes beim Fleischselcher Johann Stiaßny, Hernals, Lessinggasse Nr. 42, erhalten und der Verkäufer weigere sich, das unbrauchbare Fleisch zurückzunehmen. Es wurde eine amtliche Untersuchung des Geschäftslocales vorgenommen, die ein fast unglaublich klingendes Resultat lieferte. Sämmtliche vorhandene, zum Verkaufe ausgelegte Waare, 79 Kilogramm Würste aller Art, wurde als verwest, von Maden strotzend und mit Finnen behaftet befunden. Das Verkaufsgewölbe war voll ekelerregender gesundheitswidriger Unreinlichkeit „auf, in und unter dem Ladentische" und die nähere Untersuchung ergab, daß Glasscherben und sonstige Dinge in den Würsten enthalten waren. Der ganze Wurst- und Fleischvorrath wurde dem Wasenmeister zur Vertilgung übergebeu und der Act dem Bezirksgerichte zur competenten Amtshandlung übermittelt. Der staatsanwaltschaftliche Functionär erhob auf Grund des bezirksamtlichen Befundes, der das confiscirte Fleisch und Wurstzeug als eminent gesundheitsschädlich bezeichnet, die Anklage gegen Johann Stiaßny. Vor dem Strafrichter machte der Angeklagte ein unumwundenes Geständniß. Richter: Hatten Sie denn kein Berständniß für die Gewissenlosigkeit Ihres Handelns? — Angekl.: Andere machen's auch so. Richter: Wirklich traurig — aus Erwerbssncht das Leben und die Gesundheit seiner Mitmenschen in Gefahr zu bringen, es ist einfach empörend. — Angekl.: Die armen Leut' wollen billiges Zeug. Richter: Jawohl, nicht aber vergiftetes; für Ihr und Ihresgleichen Vorgehen ist das Gesetz viel zu milde. Die Zeugin Frau Müller sagte, daß sie die Anzeige nur erstattete, tveil Stiaßny brutal wurde, als sie ihr G?ld zurückverlangte und sie anschrie: „Das Fleisch ist gut genug für Euch!" Richter: Jedermann hat die Pflicht, um seiner Nebenmenschen willen so etwas anzuzeigen. Gehilfe Isidor Friedrich gab interessante Aufschlüsse über die Erzeugung schlechter Würste. Er sagt: Die sogenannten weichen Würste, Blut-, Leber- und Cervelatwürste u. dgl. verderben leicht. Es sind das, wie man sie nennt, salzgestoßene Würste. Die schlechte Qualität wird aus Abfällen hergestellt, aus Flexen, Sehnen, ungenießbarem Fleisch, das beim Ansbeindler gekauft wird, aus „Kuddelflecken" und verdorbenen „Grammeln". Dies Alles wird zusammengeworfen und drei bis vier Wochen in Salz gelegt und dann frische Würste daraus gemacht. Das meiste Fleisch kommt aber aus der Großmarkthalle von den Großhändlern. Diese verkaufen im letzten Momente, wenn das Fleisch drinnen schon in einem Zustande ist, daß es der Marktcommissär ohnehin confisciren würde. hinaus in die Vororte um viec bis zehn Kreuzer das Kilo. Da wird es noch zu Würsten verarbeitet. Der Richter verurtheilte Johann Stiaßny wegen Verkaufes gesundheitsschädlichen Fleisches zu einer Geldstrafe von 50 fl., eventuell zehn Tagen Arrests. Der Verurtheilte erklärte, die Strafe anzunehmen. E. B. Wien. (Antisemitischer Armenrath.) Wir haben ja immer behauptet, die Antisemiten-Hetzer sind ausnahmslos verkommene Subjecte, für das Zuchthaus reif, in welches sie früher oder später auch den Einzug halten, denn schließlich ereilt jeden die Neniesis und Keiner entgeht seinem Schicksale. Zur Illustration dessen dient wohl die am 23. d. M. vor dem Wiener Schwurgerichtshofe stattgehabte Gerichtsverhandlung, in welcher über eine siebenköpfige Diebsbande verhandelt wurde, der eine große Reihe Einbruchsdiebstähle nachgewiesen erschien. Für das gestohlene Gut fand die Diebsbande an dem antisemitischen Agitator und — Armenrath des X. Bezirkes, Johann Dostalek, einen ebenbürtigen Hehler und Abnehmer. Dostalek wird sich in einer besonderen Verhandlung wegen Diebstahlstheilnahme zu verantworten haben. Wir werden daher noch Gelegenheit finden, uns mit diesem sauberen Patron noch des Näheren zu beschäftigen. Für heute möchten wir uns nur die Bemerkung gestatten, daß die antisemitisch verseuchten Bezirke