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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-26 · 35 (26.8.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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^wcagas AM»»8S«W»W Seite 640 Vestrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 38 Ern Kronzeuge. Oesterreichische und'reichsdeutsche Antisemitenblätter reproduciren wie auf Kommando das 19. Capitel der Schrift: „Jüdisches Ceremoniel" von Paul Christian Kirchner, „zum Christenthum bekehrtem Rabbiner" (Frankfurt 1720). In den dort beschriebenen „Ceremonien bey Kreisser- und Kindbetterinnen wie auch bey der Beschneidung eines Kindes" heißt es: „im Fall aber gar nichts anschlagen und helfen wolle, .... geben sie der kreifsenden Frauen ein gedörrtes Blut, welches von eines unschuldig-ermordten Christen-Kindes Blut seyn soll, daß sie ihrer Barbarischen Gewohnheit zu Folge an ihren Ostertagen unmenschlicher Weise ermordet haben" u. s. w. Wer ist nun dieser Kirchner? Der Elberfelder Pastor Lic Joh. de le Roi, der lange Zeit Judenmissionar in Breslau gewesen, schreibt in seinem lehrreichen Werke „Die evangelische Christenheit und die Juden" (Berlin 1884, H. Reuther) Band 1, S. 405: „Auch unter den Proselyten dieses Zeitraumes gab es einige gewöhnliche Betrüger. So werden Fälle erwähnt, in denen Getaufte noch einmal die Taufe begehrten, um das übliche Pathengeld zu erlangen. Paulus Christianus Kirchner, der eine Zeit lang am reformirten Gymnasium in Halle hebräischen Unterricht ertheilte, gehört zu jenen unlauteren Menschen und soll zuletzt wieder Jude geworden sein." — Seb. I. Jugendres, ein geborener Christ, welcher 1734 zu Nürnberg, eine neue, verbessere und mit Bildern versehene Ausgabe des Kirchner'schen Buches besorgte, sagt in der Vorrede: „Man sollte zwar vermeinen, als ob man bei Convertiten die beste Nachricht einholen könnte, .... Allein ... so siehet jederman gar leicht . . . ., wie viele sich gar sehr verdächtig gemacht, .... daß sie ihren neuen Glaubensgenossen durch Anschwärzung der alten nur einen Fuchs-Beltz verkauften und ihnen solche Dinge vorsagen wollen, von denen sie wol wußten, daß sie bey leichtgläubigen Gemächern guten Ingreß finden und mit Plaisir angenommen werden würden. Was soll man erst von Denenjenigen sagen, von denen man leider erfahren müssen, daß sie die öffentlich bekannte Wahrheit wiederum abgeläugnet? . . Diese haben wohl nicht verdient, daß man ihrer Crzehlung, sie sey nun mündlich oder schriftlich geschehen, den geringsten Glauben bcymesse. Ich will nun jetzo nicht melden, unter welche Clafte unser Autor . . . gehöre, sondern nur so viel sagen, daß er in seinem Traktat ... sich nicht selten gar unrichtig finden lassen." In der Anmerkung zu der angeführten Stelle, S.I 50 sagt Jugendres: „Mit dieser Beschuldigung hätte der Autor zu Haus bleiben sollen, denn erstlich bekennt er selbst, er habe es nicht gesehen .... So ist auch schon der Brentz in seinem jüdischen Schlangen-Balg mit solcher Beschuldigung aufgezogen kommen, welcher aber gleichfalls gestehen müssen, daß sein Vorgeben nur auf Muthmaßungen beruhet .... Wer hierinnen nachzuforschen Lust hat, mag sich derjenigen Historie erinnern, welche erst kürzlich ohnweit Danzig sich zugetragen, da man auch ein todtes Christenkind in eines Juden Haus geworfen . . . (Leicht hätten) viele hundert Seelen darüber in Gefahr laufen können, welches aber der gerechte Gott durch Bestrafung des recht Schuldigen noch verhütet hat." Diese Worte sind um so bedeutsamer, als Jugendres, wie seine Anmerkungen deutlich beweisen, nach dem heutigen Sprachgebrauch als „Anttsemit" bezeichnet werden würde. ^orreMnämLen. Wien. (Das Kaiserfest in Norderney.) Man schreibt uns aus Nordeney, 20. August 1892: Nichts kann vor Allem den Pattiotismus und die innige Liebe und Begeisterung unserer Glaubensgenoffen für die Person unseres edlen Monarchen deutlicher kennzeichnen, als die Thalsache, daß, da noch am Vorabende des 18. August von Seite der ch r i st l i ch e n aus Oesterreich-Ungarn hier weilenden Curgäste Nichts, gar nichts, auch nicht einmal ein in der hiesigen katholischen Kirche abzuhaltendes Hochamt veranlaßt worden war, sich noch um 9 Uhr Abd. des 17. Aug. der bekannte Prager Advocat Dr. Bendiner, Herr Dr. Hlawaftch, ebenfalls jüdischer Advocat in Prag im Vereine mit dem Pester Advocaten Dr. Schulhof Geza Edl. v. Dombovar, I. H. Waltuch aus Wien, zum hiesigen katholischen Pfarrer begaben und denselben dringendst ersuchten, daß er am darauffolgenden Morgen, als an unseres Kaisers Geburtstage, ein Hochamt für die hier weilenden Oesterreicher und Ungarn celebriren möge. Der Pfarrer erklärte sich hiezu sofort bereit, meinte aber, er sei in der größten Verlegenheit, weil er keinen Ministranten habe, indem sein Kirchendiener auf zwei Tage beurlaubt sei. „Es wird aber doch gehen", sagte der Herr Pfarrer, über seine rettende Idee hoch erfreut, zu den genannten Glaubensgenossen, „wenn Einer von Ihnen mir bei der Celebrirung der Messe ministrirt." „Das geht nicht, Herr Pfarrer." „Aber singen können Sie doch, wir müffen ja einen Vorsänger haben." „Auch das geht nicht Hochwürden." „Ja warum denn nicht? Das Kirchenlied und' das Gebet kennt doch jeder Katholik?" „Weil der Eine nur czechisch, der Andere nur ungarisch, der Dritte gar nicht singen kann!" „Ja so, ich verstehe schon. Morgen Früh 9 Uhr findet das Hochamt statt, lassen Sie's nur zeitlich Früh durch den Ausrufer bekanntgeben." So geschah es. Das Hochamt fand statt, und erschienen zu demselben sämmtliche hier weilende Oesterreicher und Ungarn, an deren Spitze der österreichische Abgeordnete Freiherr von Scharschmid, der ungarische Deputirte, Herr Bartok, Professor Krafft-Ebing und der hiesige königl. Bade^Commissär Kammerherr Baron Finke. Selbverständlich waren wir Inden aus Oesterreich-Ungarn,deren alleiniger und einziger Initiative diese Feier zu danken war, fast vollzählig mit erschienen. Am Abende fand in einem Hotel ein ebenfalls von dem genannten jüdischen Comite veranstaltetes Festbankett statt, welchem Herr Baron Scharschmid präsidirte, und bei welchem als Ehrengäste der Herr Bade-Commissär und der katholische Seelsorger erschienen waren. Der österreichische Abgeordnete Baron Scharschmid sprach Namens der Oesterreicher, der ungarische Deputirte Herr Bartok Namens der Ungarn die Festrede, worauf dann noch Kammerherr Baron Finke Namens der Deuftchen für die auch dem deuftchen Kaiser und dem Dreibunde dargebrachte Huldigung dankte. Nachdem noch Herr Professor Krafft- Ebing, Dr. Bendiner aus Prag und der Wiener Advocat Dr. Marcell Hoffmann in warmen und beredten Worten auf die Genannten toastirt hatten, endete gegen Mitternacht das schöne Kaiserfest auf Norderney. Wir wollen noch bemerken, daß die drei Juden Dr. Bendiner, Dr. Geza von Schulhof und Dr. Hlawatsch den Pfarrer für das von ihm abgehaltene Hochamt aus ihren Privatmitteln fürstlich honorirt haben. Wir würden dies nicht hervorgehoben haben, wenn nicht jederzeit dem Judenthum Mangel an Patriotismus beleidigend in's Gesicht geschleudert würde. Die biederen Deutsch-Nationalen demonstriren im Ausland gegen Oesterreich,'die Genossen Vffaty's knieen anbetend vor dem Czaren nieder, die österreichischen Juden im Ausland gedenken dankbaren Herzens des allverehrten und huldreichen Monarchen Franz Josef I., der auch den Juden gegenüber ein Fürst der Gerechtigkeit ist. Wien, 22. August. (Prinz Alois Liechtenstein in clericaler Beleuchtung.) Die „Neuen Tiroler Stimmen", das Hauptorgan der Tiroler Clericalen, besprechen in einer Reihe von Artikeln die Ergebnisse dcs Linzer Katholikentages. Der letzterschienene Artikel beschäftigt sich in seiner Gänze mit dem Pnnzen Liechten st ein und ist von so großem Interesse, daß wir denselben hier reproduciren. Amicus mihi Plato, sed magis amica veritas. Noch weniger allerdings will es uns begreiflich erscheinen, wie Prinz Alois Liechtenstein zu der Eh re kommt, als Redner auf einem österreichischen Katholikentage zu fungiren. Früher galt das nämlich als eine Ehre, welche den hervorragendsten Führern, den um die katholische Sache am mciften verdienten Männern zu Theil wurde. So ist's noch in Deutschland. Hier aber erscheint aus der Tribüne des Linzer Katholikentages ein Mann, der uns einstens in einem schmierigenAugenblicke im Stiche gelassen und von der'Fahne, die er vor an getragen hatte, abgefallen war. Er hatte gerade jenen Antrag, welcher unsere wichtigsten und prinzipiellsten Wünsche enth'elt, den Schulantrag, schmählich im Stiche gelassen und hatte ihn in öffentlicher Versammlung ver-

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