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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-26 · 35 (26.8.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
35 (26.8.1892)
Date
1892-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Orstrrrrtchifchr Wochrnfchrist Sette 635 Sechs Jahre hindurch genoß mm die Schule der ungestörten Ruhe, um sich entwickeln und festigen zu können. Das soll jetzt anders werden, ja halb und halb ist es bereits anders geworden, seitdem die Schule in die Verwaltung der Baron Hirsch-Stiftung übergegangen und hiemit unter die unmittelbare Administrirung des Lemberger Executiv-Comite's gestellt wurde. Sie hatte nicht das Glück, Gunst vor den Augen eines Mitgliedes des Executiv-Comite's radicaler Provenienz zu finden. Und warum? Ei nun: man lehrte zu viel Hebräisch. Auch die Lehrer dieser Disciplin standen ihnen nicht zu Gesichte. Sie konnten den hebräischen Urtext nur in Mendelsohn'scher nicht aber in polnischer Uebersetzung — die, nebenbei bemerkt, nur in einer Missionsausgabe vorhanden — tradiren. Es begann nun ein Zugrundeexperimentiren. Ein Lehrer des Hebräischen that den Herren den Gefallen zu sterben; er wurde selbstverständlich nicht ersetzt. Die beiden anderen, in der ganzen Stadt wegen ihrer Tüchtigkeit und maßvollen Weise sehr geschätzten hebräischen Lehrer, welche die Schule gründen halfen, indem sie ihr, wie bereits bemerkt, die Kinder der conservativsten Kreise zuführten, schweben bereits in der Luft, da der eine im „Disciplinarwege", der andere wegen „Unfähigkeit" entlassen werden soll — und als Ersatz soll ein sonst bemitleidenswerthes Individuum mit der Ertheilung des hebräischen Unterrichtes betraut werden, tvelches den Befähigungsnachweis hiefür glänzend einzig und allein hiedurch erbracht hat, daß er das Polnische in unsagbar mauschelndem Tone bisher gelehrt hat, gewiß für manche Herren ein untrüglicher Beweis für das Vorhandensein eines großen Fonds hebräischen Wissens. Daß das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung in diese „neu zu reorganisirende" Schule zu schwinden beginnt, was thut's? Fiat jnstitia, pereat mnndus! Fort mit dem hebräischen Unterricht, fort mit den Lehrern des Hebräischen, mag nur dabei die Schule zu Grunde gehen — so denkt und handelt: „Agudas Achim“ redivivus. Vielleicht möchte aber mancher, mit den hier zu Lande herrschenden, ganz eigenartigen Zuständen wenig vertraute Leser glauben, dyß ich 'aus dem Verhalten des Lemberger Comite's unserer Schule gegenüber zu weit gehende Folgerungen ziehe; nun solchem Bedenken Uneingeweihter — denn die Eingeweihten verstehen mich vollkommen — kann ich mit weiteren untrüglichen Beweisen aufwarten, daß die in Bezug auf unsere Schule beobachtete Methode die herrschende ist, und daß dieselbe bei allen zu gründenden Stiftungsschulen in Anwendung gebracht wird. Geschäftsreisen führten mich in den letzten Wochen wiederholt nach Stryj, Rawa, Zloczow, Zborow und anderen Ortschaften, wo in den nächsten Wochen Schulen der Baron Hirsch- Stiftnng eröffnet werden sollen, und überall fand ich die von dem Executiv-Comite ausgehende, bereits gekennzeichnete Parole die gleiche. Verfolgen wir zunächst den Vorgang, wie er in Zborow beliebt wurde. Die jüdische Bevölkerung ist hier weder ultraorthodox, noch überhaupt schulfeindlich. Ursachen des schwachen Schulbesuches sind hier ausschließlich Mangel an Raum in der allgemeinen Schule, ferner die schwere Nothlage der jüdischen Bevölkerung , welche durch die letzte Feuersbrunst noch erheblich erhöht wurde. Alle Welt begreift nun, daß die Stiftung durch die Gründung einer Schule in Zborow einem tiefempfundenen Bedürfnisse entgegenkommt und ein Werk von segenverheißender Zukunft zu schaffen im Begriffe ist. Wer sollte nun glauben, daß die Schöpfung eines solchen von aller Welt sehnlichst erwarteten Werkes Schwierigkeiten begegnen könnte? Und doch ist dem so; allerdings sind diese Schwierigkeiten leine localen, wohl aber importirte, in ganz unnöthiger, geradezu leichtfertiger Weise hervorgerufene. Die Sache verhält sich nämlich so: Zborow hat das seltene Glück, in Rabbiner Dym einen Seelsorger zu besitzen, welcher, fiei von jedem Zelotismus, ebenso fromm als tolerant, ebenso gelehrt als bescheiden, ein ebenso gründlicher Kenner des talmudischen Schriftthums als der Bedürfnisse der Zeit ist, kurz ein Rabbiner, der wie kein zweiter in Galizien das Programm der Baron Hirsch- Stiftung in so wohlthuender Weise in seiner Person verkörpert. Daß ein solcher von seiner Gemeinde tief verehrter Mann an die Spitze des in dieser selben Gemeinde zu bestellenden Schulcomite's gestellt werden müsse, ist selbstverständlich. Und trotz alledem entstehen Schwierigkeiten für die Schule? Ist das nicht räthselhaft? Doch das Räthsel löst sich auf die einfachste Weise: Rabbiner Dym wurde in der That, wie ja nicht anders erwartet werden konnte, vom Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung mit der Bildung eines Lokal-Comite's in Zborow betraut. Alles ging glatt und friedlich von statten, bis unvermuthet ein Störenfried erschien. „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt." Eines Tages erschien nämlich ein noch blutjunger bartloser Mensch als Delegirter des Executiv-Comite's in Zborow bei Rabbiner Dym, um mit demselben im Namen des Executiv- Comite's wegen des Ausmaßes des in der künftigen Schule zu ertheilenden hebräischen Unterrichtes in Zwiespalt zu gerathen. Man denke: dem gereiften ehrwürdigen Manne, dem die Bedürfnisse seiner Gemeinde ruhig und klar erwägenden Rabbiner, dem hochintelligenten, von echter Toleranz erfüllten, allen extremen Allüren feindlichen Seelenhirten tritt ein junger Mensch, dem die Sache des Judenthums ebenso fremd als das biblische Schriftthum, gegenüber, um ihm ein Colleg über das Ausmaß des an der künftigen, erst zu gründenden Schule zu ertheilenden hebräischen Unterrichtes zu lesen!-Unter solchen Umständen sieht sich Rabbiner Dym natürlich veranlaßt, auf das ihm vom Curatorium anvertraute Mandat zu verzichten. Ist hier nicht unverkennbar Agndas Achim relivivus an der Arbeit?! Ein Local-Comite in Zborow ohne Rabbiner Dym ist ein Nonsens. Und doch? Aber die Sache kommt noch schlimmer und das Gespenst des verflossenen „Agudas Achim“ tritt splitternackt zu Tage: Rabbiner Dym muß ersetzt tverden. Der Ersatz wird nicht lange gesucht, er ist vielmehr" schon vorhanden, das Gute liegt so nah. Ich traute meinen Ohren nicht, als man mir es berichtete, aber es wurde mir von betheiligtester Seite versichert, daß es sich so verhalte. An Stelle des aus dem Local-Comite hinausgeschobenen Rabbiners Dym wird ein noch ganz grüner Student, der seine juridischen Studien noch nicht absolvirt hat, ein fideler Bursche, aber ein Adept des verflossenen Vereines „Agudas Achim“, eingeschoben, dessen Vater gleichfalls dem Local-Comite angehört! — Ein Commentar zu diesem „Agndas Achirn“-Stückchen ist überflüssig. Aber ganz unbegreiflich scheint es immer, daß das Executiv-Cvmittz in Lemberg, von deffen zehn Mitgliedern zum Mindesten sieben theils der streng conservativen, theils der freiconservativen Richtung angehören in ein — gelinde ausgedrückt — so radikales Fahrwasser gerathen konnte, wodurch es sich alle ernsten, einem gemäßigten, den Verhältnissen im Lande entsprechenden Fortschritte huldigenden Elemente entfrenidet und -er Sache der Stiftung unheilbaren Schaden zugefügt, woftir die Centrale in Wien, die offenbar von den hierländischen Verhältnissen keine Vorstellung hat, verantwortlich gemacht wird. Dieses verkehrte Vorgehen des Executiv-Comite's scheint um so räthselhafter, als ja die Stiftung jene Schichten der jüdischen Bevölkerung für die Cultur gewinnen will, welche bisher von derselben unberührt geblieben. Und glaubt man wirklich dieses schöne Ziel auf dem eingeschlagenen Wege erreichen zu können? Glaubt man wirklich durch Feilschen mit hebräischen Unterrichtsstunden, durch Beseitigung hebräischer, das Vertrauen der orthodoxen Bevölkerung genießender Lehrer, durch möglichste Beseitiguug der hebräischen Disciplinen, durch Brüskirung ehrwürdiger Häupter der für die Sache der Sttftung zu erwärmenden Gemeinden die Kinder orthodoxer Eltern in die Stiftungsschulen zu bringen? Nein, das glaubt auch der enragirtefte Anhänger der verfloffenen »Agndas Achim“ - Partei nicht, denn selbst dieser weiß ganz gut, daß nur durch einen ehrlich gemeinten, ausgiebigen hebräischen Unterricht die orthodoxen Chederkinder den Stiftungsschulen zugeführt werden können. Und was soll die Mummerei, daß man z. B. in Zloczow für die die öffentliche Schulen besuchenden Knaben eine eigene hebräische Schule einführt, um dadurch den Schein zu erwecken, als ob man für eine .echt jüdische Erziehung der Kinder Sorge zu tragen bestrebt wäre; während man anderseits an den Stiftungsschulen selbst, wo das hie Rhodns, hie salta am Platze wäre, auf die Verdrängung des Hebr. Unterrichtes hinarbeitet. — Glaubt man wirklich, mit einer solch kindischen, überaus fadenscheinigen Politik, durch welche man in Zloczow den Kindern der öffentlichen Schule das Cheder überflüssig machen will, jene der Stiftungsschulen aber dem Cheder erst recht in die Arme treibt, das mißtrauisch beobachtende und scharf blickende Auge der Chasidim-Partei zu täuschen? Wir zweifeln sehr, daß man in Lemberg," wo man bereits so traurige Erfahrungen in dieser Richtung gemacht, und wo man nur zu oft Gelegenheit hatte, die Ueberlegenheit dieser Partei zu empfinden, sich einer Täuschung hingeben kann. Man weiß dort nur zu gut, daß die Partei der Chasidim die Absicht merkt, und umso verstimmter wird; aber man hat sich dort eben nicht in der Hand, so zahlreich auch diese Hände gegenüber den schiebenden Extremen sein mögen; aber man wird eben geschoben; wie dieses möglich, das ist ein

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