Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 OrArrrrichifchr Wochenschrift. 6dt« 641 leugnet als etwas, das er nur den steierischen Bauern zuliebe vertreten mußte. Es steigt uns hellte noch die Schamröthe auf, und wir erinnern uns noch der verwerfenden Urtheile der gesummten katholischen Presse über das Verhalten dieses Führers. Wenn wir aber fragen, warum Prinz Liechtenstein dieses frevle Spiel mit heiligen Principien getrieben hat, so erhalten wir als noch viel beschämendere Antwort das französische Sprichwort: Cherchez la femme! Und ist dieser Mann vielleicht nach einer momentanen Verirrung zu uns zurückgekehrt? O nein! Er und die Seinigen haben gerade in letzter Zeit auf den Kampf gegen den Liberalismus fast ganz vergessen, um gegen katholische Abgeordnete und katholische Blätter zu kämpfen. Die Einladung des Prinzen Alois Liechtenstein als Redner zu einem Katholikentage bleibt uns unbegreiflich. Einen Grund dafür haben wir trotz allen Fragens nicht vernommen: denn man wird es doch kaum als einen Grund ansehen, menn ein Mitglied des vorbereitenden Comitvs sagte: Liechtenstein sei cingeladen worden, weil er ei" guter Redner sei! Se. Durchlaucht selbst scheint über diese Einladung erstaunt gewesen zu sein, denn er behandelt im ersten Theile seiner Rede eingehend die Gründe, wie er dazu komme, in dieser Versammlung zu sprechen. Liechtenstein begann diesen Theil seiner Rede gleich mit einigen Unwahrheiten und Tactlosigkeiten. Erbehandelt erstlich den Katholikenthag fortwährend als eine deutschconservative Versammlung, er nannte ihn gar nie den österreichischen Katholikentag, sondern das berüchtigte Lienbacher'sche „deutschconservativ" mußte sich die Versammlung gefallen lassen, in deren Präsidium neben Deutschen zwei Slovenen und ein Pole saßen! Liechtenstein behauptet ferner, das Comitö der deutschconservativen Partei Oberösterreichs habe seine Einladung an Vertreter aller jener Parteien ergehen lassen, die auf dem Boden christlicher Weltanschauung sichen — also auch an Protestanten? Se. Durchlaucht hatte ferner die fast unfaßbare Tactlosigkeit, die Valuta-Frage in seine Katholikentagsrebe hineinzuziehen. Er motivirt sein Erscheinen auf der Tribüne des Katholikentages unter Anderm damit, daß „die letzten so wichtigen Abstimmungen im Parlament die Gleichartigkeit unserer und Ihrer volkswirthschaftlichen und socialen Ueberzeugungen dargethan haben". Das sagt Liechtenstein, während im Bureau des dritten österreichischen Katholikentages vier Reichsraths- Abgeordnete sitzen, nämlich Graf Ernst Silva-Tarouca, Canonicus Klun, Ritter v. Kozlowski und Povsche, von welchen keiner mit Liechtenstein und den Jungczechen jc. gestimmt hatte. Aber noch mehr; das sagt derselbe Liechtenstein, der selbst keinen sachlichen Grund hatte, gegen die Valuta-Vorlagen zu stimmen. In Abgeordnetenkreisen ist das ja bekannt genug rnrd wir könnten Namen jener Herren nennen, denen Fürst Liechtenstein empfohlen hatte, für diese Vorlagen zu stimmen, weitste dem producirenden Volke zum Nutzen gereichen. Er könne nicht dafür eintreten, weil das Wiener Volk das nicht v e rst e h e und dagegen sei; dann ging er hin und hetzte das Volk noch mehr dagegen auf! Wie man sieht, der echte Volksmann! krurieuttzZ auribus! Ein anderes Dictum Liechtensteins circulirte ebenfalls in Abgeordnetenkreisen; er erklärte sich bereit, für die Valuta-Vorlagen zu stimmen, wenn die „Neue Freie Presse" durch vierzehn Tage dagegen schreibe. Also der Mann hatte gar keine sachlichen Gründe für sein Votum; er spielt nur auf wohlfeile Weise den Bolksmann und beleidigt diejenigen, die wirklich nach ihrer Ueberzeugung und nach Gründen gestimmt haben. Die Versammlung, das heißt der jugendliche Theil derselben, begleitet die Tactlosigkeiten Liechtensteins mit johlendem Beifalle. Liechten st ein revanchirt sich, indem er die Deutschconservativen als eine bloße Bauernpartei erklärt. Dagegen hat schon sogleich das „Linzer Volksblatt" protestirt. Bei uns gibt es überhaupt keinen solchen Gegensatz der Stände, wie ihn Liechtenstein statuiren will. Ja wir hielten es für sehr gefährlich, den Bürger und Bauer gegen einander auszuspielen. Den Nutzen davon könnte nur der Liberalismus haben. Eine weitere nicht genug zu rügende Tactlosigkeit des durchlauchtigsten Redners war das Lob, welches erde m gesammten jungenClerus spendete (soll wohl Wiener Clerus heißen!), der in Reih und Glied stehe mit der Stadtbevölkerung, diese Hierarchie der Zukunft. Das sagte Liechtenstein unter dem johlenden Beisalle von Studenten und Alumnen, und da begreift ein Correspondent des „Tiroler Volksblatt" noch nicht, daß die schnelle Abreise Sr. Eminenz des Cardin als Gruscha mit dieser Rede des durchlauchtigen Volkstribuns in Beziehung gebracht wurde. Liechtenstein sucht die Antisemiten, oder, wie er sie nennt, Sozial-Refornier als eine mit uns verbündete Fraktion darzustellen, welche getrennt marschirt, aber gemeinsam gegen den Liberalismus kämpft. Se. Durchlaucht muthet uns ein kurzes Gedächtniß zu. Wir wissen noch zu gut, wie die Herren Lueger, Schneider und Psenner unter dem Beifalle der Liberalen katholische Politiker und Blätter bekämpften und sich bei uns zu Lande mit allerhand zweifelhaften Elementen von niedriger sittlicher Qualität, mit m a n d a t s l ü st e r n e n Streber n u. s. w. verbunden haben. Wir wissen, wie die Presse dieser Fraction fast nur gegen uns kämpft, und zwar in einer perfiden Weise und einem rohen Tone, wie wir ihn auch in den schlimmsten Zeiten seitens der Judenpresse nicht erfahren haben. Zum Schluffe fühlte sich Liechtenstein noch bemüssigt, den „parlamentarischen" Ton seines Anhanges zu entschuldigen und er wählte dazu unseren seligen Msgr. Greuter, um an der kräftigen, urwüchsigen Rednergabe dieses katholischen Tirolers die Phrasen eines Lueser oder die exaltirten Tiraden eines Schneider zu entschuldigen. Hätten wir nur noch einen Greuter, er würde mit der Phraseologie dieses neuen Liberalismus, welcher sich mit dem Reform-Mäntelchen verhüllt, ebenso schonungslos zu Werke gehen, wie seinerzeit mit Schindler und Lasser, welche ja auch Meister der Phrase warm und sich auf das Volk als höchste Autorität beriefen. Wir haben uns mit Liechtenstein länger befaßt, als es gerechtfertigt erscheinen mag; doch nicht über Gebühr. Liechtenstein's Einladung und sein Erscheinen bildeten die Signatur dieses Katholikentages. Der Chef - Redacteur eines großen Centrumsblattes am Rhein, mit dem wir hie und da unsere Beobachtungen austauschen, sagte, einen ärgeren Eiertanz als die Rede Liech tenstein's, habe er noch nie vernommen und er war überzeugt, daß gerade diese Rede zu einer vollständigen Scheidung führen müsse. Liechtenstein hat alles Principielle in seinen Erörterungen, ja so viel als möglich auch das Wort katholisch vermieden, wie der Teufel das Feldkreuz. Dafür setzte er die kunstreich gedrehten Phrasen von Unabhängigkeit urd Volksthümlichkeit u. s. w Tie vortrefflich arganisirte Claque that das übrige. Die „Neue Freie Presse" hat der Rede Liechtensteins einen Leitartikel gewidmet, dessen Schlußsatz lesenswerth ist. Das Blatt berichtet den jubelnden Beifall, mit welchem die Rede des Prinzen ausgenommen wurde, und bemerkt dann: „Aber ein kleiner Umstand scheint uns doch bemerkenswerth zu sein. Wie die Berichte aus Linz melden, ist der Beifall, den die Rede des Reformpnpzen auf dem Katholikmtage fand, zwar reich und stürmisch gewesen, aber die Bischöfe betheiligten sich nicht daran, sondern verharrten, während die Versammlung ' applaudirte, in ernstem Schweigen. Sollte ihnen die Rede nicht gefallen haben? Sollten sie dadurch nachdenklich gestimmt worden sein, daß der Prinz sich berühmte, der gesammte junge Clenls, die Hierarchie der Zukunft, stehe ausnahmslos in seinem Lager? Oder sollten sie es bemerkt haben, daß der Redner, als er von der Vereinigung und Verständigung seiner beiden Corps sprach, ihnen zwar eine gemeinsame Commandosprache, aber kein gemeinsames Commando zuerkannte? Uns scheint eine hohe Beredsamkeit in diesem Schweigen zu liegen. Es ist jedenfalls ein merkwürdiger Katholikentag, auf den. der Prinz von Liechtenstein spricht, der Clerus applaudirt und der Episcopat — schweigt."