Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sekte 636 Orstrrrrichifchr Wochrnschrifl. Nr. 36 locales Geheimniß, das aber an Ort Md Stelle die Spatzen auf den Dächern ausplaudern. j Bei einem halbwegs ernsten Streben, wäre doch zu er- . warten gewesen, daß das Fiasco, das man sich in Stryj mit 1 der Gründung einer Fröbelschule, welche die dort sporadisch , noch vorkommenden Cheiders verdrängen sollte, geholt hat, ein eindringliches Memento zum Aufgeben der eingeschlagenen Bon einer solchen Umkehr ist jedoch keine Spur, falschen Richtung sein werde. Das so ungeschickt und so leichtfertig ausgeführte Werk ist unter dem Hohngeschrei der Gegenpartei Üäglich gescheitert. Zahlreiche arme Eltern haben ihre Kinder, die sonst dos Cheider besuchten, oder erst besuchen sollten, diesem Institute in der sicheren Erwartung zugeführt, daß hier die echt jüdische Erziehung im zartesten Kindesalter beginnen werde; aber schon-nach wenigen Tagen entrissen sie .unter großem Geschrei die Kleinen der Fetzbelschule, schwere Vorwürfe gegen dieselbe erhebend: sie seien getäuscht worden, da von einer jüdischen Erziehung in diesem Kindergarten keine Rede, von einem Ersatz für das Cheder keine Spur sei. — Wohl besteht der nach kurzem Bestände dermalen schon Ferien haltende Kindergarten noch weiter; aber die anfänglich zahlreiche Kinder-- schaar ist zerstoben und stark zusammengeschmolzen; die zurückgärliebenen Kinder, etliche zwanzig an der Zahl, aber hätten auch ohne diese Fröbelschule das Cheider niemals besucht, sondern wären zu Hause von Bonnen überwacht worden; die Baron Hirsch - Stiftung aber erspart den wohlhabenden Eltern diese Auslagen; aber das Cheder ist jetzt erst recht in der Gunst der Masse gestiegen, denn die Fröbelschule, die dem Cheider nichts abgelauscht hat, hat ihr den Werth des letzteren «st recht zum Bewußtsein gebracht. — Das ist die Wirkung, welche die so Mjüdisch geleitete Fröbelschule in Stryj erzielt hat, wo das lütheil über dieselbe allgemein dahin lautet: wie schade, daß ein so gut gemeintes Werk durch ungeschicktes und leichtfertiges Beginnen das Gegentheil von dem Angestrebten erzielen muß! _ J. L. Unsere neue Ferien-Colonie. Bevor ich daran gehe, mich mit dem eigentlichen Inhalt dieser Zeilen zu befassen, will ich erst allen jenen Wohlthätern, die zum Gelingen des schönen Werkes beitrugen, eine Dankesschuld abstatten, die mir seit Wochen schwer auf dem Herzen liegt. Ich thue dies um so inniger, als ich ihnen bitteres Unrecht abzubitten habe. Als ich zu Nutz und Frommen armer, erholungsbedürftiger Judenkinder lm März d. I. einen Aufruf in diesen Blättern ergehen ließ, da habe ich selbst skeptisch über mich den Kopf geschüttelt; ich war von der möglichen Erfolglosigkeit meiner Worte durchdrungen, denn der Jude hatte nach meinen damaligen Begriffen nur dann eine offene Hand, wenn es galt, allgemein öffentliche Institutionen zu fördern. Aber siehe da! der herrschende Antisemitismus hatte auch Gutes gezeittgt, er brachte uns Juden einander näher und ließ uns die Schmerzen unserer Brüder mitfühlend empfinden! Nicht umsonst hatte ich an das jüdische Herz appellirt Md jüdisches Geld gefordert. Es bot mir solches der Reiche wie der Arme an, und ich mußte oft an den Spruch denken, daß der Kreuzer des Armen gleichwerthig ist mit dem Doppelgulden des Reichen, wenn meine Hand zaudern wollte, den halben Gulden des Ersteren anzunehmen. Gerade dies machte mir Much, in meinen Bemühungen fortzufahren, denn die Gabe des Minderbemittelten sprach eine beredte Sprache für die Nochwendigkeit meines Zieles. So gelang es mir denn schon nach einigen Wochen allerdings rastloser Arbett, meinen bis dahin nur idealen Plänen greifbar an den Leib rücken zu Knnen Md an die practtsche Ausführung meines Traumes zu denken, deffen Endzweck die Gründung einer jüdischen Ferien- Colonie war. Es ist nicht uninteressant hier zu bemerken, daß die Idee einer Ferien-Colonie überhaupt von einer jüdischen Frau, Lina Morgenstern in Berlin, stammt. Alle Confessionen bemächtigten fich dieser Idee. Nur die Juden in Wien hatten keine. — — Ein Kreis von Frauen, die das Herz am rechten Fleck aben, stand mir werkthätig zur Seite, und es ist am Platze, aß ich ihnen an dieser Stelle, den Bekannten wie denen, die anonym die gute Sache propagirten, meinen tiefgefühlten Dank sage. Es hat fich wieder gezeigt, daß die Frauen die richtigen Pionniere der Wohlthätigkeit sind. Ihrer regen Thätigkeit verdanken wir den reichlichen Zufluß von Geldspenden. Aber auch andere nützliche Dinge (Spielgegenstäude, Kleider, Wäsche, Bücher, Körbe, Mineralwasser, Handarbeiten rc.) erhielten wir von gütigen Spendern. Die Mittel hatten wir nun. Jetzt hieß es für das Unternehmen den dazu passenden Landaufenthalt zu suchen, und wurde ich von befreundeter Seite auf Schattmanusdorf, im schönen Ungarlande, in einer hügeligen Gegend des Karpathengebietes, aufmerksam gemacht. Wir fichren hin, fanden Gegend und Luft herrlich und beschlossen, die neue Ferien-Colonie dorthin zu verlegen. Die ersten Schwierigkeiten der Organisation der Expedition, der Einrichtung, sowie der ausreichenden Verpflegung waren nach mannigfachen Verhandlungen überwunden. Nun galt es, an die Auswahl der Kinder zu schreiten, von denen Anmeldungen in großer Zahl eingelaufen waren. Die Wahl derselben erfolgte selbstverständlich erst nach genauen Recherchen, zu welchen sich mir ganz ausgezeichnete Kräfte zur Verfügung stellten. Daß auch ärztliche Visitationen nicht unterlassen wurden, ist leichtbegreiflich. Am 18. Juli nun, als alle Vorbereitungen getroffen waren, fand die Expedition der Kinder, 25 Knaben und 14 Mädchen, mittels Staatsbahn statt, in Begleitung eines Lehrers und einer Lehrerin. 5 andere Kinder sind aus diversen Gründen in Privatpflege anderweitig untergebracht. Leider stellte sich zur Zeit der Ankunft der Colonie in der Bahnhof-Station Schenkwitz ein so intensives Regenwetter ein, daß die Fahrt mittelst Wagens lange nicht fortgesetzt werden konnte. Die Kinder mußten mehrere Stunden in der Bahnhofhalle verweilen und stellte sich bei ihnen ein unliebsamer Hunger ein. Der leutselige Pfarrer des Ortes, von der Ankunft der Kinder benachrichtet, suchte dieselben auf, unterhielt sich mit ihnen und ließ aus dem Pfarrhof einige Töpfe köstlicher Milch und Weißbrot kommen, welche Gabe mit Jubel begrüßt wurde. Dieser Act wahrer Menschenfreundlichkeit steht im wohlthuenden Gegensatz zu dem Treiben gewisser Hetzcapläne. Am Ziele angelangt, wurden die Kinder mit Musick und Eljenrufen empfangen. Erfreulicherweise liefen von den Lehrern, den Kindern und der Pflegepartei regelmäßig nur gute Nachrichten ein. Auch die Jnspectionen ergaben günstige Mittheilungen. Vorige Woche nun besuchten ich und .Frau Antonie Graf, mein treuer Kamerad und Mitarbeiter, unsere Schützlinge, und will ich in großen Zügen unsere Erfahrungen schildern. In der Mittagsstunde erst, nachdem wir dem Pfarrer von Schenkwitz eine Dankes-Visite abstatteten, langten wir in Schattmanusdorf an. Als uns die Kinder bemerkten, stürzten sie alle ohne jede Disciplin auf die Sttaße und umringten jubelnd unseren Wagen. Hatte diese spontane Ovation uns schon weich gemacht, so entlockte uns die herzliche Ansprache eines Knaben erst recht Thräuen freudiger Rührung. Die Kinder sehen blühend aus und haben ausnahmslos an Körpergewicht zugenommen. Ihr Benehmen ist musterhaft, und nachdem sie ausgetobt hatten, trachteten sie, die empfangene Wohlthat durch Disciplin und Wohlanstäudigkeit zu vergelten. Sie sind dort bei dem Regalienpächter Herrn Steiner untergebracht, der die gesammte Pflege, Wohnung, Kost, Wäsche rc. übernahm. Vor Allem sind 2 geräumige Schlafsäle eingerichtet, ein kleiner, ein ehemaliger Tanzsaal für die Mädchen, und ein größerer, der eigens erbaut wurde, für die Knaben; der große Saalmit 6 Fenstern und 2 Thürenenthält 26 neue Holzbetten derart aufgestellt, daß man zu jedem Zugang hat. Au der Vorderseite des Bettes ist Nummer und Name des Inhabers angebracht. An den Wänden entlang laufen Regalien mit Holznägeln, wo die mitgebrachten Sachen in von uns beigestellten Körben untergebracht sind. Die Haken sind für die Hüte und Kleider bestimmt. Jedes Kind hat sein eigenes Bett, nicht wie in andern Colonien, wo die Kinder auf der Erde schlafen müssen. Eine Anzahl von Waschtischen dient den Kindern zur Reinigung und hat jeder Einzelne seinen Nagel mit Waschlappen und Zahnbürste. Der Lehrer schläft mit den Knaben, deren körperliche Reinigung er überwacht. Ebenso schläft die Lehrerin im Schlaffaale der Mädchen. Ein an der Wand angebrachter Stundenplan, sowie eine Hausordnung machen uns mit der Zeiteintheilung und den Pflichten der Kinder bekannt. Daß hiebei die körperliche Reinigung eine Hauptrolle spielt, sowie die Rücksicht auf andere hygienische Verhältnisse, ist selbstverständlich. Eine neben den Schlafsälen befindliche, gedeckte Veranda, mit je einem Tische für die Knaben und Mädchen, dient als Speiseraum, wo sich die Kinder zu jeder Mahlzeit und jeder auf seinem Platze einfinden. Im Ganzen giebt es in Zwischenräumen von je 3 Stunden 5 Mahlzeiten, bei denen Fleisch, Milch und Eier die Hauptrolle spielen. Die Kinder entwickeln einen vortrefflichen Appetit, der aber mit jeder Woche an Intensität abnimmt.