Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«r. 35 Mi-n. 26. Augu» 18S2. g. Iahrgaug Centralorgsn für die gefammten Interessen des Iudenihums. -H-- EigrnLhümrr: Reichsraths-Airgeordneter Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Schuld und Sühne des Fürsten Bismarck. — Die Klage des Vaterland. — Der hebräische Unterricht an den Schulen der Baron Hirsch-Stiftung in Galizien. — Unsere neue Ferien-Colonie. — Förderung landwirthschaftlicher Interessen Amerikas durch russisch-jüdische Einwanderer. — Georg Schönerer contra Papst Leo XIII. — Das Ratengeschäft eine ureigene arische Erfindung. — Ein Kronzeuge. — Correspondenzen: Wien, 8. B. Nikolsburg, Prerau, Kolonien, Triest, Budapest, Berlin, Bern. Vermischtes: Wien, Olmütz,Kolomea, Brod a. S., Krakau, Berlin, Dresden, Meiningen, Paris, Salonichi. — Feuilleton: Darlehen. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. n- — r- - K. ft. Poflsparcassenaml Tlraringvrrkrtzr Nr. 810.876. Ledartton u. Administration: Lvirn I, Lothrnthurmstraste 3S. « " -* W«n adomrirt der alten VsstsnstsUr» des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. » —- st Schuld und Sühne des Fürsten Bismarck. Fürst Bismarck ist kein Antisemit. Es hieße die imponirende geistige Hoheit dieses erkorenen Mannes der Geschichte negiren, wollte man ihn dem Antisemitismus beizählen. Der Antisemitismus ist gemein, verworfen, sittlich verkommen, verdächtigt, verläumdet, verfolgt, verbreitet einen Katechismus des Menschenhaffes, einen Dekalog, der alles erlaubt, falsches Zeugniß, Meineid, Schädigung des Nebenmenschen an Leib und Seele, an Hab und Gut und dieser Antisemitismus kann unmöglich das Glaubeusbekenntniß des Fürsten Bismarck bilden. Er mag irrige Urtheile und Borurtheile gegen die Juden in seinem Innern bergen. Sie sind eine Folge seiner christlichen Erziehung und seines Verkehres mit einem exclusiven Kreise, der ans die Juden mit souveräner Geringschätzung herabsieht. Allein ein Antisemit, ein Gesinnungsgenosse von Stöcker und Kofling kann er nimmermehr sein. Wohl aber hat er als Politiker und als Staatsmann den Antisemitismus gewähren lassen, ihn als Agitationsmittel gegen die Juden, als Anhänger einer freisinnigen Richtung gebraucht. Mit dem ungarischen General Klapka hat er als Drohung gegen Oesterreich 1866 unterhandeln lassen, obwohl er nichts weniger als ein.Revolutionär ist; die Führer des Antisemitismus ließ er für seine politischen Zwecke zur Bekämpfung der Freisinnigen arbeiten. Er hat nie als Reichskanzler für den Antisemitismus sich öffentlich ausgesprochen, aber auch nie gegen ihn das entscheidende Wort ergriffen. Und sein Schweigen hat großes Unheil gestiftet. Es hatte die Wirkung, Millionen Menschen zu beunruhigen, zu gefährden, in einen leidvollen Zustand zu versetzen, die gemeinsten Wühlereien, die niederträchtigsten Hetzereien, die allerschlimmsten Verläumdungen gegen die Juden zu begünstigen und die Flammen des Rassen- und Religionshasses zu unterhalten. Das ist die große Schuld des großen Fürsten Bismarck! Die Sonne seines historischen Ruhmes als Mitbegründer der deutschen Einheit und des deutschen Reiches bat Flecken durch sein Verhalten in der durch den Antisemitismus stigmatisirten Epoche. Die Sonnenflecken Bismarcks, welchen Schaden haben sie angerichtet! Der Antisemitismus, so paradox es auch klingen mag, unterwühlt das stolze Gebäude der deutschen Einheit und bringt Deuffchland in Verruf bei andern Nationen. Diese Schuld fordert eine Sühne, eine eclatante Sühne. Fürst Bismarck, dessen Wort, wie die letzten Wochen es bewiesen, gar mächttg wirkt, obwohl er nicht mehr an der Spitze des deutschen Reiches steht,' er muß in der unzweideutigsten Weise und in feierlichstem Tone sein Verdict gegen den Antisemitismus aussprechen und diejenigen Antisemiten, welche glauben, in ihm einen Protector ihrer Bestrebungen zu finden, zurückweisen. Wohl haben die „Hamburger Nachrichten", sein publicistisches Organ, einen Artikel gegen den Antisemitismus gebracht, der aber so diplomatisch abgesaßt ist, daß er nimmermehr als Beweis angeführt werden kann, daß Fürst Bismarck die Antisemiten von sich abschüttelt. Nach diesem Artikel steht es ihm frei, den Antisemitismus zu verleugnen oder zu verwerthen, wie es ihm gerade paßt. Er will durchaus nicht den Antisemiten vor den Kopf stoßen, ihre Ovationen vermissen oder ihre Opposition wachrufen; darum genügen uns die „Hamburger Nachrichten" durchaus nicht. Wir verlangen vom Fürsten Bismarck eine Sühne, eine unzweideutige Sühne für die Schuld, die er an Millionen Inden begangen hat. Dann wird die Geschichte ihm ein Ehrenblatt widmen, daß ssicht minder ruhmvoll sein wird, als dasjenige, welches an Sedan und Versailles erinnert. Sie wird erzählen, daß Fürst Bismarck sich selbst besiegt, in sich den Reichskanzler und den Chef des Generalstabes vereinigt hat. Baden, 22. August 1892. Dr. Ad. Iellinek. Die Klage des Vaterland. Das „Vaterland" zieht seit geraumer Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit in besonderem Maße aus sich. Es hat die längste Zeit eine lustige Hetze gegen Juden und Liberale betrieben, und heute muß es sich selbst gegen die Hetze zur Wehre setzen/ die im clericalen Lager gegen seinen eigenen Bestand betrieben wird. Auf dem Linzer Katholikentage hat das fromme Junkerblatt eine vernichtende Kritik über sich ergehen lassen müssen und der journalistische Schildknappe des Fürsten Liechtenstein, Herr V e r g a n i, jubelt in seinem „Deutschen Volksblatt" über die Niederlage, welche dem „Vaterland" von seinen früheren eifrigsten Parteigängern in der oberösterreichischen Landeshauptstadt bereitet worden ist. Man könnte dem Kampfe, der da entbrannt ist, eine höhere Bedeutung beilegen, man könnte sagen, daß auch der Clericalismus ein Mäntelchen von rother Seide umgehängt, sich modernisirt und demokratisirt hat, und daß der alte, verrostete Feudalismus, den die Hintermänner des „Vaterland" repräsentiren, zu den Reformideen der „Ehristlich-Socialen" nicht mehr paßt. Aber damit würde man nicht den Kern des Eonflictes treffen, der zwischen dem „Vaterland" und den clerilal-antisemitischen Wortführern schwebt. Es sind ganz gemeine Geld-Interessen, die da mitspielen, es ist der niedrigste Brodneid, der seine vergiftenden Wirkungen auch in den Kreisen derjenigen übt, welche bisher mtt heuchlerischem Augenverdrehen, das „jüdische" Capital, die „jüdische" Presse und die „jüdische" Corruption bekämpften. Dem „Vaterland" geht es herzlich schlecht. Die clericale Partei ist mit der altväterischen, matten Führung des Blattes unzufrieden. Die Pattone des Blattes, an deren Spitze Graf