Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Oeskerrrichifche Wochenschrift Seite 6L7 Es dürfte die Leser interessiren, daß ein Knabe durchaus kein Fleisch essen wollte, da er noch nie solches gegessen hatte. Nur Erdäpfel und Brod waren bisher seine Nahrung, er wollte mit den Andern Tauschgeschäfte machen, er gab sein Fleisch für Brod her; nun gewöhnten ihn die Uebrigeu an das Fleischeffen, und als ich anwesend war, schmeckte ihm kein kleiner Bissen. Sapienti sat! Ganz reizend ist der Anblick, wenn beim Erschallen der MittagSzeichens Nummer an Nummer sich reiht und die Kinder paarweise sich an den Mittagstisch setzen. Jede- Kind hat nämlich seine Nummer und zwar alphabetisch von 1—39. An den Tischen sind diese Nummern angebracht, und lautlos sucht jedes Kind seinen angewiesenen Platz. Auch manche wohlhabende Mutter könnte froh sein, wenn ihre zahlreiche Kinderschaar sich so anständig bei Tische benähme, wie es diese auS dem ärmsten Theilen der Bevölkerung zusammengewürfelte thut. -Auf ärztliches Anrathen wird Levicowasser in die Suppe gethan. Die Kinder sind nämlich nicht nur blutarm sondern auch b l u tarm. Ich nehme an dieser Stelle Gelegenheit, Herrn S. Ungar dankbar zu erwähnen, der mir 50 Flaschen Levico bereitwilligst zur Verfügung stellte. Die Zeit zwischen den pünktlich eingehaltenen Mahlzeiten werden zu Spielen im Garten, Spaziergängen im nahen, herrlichen Fichtenwald, oder zu größeren Ausflügen, Turnübungen, zu Handarbeiten, Gesängen rc. benützt. Etwa eine halbe Stunde täglich werden Tagebücher geschrieben, die mir wöchentlich eingeschickt werden und mir ein Bild über das Leben und Treiben der kleinen Verfasser nach ihrer individuellen Auffassung liefern. Daß die Kinder nicht allein, sondern unter Aufsicht des Lehrers ihr Morgen- und Abendgebet verrichten, mag hier erwähnt werden. Knaben, die bereits Bar - Mizwah sind, legen Tefilim. Auch nach dem Essen wird das Tischgebet verrichtet. Die Gebetbücher sind ein Geschenk der Frau Betti Lasch, Präsidentin der Prager Feriencolonie. Die Kinder sind die erklärten Lieblinge des ganzen Ortes. Der katholische Hilfslehrer verbringt seine Ferien unter ihnen, verläßt sie nur bei den Mahlzeiten und begleitet auf seiner Geige der Kleinen Gesänge. Er studirt mit ihnen neue Choräle ein. Herr Rabbiner Frankl hält jeden Samstag Nachmittags einen Jugendgottesdienst ab und lobte bei meinem ihm abgestatteten Besuche die Haltung der Kinder. Für Belustigung sorgen die Kinder selbst; unter ihnen finden wir einen Vorturner, der selbst ein größeres Publicum befriedigen könnte, einen Coupletsänger und einen Wiener Gigerl- Imitator, der stets dankbares Auditorium findet. Ganz rührend ist es zu sehen, welch' inniges Freundschaftsbündniß diese Kinder umfaßt. Ein Mädchen hat einen Kunstfuß und kann die Ausflüge nicht mitmachen; jeden Tag bleibt ein anderes Mädchen freiwillig bei ihr, damit ihr nicht bange ist, obzwar das Waldgehen das Mekka ihrer Lust ist: dort gibt's Brombeeren und Haselnüsse! Auf die Frage, welcher oder welche der Bravste ist, zeigt Einer auf den Andern. Die Kleinen erzählten blaue Wunder von dem naheliegenden Schloß des Grafen Palffy, welches sie besichtigten und so beschlossen wir denn auch, dasselbe zu beattgenscheinigen und für die gute Aufnahme unserer Pfleglinge zu danken. Die Bibersburg, so heißt das Schloß, lohnt reichlich den kurzen Aufstieg durch seine herrliche Lage und romantische Fernsicht. Auf der einen Seite umgeben es die Karpathen, während man, von anderer Seite gesehen, einen weiten Auslug auf die Tiefebene hat.. ES ist eine jener alten Burgen, die an die Helden des Faustrechtes gemahnen, und dabei doch modernen Luxus nicht entbehren. Ein Raritätencabinet, dessen Schätze nach Hundert Tausenden zählt, macht die Besichtigung interessant und lehrreich und gibt Zeugniß von dem Reichthum und der Sammellust der Familie Palffy, und der daselbst als Custos weilende Pater macht auf das Liebenswürdigste uns mit dem Gesehenen bekannt. Auch der Speisesaal aus Naturgestein ist wunderschön. Der freundliche Pater bestand darauf, uns ins Fremdenbuch einzutragen und versprach, die Kinder nochmals mit seinen Schätzen und Büchern bekannt zu machen. Park und Schloßwiese stehen ihnen jederzeit zur Verfügung. Mit Dankesworten auf den Lippen verließen wir den stolzen Besitz und nahmen nun nach zweitägigem Aufenthalt Abschied von Schattmannsdorf und den Kindern, die wir dahin entsendet. Die Kinder, denen wir eine Extra-Jause aus Chocolade bestehend, verabreichen ließen, deren Auslagen uns eine bekannte Dame auf der Reise eingehändigt, sangen nun ein schönes Abfchiedslied und, obwohl beruhigt über den weiteren Verbleib, wurde uns doch der Abschied recht schwer. Wir sahen durch Thränen eine Schaar Glücklicher, die durch gute Menschen das bisher Entbehrte, Nahrung, Lust und Erholung kennen lernten, und die sich für den Moment nicht als Stiefkinder Fortuna's fühlten. Diese Jnspectionsreise gab mir reicheren Lohn als ich mir je erhofft habe, und habe ich meinen Lesern Dank zu sagen, daß sie mich bis hieher, wenn auch nur in Gedanken begleiteten. Sofie Grünfeld. Förderung lsndwirthfchafMcher Interessen Amerika'» durch russisch-jüdische Einwanderer. idlus der „New-Iorker Staats-Zeitung.") Die Farmen der der Stadt New-Iork benachbarten New England-Staaten bieten seit Jahren ein Bild bedauerlicher Vernachlässigung. Die zerstörende Macht des Todes und die schwächende des Alters haben die Reihen von wackeren thatkräftigen Bearbeitern eines der schönsten Theile unserer Erde stark gelichtet. Da, wo früher stolze landwirthschaftliche Unternehmungen von dem großen Schaffensgeiste ihrer Besitzer gezeugt, begegnen wir jetzt in den Staaten Connecticut, Massachusetts, Maine und New Hampshire einer unbearbeiteten Farm, obwohl sie noch in den Händen ihres früher so tüchtigen, aber jetzt durch Alter geschwächten Besitzers sich befindet. Die verhältnißmäßig leichtere Arbeit bei der in fortdauerndem Aufschwünge begriffenen Industrie jener Staaten bietet den Kindern dieses alten Mannes lohnende Beschäftigung und diese entstemdet sie nicht nur zeitweilig dem elterlichen Hause, sondern raubt ihnen auch dauernd die Liebe zu landwirthschaftlicher Thätigkeit auf ihrer alten Heimstätte. Der nöthigen Arbeitskräfte beraubt, bietet letztere nur noch einen kümmerlichen Aufenthalt für die alten Leute, und vermehrt, sobald diese das Zeitliche gesegnet, die große Zahl der sogenannten verlassenen Farmen in New England. Die Hinterbliebenen Kinder dieses Farmers durch ein besseren Erwerb und Genuß bietendes Leben in der benachbarten Industriestadt verwöhnt, finden keinen Gefallen mehr an dem Besitz des ihnen hinterlassenen landwirthschastlichen ErbeS und hegen keinen sehnlicheren Wunsch, als dieses ihnen überdrüssig gewordene Ueberbleibsel für irgend einen Spottpreis an den ersten besten Käufer loszuschlagen. Aber selbst für einen Spottpreis bietet sich nicht leicht ein Käufer für diese so allgemein ausgebotene Claffe von Farmen. Die große Verödung, von der sie ein so entmuthigendes Bild darbietet, schreckt jeden Käufer zurück; denn rein geschäftliche Erwägungen werden nie einen genügenden Grund zum Erwerb von Farmen finden lassen, deren Baulichkeiten einen weit höheren Werth repräsentiren, als der Kaufpreis, der für das Ganze verlangt wird, — die also in der That „für Nichts" auf dem Markte zu haben sind, wie in einem jüngst erschienenen Schriftchen des Oberrichters Nott so trefflich ausgeführt wird: „Oooä Farm for nothing'4 Ein solches Bild einer verödeten landwirthschastlichen Industrie boten bis vor ungefähr zwei Jahren die Farmen, welche in der Nachbarschaft der Städte New London, Norwich, und Colchester, Conn., gelegen sind. Dorthin führten vor zwei Jahren die Schritte einiger aus Rußland ausgewiesener und hier eingewanderter bemittelter Farmer, die angesichts einer solchen Verödung den für mit Sprache und Sitte des Landes Unbekannte gewiß bewundernswerthen Muth und Selbstvertrauen besaßen, ihre nicht großen Mittel zum Erwerb einiger Farmen in der Gegend von Chesterfield, Conn., anzulegen. Bescheidenheit des Auftretens, Fleiß und Ausdauer bei Verrichtung ihrer Arbeiten haben ihnen in kurzer Zeit das Wohlwollen ihrer amerikanischen Nachbarn erworben, welche in anerkennenswerther Weise diesen Fremden bei Erlernung ihnen hier neuer landwirthschaftlicher Methoden an der Hand waren, und sogar Biele derselben auf ihrer Farm als Tagarbeiter befriedigend beschäftigten und in speciell etablirten Abendschulen den während des Tages auf dem Felde beschäftigten Neuansiedlern Gelegenheit boten, sich die Landessprache anzueignen und vermittelst dieser den geselligen Verkehr mit ihren amerikanischen Nachbarn rascher aufzunehmm. Seit jener Zeit ist diesen russischen Pionieren der Landarbeit in Amerika eine Anzahl von ca. 89 Neueinwanderern nach Connecticut gefolgt, und gegenwärtig bearbeiten diese Familien, bestehend aus 500 Seelen, 68 Farmen, die ca. 8000 Acker Land umfassen. Die Leute haben solche einzeln ohne jedwede fremde