Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 634 Orsterrrichischr Wochenschrift. Nr. 35 Egbert Belcredi steht, haben sich doch noch gewisse aristokratische Empfindungen, gewisse chevolereske Anschauungen bewahrt, welche der vielgewandle und scrupellose Fürst Liechtenstein mtt seinem Anhänge als werthlosen Plunder und als längst überholte Dorurtheile über Bord geworfen hat. Wie der streitbare Heerbann der Kirche nicht mehr in dem Hohenwart-Club, sondem in dem Anhänge des Fürsten Liechtenstein die berufene Vertretung seiner Interessen erblickt, so gilt ihm auch das „Vaterland" nicht mehr als das wirksame, publicistische Organ. Die Scrupel, die ein Graf Belcredi hegt, beschweren einen Vergani nicht, und so erklärt sich das Uebergewicht, welches heute das „Deutsche Volksblatt" über das „Vaterland" gewonnen hat. Der Kampf zwischen diesen beiden Blättern offenbart sich in einer Flut gegenseitiger Beschimpfungen und Verdächtigungen, und das „Vaterland" muß es über sich ergehen lassen, daß man ihm Käuflichkeit und Corruption vorwirft und es beschuldigt, daß es — gleich anderen Reptilien — aus den Preßfonds der Regiemng zehre. Es ist eine herzbewegliche Klage, welche das „Vaterland" ob dieser Angriffe anstimmt. „Wir können nicht unihin," sagt es, „es als ein bedauerliches Zeichen tief eingerissener Corruption zu bezeichnen, daß thalsächlich in weiten Kreisen eine rein sachliche Unterstützung einzelner Regierungsactionen ohne materielle Gegenleistung seitens der Regierung gar nicht für möglich gehalten wird Der Vorwurf corrupter Gesinnung trifft allerdings zunächst Jene, welche ohne irgend einen Anhaltspunkt Beschuldigungen der erwähnten Art erheben, schuldlos an einer solchen malignen Disposition des öffentlichen Geistes ist aber gewiß jauch die Regierung nicht, deren angelegentliches Bestreben es vielmehr sein sollte, dieser Verderbtheit mit allen Mitteln entgegenzuarbeiten." Verderbtheit, bösartige Disposition des öffentlichen Geistes — man traut seinen Augen nicht, wenn man solche Klagen im „Vaterland" liest! Wie? Ein Blatt, in dessen Spalten sich ein Ernst Schneider die ersten Sporen verdiente, welches mtt diesem gerichtssaalscheuen Jndividium lange Jahre die innigste Verbindung unterhält, welches mit dem „Deutschen Volksblatt" in der schamlosesten Iudenhetze wetteiferte, wagt es, von Verderbtheit und Malignität zu sprechen? Das „Vaterland" vermag hmte die Geister nicht zu bannen, die es gerufen hat und die sich nun gegen dieses Blatt selber wenden. Es hat am meisten gehetzt und verleumdet, als es noch ein Monopol für die Hetze und die Verleumdung zu haben glaubte. Seine Niedertracht reicht zurück bis in die Tage des Prozesses von Tisza-Eszlar, bis zum Talmudstteit zwischen Rohling und Bloch, in welchem es dem Elfterem Obdach und Unterstand gewährte. Keine Gemeinheit gegen die Juden war groß genug, als daß es ihr nicht seine Spalten geöffnet hätte. Die Blutbeschuldigung fand im „Vaterland" immer und immer wieder fanatische Bekräftigung, und als die Juden in einer Denkschrift die Regierung um Schutz gegen die nichtswürdige anttsemitsche Agitation baten, war es das „Vaterland", welches diese Denkschrift lediglich zu Hetzzwecken publicirte. Ja selbst getaufte Juden, lebendige und todte, verfolgte es mtt seinem Hasse, und sogar gegen einen Sonnenfels richtete es seine giftgetränkten Pfeile, well dieser Mann ein Bahnbrecher der Aufklärung in Oesterreich war. Und ein solches Blatt spricht von Corruption und Verleumdung? O, es gibt eine sociale Gerechtigkeit und das „Vaterland" erfährt es heute, daß nran nicht ungestraft alle Grundlagen der bürgerlichen Ordnung erschüttert und alle bösen Znstincte der Bestie im Menschen wachmft. Der Schlamm, den es aufgewühlt, ergießt sich heute über die Häupter seiner eigenen Patrone, und mit Schrecken muß es erkennen, daß es seiner eigenen Devise „Für Thron und Altar" entgegenhandelte, als es sich über Gesetz und Recht hinwegsetzte und die Glaubenshetze zu einem Principe erhob. Der hebräische Unterricht an den Schulen der Baron Hirsch-Stiftung in Galizien. Stanislau, den 18. August 1892. Man komme uns nicht wieder mit der landläufigen Phrase, daß die jüdischen Gemeinden in Galizien vom Fortschritte kaum berührt werden; das Gegentheil ist das richtige. Man sehe doch nur, welche Anstrengungen die großen jüdischen Gemeinden des von Cultur und Bildung übersättigten Westens machen, um durch Hebung und Förderung des hebräischen Unterrichtes die Heranwachsende Jugend dem Glauben der Väter zu erhalten: und wie dagegen die zur Leitung der größten jüdischen Gemeinde Galiziens berufenen Männer alle möglichen Anstrengungen machen, um den hebräischen Unterricht, wenn es nicht mit einem Schlage geht, allmählig aus der Schule zu verdrängen. Es herrscht hier in diesen dominirenden Kreisen noch die naive Anschauung, daß man schon gebildet und fortschrittlich sei, wenn man nur den hebräischen Unterricht mit Stumpf und Stiel ausrottet, eine Anschauung, welche jedem rohen jüdischen Tölpel, der nicht schreiben und lesen kann, geläufig ist, indem er glaubt, zu den Gebildeten und Freisinnigen schon gezählt zu werden, wenn er sich nur frech über religiöse Satzungen, die der Menge heilig sind, hinwegsetzt. Wie aber ist es möglich, daß ernste Männer sich zu solch kindischen Grundsätzen bekennen und dieselben sogar mit Feuereifer propagireu können? Nun, für den mit den Verhältnissen nur einigermaßen Vertrauten liegt die Antwort auf der Hand: die ernsten Männer sind eben — das Warum gehört in ein anderes Capitel — die Geschobenen; die Schiebenden aber sind jene aus grünen Burschen zusammengesetzte „Partei", welche vormals unter dem Namen „Agudas-Achim“ ihr Unwesen trieb und endlich von der ungetheilten Verachtung und Entrüstung der jüdischen Bevölkerung weggefegt wurde, so daß selbst das Organ derselben zu erscheinen aufhören mußte, die aber jetzt wieder ihre Auferstehung feiert und unter der neuen, hochflatternden Fahne der Baron Hirsch-Stiftung mit den hergebrachten terroristischen Kunststückchen den alten zu Schanden gekommenen Curs wieder aufnehmen möchte. Wenn man sich nun in Lemberg das Treiben dieser ans einer Handvoll unerfahrener, dafür aber lärmender junger Herrchen bestehenden verstoßenen „Partei" gefallen lassen will, oder muß, so kümmert das uns wenig, zu Hause kann es eben Jeder treiben, wie er will; wenn man aber von jener geschobenen autoritativen Seite auch uns mit dem kläglich gescheiterten Evangelium der Verrohung und Entjudung beglücken will, dann werden wir uns mit aller Macht dagegen wehren und werden jene gelbschnäbeligen Apostel desselbigen Weges heimschicken, den wir sie bereits einmal heimgeschickt haben, ohne daß sie den Weg zu uns wieder finden konnten. Machen wir uns ein wenig verständlicher: Hier in Stanislau wurde vor mehr denn sechs Jahren von der Allianz nach schweren Kämpfen und klugem, conciliantem Operiren eine Schule gegründet, welche ttotz ihrer notorisch unfähigen Leitung seither prosperirte, ein Beweis, wie groß das Bedürfniß für dieselbe. Hätte diese Schule auch noch das Glück gehabt, einen tüchtigen Leiter zu besitzen, sie wäre zweifellos die weitaus beste in Galizien geworden. Was aber verlieh ihr, obgleich sie seit Anbeginn am Haupte krankt, die unverwüstliche Festigkeit? Nichts anderes als das weise und vermittelnde Beginnen der Gründer, als das Bestreben, allen Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden. Diese verlangte für ihre Kinder einen ausgiebigen hebräischen Unterricht, und warum sollte man sich diesem ganz berechtigten Verlangen widersetzen? Es schadet wahrlich den Kindern durchaus nicht, wenn ihnen der biblische Urtext geläufig wird, um so weniger, wenn in Verbindung mit dein hebräischen ein gediegener Unterricht in den Profanen Gegenständen ertheilt wird. So dachten die Gründer dieser Schule und engagirten die besten hier vorhandenen hebräischen Lehrer, welche seit vielen Jahren das Vertrauen der weitesten konservativen Kreise im vollsten Maße besaßen und diese führten der neuen Schule die Kinder aus jenen Schichten der Bevölkerung ru, welche bisher schulfeindlich waren. Und wahrlich, der Volksschulunterricht wurde dadurch nicht schlechter, daß den Kindem auch eine gründliche Kennttliß der Bibel beigebracht wurde.