Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 34 (19.8.1892)
- Date
- 1892-08-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 636 Orflerreichischr Wochenschrift Sk. 32 Was wohl der Talmud unter dieser Neschomo jeszero verstehen wollte? Gewiß nichts anderes als: daß der gottgläubige, gottvertrauende, Gott aus voller Seele, mit all seinem Können und Vermögen dienende Jude, - mit dem Anbruche des von Gott gebotenen, Gott geweihten Ruhetages, sich verpflichtet fühlt, mit seinem ganzen Sein, nicht nur körperlich, sondern auch geistig zu ruhen, alle Sorgen, die seine müde Seele bedrücken, abzuwerfen, daß diese eine völlig andere wird, die sich gekräftigt aus der trüben Atmosphäre gemeiner Alltäglichkeit zu dem reinen Aether des Höheren, Edleren, Schöneren, Besseren emporschwingt!... Diese weihevolle Stimmung wurde heute bei Baruch und Schöndel Benatek noch durch die Befriedigung erhöht, die sie darüber empfanden, daß sie der guten Mindl Rosenstadt ein Opfer gebracht, ihr und ihrem würdigen Gatten einen Dienst erwiesen hatten, ja Baruch ging so weit dies als einen besonderen 0ue§ Schabbos') zu bezeichnen; —und sie schliefen weit ruhiger, als sie nach den Qualen und Aufregungen des so unangenehm verlebten Tages erwartet hatten. Auch der folgende Tag verlief weit besser, als sie voraussetzen durften. Am Sabbothe konnten sie länger der Ruhe pflegen, Baruch sich von den harten Strapazen seines Berufes erholen. Die Begnüglichkeit ihrer braven Kinder, das gute Beispiel der älteren, hob sie über die befürchtete Unannehmlichkeit, die kleinen Kinder würden, wenn sie ain Samstage keinen Kaffee bekämen, unter Weinen und Jammern remonstriren, glücklich hinweg; in der wohlerwärmten Synagoge, welche die ganze Familie, (sogar die dreijährige Lea wurde von ihrer Mutter mitgenommen und betrug sich in der Frauensynagoge bewundernswerth ruhig) besuchte, erfteuten sich Alle an dem schönen Gesänge des *Chasan -) und seiner Meschorrerim 3). Nach dem Gottesdienste wurden sie von dem reichen Goldschmied Leppmann Teweles und deffen Frau Salde, braven, gutmüthigen Leuten, welchen das erste Stockwerk ihres gemeinschaftlichen Hauses gehörte, eingeladen, sie zur Baranzwahfeier 4) ihres Erstgeborenen nach dem Gottesdienste zu besuchen und ihre Kinder (in der Teweles'schen Familie befanden sich gleichaltrige) mitzubringen. Sie suhlten sich durch diese Einladung sehr geehrt und wurden überdies dort so reichlich bewirthet, daß sie des frugalen Mittagmahles — trockenes Brod — welches sie daheim erwartet hatte, entbehren konnten. Auch der kurze Winter-Nachmittag verflog ihnen angenehm. Baruch und Schöndl hielten zuerst ihr Sabbathschläfchcn ab, dann ging jener zu Mincha^) in die Synagoge, von dort zum Rabbiner Rabbi Samuel Landau, wo sich viele Besucher einfandcn und der bescheidene Hausirer sich an der lebhaften Conversation als stiller Zuhörer ergötzte, während Schöndl den Nachmittag zn Sabbathvisiten benutzte. Den ganzen Sabbath hatte sich Benatek wie in einem seligen Traum befunden, hatte ganz seine traurige Lage vergeffen, aber als er nach dem Mariwgebete') heimging, da übersiel ihn plötzlich wieder die volle Erkenntniß feiner verzweifiungsvollen Lage. Er besaß nicht einen Kreuzer Gc* *d, das Unentbehrlichste anzuschaffen, er besaß keine Mittel, sein kleines Geschäft fortzuführen, keine Mittel, seine Schulden, die Ehrenschuld von zwei Zwanzigern an den wackexn Leb Draschitz, wann möglich noch weniger, seine Steuerschuld zu zahlen.Plötzlich schien alles Licht in seinem Leben erloschen und grundlos tiefe Finsterniß starrte ihm entgegen! Es bangte ihm davor, heimzugehen, er dachte darüber nach, wodurch er — vor sich selbst entschuldbar, — seine Heimkunft verzögern könnte, endlich fiel es ihm ein, er habe noch nicht die Lewono mekadisch gewesen 7) und die Frist hierzu würde bald verstreichen, — er wollte die Mizwe s) zur „vollen" n) Woche ausüben, allein der Himmel war umwölkt und er mußte längere Zeit die Straßen des Ghetto durcheilen, bis er endlich so glücklich war, am Dreibrunnenplatze die Mondes-Sichel zwischen zerfließenden Wolken auftauchen zu sehen. Baruch Benatek blickte erfteut zum Himmel empor, seinem gläubigen Gemüthe erschien es als ein Lichtblick der Gottes¬ ') Sabbalhfreude, Sabbathwonne. 2) Borbeter. 3) Choristen. *) Dreizehnte Geburtstag, an welchem der jüdische Knabe religiös mündig wird, in den religiösen P'iichtenkreis eintritt, die Berantworwortung für seine Handlungen übernimmt. Der Knabe wird an diesem Tage oder dem nächstfolgenden Sabbath in der Synagoge zur Thoravorlesung aufgerusen unb trägt am Sabbath den laufenden Profetenabschnitt vor. Samstag Vormittags finden sich Verwandte, Freunde und Bekannte zur Beglückwünschung im Festhause ein. dem Nachmittagsgebet. 6) Abendgebet. 7) Die Bencdiktion beim Anblicke des Neumondes gesprochen. 8) religiöse Pflicht. s) neuen, anbrechenden. gnade, daß sein bescheidener Wunsch erfüllt tvurde und in seinem von Gottesliebe und Gottestreue erfüllten Herzen war er einen Augenblick geneigt, darin ein Zeichen göttlicher Huld zu erblicken. Aber diese raschaufflackernde Hoffnung erlosch in dem Maße als er sich seiner Wohnung näherte. . . . Als er diese betrat, rief ihm seine Frau freundlich entgegen: „Guten Schabbos! Wir warten schonsungeduldig auf Dich, damit Du Hawdolo'") machst, warum bist du so lange ausgeblieben?" „Ich habe die Lewone mekades gewesen, erwiderte Baruch, „wir haben doch nichts versäumt; ich bin die ganze Woche auf der Kleinseite im größten Schneewetter wie ein Narr herumgelaufen und Hab' nit einen lebendigen Kreuzer verdient — es werden mir nit auf einmal Mozo ") Schabbes die Maffemattens in's Haus geschneit kommen!" Benatek hatte sich bemüht, einen scherzhaften Ton anzuschlagen, aber es zuckte über sein Gesicht, als könne er nur schwer die aufsteigenden Thränen zurückhalten. „Nix kann man verschwören!" meinte Schöndl lächelnd. „Wenn wir Mozo Schabbes etwas verdienen würden, wär Dirs efscher nit recht?" „Ob mirs recht wär! . . . hast Du etwas einen Anschlag, mein goldig Weib?" „Vor Hawdolo soll man nix von Maffemattens und Geldverdienen reden," belehrte Schöndl ihren Gatten. Benatek griff nach dem bunten Wachsgeflecht, das schon am Tische vorbereitet lag, zündete es an, reichte es der kleinen Lea — als der jüngsten im Hause, zu halten, verrichtete die Segenssprüche und nachdem er daun etwas von dem Weine auf den Tisch geschüttet und in jenem die Wachskerze verlöscht hatte, frug er hastig: „Glaubst du wirklich, daß wir etwas verdienen könnten?" „Die Leinwandhändlerin Sporel Altschul hat heut' in Schuld) erzählt, daß sie ihre Köchin, die schon sieben Jahre bei ihr dient, zum Viertel weggeben muß. Sie hat ihr gestern gekündigt, sie hat die Barches'") und die Lämpl ") verbrennen lassen und wie die Frau mit ihr gezankt hat, noch ein grob Maul gehabt." „Nu" frug Baruch enttäuscht, „wie sollen wir dabei etwas verdienen? Soll ich ihr, fuhr er mit forcirter Heiterkeit fort „efscher die verbrannten Barches und Lampl abkansen?" aß oßer!'') ... ich Hab ohnehin Sachen genug, die ich nit verkaufen kann, e Schaukelpferd, e Guitarre, e Schachspiel." . . „Bis hundert Jahr sollst Du lustig sein und Spässe machen können! Es ist dabei gar nit die Red' von Dir. Vormittag, wie wir unten bei der Barmizwah waren, Hab' ich gehört, wie die reiche Bänderhändlerin Nechomo Fischl erzählt hat, daß sie ihre Köchin die schon sechzehn Jahr bei ihr im Hause ist, ihrer Tochter, die auf's Land hinaus heirathet, mitgeben wird, damit die junge Frau in der Fremde doch ein bekanntes Ponim '0) um sich haben und ihr nicht bange sein soll und daß sie deshalb eine andere Köchin braucht. — Ich will gleich zu Nechomo Fischl hinübergehen und ihr Sporel Altschuls Köchin antragen, sie ist ja ein ganz braves Madl und kann auch ganz gut kochen, freilich hat sie gestern die Barches und Lampl verbrennen lassen, aber wie pflegt man zu sagen? „Ein Pferd um hundert Dncaten macht manchmal auch einen Stolper."'7) Und wer weiß ob Sporel Altschul nit e Bist übertrieben hat, es wird nit gar so arg gewesen sein . . . fteitich hat Sporel Altschul gesagt, sie is keck gewesen, aber man muß auf zwei Ohren'8) hören. Der Olom"") sagt, daß Sporel Altschul gut aber jach-8) is, wer weiß tvas für Red 2‘) sie dem armen Mädl geben hat. Wenn die Köchin in einen! so noblen Haus, wie Sporl Alffchul sieben Jahr gedient hat, kann ich sie mit gutem Gewissen recommandiren. Ich geh' gleich zu Nechomo Fischl hinüber. Den Masiematten kann ich in einer halben Stunde zusammenbringen. Nechomo Fischl is eine noble Frau und zahlt gutes Sarferios?2) Wenn es Gottes Will is" — Schöndels Augen leuchteten bei dieser Hoffnung fteudig auf — „bring ich noch heut zur vollen Woch einen oder gar zwei Zwanziger nach Hause." '") Benedittionen, die am Sabbathausgange über ein Glas Wein, eine brennende, geflochtene Wachskerze und riechenden Gewürzen gesprochen werden. ") am Ansgange des '-) in der Synagoge. '3) geflochtene Weizcnbrode, die an Sabbathen und Feiertagen die Stelle I des Brotes vertreten. ") eine Art Bäckerei. '5) wahrhaftig nicht. lfi) Gesicht. 17) Fehltritt. ,w) beide Parteien. '") die Welt. s") jähzornig, auffahrend. 2') Scheltworte, Schimpfworte. --) Vermittlungsgebühr.