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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-19 · 34 (19.8.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
34 (19.8.1892)
Date
1892-08-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 624 Orstrrrrichifchr Wochrnfchrift Nr. 34 wohlthuend, solche Worte aus dem Munde eines wahrhaft christlichen Seelenhirten zu vernehmen. Gott erhalte diesen ehrwürdigen Greis noch für lange Zeit seiner Gemeinde, und möge sein Nachfolger zur Ehre Gottes und zum Heile seiner Pfarrkinder in gleichem Geiste wirken! Dmuchalski Wie«. (Professor Bene dikt's Lehren über C r i m in a l-A nthropologie.) Unserem Landsmann Professor Dr. Benedikt ist in England große Ehre erwiesen worden. In der Jahresversammlung der „British association“f der Academie der Wissenschaften in England, hielt Dr. T. S. Clouston einen Vortrag über Criminal-Anthropologie und nahm insbesondere die Lehre Benedikt's über den Zusammenhang der Beschaffenheit des Gehirns mit Verbrechen zum Gegenstand seiner Auseinandersetzung. Einige seiner intereffanten Aeußerungen mögen hier Platz finden. Dr. Clouston wendete gegen die Conclusionen, die man aus der Vergleichung von Verbrechergehirnen mit normalen Gehirnen gezogen hat, ein, daß dieselben deßhalb unvollständige seien, weil man nur Gehirne wohlgenährter, gut situirter Personen zur Vergleichungsbasis genommen habe. Man hätte sich der Gehirne von schlecht genährten, in ungünstigen Verhältnissen schwer arbeitenden Personen zur Vergleichung bedienen sollen. Dr. Clouston bespricht die Veränderungen des Gehirns bei Blödsinnigen, Epileptischen, Trunksüchtigen, findet, daß sie außerordentliche Aehnlichkeit mit denen der Verbrecher haben und geht dann auf die Bererbungstheorie über; ferner auf den Einfluß. den Local- und Lebensveränderung auf die Disposition 51t Verbrechen ausüben. Bon der Epilepsie sprechend, bekennt er, daß Profeffor Benedikt's Beobachtungen über die wesentliche Aehnlichkeit von Verbrecher- und Epileptikergehirnen zu den überraschendsten gehören. Was für den Arzt Symptome der Krankheit seien, gelte für den Beamten und Polizisten als verbrecherisches Anzeichen. In der reichen Familie nehme sich der Doctor des Falles an, in den armen der Polizist und Kerkermeister. Und dennoch seien beide Fälle gleiche Phasen von Gehirnentwicklung als Folge erblicher Schwäche. Dr. Benedikt in Wien habe anerkannt, daß es nicht einen criminellen Typus gebe. Es gebe große Unterschiede zwischen dem Räuber und einem gewöhnlichen Dieb, einem Fälscher aus vornehmen Classen und einen Epileptiker oder anderen entarteten Personen. Das Studium des normalen Gehirns sei noch nicht lveit genug vorgeschritten — setzte Dr. Clouston hinzu — damit man alle Abnormitäten genau bestimmen könnte. Man müsse die Kreise studiren, aus denen die Verbrechen kommen und nicht Arme und Elende mit Criminellen verwechseln. Er tvünsche, daß criminelle Anthropologie als Wissenschaft behandelt werde. Der nachfolgende Redner M. Manouvrier nahm für Dr. Benedikt die Priorität in Anspruch, daß dieser früher als die Italiener die Ergebnisse der Forschungen über criminelle Anthropologie veröffentlicht habe. Der Präsident meinte hierauf, daß es keine haarscharfe Grenze zwischen Criminellen und Nichtcriminellen gebe. Die Criminalität sei das Ergebnis; von zwei Gruppen von Factoren: persönliche Disposition und äußere Umstände. Die Statistik sei nicht verläßlich, weil man Verbrecher mit besseren Classen vergleiche. Mit diesen organischen Problemen werde man nie zu mathematischer Gewißheit gelangen, man müsse sich mit einem Durchschnitt im Großen und Ganzen begnügen. Vielleicht lag sehr viel Weisheit im drakonischen Gesetz, daß Jeder, der über fünf Schilling Werth sich vergangen habe, gehenkt werden soll. Da wäre der gordische Knoten der Verbrecher allerdings durch den Galgen gelöst worden. Hiedurch würde allerdings dem Fortbestand unvollkommener Typen vorgebeugt und die Nachkommenschaft einer so gereinigten Rasse müßten also gute Menschen sein! Diese Rede erregte große Heiterkeit. Wie«. Wir lesen in der „Arbeiter-Zeitung": Christkatholische Ausbeutung. Auf dem Kohlenwerke „Maria Antonia", welches einem der eifrigsten Clerical-Conservativen, dem Grafen Sylva-Tarouca, Präsident des Katholikentages in Linz, gehört, war seit circa 2 Jahren der Arbeiter H u s a k aus Raudnitz beschäftigt. Der große Socialreformator Graf Sylva- Tarouca genehmigte in dem Statur der Bruderladen seiner Werke die gewiß christliche Bestimmung, daß jeder Arbeiter sich nicht blos bei seinem Arbeitseintritt einer ärztlichen Untersuchung behufs Constatirung seiner Ausbeutungs-Tauglichkeit zu unterwerfen hat, sondern auch in „nur" zwei Jahren dieselbe Procedur über sich ergehen lassen muß. Ist dann der Arbeiter durch die übermäßige Ausbeutung siech und zu schwerer Arbeit unfähig geworden, so wird er von seinem christlich-katholischen Ausbeuter ohneweiters ganz unchristlich auf die Straße geworfen. Genau '0 erging es obenerwähntem Husak. Er w unverheiratet, Vater von drei Kindern, ein viertes wurde erwartet. Der schlechte Verdienst den ganzen Winter über hatte ihn schon in Noch gebracht. Und nun wurde der ausgesogene, zu schwerer Arbeit unfähige Mann der Möglichkeit, etwas zu verdienen, beraubt. Ueberall herrschte Arbeitsmangel wie schon seit Langem nicht, und wer hätte ihn noch verwenden wollen aus der Schaar der mehrwerthsgierigen Capitalisten? Er sah sich vor eine furchtbare Alternative gestellt. Vom Hungertod, Verbrecherthum und Selbstmord mußte er eines wählen! Glaubt Jemand, daß er etwas anderes wählen konnte? An dem Tage, da er das letzte Mal in Arbeit war, fiel seinen Mitarbeitern seine furchtbare Niedergeschlagenheit aus. Thränend saß er vor der Werksrampe, fragte wie geistesabwesend nach diesem und jenem, wann der nächste Zug vorbeifahre u. s. w. Mittags hatte er sich entschieden. Hinweg von dieser Welt, die schändliche Menschen zur Hölle für die Armen gemacht haben! Er spran g in beit üb er 100 Meter tiefen Schacht des Maria Antonia-Werkes, dem er seine Arbeitsunfähigkeit, seine Noth und sein Elend verdankte. Am Grunde desselben las man den Zerschmetterten stückweise zusammen. Weib und Kinder geriethen in größte Noth und Pfaffen und Moralisten konnten wieder einmal schimpfen über einen Selbst(?)mvrder. Das ist ein einziges Bild aus der capitalistischen Praxis eines clerical-conservativen Theoretikers, der das Wohl der Arbeiter als Werk christlicher Nächstenliebe im Munde führt, das er, der Kukuk verstehe, wie, interpretirt. In der Oeffentlichkeit für eine patriarchalische Wirthschaftsform eintreten, selbst aber den brutalsten Maximen des Capitalismus huldigend, das ist das Princip dieser Herren, die wir genau kennen. Wien. Wir lesen in der „Arbeiter-Ztg." : „An's Vaterland, a n's theu're, schließ' Dich a n", so wird amtlich und halbamtlich täglich gepredigt. Das hohe Lied des Patriotismus wird ununterbrochen gesungen, zu dem gleichen Zwecke wie das „Eiapupaia vom Himmel", um die Besitzlosen ihr Elend vergessen zu machen. Ab und zu aber erreignen sich Fälle, welche deutlich zeigen, wie die behördlich geaichten Patrioten die Vaterlandsliebe auffassen. Vor einigen Tagen berichteten die Tagesblätter unter dem Titel „Heimatlos": Es war eine seltsam traurige Geschichte, die heute Vormittags der ehemalige Südbahnbeamte Max Rothe dem Strafrichter Dr. Schober (Alsergrund), vor dem er sich wegen verbotener Rückkehr zu verantworten hatte, erzählte. Nach einem 18jährigen Aufenthalte in Oesterreich wurde Rothe im Jahre 1886 eines Vergehens wegen aus sämmtlichen Kronländern ausgewiffen und nach Aunaberg an der preußischen Grenze abgeschoben. Von da ab fand Rothe nirgends mehr Ruhe; der Unglückliche, der keine Zuständigkeit nachzuweisen im Stande ist, wurde immer wieder von Preußen nach Oesterreich und von Oesterreich nach Preußen ausgewiesen und befindet sich seit den letzten sechs Jahren mit seiner Familie zwangsweise auf der Reise, größtentheils hungernd und arbeitslos auf der Landstraße. Von Annaberg ausgewiesen, war er, immer wieder abgeschafft, nach Oderberg, Mährisch - Ostrau, Mittenwalde, Leobschitz und Prag gekommen; hier wegen Reversion zu 48 Stunden Arrests verurtheilt, kam er wieder nach Annaberg und von da nach Ratibor. In Ratibor erhielt Rothe im Juli dieses Jahres den Ausweisebefehl und kam über Oderberg, Schönbrunn nach Rohatetz. Da er nirgends geduldet wurde, begab er sich, aller Mittel entblößt, mit seiner Familie zu Fuß nach Wien und wurde.in Floridsdorf aufgegriffen und durch die Polizei dem Bezirksgerichte Alsergrund überstellt. „Ich werde", sagte der Angeklagte Rothe, „gehetzt wie ein wildes Thier; nirgends werde ich geduldet, ich kann mir nirgends eine Existenz gründen. Heimatlos muß ich auf der Landstraße enden, und leider theilt meine Familie dieses traurige Los mit mir". Rothe wurde zu einer Woche Arrest verurtheilt, die er sofort abzubüßen erklärte, während Frau und Kinder in polizeilichem Gewahrsam ihn erwarten; dann wird der Heimatlose — wieder an die preußische Grenze geschafft. Ja, „ein Recht zum Leben, Lump, haben die nur, die was haben." Wer „etwas hat", der wird nicht um seinen Heimatschein gefragt, weder in Annaberg noch in Oderberg, seine Legitimation ist die volle Brieftasche, sie beweist, daß der Mann für die „Ordnung und Ruhe" ist. Wer aber nichts sein Eigen nennt, er muß sich „ausweisen" und kann er es nicht, dann marsch hinaus mit dem ordinären Kerl.

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