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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-26 · 35 (26.8.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 35 Drstrrrrlchischr WorhrnschrW. Sette 639 Anhängern Waguer's zählen notorisch die Juden. Ohne die thatkräftige Förderung Mayerbeer's wäre Wagner kaum, zumindest nicht so rasch zu solcher Berühmtheit gelangt. Juden zählen zu den besten Dirigenten und Interpreten Wagnerischer Werke! Der Deutsche, sagt Schönerer weiter, setze seinen Stolz in productive Arbeit geistiger und leiblicher Natur nicht aber der Jude. Bekanntlich haben die Germanen die Arbeit als etwas Entehrendes angesehen. Wenn der Deutsche, citirt Schönerer ferner, eine Ehre darein setzt, Wahrheit, Recht und Treue mit Hinwegsetzung über selbstische Regungen hochzuhalten und zu Predigen, so könne man dies von anderen Völkern nicht behaupten. Sind Schönerer hiebei Stöcker, Rohling, Böckl, Lueger, et tutti quanti vor Augen geschwebt? Die Meineids-Cultivirung ist die eigenste Erfindung der Antisemiten und findet bei Juden in besserer socialer Stellung kein Beispiel. Schönerer versteigt sich zn der kühnen Behauptung, daß Arier resp. Antisemiten ganz andere Menschen wie Juden sind und führt zum Beweise dessen an, man möge doch Betrachtungen anstellen, wie sich die Mitglieder einer nationalen Turnerverbindung in freien Stunden unterhalten, im Gegensätze zn Jüdischen. Nun, es ist bekannt, daß die antisemitischen Turner nicht in der Turnerei, sondern im Suff, in Keilerei und Rand alirer ei Sport suchen und finden, und weil die Juden nur in hygienischer Leibesübung die Turnerei als einzigen und Selbstzweck betrachten, so werden sie von arisch-antisemitischen Turnerverbindungcn ausgeschlossen. Schließlich erhebt sich Schönerer, der einen Geistlichen wegen einiger Kreuzer Schadenszufügung zum Selbstmord getrieben und Mutter und Schwestern durch Jnstattirung eines Bordettes um das väterlicherseits als Erbe bestimmte Ausgedinge beschwindelte, zu der Behauptung: „Unser Christenthum liegt in der erbarmenden Liebe zn den Armen und Elenden des eigenen Volkes, welche durch die wachsende Herrschaft der Fremdlinge immer ärmer und elender werden." Wie sieht doch die Liebe zu den Armen und Elenden des eigenen Volkes in der Wirklichkeit aus. Es soll nicht darauf hingewiesen werden, daß bei durch Nothlage erfolgten öffentlichen Sammlungen, die antisemitischen Arier oder arischen Antisemiten durch Abwesenheit glänzen. Wir möchten Schönerer und seiner Sippschaft enipfehlen, Wahrnehmungen z. B. an einer Brücke, wo ein blinder Bettler um Almosen steht, zu machen. Von zehn Passanten, die sich durch menschliche Regung bewogen finden, eine Gabe zu leisten, sind in der Regel neun Inden, ein armer Jude dagegen ist selten auf Betteln angewiesen, dann aber, wenn ihm dies traurige Los beschieden, wird er von seinen Glaubensgenossen versorgt, und bekommt er auch von Andern eine milde Gabe, so stammt sie nur von einem Arier — der kein Antisemit ist. Der Jude, sagt Herr Schönerer ferner, ist von 'Natur aus Utilitätsmensch, er kennt keine Liebe zur Sprache und Nation. Nun aber ist es eine historische Thatsache, daß die Juden der deutschen Sprache größere Treue und Anhänglichkeit bewährt haben, als die eigentlichen „Germanen", die sich am leichtesten entnationalksiren ließen. lieber das Verhalten der Elsäßer Juden zum Deutschthum während der Franzosenherrschaft belehren die folgenden Bemerkungen in dem Artikel „Metz" in Nummer 101 der „Köln. Ztg." vom Jahre 1886: „Am treuesten an der d e u t s ch e n Muttersprache hielten die Inden fest. Die Machthaber der, ersten französischen Republik fanden keinen anderen Ausweg, die jüdische Bevölkerung mit den neuen Grundsätzen bekannt zu machen, als für dieselbe eine deutsche Zeitung Herstellen zu lassen. Dieselbe erschien vom Jahre 1789 ab wöchentlich, in sogenannter jüdischdeutscher Sprache im Verlage von Abraham Spire (Speier). Dieses Blatt scheint aber die Französirung nur wenig gefördert zu haben, denn im Jahre 1820 sah sich die französische Regierung veranlaßt, den Ober-Rabbiner von Metz, den ausgezeichneten Talmudisten Aaron Worms seiner Stellung zu entheben, auf Grund des Artikels 20 der Verordnung vom 17. März 1808, wonach vom Jahre 1820 ab kein Rabbiner in Frankreich wählbar war, ohne der französischen Sprache mächtig zu sein. Auch heute noch spricht die ziemlich zahlreiche einheimische jüdische Bevölkerung von Metz deutsch, von den älteren Leuten etliche ausschließlich. In der bedeutenden Metzer Bibliothek fehlt die erwähnte Zeitschrift, gleichwie so manche andere auf das Deutschthum bezughabende wichtige Urkunde." Aehnlichen Erscheinungen begegnen wir in Rußland. In Nr. 215 vom 2. August d. I. brachte der „Figaro" einen Artikel über die Judenfrage in Rußland. Darin heißt esu.a.: „In Frankreich ist der Israelit durch die Sprache, die er in seiner Familie spricht, durch seine Erziehung, durch seine Sitten ein echter Franzose, und oft sogar ein eifriger und aufrichtiger Patriot. In Rußland sprechen alle Juden — ich sage alle, ohne Ausnahme — unter sich einen völlig bestimmten deutschen Dialect; es ist der, der noch täglich in einem Theil Westphalens und der Pfalz angewendet wird. Einem Jrrchum entgegen, der allgemein verbreitet ist, kann man versichern, daß ihre Sprache nicht mehr hebräische Worte enthält, als das moderne Französisch deren arabische zählt .... Im gewöhnlichen Leben sprechen sie unter sich nur deuffch." Der Artikel, unterzeichnet mit Sviatoslaf de Baschmakoff, legt unzweifelhaft dar, daß in Rußland Judenhetze und Deutschenhetze mit einander Hand in Hand gehen, ja daß die sprachliche Zugehörigkeit der Juden zu Deutschland ein Gegenstand der Verfolgung, ist. Merkwürdige Sprünge des Antisemitismus! In Rußland werden die Inden verfolgt, weil sie Deutsche find, in Deutschland, weil sie gar nicht Deutsche sein sollen, und dem jüdischen Franzosen wirft der deutsche Antisemitismus vor, er sei chauvinistisch und deutschfeindlich: Das Ratengeschäft eine ureigene arische Erfindung. Die letzte 'Nummer Schönerers „Unverfälschte deutsche Worte" bringen in einem vier Columnen langen Berichte nachstehende schauerliche Mär. Es habe sich jemand auf ein Inserat im „Weltblatt", lautend: „Reeller Verdienst für gewiegte Agenten u. s. w." an den Inserenten gewendet und hierauf den Antrag erhalten, „den Vertrieb von Losen und Werthpapieren auf Raten gegen gute Provision zu übernehmen"; dieser Antrag sei begleitet gewesen mit einer ganzen Reihe von Drucksorten, welche die Informationen und Instructionen, wie sich der Agent beim Verkaufe und gegenüber dem Käufer zu benehmen habe, enthielten Die „11. D. W." drucken diese Informationen und Instructionen, acht an Zahl, vollinhaltlich ab, commentiren dieselben in einer für den Geschäftsinhaber höchst abfälligen Weise, schreien nach dem Staatsanwalte und thun ganz entrüstet über den Schwindel, jammern über Ausbeutung der Landbevölkerung, auf welche es zumeist abgesehen sei. Selbstverständlich stellt sich heraus, daß der Besitzer des Losrentengeschäftes der Jude Schütz, Renngasse in Brünn, ist. Wir haben uns die Mühe nicht verdrießen lassen, der Sache, welche die „11. D. W." als cause eeledre behandeln, und Herrn Schönerer Veranlassung geben über die Inden die volle Schale giftiger Galle auszuschütten und sie allesammt als Schwindler, Ausbeuter u. s. w. zu stigmatisiren, nachzugehen, und da waren wir in der Lage, Erfahrungen zu machen, welche wir den „U. D. W." der eingehendsten Beachtung und Würdigung empfehlen. Besagter Jude Schütz betreibt das Ratengeschäft aus Lose und Werthpapiere erst seit einigen Jahren. Die citirten mit Acht und Bann belegten Drucksorten jedoch» welche den Agenten als Information und Instruction gegenüber den Käufern zu dienen haben, sind aber die Copie eines Conc u r r e n t e n, der jedoch nicht Jude, sondern ein waschechter Arier ist, der eine ausgezeichnete sociale Stellung einnimmt, als erste Bankiersfirma gilt und wiederholt ausgezeichnet worden ist. Wir können weiters mit einer ganzen Reihe von Firmen in den Landeshauptstädten nnd Provinzcentren aufwarten, die das Ratengeschäft auf gleicher Basis, wie Schütz in Brünn betreiben. Die erste Finanz-Capacität der Antisemiten in der Reichshauptstadt thut desgleichen. Allein den „U. D. W." gilt wohl der Satz. Wenn Jud und Arier das gleiche tpn, so ist es nicht dasselbe. Schließlich möchten wir noch darauf Hinweisen, daß der eigentliche Erfinder des Losraten- und Promessengeschäftes der bekannte Sothen war, von katholisch gläubiger Gesinnung, denn er war sogar päpstlicher Baron. Es liegt uns ganz fern, unreelle unsolide Geschäftsgebahrung, sei es auf diesem oder jenem Berkehrsgebiete, beschönigen zu wollen, im Gegentheile, wir mißbilligen und verdammen dieselben aufs schärfste. Insbesondere fordern wir von den Glaubensgenossen, daß sie sich bei allen geschäftlichen Transacttonen der peinlichsten Gewissenhc^tigkeit besteißen und ihren Kunden und Committenten gegenüber niemals den Weg des Rechtes und Gesetzes verlassen. Allein man muß entschieden Einsprache gegen die Methode der antisemitischen Organe erheben, die nicht den Balken im eigenen Auge, aber den Splitter in dem des anderen bemerken. _

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